Staatsschulden im Ländervergleich: Wer sich berappelt hat – und wer abrutscht

von user

Zwischen der Schweiz und Japan liegen 188 Prozentpunkte. Beide Länder gelten als sichere Schuldner. Wie passt das zusammen? Ein Blick auf 26 Staaten zeigt, worauf es bei Staatsschulden wirklich ankommt – und welche Länder in den vergangenen Jahren geliefert haben.

Es gibt eine Zahl, auf die sich alle stürzen, wenn über Staatsfinanzen gesprochen wird: die Schuldenquote. Sie setzt die Schulden eines Landes ins Verhältnis zu seiner jährlichen Wirtschaftsleistung. Über 60 Prozent gilt in der EU als zu viel, über 100 Prozent klingt nach Krise.

Nur stimmt das so nicht. Japan steht bei über 200 Prozent und zahlt weniger Zinsen als Italien mit 137. Irland weist 37 Prozent aus, obwohl die Zahl kaum etwas über das Land verrät. Und Finnland spart seit Jahren – die Quote steigt trotzdem.

Die Rangliste: Wer wie hoch verschuldet ist

RangLandSchuldenquoteRating
1Schweiz16 Prozent*AAA
2Estland24 ProzentA+
3Dänemark30 ProzentAAA
4Schweden35 ProzentAAA
5Irland37 ProzentAA
…
11Deutschland63,5 ProzentAAA
12Polen64,5 ProzentA-
…
22Frankreich117,5 ProzentA+
23USA122 ProzentAA+
24Italien137 ProzentBBB+
25Griechenland146 ProzentBBB-
26Japan204 ProzentA+

* Nettoschulden des Bundes. Die vollständige Übersicht aller 26 Länder steht unter Länder im Finanzvergleich.

AAA höchste Bonität · AA sehr gut · A gut · BBB befriedigend · BB spekulativ

Die Gewinner: Wer sich berappelt hat

Griechenland: vom Pleitekandidaten zurück

Kein Land ist tiefer gefallen. 2012 mussten private Gläubiger auf einen erheblichen Teil ihrer Forderungen verzichten, die Schuldenquote erreichte 2020 mit 206 Prozent ihren Höhepunkt.

Heute liegt sie bei 146 Prozent, für 2026 werden 136 erwartet. Der Haushalt weist einen Überschuss aus, und seit 2023 bewerten alle großen Agenturen das Land wieder im Investment Grade. Es ist die deutlichste Aufwärtsbewegung der gesamten Gruppe.

Portugal: der stille Musterschüler

Portugal stand 2011 unter dem Rettungsschirm. Heute erzielt das Land das dritte Überschussjahr in Folge, und Fitch hob die Note im September 2026 auf A+ – die beste seit 15 Jahren.

Bemerkenswert ist weniger die Zahl als die Beständigkeit: Die Haushaltsdisziplin überstand mehrere Regierungswechsel. Genau daran scheitern andere Länder.

Spanien: Wachstum statt Sparprogramm

Im Juli 2026 fiel die spanische Quote erstmals seit Februar 2020 unter 100 Prozent. Dabei hat das Land gar keine Schulden abgebaut – der Schuldenstand stieg sogar um 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Gesunken ist nur das Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, weil die Wirtschaft schneller wuchs. 2024 waren es 3,2 Prozent. Im September 2025 hoben alle drei Agenturen gleichzeitig ihre Bewertung an – ein seltener Vorgang.

Die Verlierer: Wo es bergab geht

Frankreich: der Absturz der zweiten Kraft

Frankreich hat in wenigen Jahren mehrere Herabstufungen kassiert. Die Quote liegt bei 117,5 Prozent, das Defizit über fünf Prozent. Von der ehemaligen Spitzenbewertung ist das Land weit entfernt.

Besonders unangenehm: Griechenland und Frankreich könnten sich bei den Ratings absehbar annähern. Vor fünfzehn Jahren wäre dieser Satz undenkbar gewesen.

Österreich: vom Musterland ins Defizitverfahren

Binnen zwei Jahren stieg die österreichische Quote von 80 auf 83,5 Prozent, ohne dass eine Krise vorlag. Seit Sommer 2025 läuft ein EU-Defizitverfahren, der Fiskalrat erwartet bis 2030 fast 88 Prozent.

Finnland: sparen und trotzdem steigen

Der lehrreichste Fall. Finnland konsolidiert seit Jahren mit Einschnitten im Sozial- und Gesundheitssystem – die Quote kletterte trotzdem von 82 auf fast 90 Prozent.

Der Grund ist ausbleibendes Wachstum nach drei Strukturbrüchen: dem Niedergang des Mobilfunkgeschäfts, der Schwäche der Papierindustrie und dem Wegfall des Russlandhandels. Im Januar 2026 eröffnete die EU-Kommission ein Defizitverfahren.

Polen: Rekordwachstum, Rekorddefizit

Polen wächst mit 3,5 Prozent stärker als fast jedes andere EU-Land – und verschuldet sich schneller. Binnen eines Quartals sprang die Quote von 61,6 auf 64,5 Prozent, das Defizit dürfte das höchste der EU sein.

Im September 2026 senkte Moody’s die Note auf A3. Treiber sind Verteidigungsausgaben, Sozialleistungen und steigende Zinskosten.

Was die Schuldenquote nicht verrät

Wer Länder nur nach dieser einen Zahl sortiert, kommt zu falschen Schlüssen. Vier Faktoren entscheiden mit.

FaktorWarum er zähltBeispiel
Eigene Währungwer in eigener Währung schuldet, kann nicht zahlungsunfähig werdenJapan gegen Italien
Wachstumeine wachsende Wirtschaft senkt die Quote von alleinSpanien gegen Finnland
Zinslastentscheidend ist nicht der Schuldenstand, sondern was er kostetBrasilien mit 14 Prozent Leitzins
Abgrenzungje nach Definition ändert sich die Zahl dramatischIrland, Kanada, Norwegen

Der Währungspunkt erklärt das Japan-Rätsel: Das Land schuldet in Yen, bei eigenen Bürgern, mit einer Notenbank als größtem Gläubiger. Italien teilt sich den Euro mit 19 anderen Staaten und hat diese Möglichkeit nicht.

Der Wachstumspunkt ist der Unterschied zwischen Spanien und Finnland. Das eine Land senkt seine Quote ohne Sparprogramm, das andere spart und sieht sie steigen.

Der Zinspunkt trifft Brasilien am härtesten. Bei einem Leitzins von 14,25 Prozent und 92 Prozent Schuldenquote wird der Schuldendienst zum bestimmenden Haushaltsposten.

Der Abgrenzungspunkt ist der unterschätzte. Irland weist 37 Prozent aus – gemessen am Bruttonationaleinkommen wären es eher 70. Norwegen erscheint mit 43 Prozent als Schuldner, ist über seinen Staatsfonds aber netto Gläubiger.

Die stillen Risiken

Mehrere Länder mit vorbildlichen Staatsfinanzen tragen ihr Risiko an anderer Stelle.

LandStaatDas eigentliche Risiko
Schweiz16 Prozent Quoteeine Bank mit der doppelten Bilanzsumme der Wirtschaftsleistung
Niederlande44 Prozent Quote194 Prozent private Verschuldung
KanadaAAA-RatingHaushalte mit 175 Prozent Schulden gemessen am Einkommen
AustralienAAA-Rating114 Prozent Haushaltsverschuldung, variable Hypotheken
IrlandHaushaltsüberschüsseSteuereinnahmen hängen an wenigen Konzernen

Die Schweiz ist der auffälligste Fall: beste Schuldenquote der Gruppe, aber ein Bankensektor, dessen Größe den Staat im Ernstfall überfordern würde. Das Muster erinnert an Island und Irland vor 2008 – Einzelheiten im Beitrag Zu groß zum Retten?.

Was Anleger daraus mitnehmen

Ratings folgen, sie führen nicht. Die Agenturen reagieren meist, wenn der Markt die Entwicklung längst eingepreist hat. Aussagekräftiger ist der Renditeabstand zu deutschen Bundesanleihen.

Der Aufschlag ist kein Geschenk. Wer höhere Zinsen für italienische oder brasilianische Papiere kassiert, übernimmt das zugehörige Risiko. Grundlagen unter Staatsanleihen.

Die Währung entscheidet oft mehr als der Zins. Bei Papieren außerhalb des Euroraums kann die Wechselkursentwicklung den gesamten Zinsvorteil aufzehren.

Und die Laufzeit schlägt die Auswahl. Ob eine Anleihe zwei oder dreißig Jahre läuft, beeinflusst das Ergebnis stärker als die Frage, welches Land sie ausgibt – nachzulesen im Beitrag Anleihen.

Fazit

Die vergangenen Jahre haben die Rangfolge durcheinandergewirbelt. Die früheren Krisenländer Südeuropas verbessern sich, während zwei der größten Volkswirtschaften Europas an Bonität verlieren.

Der Abstand zwischen bester und schlechtester Quote beträgt den Faktor zwölf. Bei den Ratings sind es nur wenige Stufen. Die Märkte bewerten Staaten also deutlich milder, als es die reinen Schuldenzahlen nahelegen – solange sie an deren Zahlungsfähigkeit glauben.

Genau das ist die Lehre aus dem britischen Herbst 2022: Die Grenze liegt nicht bei einer bestimmten Prozentzahl. Sie liegt dort, wo Anleger aufhören zu glauben, dass es weitergeht.

Quellen

Stand: 26. September 2026. Die Abgrenzung der Schuldenquoten unterscheidet sich zwischen den Ländern; ein direkter Vergleich ist nur eingeschränkt möglich. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.

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