Börsengänge sind die großen Momente der Kapitalmärkte. Unternehmen holen sich Milliarden, Altaktionäre werden reich, und Privatanleger hoffen auf den schnellen Gewinn. Die größten Neuemissionen der vergangenen dreißig Jahre zeigen aber auch, wie unterschiedlich solche Geschichten ausgehen können – vom Tausendprozentgewinn bis zum nationalen Anlegertrauma.
Wie Börsengänge gemessen werden
Maßstab ist das Emissionsvolumen: die Summe, die beim Börsengang durch den Verkauf von Aktien eingenommen wird. Nicht zu verwechseln mit dem Unternehmenswert. SpaceX etwa brachte nur rund vier Prozent seiner Anteile an die Börse – das Emissionsvolumen war trotzdem das größte aller Zeiten, weil das Unternehmen so hoch bewertet wurde.
Häufig kommt eine Mehrzuteilungsoption hinzu, der sogenannte Greenshoe: Bei hoher Nachfrage dürfen die begleitenden Banken zusätzliche Aktien ausgeben. Je nachdem, ob sie mitgerechnet wird, weichen die Angaben verschiedener Quellen voneinander ab. Die Grundlagen erklärt der Beitrag zum Börsengang.
Die größten Börsengänge an US-Börsen
SpaceX hat im Juni 2026 alle Rekorde gebrochen: rund dreieinhalbmal so viel wie der bisherige US-Rekordhalter Alibaba, bei einer Bewertung von rund 1,75 Billionen Dollar.
Alibaba ist ein Sonderfall: ein chinesisches Unternehmen, das seine Aktien in New York platzierte. Es war damals der meistbeachtete Technologie-Börsengang überhaupt.
Visa ging im März 2008 an die Börse – mitten in der Finanzkrise, als die Wall Street bereits wankte. Wer damals zeichnete, hat bis heute ein Vielfaches seines Einsatzes verdient.
Facebook startete im Mai 2012 mit technischen Pannen an der Nasdaq, und früh eingestiegene Anleger erlebten zunächst harte Wochen. Heute gehört Meta zu den wertvollsten Konzernen der Welt.
General Motors kehrte 2010 an die Börse zurück, nachdem der Konzern in der Finanzkrise Insolvenz angemeldet hatte und vom Staat gerettet worden war.
Die größten Börsengänge in Europa
| Unternehmen | Jahr | Land | Emissionsvolumen |
|---|---|---|---|
| Enel | 1999 | Italien | rund 16,5 Mrd. US-Dollar |
| Deutsche Telekom | 1996 | Deutschland | rund 10 Mrd. Euro |
| Glencore | 2011 | Schweiz, gelistet in London | rund 10 bis 11 Mrd. US-Dollar |
| Rosneft | 2006 | Russland, gelistet in London | rund 10,6 Mrd. US-Dollar |
| Porsche AG | 2022 | Deutschland | 9,4 Mrd. Euro |
Enel ging im November 1999 in Mailand und New York an die Börse – auf dem Höhepunkt der Privatisierungswelle, mit der europäische Staaten ihre Versorger und Telefongesellschaften verkauften.
Glencore, der weltgrößte Rohstoffhändler aus dem Schweizer Baar, ging 2011 an die Börsen in London und Hongkong. Es war für mehr als ein Jahrzehnt der letzte europäische Börsengang dieser Größenordnung.
Nicht in der Rangliste, aber bemerkenswert: 2026 brachte die tschechische CSG in Amsterdam bis zu 3,8 Milliarden Euro ein – der größte Börsengang eines Rüstungsunternehmens aller Zeiten. Der Marineschiffbauer TKMS kam 2025 dagegen per Abspaltung an die Börse, ohne frisches Geld einzusammeln.
Porsche brach 2022 diese Durststrecke – unter denkbar schlechten Bedingungen: Energiekrise, Zinswende, fallende Märkte. Volkswagen brachte einen Teil der Vorzugsaktien seiner Sportwagentochter an die Börse. Mehr zum Mutterkonzern im Portrait von Volkswagen.
Die größten Börsengänge in Deutschland
| Unternehmen | Jahr | Emissionsvolumen |
|---|---|---|
| Deutsche Telekom | 1996 | rund 10 Mrd. Euro |
| Porsche AG | 2022 | 9,4 Mrd. Euro |
| Deutsche Post | 2000 | 5,8 Mrd. Euro |
| Infineon | 2000 | 5,4 Mrd. Euro |
Auffällig: Drei der vier größten deutschen Börsengänge liegen mehr als 25 Jahre zurück. Deutschland ist seither kein Land der großen Neuemissionen mehr.
Zum Vergleich: der Weltrekord vor SpaceX
Bis 2026 hielt der saudische Ölkonzern Saudi Aramco den Weltrekord: 25,6 Milliarden Dollar im Dezember 2019 an der Börse in Riad. Aramco brachte allerdings nur 1,5 Prozent seiner Anteile an die Börse – bei so wenigen frei handelbaren Aktien ist echte Preisbildung kaum möglich.
Die T-Aktie: das deutsche Trauma
Kein Börsengang hat die deutsche Aktienkultur so geprägt wie die Deutsche Telekom. 1996 wurde die T-Aktie als Volksaktie beworben, Millionen Deutsche kauften zum ersten Mal Aktien. Nach zwei weiteren Tranchen bis 2000 und dem Platzen der Technologieblase stürzte der Kurs um rund 85 Prozent ab.
Viele Anleger verloren damals nicht nur Geld, sondern auch das Vertrauen in die Börse. Die niedrige Aktienquote in Deutschland wird bis heute häufig auf diese Erfahrung zurückgeführt.
Was Anleger daraus lernen können
Der erste Handelstag ist nicht die Rendite. US-Börsengänge legen am ersten Tag im langjährigen Schnitt rund 18 Prozent zu. Davon profitiert aber nur, wer eine Zuteilung zum Ausgabepreis erhält – bei gefragten Emissionen gehen Privatanleger oft leer aus.
Die ersten Monate sind oft holprig. Facebook, Porsche und SpaceX erlebten nach dem Börsengang deutliche Rückschläge. Hinzu kommen Sperrfristen für Altaktionäre: Wenn sie enden, steigt das Angebot an Aktien.
Größe ist kein Qualitätsmerkmal. Unter den größten Börsengängen finden sich außergewöhnliche Erfolge wie Visa – und Enttäuschungen wie die T-Aktie. Entscheidend ist der Preis, zu dem man einsteigt, gemessen am Gewinn – mehr dazu im Beitrag zum KGV.
Staatliche Verkäufe folgen eigenen Regeln. Viele der europäischen Rekorde waren Privatisierungen. Der Staat will dabei einen möglichst hohen Preis erzielen – nicht zwingend im Interesse der Käufer.
Fazit
Die größten Börsengänge der vergangenen dreißig Jahre spiegeln die Wirtschaftsgeschichte: erst die Privatisierung der Staatskonzerne in Europa, dann der Aufstieg der Internetkonzerne in den USA, zuletzt die Raumfahrt und die künstliche Intelligenz.
Aus Sicht der Marktteilnehmer zeigt die Liste vor allem eines: Wer langfristig bei einem guten Unternehmen bleibt, kann auch nach einem schwachen Start gewinnen. Wer dagegen nur auf den schnellen Gewinn am ersten Tag setzt, spielt ein Spiel, bei dem die Karten meist bei den großen Investoren liegen. Die Grundlagen zur langfristigen Anlage stehen im Beitrag zur Diversifikation.
Stand: September 2026. Emissionsvolumina nach Unternehmensmitteilungen und Medienberichten; je nach Quelle und Berücksichtigung der Mehrzuteilungsoption können die Werte abweichen. Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar.