Das Kurs-Gewinn-Verhältnis ist die bekannteste Bewertungskennzahl an der Börse – und die am häufigsten isoliert betrachtete. Ein niedriges KGV gilt vielen als Kaufsignal. In der Praxis ist es das oft nicht.
Was das KGV misst
Das KGV setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie. Kostet eine Aktie 60 Euro und das Unternehmen verdient vier Euro je Aktie, liegt das KGV bei 15.
Anschaulich bedeutet das: Sie zahlen das Fünfzehnfache des Jahresgewinns. Bliebe der Gewinn konstant und würde vollständig ausgeschüttet, hätten Sie den Kaufpreis nach fünfzehn Jahren zurück. Beides trifft in der Realität nie zu – aber als Größenordnung hilft die Vorstellung.
Weil der Kurs im Zähler steht, sinkt das KGV bei fallenden Kursen und steigt bei steigenden. Genau das macht es anfällig für Fehlinterpretationen.
Warum ein niedriges KGV kein Kaufsignal ist
Ein niedriges KGV kann zwei völlig verschiedene Dinge bedeuten. Entweder der Markt übersieht ein solides Unternehmen – oder er preist bereits ein, dass die Gewinne einbrechen werden.
Der zweite Fall ist der häufigere. Fällt der Gewinn im kommenden Jahr auf die Hälfte, verdoppelt sich das KGV rückwirkend – die Aktie war also nie billig. Im Fachjargon heißt das Bewertungsfalle.
Umgekehrt sind hohe KGVs kein Ausschlusskriterium. Wachstumsunternehmen werden regelmäßig mit dem Vierzig- oder Fünfzigfachen des aktuellen Gewinns bewertet, weil der Markt künftig deutlich höhere Gewinne erwartet. Ob diese Erwartung berechtigt ist, sagt das KGV nicht.
Vergleichbar nur innerhalb einer Branche
Branchen haben strukturell unterschiedliche Bewertungsniveaus. Versorger und Banken notieren traditionell niedrig, Software- und Pharmaunternehmen hoch. Das liegt an Wachstumsaussichten, Kapitalbedarf und Stabilität der Erträge – nicht daran, dass eine Branche günstiger wäre als die andere.
Ein Vergleich zwischen einem Versorger mit KGV 10 und einem Softwarehaus mit KGV 35 ist deshalb wertlos. Sinnvoll ist nur der Vergleich innerhalb derselben Branche – und mit dem historischen Durchschnitt des Unternehmens selbst.
Auch ganze Indizes lassen sich so betrachten: Der technologielastige Nasdaq 100 weist naturgemäß ein höheres durchschnittliches KGV auf als der industrielastige DAX 40.
Welches KGV gemeint ist
| Variante | Berechnungsgrundlage | Eigenschaft |
|---|---|---|
| Trailing | Gewinn der letzten zwölf Monate | tatsächliche Zahlen, aber rückwärtsgewandt |
| Forward | geschätzter Gewinn des laufenden Jahres | zukunftsgerichtet, aber auf Prognosen gebaut |
| Shiller-KGV | inflationsbereinigter Schnitt über zehn Jahre | glättet Konjunkturzyklen, für Märkte insgesamt |
Portale nennen meist das Forward-KGV, ohne es zu kennzeichnen. Es beruht auf Analystenschätzungen, die sich als zu optimistisch erweisen können. Wer zwei Quellen vergleicht und unterschiedliche Werte findet, hat oft schlicht unterschiedliche Varianten vor sich.
Wo das KGV gar nicht funktioniert
Bei Verlusten ist es nicht berechenbar – ein negatives KGV hat keine Aussagekraft. Das betrifft viele junge Unternehmen, etwa im Biotechnologiebereich, und einen erheblichen Teil der Mitglieder des Russell 2000.
Auch Sonderfaktoren verzerren es: Ein einmaliger Verkaufserlös oder eine hohe Abschreibung verändert den ausgewiesenen Gewinn, ohne dass sich am Geschäft etwas geändert hätte. Deshalb lohnt der Blick, ob ein auffällig niedriges KGV auf einem Sondereffekt beruht.
Sinnvolle Ergänzungen
- Kurs-Buchwert-Verhältnis – setzt den Kurs ins Verhältnis zum bilanziellen Eigenkapital, nützlich bei Banken und Immobilienunternehmen
- Kurs-Cashflow-Verhältnis – weniger anfällig für bilanzielle Gestaltung als der Gewinn
- Verschuldungsgrad – zwei Unternehmen mit gleichem KGV können völlig unterschiedlich riskant sein
- Dividendenrendite – zeigt, was tatsächlich beim Aktionär ankommt
Fazit
Das KGV ist eine schnelle, anschauliche Orientierungsgröße und ein brauchbarer Ausgangspunkt für den Vergleich ähnlicher Unternehmen.
Aus Sicht der Marktteilnehmer ist es aber keine Antwort, sondern eine Frage: Warum bewertet der Markt dieses Unternehmen so? Wer darauf keine Antwort hat, sollte aus einem niedrigen KGV keine Kaufentscheidung ableiten. Für die meisten Privatanleger bleibt ein breit gestreuter ETF ohnehin der einfachere Weg – dort stellt sich die Frage nach der Einzelbewertung gar nicht erst.
Weitere Beiträge zu Aktienindizes, Grundlagen und Steuern finden Sie in unserer Übersicht Finanzwissen.
Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Wertpapiergeschäfte sind mit Risiken bis zum Totalverlust verbunden.