Der Zinseszins ist der stärkste Mechanismus beim Vermögensaufbau – und der am meisten unterschätzte. Er wirkt langsam und unspektakulär, bis er es plötzlich nicht mehr tut.
Wie er funktioniert
Beim einfachen Zins werden Erträge nur auf das eingezahlte Kapital berechnet. Beim Zinseszins bleiben die Erträge im Depot und erwirtschaften selbst wieder Erträge.
Ein Beispiel mit 10.000 Euro und angenommenen sieben Prozent jährlich: Im ersten Jahr kommen 700 Euro dazu. Im zweiten Jahr werden die sieben Prozent bereits auf 10.700 Euro berechnet, also 749 Euro. Der Unterschied wirkt zunächst lächerlich – nach dreißig Jahren beträgt das Kapital jedoch rund 76.000 Euro statt 31.000 Euro bei einfacher Verzinsung.
Das Entscheidende: Der Zuwachs ist nicht linear, sondern exponentiell. Die größten Zuwächse entstehen ganz am Ende, wenn das Kapital bereits groß ist.
Die Zweiteilung: das letzte Jahrzehnt zählt am meisten
Bei dreißig Jahren Laufzeit entsteht in den ersten zehn Jahren nur ein kleiner Teil des Endvermögens. Im letzten Jahrzehnt kommt mehr dazu als in den zwanzig Jahren davor zusammen.
Daraus folgen zwei praktische Schlüsse. Erstens ist früh anfangen wichtiger als viel anlegen – wer mit 25 beginnt, hat der Zeit gegenüber einen Vorsprung, den mehr Kapital später kaum aufholt. Zweitens ist Durchhalten entscheidend: Wer nach fünfzehn Jahren aussteigt, weil es sich kaum zu lohnen scheint, verpasst genau die Phase, in der der Effekt wirkt.
Die Zweiundsiebziger-Regel
Eine Faustformel für den Kopfrechner: Teilt man 72 durch die jährliche Rendite in Prozent, erhält man näherungsweise die Zahl der Jahre bis zur Verdopplung.
| Rendite | Verdopplung nach |
|---|---|
| 3 Prozent | 24 Jahren |
| 5 Prozent | 14 Jahren |
| 7 Prozent | 10 Jahren |
| 10 Prozent | 7 Jahren |
Die Tabelle zeigt auch, warum kleine Renditeunterschiede über lange Zeiträume so stark wirken. Zwischen fünf und sieben Prozent liegen scheinbar zwei Punkte – tatsächlich vier Jahre pro Verdopplung.
Warum Kosten so stark bremsen
Der Mechanismus wirkt in beide Richtungen. Jedes Prozent an Gebühren fehlt nicht nur im laufenden Jahr, sondern auch als Basis für alle Folgejahre.
Ein Fonds mit 1,8 Prozent jährlichen Kosten gegenüber einem ETF mit 0,2 Prozent kostet über dreißig Jahre nicht 1,6 Prozent, sondern einen erheblichen Teil des Endvermögens. Genau deshalb ist die Kostenquote bei langfristiger Anlage keine Kleinigkeit.
Dasselbe gilt für Steuern: Wer Erträge laufend versteuern muss, verliert das versteuerte Geld als Anlagebasis. Bei thesaurierenden Fonds bleibt mehr im Kreislauf – einer der Gründe, warum sie für den Aufbau oft die bessere Wahl sind.
Der Haken: Aktienrenditen sind nicht gleichmäßig
Rechenbeispiele unterstellen eine feste jährliche Rendite. An der Börse gibt es die nicht. Auf ein Jahr mit plus 25 Prozent kann eines mit minus 18 Prozent folgen.
Über lange Zeiträume gleicht sich das aus, und der Effekt setzt sich durch. Aber der Verlauf ist ruppig. Wer ein Jahrzehnt Seitwärtsbewegung erlebt – wie Anleger im Nikkei 225 über Jahrzehnte –, sieht vom Zinseszins zunächst nichts.
Deshalb gehört zum Zinseszins immer die zweite Zutat: breite Streuung. Ein einzelnes Unternehmen kann dauerhaft scheitern, ein weltweit gestreuter Index kaum.
Fazit
Der Zinseszins belohnt zwei Dinge, die nichts mit Marktkenntnis zu tun haben: früh anfangen und lange dabeibleiben. Beides ist unspektakulär und wirkungsvoller als jede Einstiegsstrategie.
Aus Sicht der Marktteilnehmer ist die wichtigste Konsequenz eine negative: Nichts schadet dem Effekt so sehr wie Unterbrechungen. Wer bei jedem Rücksetzer aussteigt, setzt die Uhr zurück – und verliert genau die Jahre, in denen der Zinseszins seine Arbeit getan hätte.
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Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Wertpapiergeschäfte sind mit Risiken bis zum Totalverlust verbunden.