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FTSE 100: Der britische Leitindex und sein Pfund-Paradox

von user

Der FTSE 100 ist der bekannteste Aktienindex Großbritanniens – und einer der am häufigsten falsch verstandenen. Wer ihn als Barometer der britischen Wirtschaft liest, liegt daneben: Die enthaltenen Konzerne erwirtschaften den Großteil ihrer Umsätze außerhalb des Landes.

Daraus entsteht ein Effekt, der Anleger regelmäßig verblüfft: Der Index steigt oft genau dann, wenn es der britischen Wirtschaft schlecht geht.

Was ist der FTSE 100?

Der FTSE 100 – gesprochen „Footsie“ – umfasst die 100 nach Marktkapitalisierung größten an der London Stock Exchange notierten Unternehmen. Berechnet wird er von FTSE Russell, einer Tochter der Londoner Börse. Der Start erfolgte am 3. Januar 1984 mit einem Basiswert von 1.000 Punkten.

Gewichtet wird nach Streubesitz-Marktkapitalisierung. Die Zusammensetzung wird vierteljährlich überprüft, jeweils im März, Juni, September und Dezember. In der Standardvariante ist der FTSE 100 ein Kursindex – Dividenden fließen nicht ein, was beim Vergleich mit dem DAX 40 zu beachten ist.

Eine Besonderheit: Die Aufnahme setzt keine britische Staatsangehörigkeit des Unternehmens voraus, sondern eine Notierung in London. Im Index stehen deshalb auch Konzerne mit Sitz oder operativem Schwerpunkt in anderen Ländern.

Das Pfund-Paradox

Schätzungen zufolge stammen rund drei Viertel der Umsätze der FTSE-100-Unternehmen aus dem Ausland. Viele Konzerne bilanzieren in US-Dollar, notieren aber in Pfund.

Daraus folgt ein mechanischer Zusammenhang: Fällt das Pfund, sind die im Ausland erzielten Gewinne nach Umrechnung mehr wert – die Aktienkurse steigen. Genau das war nach dem Brexit-Referendum 2016 zu beobachten, als der Index neue Höchststände erreichte, während das Pfund einbrach.

Für Anleger aus dem Euroraum wirkt der Effekt in die Gegenrichtung: Ein schwächeres Pfund senkt den Wert des Investments in Euro gerechnet. Der Kursgewinn im Index und die Rendite im eigenen Depot können deshalb weit auseinanderlaufen. Wer die britische Binnenwirtschaft abbilden will, ist mit dem FTSE 250 besser bedient – dort sind die Unternehmen stärker auf den Heimatmarkt ausgerichtet.

Branchenstruktur: alte Wirtschaft

Der FTSE 100 unterscheidet sich in seiner Zusammensetzung deutlich von US-Indizes. Schwerpunkte liegen bei Energie, Bergbau und Rohstoffen, Banken und Versicherungen, Pharma sowie Konsumgütern und Tabak. Technologiewerte spielen kaum eine Rolle.

Das erklärt zwei Eigenschaften. Erstens die vergleichsweise hohe Dividendenrendite – Rohstoff- und Versorgerkonzerne schütten traditionell viel aus. Zweitens die Abhängigkeit von Rohstoffpreisen: Der Index reagiert stärker auf Öl- und Metallnotierungen als auf britische Konjunkturdaten.

Im Vergleich zum technologielastigen Nasdaq 100 ist der FTSE 100 damit defensiver aufgestellt, aber auch weniger wachstumsstark.

Die Indexfamilie in London

IndexUmfangCharakter
FTSE 100100 größte Werteinternational, Blue Chips
FTSE 250die folgenden 250stärker binnenorientiert
FTSE 350FTSE 100 und 250 zusammenbreiter Markt
FTSE All-Sharerund 600 WerteGesamtmarkt UK

Ein Punkt, der für europäische Anleger oft übersehen wird: Großbritannien gehört nicht zur Eurozone und ist deshalb im Euro Stoxx 50 überhaupt nicht enthalten. Wer europäische Aktien breit abdecken will, braucht entweder den STOXX Europe 600 oder einen separaten UK-Baustein.

Wie Anleger investieren können

ETFs auf den FTSE 100 sind in Deutschland handelbar, teils in Euro notiert, teils in Pfund. Die Notierungswährung ändert allerdings nichts am zugrundeliegenden Währungsrisiko – dieses entsteht durch die Aktien selbst, nicht durch die Handelswährung des ETFs. Wer es ausschalten will, braucht eine währungsgesicherte Variante.

Über den MSCI World halten global gestreute Anleger Großbritannien ohnehin bereits mit einem Anteil von etwa dreieinhalb Prozent. Ein separater FTSE-100-ETF ist also eine bewusste Übergewichtung – sinnvoll vor allem für Anleger, die gezielt auf Dividenden und Rohstoffexposure setzen.

Wie immer wirken sich Ordergebühren, Sparplankosten und Fremdkostenpauschalen des Depots unmittelbar auf die Nettorendite aus.

Fazit

Der FTSE 100 ist ein etablierter, regelbasierter Blue-Chip-Index mit überdurchschnittlicher Dividendenrendite und defensiver Branchenstruktur.

Aus Sicht der Marktteilnehmer ist er aber kein Abbild der britischen Wirtschaft, sondern ein international ausgerichteter Rohstoff- und Finanzindex mit Londoner Notierung. Wer ihn kauft, geht zwei Wetten gleichzeitig ein – auf die Rohstoffmärkte und auf das Pfund.

Weitere Beiträge zu Aktienindizes, Grundlagen und Steuern finden Sie in unserer Übersicht Finanzwissen.

Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Wertpapiergeschäfte sind mit Risiken bis zum Totalverlust verbunden.

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