Im Juni 2020 brach einer der wertvollsten Technologiekonzerne Deutschlands innerhalb weniger Tage zusammen. Bei Wirecard, damals Mitglied im DAX, fehlten 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf Treuhandkonten in Asien lagen. Es gab sie nicht. Der Wirecard-Skandal gilt als größter Bilanzbetrug der deutschen Nachkriegsgeschichte – und als Versagen von Wirtschaftsprüfern, Finanzaufsicht und Politik.
Das Wichtigste in Kürze
| Unternehmen | Wirecard AG, Aschheim bei München |
| Geschäft | Abwicklung von Kartenzahlungen, Zahlungsdienstleister |
| Im DAX | September 2018 bis August 2020 |
| Fehlender Betrag | 1,9 Mrd. Euro |
| Insolvenz | 25. Juni 2020 |
| Früherer Vorstandschef | Markus Braun, seit 2020 in Untersuchungshaft |
| Früherer Vertriebsvorstand | Jan Marsalek, seit 2020 flüchtig |
| Strafprozess | seit Dezember 2022 am Landgericht München I, Urteil noch offen |
Vom Start-up zum DAX-Konzern
Wirecard begann Anfang der 2000er-Jahre als kleiner Dienstleister, der Zahlungen für Onlinehändler abwickelte. 2005 gelangte das Unternehmen über die Übernahme eines börsennotierten Mantels an die Frankfurter Börse. Unter Vorstandschef Markus Braun wuchs Wirecard in den folgenden Jahren scheinbar unaufhaltsam: Jahr für Jahr meldete der Konzern Rekordumsätze und steigende Gewinne.
Im September 2018 stieg Wirecard in den DAX auf und verdrängte dort ausgerechnet die Commerzbank. Die Aktie erreichte in diesem Jahr ihr Hoch, der Börsenwert lag zeitweise über 20 Milliarden Euro – mehr als der der Deutschen Bank. Braun, der gern im schwarzen Rollkragenpullover auftrat, wurde als „Steve Jobs der Alpen“ gefeiert.
Die Warnungen, die niemand hören wollte
Ab Januar 2019 veröffentlichte die Financial Times eine Serie von Artikeln über Unregelmäßigkeiten im Asiengeschäft, das von Vertriebsvorstand Jan Marsalek verantwortet wurde. Die Reaktion in Deutschland war bemerkenswert: Nicht Wirecard geriet ins Visier der Behörden, sondern die Kritiker. Die Finanzaufsicht BaFin verhängte ein Verbot für Wetten auf fallende Wirecard-Kurse und erstattete Anzeige gegen Journalisten der Zeitung.
Heute gilt dieses Vorgehen als eines der größten Versäumnisse der deutschen Finanzaufsicht. Die Behörde schützte den Konzern, statt die Vorwürfe zu prüfen. Welche Aufgaben die BaFin eigentlich hat, erklärt der Beitrag zur BaFin.
Der Zusammenbruch im Juni 2020
Am 18. Juni 2020 verweigerte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY das Testat für den Jahresabschluss 2019. Der Grund: Guthaben von 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten auf den Philippinen ließen sich nicht nachweisen. Die beiden philippinischen Banken erklärten, die angeblichen Belege seien gefälscht.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 18. Juni 2020 | EY verweigert das Testat, 1,9 Mrd. Euro fehlen |
| 19. Juni 2020 | Markus Braun tritt zurück |
| 22. Juni 2020 | Wirecard räumt ein, dass das Geld wahrscheinlich nicht existiert |
| 23. Juni 2020 | Braun stellt sich und wird festgenommen |
| 25. Juni 2020 | Wirecard beantragt als erster DAX-Konzern Insolvenz |
| November 2020 | Santander übernimmt Teile des Kerngeschäfts für rund 100 Mio. Euro |
Die Aktie verlor binnen weniger Tage fast ihren gesamten Wert. Hunderttausende Anleger, darunter viele Privatleute, verloren ihr Geld. Wirecard hatte zu diesem Zeitpunkt Schulden von rund 3,2 Milliarden Euro.
Wie der Betrug funktioniert haben soll
Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft war ein großer Teil des angeblichen Geschäfts erfunden. Wirecard wickelte Zahlungen in Ländern, in denen es selbst keine Lizenz hatte, über sogenannte Drittpartner ab. Genau dieses Drittpartnergeschäft soll über Jahre im großen Stil vorgetäuscht worden sein, um Umsatz und Gewinn aufzublähen und Banken und Investoren zu täuschen.
Die Anklage wirft Braun und zwei früheren Managern unter anderem bandenmäßigen Betrug, Untreue und Marktmanipulation vor. Braun bestreitet alle Vorwürfe. Er sieht sich als Opfer einer Betrügerbande um Jan Marsalek. Der mitangeklagte frühere Statthalter in Dubai, Oliver Bellenhaus, belastet ihn dagegen als Kronzeuge schwer.
Jan Marsalek: der Mann, der verschwand
Jan Marsalek ist die schillerndste Figur des Skandals. Der Österreicher tauchte im Juni 2020 unter und steht seitdem auf den Fahndungslisten der europäischen Polizeibehörden. Nach Medienberichten soll er sich nach Russland abgesetzt haben.
Britische Ermittler werfen ihm vor, von dort aus eine Gruppe gesteuert zu haben, die in Europa für russische Geheimdienste spioniert haben soll. Ein Londoner Gericht verurteilte 2025 mehrere Mitglieder dieser Gruppe. Marsalek selbst bleibt unerreichbar – was den Münchner Prozess besonders schwierig macht, weil der mutmaßliche Hauptakteur nicht aussagen kann.
Der Prozess: Mammutverfahren ohne Ende
Der Strafprozess vor dem Landgericht München I begann am 8. Dezember 2022 und zählt inzwischen weit über 270 Verhandlungstage. Braun sitzt seit dem Sommer 2020 in Untersuchungshaft. Nach dem Plan des Vorsitzenden Richters Markus Födisch sollen die Schlussplädoyers in der vierten Oktoberwoche 2026 beginnen, danach folgt das Urteil.
Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt für Braun die Unschuldsvermutung.
Die Folgen für Aufsicht und Anleger
Der Skandal hat die deutsche Finanzaufsicht grundlegend verändert. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestags arbeitete das Versagen auf, der BaFin-Präsident musste gehen, und mit dem Gesetz zur Stärkung der Finanzmarktintegrität wurden die Befugnisse der Aufsicht und die Pflichten der Wirtschaftsprüfer verschärft. Auch gegen EY wurden Verfahren eingeleitet.
Für Anleger bleibt eine bittere Lehre: Auch ein DAX-Mitglied mit Testat eines großen Prüfers kann auf erfundenen Zahlen beruhen. Viele Geschädigte fordern bis heute Schadenersatz.
Was Anleger daraus lernen können
Kritische Berichte ernst nehmen. Die Financial Times lag mit ihren Recherchen richtig. Wer sie als Kampagne abtat, verlor Geld.
Auf den Cashflow schauen. Wirecard meldete hohe Gewinne, aber der tatsächliche Geldzufluss passte oft nicht dazu. Gewinne lassen sich buchen, Geld auf dem Konto nicht.
Nicht alles auf eine Aktie setzen. Wer breit gestreut investierte, verkraftete den Totalausfall. Wer einen großen Teil seines Vermögens in Wirecard hielt, nicht. Mehr dazu im Beitrag zur Diversifikation.
Häufige Fragen
Wie viel Geld fehlte bei Wirecard?
Es fehlten 1,9 Milliarden Euro, die auf Treuhandkonten auf den Philippinen liegen sollten. Das Geld hat es nach heutigem Kenntnisstand nie gegeben.
Wo ist Jan Marsalek?
Marsalek ist seit Juni 2020 flüchtig. Medienberichte und britische Ermittler gehen davon aus, dass er sich in Russland aufhält. Bestätigt ist sein Aufenthaltsort nicht.
Wurde Markus Braun verurteilt?
Nein, noch nicht. Der Prozess läuft seit Dezember 2022, das Urteil wird nach den Plädoyers ab Ende Oktober 2026 erwartet. Braun bestreitet die Vorwürfe.
Gibt es Wirecard noch?
Nein. Der Konzern wurde nach der Insolvenz zerschlagen, Teile des Geschäfts gingen an andere Unternehmen, darunter die spanische Bank Santander.
Fazit
Wirecard war kein Betrug im Verborgenen. Die Warnsignale lagen offen auf dem Tisch – in Zeitungsartikeln, in Hinweisen von Leerverkäufern und in Zahlen, die nicht zusammenpassten. Versagt haben nicht nur mutmaßliche Täter, sondern ein ganzes System aus Prüfern, Aufsehern und Anlegern, die glauben wollten.
Aus Sicht der Marktteilnehmer ist das die wichtigste Erkenntnis: Die Größe eines Unternehmens und die Mitgliedschaft in einem Leitindex schützen nicht vor Betrug. Ähnliche Muster zeigen andere große Fälle, etwa der des Baulöwen Jürgen Schneider.
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Stand: September 2026. Angaben nach Gerichtsmitteilungen und Medienberichten, ohne Gewähr. Soweit Verfahren nicht rechtskräftig abgeschlossen sind, gilt die Unschuldsvermutung. Dieser Beitrag stellt keine Rechts- oder Anlageberatung dar.