Wikifolio macht Anlagestrategien handelbar: Wer eine Idee hat, stellt ein Musterdepot zusammen, und andere können über ein Zertifikat daran teilhaben. Klingt einfach – hat aber Eigenheiten, die man kennen sollte.
Wie es funktioniert
Ein Nutzer legt ein virtuelles Depot an – das sogenannte Wikifolio – und handelt dort mit Spielgeld nach seiner Strategie. Alle Käufe und Verkäufe sind öffentlich einsehbar.
Erreicht das Depot genug Zuspruch, wird ein Zertifikat darauf ausgegeben. Anleger kaufen dieses Zertifikat über die Börse und nehmen damit an der Wertentwicklung teil.
Der Ersteller verdient an einer Erfolgsbeteiligung – üblicherweise zwischen 5 und 30 Prozent des Gewinns. Dazu kommt eine jährliche Gebühr für das Zertifikat.
Der entscheidende Punkt: Es ist ein Zertifikat
Wer ein Wikifolio kauft, erwirbt keine Aktien und keine Fondsanteile. Er erwirbt eine Schuldverschreibung der herausgebenden Bank.
Daraus folgt ein Risiko, das viele übersehen: das Emittentenrisiko. Geht die ausgebende Bank insolvent, ist das Zertifikat wertlos – unabhängig davon, wie gut die Strategie lief.
Bei einem Fonds ist das anders: Dort bilden die Anlagen ein Sondervermögen, das bei einer Insolvenz geschützt ist. Der Unterschied ist erheblich und wird in der Werbung selten betont.
Die Kosten
| Zertifikatsgebühr | jährlich, meist um 0,95 Prozent |
| Erfolgsbeteiligung | 5 bis 30 Prozent des Gewinns |
| Ordergebühren | beim eigenen Broker |
| Geld-Brief-Spanne | beim Kauf und Verkauf |
Die Erfolgsbeteiligung wird nach dem Höchststandsprinzip berechnet: Sie fällt nur an, wenn das Depot einen neuen Höchststand erreicht. Nach Verlusten muss der Ersteller diese erst aufholen, bevor er wieder verdient.
Im Vergleich: Ein breit gestreuter ETF kostet oft unter 0,2 Prozent jährlich und kennt keine Erfolgsbeteiligung.
Worauf zu achten ist
Die Auswahlverzerrung. Auf der Plattform existieren zehntausende Musterdepots. Sichtbar sind vor allem die erfolgreichen – die gescheiterten verschwinden in der Rangliste. Wer nur auf die Bestenliste schaut, sieht die Überlebenden, nicht den Durchschnitt.
Die Laufzeit. Zwei Jahre gute Entwicklung können Können sein oder Zufall. Aussagekräftig wird eine Bilanz erst über mehrere Marktphasen, einschließlich eines Abschwungs.
Die Strategie. Manche Wikifolios handeln sehr aktiv mit Hebelprodukten. Solche Depots können kurzfristig stark steigen – und ebenso schnell fallen. Grundlagen dazu im Beitrag zur Diversifikation.
Steuerliche Behandlung
Zertifikate werden steuerlich wie andere Kapitalanlagen behandelt: Gewinne unterliegen der Abgeltungsteuer. Die Teilfreistellung, die bei Aktienfonds greift, gibt es hier nicht – ein Nachteil gegenüber Fonds und ETFs.
Fazit
Wikifolio hat eine Marktlücke gefüllt: Anlagestrategien von Privatpersonen investierbar zu machen, war vorher nicht möglich. Die Transparenz aller Handelsentscheidungen ist ein echter Vorzug.
Aus Sicht der Marktteilnehmer bleiben drei Punkte: das Emittentenrisiko, die im Vergleich hohen Kosten und die Verzerrung der Bestenlisten. Wer das einkalkuliert, kann solche Zertifikate als Beimischung nutzen – als Kern eines Depots eignen sie sich kaum.
Weitere Grundlagen finden Sie unter Finanzwissen, etwa zum ETF-Sparplan und zum Wertpapierdepot.
Angaben ohne Gewähr. Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar.