Am 20. Oktober 2025 wurde aus einer Konzernsparte ein eigenständiges Börsenunternehmen: Thyssenkrupp Marine Systems, kurz TKMS, Deutschlands größter Marineschiffbauer, notiert seitdem in Frankfurt. Der Start war fulminant, die Monate danach eine Lehrstunde darüber, wie Rüstungsaktien auf Nachrichten reagieren. Ein knappes Jahr später lohnt sich eine Bestandsaufnahme.
Die Eckdaten
| Unternehmen | TKMS AG & Co. KGaA |
| ISIN | DE000TKMS001 |
| WKN | TKMS00 |
| Börse | Frankfurt, Mitglied im MDAX |
| Erstnotiz | 20. Oktober 2025 |
| Erster Kurs | 60 Euro |
| Aktienzahl | rund 63,5 Millionen |
| Sitz | Kiel |
| Vorstandschef | Oliver Burkhard |
| Großaktionär | thyssenkrupp mit 51 Prozent |
| Geschäftsjahr | endet am 30. September |
Kein Börsengang im klassischen Sinn
TKMS ist nicht durch einen Börsengang an den Markt gekommen, sondern durch eine Abspaltung. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wie ein klassischer Börsengang abläuft, steht im Beitrag zum Börsengang.
| Klassischer Börsengang | Abspaltung (Spin-off) | |
|---|---|---|
| Neue Aktien werden verkauft | ja | nein |
| Unternehmen erhält frisches Geld | ja | nein |
| Wer bekommt die Aktien | Zeichner, die kaufen | die bisherigen Aktionäre der Mutter, kostenlos |
| Ausgabepreis | ja | nein, der Kurs bildet sich am ersten Tag |
Die Aktionäre von thyssenkrupp hatten die Verselbstständigung auf einer außerordentlichen Hauptversammlung im August 2025 beschlossen. Wer am 17. Oktober 2025 thyssenkrupp-Aktien im Depot hatte, bekam für je 20 davon eine TKMS-Aktie automatisch eingebucht.
Insgesamt gingen 49 Prozent der TKMS-Aktien an die thyssenkrupp-Aktionäre. Die übrigen 51 Prozent behielt der Mutterkonzern – er bleibt damit strategischer Mehrheitseigentümer.
Der erste Handelstag
Im Vorfeld hatten Analysten mit einem Unternehmenswert von rund 2,5 Milliarden Euro gerechnet. Der erste Kurs lag mit 60 Euro deutlich darüber. Im Tagesverlauf stieg die Aktie zeitweise um 75 Prozent auf 107 Euro – ein Börsenwert von fast 6,8 Milliarden Euro.
Eine Pointe am Rande: Zeitweise war die abgespaltene Marinetochter an der Börse mehr wert als der gesamte thyssenkrupp-Konzern. Für die Aktionäre der Mutter ging die Rechnung auf – beide Aktien zusammengerechnet, lagen sie am ersten Tag rund 14 Prozent im Plus. Wie TKMS im Vergleich zu den Rekordemissionen der vergangenen Jahrzehnte dasteht – von der T-Aktie bis SpaceX –, zeigt der Beitrag zu den größten Börsengängen.
Was TKMS macht
TKMS ist nach eigenen Angaben Weltmarktführer für U-Boote mit nicht-nuklearem Antrieb. Daneben baut das Unternehmen Fregatten und Korvetten und liefert über seine Tochter Atlas Elektronik Sonar-, Führungs- und Minenabwehrsysteme.
| Segment | Inhalt |
|---|---|
| Submarines | konventionelle U-Boote, etwa Typ 212CD |
| Surface Vessels | Fregatten und Korvetten, etwa MEKO A-200 |
| Atlas Electronics | Sonar, Führungssysteme, Minenabwehr |
Die Wurzeln reichen bis 1838 zurück, zur Kieler Werft Schweffel & Howaldt, aus der später die Howaldtswerke-Deutsche Werft hervorging. Standorte sind heute vor allem Kiel und Wismar, dazu Itajaí in Brasilien sowie Hamburg, Bremen und Emden.
Der technische Vorsprung: Der Typ 212CD kann dank Brennstoffzellen wochenlang getaucht bleiben, ohne aufzutauchen. Genau diese außenluftunabhängigen Antriebe sind seit der Zeitenwende besonders gefragt.
Die Geschäftszahlen
Im Neunmonatszeitraum bis Juni 2026 stieg der Umsatz um 19 Prozent auf 1,89 Milliarden Euro, das bereinigte operative Ergebnis um 13 Prozent auf 110 Millionen Euro. Der Auftragsbestand erreichte mit 20,1 Milliarden Euro einen Rekord.
Das Management hob die Jahresprognose zum zweiten Mal an: Statt 2 bis 5 Prozent soll der Umsatz nun um 10 bis 12 Prozent wachsen, die bereinigte Marge auf bis zu 6,5 Prozent steigen.
Nach Quartalsende kam der größte Überwasserauftrag der Firmengeschichte hinzu: vier Fregatten für die Deutsche Marine, mit Option auf vier weitere.
Eine Einordnung: Eine operative Marge von gut 6 Prozent ist für einen Werftkonzern ordentlich, aber weit entfernt von den Margen anderer Rüstungsunternehmen. Schiffbau ist kapitalintensiv, die Projekte laufen über viele Jahre und bergen das Risiko von Kostenüberschreitungen.
Die großen offenen Aufträge
Kanada: Das Canadian Patrol Submarine Project sieht bis zu zwölf U-Boote vom Typ 212CD vor. TKMS gilt nach Berichten als bevorzugter Bieter, das Volumen wird allein für die Boote auf über 15 Milliarden Euro geschätzt. Der Vertrag ist noch nicht unterschrieben; Vorstandschef Burkhard rechnet mit einem Abschluss bis Ende 2026.
Indien: Im Programm P-75I steht ein TKMS-Entwurf für sechs U-Boote mit Brennstoffzellenantrieb zur Wahl, gebaut werden sollen sie von der indischen Werft Mazagon Dock. Mehrere Ministerien haben zugestimmt, die letzte Freigabe durch den Sicherheitsausschuss der Regierung steht aus.
Kämen beide Aufträge zustande, würde sich der Auftragsbestand nach Einschätzung von Analysten deutlich vergrößern – mwb research hielt im Folgejahr mehr als 40 Milliarden Euro für möglich.
Wie die Aktie seitdem gelaufen ist
Nach dem Höhenflug am ersten Tag pendelte die Aktie über Monate in einer breiten Spanne. Im August 2026 sprang sie nach den Quartalszahlen zeitweise wieder über 100 Euro. Im September fiel sie auf rund 84 Euro zurück und unterschritt dabei ihre 200-Tage-Linie – ein Signal, das viele Chartanalysten als Schwäche deuten.
Die Einschätzungen der Analysten gehen weit auseinander: mwb research nannte im Juli ein Kursziel von 135 Euro, Bernstein Research lediglich 76 Euro. Eine Spanne von fast 60 Euro zeigt, wie unsicher die Bewertung ist.
Chancen und Risiken
| Chancen | Risiken |
|---|---|
| Rekordauftragsbestand, der Umsatz über Jahre sichert | Großaufträge aus Kanada und Indien noch nicht unterschrieben |
| Technikvorsprung bei konventionellen U-Booten | begrenzte Werftkapazität als Engpass |
| steigende Marinebudgets der NATO-Staaten | Rüstungsexporte hängen an Genehmigungen der Bundesregierung |
| Wachstum der Elektroniktochter Atlas | niedrige Margen im Schiffbau, Risiko von Kostenüberschreitungen |
Ein Punkt, den viele übersehen: Die Rechtsform KGaA und der Mehrheitsbesitz von thyssenkrupp bedeuten, dass Streubesitzaktionäre wenig Einfluss auf die Unternehmensführung haben. Zudem könnte thyssenkrupp als Großaktionär künftig Anteile verkaufen – was den Kurs belasten würde.
Termine
Das Geschäftsjahr endet am 30. September 2026. Die Zahlen für das vierte Quartal sind für den 7. Dezember angekündigt. Bis dahin richtet sich der Blick vor allem auf die Entscheidungen in Kanada und Indien.
Fazit
TKMS ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein Konzern durch eine Abspaltung verborgene Werte sichtbar machen kann. Innerhalb von thyssenkrupp ging die Marinesparte zwischen Stahl und Autoteilen unter, an der Börse wurde sie auf Anhieb zu einem der wertvolleren deutschen Rüstungswerte.
Aus Sicht der Marktteilnehmer hängt die weitere Entwicklung weniger an der Nachfrage – die ist da – als an zwei Fragen: Werden die Großaufträge unterschrieben, und schafft es TKMS, sie ohne Kostenüberschreitungen abzuarbeiten? Einen Vergleich mit dem anderen großen Rüstungsbörsengang der letzten Monate bietet der Beitrag zur CSG-Aktie. Mehr zum Branchenführer steht im Portrait von Rheinmetall.
Weitere Börsengänge im Überblick
Grundlagen: Börsengang: Wie ein IPO abläuft · Die größten Börsengänge der letzten 30 Jahre
Bereits an der Börse: SpaceX · CSG · TKMS · Klarna · Asta Energy · Gabler
Geplant, verschoben oder abgesagt: KNDS · OpenAI · Anthropic · Brainlab · Stada
Noch nicht an der Börse: Helsing · Quantum Systems · Stark Defence · Neura Robotics
Stand: 21. September 2026. Angaben nach Unternehmensmitteilungen und Medienberichten, ohne Gewähr. Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Aktien sind mit Risiken bis zum Totalverlust verbunden.