Wenn die Europäische Zentralbank oder die US-Notenbank tagt, schauen Börsen weltweit auf eine einzige Zahl. Der Leitzins ist das wichtigste Instrument der Geldpolitik – und der Grund, warum eine Entscheidung in Frankfurt oder Washington den Wert Ihres Depots verändert.
Was der Leitzins ist
Der Leitzins bestimmt, zu welchen Konditionen sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld leihen oder dort anlegen können. Er ist der Ausgangspunkt für praktisch alle anderen Zinsen in der Wirtschaft.
Im Euroraum gibt es mehrere Sätze; am wichtigsten ist der Einlagensatz, zu dem Banken überschüssiges Geld bei der EZB parken. In den USA setzt die Federal Reserve eine Zielspanne für den Tagesgeldsatz zwischen Banken fest.
Das Mandat der EZB ist Preisstabilität, definiert als rund zwei Prozent Inflation mittelfristig. Die Fed hat ein doppeltes Mandat: stabile Preise und hohe Beschäftigung. Deshalb reagieren beide Notenbanken auf dieselbe Wirtschaftslage manchmal unterschiedlich.
Wie er wirkt
Steigende Zinsen verteuern Kredite. Unternehmen investieren weniger, Verbraucher konsumieren weniger, Immobilienfinanzierungen werden teurer. Die Wirtschaft kühlt ab, der Preisdruck lässt nach.
Sinkende Zinsen wirken umgekehrt: Kredite werden billiger, Investitionen lohnen sich eher, die Nachfrage zieht an.
Beides wirkt mit Verzögerung. Zwischen einer Zinsentscheidung und ihrer vollen Wirkung in der Realwirtschaft vergehen oft ein bis zwei Jahre. Notenbanken steuern also immer ein Stück weit in die Zukunft – und liegen entsprechend manchmal daneben.
Was das für die Anlageklassen bedeutet
Anleihen reagieren am direktesten: Steigen die Zinsen, fallen die Kurse bestehender Papiere, weil neu ausgegebene Anleihen mehr bieten.
Aktien leiden aus zwei Gründen unter höheren Zinsen. Zum einen steigen die Finanzierungskosten der Unternehmen. Zum anderen werden künftige Gewinne bei der Bewertung stärker abgezinst – das trifft besonders Wachstumswerte, deren Gewinne weit in der Zukunft liegen. Deshalb fällt der technologielastige Nasdaq 100 bei Zinserhöhungen typischerweise stärker als ein defensiver Index.
Kleinere Unternehmen trifft es härter als große. Sie finanzieren sich häufiger über variabel verzinste Kredite – ein Grund, warum der Russell 2000 als besonders zinssensibel gilt.
Banken profitieren tendenziell, weil die Spanne zwischen Einlagen- und Kreditzinsen wächst.
Warum Erwartungen wichtiger sind als Entscheidungen
Märkte preisen Zinsentscheidungen ein, lange bevor sie fallen. Eine erwartete Erhöhung bewegt am Tag der Verkündung kaum etwas – eine unerwartete dagegen erheblich.
Deshalb achten Marktteilnehmer weniger auf den Beschluss selbst als auf die Formulierungen danach: Wie beurteilt die Notenbank die Lage, was deutet sie für die nächsten Sitzungen an? Ein einzelnes Wort kann mehr bewegen als der Zinsschritt.
Fazit
Der Leitzins ist der Preis des Geldes und damit die Größe, an der sich alle anderen Anlageklassen ausrichten. Wer versteht, in welche Richtung die Notenbank steuert, versteht einen erheblichen Teil der Marktbewegungen.
Aus Sicht der Marktteilnehmer bleibt das trotzdem kein Handlungssignal für Privatanleger. Zinsentscheidungen vorherzusagen gelingt selbst professionellen Prognostikern selten. Wer breit gestreut und langfristig anlegt, muss sie nicht timen – sondern nur wissen, warum das Depot in bestimmten Phasen schwankt.
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Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Wertpapiergeschäfte sind mit Risiken bis zum Totalverlust verbunden.