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EURIBOR: Was der Referenzzins bedeutet und wo er überall drinsteckt

von user

Der EURIBOR taucht in Kreditverträgen auf, in Tagesgeldbedingungen und in Bauzinsberechnungen – meist als Nebensatz im Kleingedruckten. Dabei entscheidet er darüber, was Sie an Zinsen bekommen oder zahlen.

Was der EURIBOR ist

EURIBOR steht für Euro Interbank Offered Rate. Er gibt an, zu welchem Zinssatz sich Banken im Euroraum untereinander unbesicherte Gelder leihen – also ohne Sicherheiten, allein auf Basis gegenseitigen Vertrauens.

Eingeführt wurde er 1999 mit dem Euro. Berechnet und veröffentlicht wird er vom European Money Markets Institute in Brüssel, an jedem Bankarbeitstag.

Er ist damit kein Zins, den die Notenbank festlegt. Er entsteht am Markt – und spiegelt, was Banken einander tatsächlich berechnen.

Die fünf Laufzeiten

LaufzeitTypische Verwendung
1 Wochekurzfristige Liquiditätssteuerung
1 Monatvariable Kredite mit monatlicher Anpassung
3 Monateder meistgenutzte Satz, Referenz für viele Produkte
6 MonateBaufinanzierungen mit halbjährlicher Anpassung
12 Monatelangfristige variable Darlehen

Früher gab es acht Laufzeiten, seit 2019 sind es fünf. Wenn irgendwo nur von „dem EURIBOR“ die Rede ist, ist fast immer der Dreimonatssatz gemeint.

Wie er nach dem Skandal berechnet wird

Ursprünglich meldeten teilnehmende Banken schlicht, zu welchem Satz sie sich Geld leihen würden. Diese Selbstauskunft war anfällig für Manipulation – beim verwandten LIBOR flogen Absprachen auf, in deren Folge Milliardenstrafen verhängt wurden.

Seit 2019 arbeitet der EURIBOR deshalb mit einer Hybridmethodik in drei Stufen: Zuerst zählen tatsächlich getätigte Geschäfte in der jeweiligen Laufzeit. Reichen diese nicht, werden Geschäfte aus benachbarten Laufzeiten und Vortagen herangezogen. Erst wenn auch das nicht genügt, greift eine Experteneinschätzung nach festgelegten Regeln.

Die Reihenfolge ist der Kern der Reform: Fakten vor Schätzungen. Damit erfüllt der EURIBOR die EU-Benchmark-Verordnung und darf weiter als Referenzzins dienen.

Die Meldungen kommen von einem Panel ausgewählter europäischer Institute, darunter mehrere deutsche. Aus ihnen wird ein Durchschnitt gebildet, wobei die höchsten und niedrigsten Werte herausgerechnet werden – ein einzelnes Haus kann den Satz damit nicht bewegen. Vor der Reform war das Panel deutlich größer; viele Banken haben sich nach der Verschärfung der Regeln zurückgezogen.

Gerechnet wird nach der Eurozinsmethode act/360: tatsächliche Kalendertage, geteilt durch 360. Das erklärt, warum ein Quartal mit 92 Tagen mehr Zinsen bringt als eines mit 90 – ein Detail, das bei größeren Beträgen sichtbar wird.

Der Zusammenhang mit dem Leitzins

EURIBOR und Leitzins werden häufig verwechselt. Der Leitzins wird von der Europäischen Zentralbank beschlossen, der EURIBOR bildet sich am Markt.

In der Praxis laufen beide eng zusammen – aber nicht gleichzeitig. Der EURIBOR nimmt Zinsentscheidungen vorweg: Erwarten Banken eine Erhöhung, steigt er, bevor die EZB überhaupt getagt hat. Er ist damit ein Frühindikator für die Geldpolitik.

Daneben gibt es den €STR, den Euro Short-Term Rate. Er misst tatsächliche Übernachtgeschäfte und hat 2022 den früheren EONIA abgelöst. Für Tagesgeschäfte zwischen Banken ist er heute der wichtigere Satz, für Produkte mit Laufzeit bleibt es der EURIBOR.

Wo er Sie als Sparer betrifft

Viele Banken koppeln die Verzinsung von Tagesgeldkonten an den EURIBOR – etwa mit der Regel, einen bestimmten Prozentsatz des Dreimonatssatzes weiterzugeben, angepasst zum Monatsanfang. Fällt der Referenzsatz, sinkt Ihr Zins automatisch mit.

Beim Festgeld wirkt er anders: Dort ist Ihr Zins für die Laufzeit festgeschrieben. Der EURIBOR bestimmt aber, welche Konditionen die Bank für neue Abschlüsse anbietet. Wer wissen will, ob sich Warten lohnt, schaut auf seine Entwicklung.

Auch der Sparbrief und die Konditionen für Anleihen orientieren sich daran.

Floating Rate Notes: Anleihen mit variablem Kupon

Eine eigene Produktgattung baut direkt auf dem EURIBOR auf: Anleihen mit variabler Verzinsung, im Fachjargon Floating Rate Notes oder kurz Floater.

Statt eines festen Kupons tragen sie eine Formel – etwa Dreimonats-EURIBOR plus einen Aufschlag. Der Zinssatz wird in festen Abständen neu bestimmt, meist vierteljährlich, und gilt dann für den folgenden Zeitraum. Gezahlt wird nachträglich zu festen Terminen.

Ein Beispiel: Eine Anleihe über 25.000 Euro Nennwert, Kurs 99,60 Prozent, verzinst mit Dreimonats-EURIBOR plus 0,35 Prozentpunkten, zahlbar vierteljährlich. Steht der Referenzsatz bei zwei Prozent, liegt der Kupon für das nächste Quartal bei 2,35 Prozent. Sinkt er auf ein Prozent, fällt der Kupon entsprechend auf 1,35 Prozent.

Der Vorteil gegenüber einer festverzinslichen Anleihe zeigt sich bei steigenden Zinsen: Weil der Kupon mitwächst, bleibt der Kurs weitgehend stabil, während klassische Anleihen an Wert verlieren. Der Nachteil spiegelt das – bei fallenden Zinsen sinkt der Ertrag, und der Kursgewinn, den festverzinsliche Papiere dann verbuchen, bleibt aus.

Wo er Sie als Kreditnehmer betrifft

Bei variabel verzinsten Darlehen steht im Vertrag meist eine Formel: EURIBOR plus eine feste Marge. Steigt der Referenzsatz, steigt Ihre Rate – ohne dass die Bank etwas entscheiden müsste.

Prüfen Sie in solchen Verträgen drei Dinge: Welche Laufzeit ist Referenz, wie oft wird angepasst, und gibt es eine Ober- oder Untergrenze? Ein Vertrag mit jährlicher Anpassung reagiert deutlich träger als einer mit monatlicher.

Bei Baufinanzierungen mit fester Zinsbindung spielt der EURIBOR dagegen für Ihre laufende Rate keine Rolle – wohl aber für das Angebot, das Sie bei der Anschlussfinanzierung bekommen.

Fazit

Der EURIBOR ist der Preis, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen – und damit die Grundlage, auf der sie ihre Konditionen für Kunden aufbauen.

Aus Sicht der Marktteilnehmer lohnt ein gelegentlicher Blick darauf mehr als das Verfolgen einzelner Bankangebote. Er zeigt früher als jede Werbung, wohin sich Spar- und Kreditzinsen bewegen – und ob es sich lohnt, einen Abschluss noch etwas aufzuschieben.

Weitere Beiträge zu Aktienindizes, Grundlagen und Steuern finden Sie in unserer Übersicht Finanzwissen.

Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung dar.

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