Value Aktien sind Papiere, die gemessen an Gewinn, Substanz oder Cashflow günstig bewertet erscheinen. Sie bilden das eine der beiden großen Lager der Aktienanlage. Der eine sucht Unternehmen, die unter Wert gehandelt werden. Der andere sucht Unternehmen, die stark wachsen – und zahlt dafür auch mehr. Welcher Ansatz besser läuft, wechselt in Zyklen von Jahren.
Was Value Aktien ausmacht
Der Value-Ansatz geht auf Benjamin Graham zurück und wurde durch Warren Buffett bekannt. Die Idee: Der Markt bewertet Unternehmen zeitweise unter ihrem inneren Wert. Wer solche Papiere findet und geduldig hält, profitiert von der späteren Korrektur. Die Philosophie hinter dem Ansatz beschreibt der Beitrag zum Value Investing.
Typische Merkmale sind ein niedriges KGV, ein niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis und oft eine überdurchschnittliche Dividendenrendite. Man findet solche Werte vor allem in Branchen wie Banken, Versicherungen, Energie, Rohstoffen und klassischer Industrie.
Das Risiko liegt in der Unterscheidung zwischen einem zu Unrecht günstigen Unternehmen und einem zu Recht günstigen. Ein niedriges KGV kann bedeuten, dass der Markt bereits sinkende Gewinne einpreist.
Die Kennzahlen im Überblick
| Kennzahl | Berechnung | Value-Signal |
|---|---|---|
| Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) | Kurs ÷ Gewinn je Aktie | niedrig |
| Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) | Kurs ÷ Buchwert je Aktie | niedrig, teils unter 1 |
| Kurs-Cashflow-Verhältnis (KCV) | Kurs ÷ operativer Cashflow je Aktie | niedrig |
| Dividendenrendite | Dividende ÷ Kurs | hoch |
| Gewinnrendite | Gewinn je Aktie ÷ Kurs | hoch |
Keine dieser Kennzahlen reicht allein aus. Das KBV etwa ist bei Banken aussagekräftig, bei Softwarefirmen kaum, weil deren wichtigste Werte wie Programme, Kundenbeziehungen und Marken oft gar nicht in der Bilanz stehen.
Der Gegenpol: Growth Aktien
Der Growth-Ansatz sucht Unternehmen mit überdurchschnittlichem Umsatz- und Gewinnwachstum. Die aktuelle Bewertung spielt eine untergeordnete Rolle – entscheidend ist, was in fünf oder zehn Jahren verdient wird. Solche Firmen zahlen selten Dividenden, weil sie Gewinne reinvestieren. Amazon ist das Musterbeispiel: seit dem Börsengang 1997 keine Ausschüttung, stattdessen konsequenter Ausbau von Logistik und Cloud-Geschäft.
Das Risiko ist die hohe Bewertung. Wird das erwartete Wachstum nicht geliefert, fallen die Kurse deutlich – weil der Preis die Zukunft bereits vorweggenommen hatte. Ob ein hohes KGV durch das Wachstum gedeckt ist, prüft die PEG Ratio.
Beispiel: zwei Unternehmen im Vergleich
Wie unterschiedlich beide Stile auf dem Papier aussehen, zeigt ein Vergleich zweier fiktiver Unternehmen:
| Kennzahl | Nordal Stahl AG | Quillon Software AG |
|---|---|---|
| Aktienkurs | 23,85 € | 148,60 € |
| Gewinn je Aktie | 3,12 € | 2,47 € |
| Buchwert je Aktie | 36,40 € | 19,30 € |
| Dividende je Aktie | 1,15 € | 0,30 € |
| KGV | 7,6 | 60,2 |
| KBV | 0,66 | 7,70 |
| Dividendenrendite | 4,82 % | 0,20 % |
| Gewinnrendite | 13,1 % | 1,7 % |
Die Nordal-Aktie ist ein klassischer Value-Titel: Der Börsenwert liegt ein Drittel unter dem bilanziellen Eigenkapital, die Gewinnrendite ist hoch. Quillon dagegen wird mit dem Sechzigfachen des Gewinns bewertet. Anleger zahlen dort für erwartetes Wachstum. Welche Aktie das bessere Investment ist, lässt sich aus diesen Zahlen allein nicht ablesen. Schrumpft der Stahlmarkt dauerhaft, kann auch ein KBV von 0,66 zu hoch sein. Wächst Quillon zehn Jahre lang mit hohen Raten, kann das KGV von 60 gerechtfertigt sein.
Wie Indexanbieter Value definieren
Indexanbieter teilen Aktienmärkte nach festen Regeln in Value und Growth auf. Der Anbieter MSCI etwa ordnet Aktien seinen Value-Indizes über drei Größen zu: das Verhältnis von Buchwert zu Kurs, das Verhältnis von erwartetem Gewinn der nächsten zwölf Monate zu Kurs und die Dividendenrendite. Für die Growth-Seite zählen dagegen Wachstumsraten von Gewinn und Umsatz. Faktor-ETFs, die solche Indizes abbilden, ermöglichen eine gezielte Stilausrichtung im Depot.
In der Wissenschaft ist der Value-Effekt seit den Arbeiten von Eugene Fama und Kenneth French Anfang der 1990er Jahre ein fester Begriff. Sie zeigten, dass Aktien mit hohem Buchwert im Verhältnis zum Kurs über lange Zeiträume eine Mehrrendite erzielten. Die zugehörigen Daten veröffentlicht French bis heute frei zugänglich. Sie zeigen allerdings auch lange Durststrecken, etwa in den 2010er Jahren, in denen Growth-Aktien klar vorne lagen.
Der Einfluss der Zinsen
Warum die Zyklen wechseln, lässt sich mit einer einzigen Größe erklären: dem Zinsniveau. Bei niedrigen Zinsen sind weit in der Zukunft liegende Gewinne heute viel wert – Growth läuft. Steigen die Zinsen, werden künftige Gewinne stärker abgezinst, und näher liegende Erträge gewinnen an Bedeutung – Value holt auf. Das erklärt, warum Technologiewerte in Niedrigzinsphasen dominierten und bei der Zinswende überdurchschnittlich verloren.
Was das für Indizes bedeutet
Indizes haben eine eingebaute Stilneigung. Der Nasdaq 100 ist ausgeprägt wachstumslastig, der FTSE 100 mit seinen Rohstoff- und Finanzwerten deutlich value-orientiert. Auch der MSCI World ist durch den hohen US-Technologieanteil wachstumslastiger, als der Name vermuten lässt.
Grenzen und Risiken
- Value-Falle: Eine Aktie ist günstig, weil das Geschäftsmodell schrumpft. Woran man solche Fälle erkennt, zeigt der Beitrag zu günstigen Aktien.
- Bilanzlücken: Immaterielle Werte fehlen oft in der Bilanz. Dadurch erscheinen wissensbasierte Unternehmen teuer und klassische Industriefirmen günstig.
- Branchenballung: Value-Strategien landen häufig in wenigen Sektoren wie Banken und Energie und tragen deren Branchenrisiken.
- Lange Durststrecken: Ein Stil kann über ein Jahrzehnt hinter dem Gesamtmarkt zurückbleiben.
Wie der Buchwert je Aktie und das KBV berechnet werden und wo sie versagen, beschreibt der Beitrag zum Buchwert einer Aktie.
Fazit
Value und Growth sind keine Gegensätze, sondern zwei Wege, dieselbe Frage zu beantworten: Was ist ein Unternehmen wert? Der eine schaut auf das Heute, der andere auf das Morgen. Aus Sicht der Marktteilnehmer ist der Versuch, zwischen beiden Stilen hin und her zu wechseln, für Privatanleger kaum erfolgversprechend – dafür müsste man Zinswenden vorhersehen. Ein breit gestreuter Index enthält ohnehin beides. Nützlich ist das Begriffspaar vor allem zur Selbsteinordnung: Wer weiß, welchen Stil sein Depot hat, versteht besser, warum es in bestimmten Marktphasen so läuft, wie es läuft. Wie sich ein innerer Wert konkret schätzen lässt, zeigt das Verfahren des Discounted Cash Flow.
Fragen und Antworten
Was sind Value Aktien?
Aktien, die im Verhältnis zu Gewinn, Buchwert oder Dividende niedrig bewertet sind. Anleger hoffen, dass der Markt den Abschlag zum inneren Wert später schließt.
Was ist der Unterschied zwischen Value und Growth?
Value setzt auf eine niedrige Bewertung heute, Growth auf hohes Wachstum in der Zukunft. Growth-Aktien haben meist ein deutlich höheres KGV.
Welche Branchen gelten als typisch für Value?
Häufig Banken, Versicherungen, Energie, Rohstoffe, Versorger und klassische Industrie.
Gibt es ETFs auf Value Aktien?
Ja. Faktor-ETFs bilden Value-Indizes großer Indexanbieter ab, die Aktien nach Kennzahlen wie Buchwert, erwartetem Gewinn und Dividende auswählen.
Quellen
- MSCI: Index-Methodik, Global Investable Market Value and Growth Index Methodology
- Kenneth R. French: Data Library (Dartmouth)
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: Oktober 2026.