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Leerverkauf: Wie Wetten auf fallende Kurse funktionieren

von user

Beim Leerverkauf wettet ein Anleger auf fallende Kurse: Er verkauft Aktien, die er gar nicht besitzt, und kauft sie später hoffentlich billiger zurück. Was zunächst widersinnig klingt, ist ein fester Bestandteil der Finanzmärkte – und hat schon mehrere Bilanzskandale aufgedeckt.

Das Wichtigste in Kürze

PrinzipAktien leihen, verkaufen, später zurückkaufen und zurückgeben
GewinnDifferenz zwischen Verkaufs- und Rückkaufkurs
Verlustrisikotheoretisch unbegrenzt, weil Kurse unbegrenzt steigen können
Meldepflichtgrößere Positionen müssen in Deutschland veröffentlicht werden
Ungedeckte Leerverkäufein der EU verboten
Für Privatanlegerdirekt kaum möglich, nur über Hebelprodukte

So funktioniert ein Leerverkauf

Ein Investor hält eine Aktie für überbewertet. Er leiht sie sich gegen Gebühr von einem anderen Marktteilnehmer, häufig von einem Fonds, und verkauft sie sofort an der Börse. Fällt der Kurs, kauft er die Aktie günstiger zurück, gibt sie dem Verleiher zurück und behält die Differenz.

SchrittBeispiel
Aktie leihen100 Stück, Leihgebühr vereinbart
Sofort verkaufenKurs 50 Euro, Erlös 5.000 Euro
Kurs fälltneuer Kurs 35 Euro
ZurückkaufenKosten 3.500 Euro
Zurückgeben und abrechnenGewinn 1.500 Euro abzüglich Leihgebühr

Geht die Rechnung nicht auf, kehrt sich das Bild um: Steigt der Kurs auf 80 Euro, kostet der Rückkauf 8.000 Euro – bei einem Erlös von 5.000 Euro ein Verlust von 3.000 Euro. Anders als beim Aktienkauf ist der Verlust nicht auf den Einsatz begrenzt, weil ein Kurs theoretisch beliebig weit steigen kann.

Gedeckt und ungedeckt

Beim gedeckten Leerverkauf hat sich der Verkäufer die Aktien zuvor geliehen. Beim ungedeckten Leerverkauf verkauft er Papiere, die er weder besitzt noch geliehen hat. Diese Variante ist in der Europäischen Union seit 2012 verboten, weil sie Kursstürze verstärken kann.

In Krisen greifen Aufsichtsbehörden zusätzlich ein. Die BaFin verbot 2019 Wetten auf fallende Kurse bei Wirecard – ein Verbot, das im Nachhinein als Fehlentscheidung gilt, weil die Kritiker recht hatten. Mehr dazu im Beitrag zum Wirecard-Skandal.

Wozu Leerverkäufe gut sind

Preisfindung. Ohne Leerverkäufer gäbe es an der Börse fast nur Optimisten. Wer auf fallende Kurse setzt, sorgt dafür, dass auch negative Informationen in die Kurse einfließen.

Aufdeckung von Betrug. Mehrere große Bilanzskandale wurden von Leerverkäufern öffentlich gemacht, die zuvor monatelang recherchiert hatten. Auch beim Rüstungskonzern CSG sorgte ein Leerverkäufer 2026 mit Vorwürfen für Aufsehen.

Absicherung. Fonds nutzen Leerverkäufe, um ein Depot gegen fallende Märkte abzusichern, statt Aktien zu verkaufen.

Die Kritik

Leerverkäufer haben keinen guten Ruf. Vorgeworfen wird ihnen, Kursstürze zu verstärken und mit Studien gezielt Stimmung gegen Unternehmen zu machen, um von deren Absturz zu profitieren. Tatsächlich gibt es Fälle, in denen Vorwürfe übertrieben oder falsch waren.

Umgekehrt zeigen Untersuchungen, dass Märkte mit Leerverkäufen effizienter sind und Verbote die Kurse kaum stützen, aber den Handel verteuern. Die Wahrheit liegt dazwischen: Leerverkäufer sind unbequem, aber nützlich.

Was ein Leerverkauf kostet

Der Gewinn aus der Kursdifferenz ist nur die halbe Rechnung. Hinzu kommen Kosten, die eine Wette schnell unattraktiv machen.

KostenartErläuterung
Leihgebührjährlicher Prozentsatz auf den Wert der geliehenen Aktien, bei gefragten Titeln zweistellig
Dividendenausgleichfällt während der Leihe eine Dividende an, muss der Leerverkäufer sie dem Verleiher erstatten
Sicherheitsleistungder Broker verlangt Kapital als Sicherheit, das gebunden bleibt
Nachschusspflichtsteigt der Kurs, muss zusätzliche Sicherheit gestellt werden

Gerade die Nachschusspflicht ist gefährlich: Wer nicht zahlen kann, dessen Position wird zwangsweise geschlossen – oft genau dann, wenn der Kurs am höchsten steht. Zeit arbeitet beim Leerverkauf gegen den Anleger, weil Aktienmärkte langfristig eher steigen.

Leerverkaufsverbote in der Geschichte

In Krisen greifen Aufseher regelmäßig ein. 2008 verboten mehrere Länder Wetten gegen Bankaktien, um den Absturz zu bremsen. Im Frühjahr 2020 folgten während des Corona-Crashs zeitweise Verbote in Italien, Spanien und Frankreich.

Untersuchungen im Nachhinein zeigten ein einheitliches Bild: Die Kurse fielen trotzdem, die Handelskosten stiegen, und die Spannen zwischen Kauf- und Verkaufskurs wurden breiter. Verbote beruhigen die Politik mehr als die Märkte.

Der Short Squeeze

Wenn viele Leerverkäufer gleichzeitig auf eine Aktie setzen und der Kurs plötzlich steigt, müssen sie zurückkaufen, um Verluste zu begrenzen. Diese Rückkäufe treiben den Kurs weiter – ein Short Squeeze.

Das bekannteste Beispiel ist die Aktie der amerikanischen Spielehändlerkette GameStop im Januar 2021. Privatanleger verabredeten sich in sozialen Netzwerken, kauften massiv und zwangen große Fonds zu Rückkäufen. Der Kurs vervielfachte sich binnen Tagen, einzelne Hedgefonds verloren Milliarden.

Was Privatanleger wissen sollten

Direkte Leerverkäufe sind kaum möglich. Deutsche Broker bieten sie Privatkunden in der Regel nicht an. Wer auf fallende Kurse setzen will, nutzt Hebelprodukte wie Optionsscheine oder Knock-outs – mit hohem Risiko bis zum Totalverlust.

Leerverkaufsdaten sind öffentlich. Netto-Leerverkaufspositionen über 0,5 Prozent des Kapitals müssen im Bundesanzeiger gemeldet werden. Eine ungewöhnlich hohe Quote ist ein Hinweis, dass professionelle Investoren mit Problemen rechnen – ein Grund, genauer hinzusehen, bevor man kauft.

Wer Aktien verleiht, sollte es wissen. Manche Broker verleihen Aktien aus Kundendepots gegen eine Beteiligung an den Erträgen. Das bringt etwas Rendite, bedeutet aber ein zusätzliches Risiko, falls der Entleiher ausfällt.

Häufige Fragen

Sind Leerverkäufe in Deutschland erlaubt?

Gedeckte Leerverkäufe ja, ungedeckte sind in der EU verboten. In Ausnahmefällen kann die Aufsicht zeitweise weitere Verbote verhängen.

Wie erkenne ich, ob eine Aktie stark leerverkauft ist?

Über die Meldungen im Bundesanzeiger und über Auswertungen von Finanzportalen, die diese Daten zusammenfassen.

Kann ich als Privatanleger leerverkaufen?

In der Regel nicht direkt. Möglich sind Hebelprodukte, die auf fallende Kurse setzen – sie sind riskant und für den langfristigen Vermögensaufbau ungeeignet.

Was ist der Unterschied zwischen Leerverkauf und Put-Option?

Beim Leerverkauf verkauft man geliehene Aktien und trägt ein theoretisch unbegrenztes Risiko. Eine Put-Option gibt das Recht, zu einem festen Preis zu verkaufen; der Verlust ist auf den gezahlten Preis der Option begrenzt.

Fazit

Leerverkäufe sind kein Schmuddelgeschäft, sondern ein Korrektiv: Sie bringen Zweifel in Kurse, die sonst nur von Optimismus getragen wären. Für Privatanleger sind sie als Anlagestrategie ungeeignet, als Informationsquelle aber wertvoll.

Aus Sicht der Marktteilnehmer lohnt vor allem ein Blick auf hohe Leerverkaufsquoten. Sie ersetzen keine eigene Analyse, zeigen aber, wo professionelle Investoren ein Problem vermuten. Wie sich solche Vermutungen bestätigen können, zeigen die Beiträge zum Wirecard-Skandal und zu P&R Container.

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Stand: September 2026. Angaben vereinfacht dargestellt, ohne Gewähr. Dieser Beitrag stellt keine Anlage- oder Steuerberatung dar.

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