SGL Carbon Aktie: Der Graphit- und Verbundwerkstoff-Hersteller im Portrait
SGL Carbon stellt Komponenten und Werkstoffe auf Kohlenstoffbasis her: synthetische und Spezialgraphite, expandierten und feinkörnigen Graphit sowie Faser- und Verbundmaterialien. Produziert wird an 29 Standorten in Europa, Nordamerika, China und Japan; zum 30.06.2026 beschäftigte das Unternehmen 3.478 Menschen – knapp 21 Prozent weniger als 18 Monate zuvor.
Die Zahlen des Jahres 2026 lassen sich nur sauber lesen, wenn man eine Position isoliert: 28,7 Millionen Euro Ausgleichszahlungen von Halbleiterkunden, die im Halbjahr direkt in den Umsatzerlösen stehen. SGL sagt selbst, dass der Umsatz des Segments Graphite Solutions ohne diese Zahlungen unter dem Vorjahr gelegen hätte.
Dieses Portrait fasst zusammen, was SGL Carbon selbst veröffentlicht: Geschäftsmodell und die zum Jahresbeginn 2026 neu geschnittenen Segmente, die Halbjahreszahlen, die am 06.10.2026 angehobene Prognose, warum eine Dividende rechtlich nicht möglich ist und die Risiken aus den eigenen Berichten.
Unternehmensprofil
| Firmenname | SGL Carbon SE |
| Sitz | Söhnleinstraße 8, 65201 Wiesbaden – die Hauptversammlung 2026 hat die Verlegung nach Meitingen in Bayern beschlossen, Eintragung nach dem 01.01.2027 |
| Rechtsform | Europäische Aktiengesellschaft (SE), vormals SGL Carbon AG |
| Handelsregister | HRB 23960, Amtsgericht Wiesbaden |
| Branche | Spezialgraphit und Verbundwerkstoffe |
| Segmente (seit 01.01.2026) | Graphite Solutions, Process Technology, Fiber Composites (aus Carbon Fibers und Composite Solutions zusammengelegt), dazu Corporate |
| Mitarbeiter | 3.478 zum 30.06.2026 (31.12.2025: 3.635; 31.12.2024: 4.394) an 29 Produktionsstandorten |
| Vorstand | Andreas Klein (CEO, seit 01.01.2025), Thomas Dippold (CFO), Dr. Stephan Bühler |
| Aufsichtsratsvorsitz | Prof. Dr. Frank Richter, zugleich Geschäftsführer der SKion GmbH |
| ISIN | DE0007235301 |
| WKN | 723530 |
| Ticker | SGL |
| Index | SDAX; Handel an Xetra sowie in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart |
| Grundkapital | 313.194.183,68 Euro |
| Aktienzahl | 122.341.478 nennwertlose Stückaktien (2,56 Euro je Aktie), davon 70.501 eigene Aktien |
| Großaktionäre | SKion GmbH 27,46 Prozent (nach Unternehmensfußnote rund 28,5 Prozent); BMW AG 18,44 Prozent; Volkswagen AG 7,41 Prozent |
| Streubesitz | rund 46 Prozent nach Definition der Deutschen Börse |
| Marktkapitalisierung | 382,0 Mio. Euro zum Jahresende 2025 bei einem Schlusskurs von 3,13 Euro |
| Geschäftsjahr | Kalenderjahr |
| Website | sglcarbon.com |
Kursverlauf
Der Chart zeigt den Wochenverlauf der fünf Jahre. Kursdaten über TradingView.
Das Geschäftsmodell
SGL Carbon verkauft Komponenten und Werkstoffe auf Kohlenstoffbasis an Industriekunden. Die Erlöse entstehen über den Komponentenverkauf, über Anlagen- und Apparatebau im Segment Process Technology und – neu und erheblich – über Ausgleichszahlungen aus Abnahmeverpflichtungen.
Zum 01.01.2026 wurden die Segmente neu geschnitten: Carbon Fibers und Composite Solutions sind zu Fiber Composites verschmolzen, daneben bestehen Graphite Solutions und Process Technology sowie Corporate.
Die Halbjahreszahlen 2026 nach Segmenten: Graphite Solutions 234,1 Millionen Euro Umsatz (Vorjahr 221,0) bei einem bereinigten EBITDA von 46,6 Millionen Euro und 19,9 Prozent Marge. Process Technology 50,4 Millionen Euro (70,2) bei 7,3 Millionen Euro und einer von 28,3 auf 14,5 Prozent halbierten Marge. Fiber Composites 99,4 Millionen Euro (152,6) bei 18,9 Millionen Euro und 19,0 Prozent Marge nach 6,9 Prozent – das Segment-EBIT drehte von −40,2 auf +11,8 Millionen Euro.
Nach Endmärkten sah das erste Halbjahr 2026 so aus: Industrial Applications 100,9 Millionen Euro (Vorjahr 130,4), Semiconductor 93,2 Millionen Euro (78,4), Mobility 89,2 Millionen Euro (116,5), Chemicals 64,0 Millionen Euro (83,4) und Energy 36,6 Millionen Euro (35,1). Industrial Applications ist damit der größte, Semiconductor der einzige wachsende Endmarkt – und in dessen Zuwachs stecken die Ausgleichszahlungen.
Als Kundenbranchen nennt der Geschäftsbericht 2025 ausdrücklich Halbleiter, Automobil und Chemie. 70 Prozent des Umsatzes 2025 wurden außerhalb Deutschlands erzielt, 30 Prozent in Deutschland. Als Fokusmärkte nennt SGL Mobilität einschließlich Elektromobilität und Brennstoffzellenfahrzeugen, erneuerbare Energien und Halbleiter. Eine detaillierte Umsatzaufteilung nach Regionen und eine Quote wiederkehrender Umsätze veröffentlicht das Unternehmen nicht. Auftragseingang und Auftragsbestand werden ebenfalls nicht berichtet – der Bericht beschreibt lediglich qualitativ eine „cautious customer order placement and short order intakes“.
Die zuletzt gemeldeten Zahlen
Letzte vollständig berichtete Periode ist das erste Halbjahr 2026, veröffentlicht am 06.08.2026. Alle Werte in Millionen Euro, sofern nicht anders angegeben. SGL steuert auf das „EBITDA pre“, also das um Einmaleffekte bereinigte EBITDA; ein berichtetes EBITDA nach Einmaleffekten weist das Unternehmen nicht aus.
| Kennzahl | H1 2026 (Mio. Euro) | H1 2025 (Mio. Euro) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Umsatz | 394,2 | 453,2 | −13,0 % (währungsbereinigt −11,0 %) |
| EBITDA pre | 69,8 | 72,5 | −3,7 % |
| EBITDA-pre-Marge | 17,7 % | 16,0 % | +1,7 Pp |
| EBIT pre | 45,6 | 46,7 | −2,4 % |
| EBIT (berichtet) | 40,5 | −3,2 | – |
| Finanzergebnis | −18,3 | −13,5 | −35,6 % |
| Konzernergebnis (Anteil Aktionäre) | 11,8 | −31,4 | – |
| Ergebnis je Aktie | 0,10 Euro | −0,26 Euro | – |
| Operativer Cashflow | 51,4 | 24,3 | +111,5 % |
| Free Cashflow | 31,4 | 7,3 | – |
| Investitionen | 19,6 | 26,3 | −25,5 % |
| Restrukturierungsaufwand | 3,9 | 47,0 | −91,7 % |
| Nettofinanzschulden | 79,3 | 98,9* | −19,8 % |
| Eigenkapital (Anteil Aktionäre) | 472,7 | 457,2* | +3,4 % |
| Eigenkapitalquote | 39,7 % | 39,2 %* | +0,5 Pp |
| Mitarbeiter | 3.478 | 3.635* | −4,3 % |
* Bilanz- und Mitarbeiterwerte sind gegen den 31.12.2025 verglichen. Der zentrale Punkt zur Qualität dieser Zahlen: In den Umsatzerlösen des Segments Graphite Solutions stecken 28,7 Mio. Euro Ausgleichszahlungen – 7,7 Mio. Euro im ersten und 21,0 Mio. Euro im zweiten Quartal. Gegenpartei sind Halbleiterkunden, Grundlage sind Änderungen bestehender Verträge. Die Zahlungen gleichen vertraglich zugesagte Abnahmeverpflichtungen aus; SGL hat die Kunden beim Abbau ihrer Lagerbestände unterstützt, damit die Geschäftsbeziehung über die ursprüngliche Vertragslaufzeit hinaus fortgeführt werden kann. Der Halbleiteranteil am Segmentumsatz stieg dadurch von 35,5 auf 39,8 Prozent, und nach eigener Angabe hätte der Segmentumsatz ohne diese Zahlungen unter dem Vorjahresniveau gelegen. Bemerkenswert: Das Unternehmen bezeichnet die Zahlungen nicht als Einmaleffekt – es weist die Einmaleffekte des Segments mit lediglich −0,9 Mio. Euro aus. Die Einmaleffekte des Konzerns summierten sich auf −5,1 Mio. Euro (Restrukturierung 3,9, sonstige 0,9, Kaufpreisallokation 0,3). Zum Vergleich das Geschäftsjahr 2025: Umsatz 850,2 Mio. Euro (−17,2 Prozent), EBITDA pre 135,0 Mio. Euro (−17,1 Prozent), EBIT −11,2 Mio. Euro, Konzernergebnis −79,2 Mio. Euro, Ergebnis je Aktie −0,65 Euro, Free Cashflow 37,0 Mio. Euro, Investitionen 53,6 Mio. Euro (−44,9 Prozent), Nettofinanzschulden 98,9 Mio. Euro. Vorläufige Neunmonatszahlen (Ad-hoc vom 06.10.2026): Umsatz rund 595 Mio. Euro nach 652,9 Mio. Euro, EBITDA pre rund 106 Mio. Euro nach 108,6 Mio. Euro. Hinweis zur Quelle: Der Zwischenbericht enthält mehrere Abweichungen zwischen Kennzahlentabelle und Gewinn- und Verlustrechnung, unter anderem bei Umsatzkosten und Bruttoergebnis, und formuliert den Rückgang der Nettofinanzschulden als „by 79,3 Mio. Euro“, obwohl das der Bestand und nicht die Veränderung von 19,6 Mio. Euro ist.
Prognose für das laufende Geschäftsjahr
Die Prognose für 2026 wurde mit dem Geschäftsbericht 2025 abgegeben: Konzernumsatz von 720 bis 770 Millionen Euro und bereinigtes EBITDA von 110 bis 130 Millionen Euro. Am 07.05.2026 und am 06.08.2026 wurde sie jeweils unverändert bestätigt, ergänzt um einen Free Cashflow auf Vorjahresniveau und einen ROCE von 9 bis 10 Prozent.
Am 06.10.2026 folgte per Ad-hoc-Mitteilung die Anhebung. Im Wortlaut: SGL „is raising its EBITDApre forecast for 2026 to €130 to €140 million“. Beim Umsatz erwartet das Unternehmen nun das obere Ende der Spanne von 720 bis 770 Millionen Euro. Begründet wird das mit dem bisherigen Geschäftsverlauf, „particularly in the third quarter of 2026“, und weiterhin positiven Erwartungen für die restlichen Monate. Die aktualisierte Prognose unterstellt keine Verschlechterung der konjunkturellen Lage; die Mittelfristplanung bleibt nach eigener Angabe unberührt.
Die offene Frage dazu beantwortet die Ad-hoc nicht: Wie viel der angehobenen Prognose stammt aus Vertragsanpassungen wie den Ausgleichszahlungen und wie viel aus laufendem Geschäft? Der Neunmonatsbericht am 05.11.2026 könnte darauf Antwort geben.
Mittelfristig nennt der Aktionärsbrief 2025 das Ziel, „become a billion-dollar sales company again by 2030“ – auf Grundlage der Strategie „SGL Growth 2030“, von der erste signifikante Beiträge ab 2027 erwartet werden. Ein Hinweis zur Einordnung: Die Formulierung „billion-dollar“ steht in einem Bericht, der in Euro bilanziert – die Währungsbasis des Ziels bleibt damit offen.
An weiteren Zielen nennt SGL eine Reduktion der CO2-Emissionen in Scope 1 und 2 von 393 Kilotonnen im Jahr 2019 auf 168 Kilotonnen im Jahr 2025, die das Unternehmen als erreicht bezeichnet.
Dividende
SGL Carbon zahlt keine Dividende – und das ist keine Entscheidung des Vorstands, sondern eine bilanzielle Tatsache.
Der HGB-Jahresabschluss der SGL Carbon SE für 2025 weist einen Jahresfehlbetrag von 409,2 Millionen Euro, einen Verlustvortrag von 711,5 Millionen Euro und damit einen Bilanzverlust von 1.120,7 Millionen Euro aus. Bis dieser Bilanzverlust abgebaut ist, ist eine Ausschüttung rechtlich nicht möglich – unabhängig davon, ob der Konzern Gewinn erzielt.
Entsprechend musste für das Geschäftsjahr 2025 kein Gewinnverwendungsvorschlag geprüft werden. Der Aufsichtsratsbericht formuliert, dass deshalb „no proposal by the Board of Management on the appropriation of profit had to be reviewed“. Die Einladung zur Hauptversammlung am 20.05.2026 enthält keinen Tagesordnungspunkt zur Gewinnverwendung. Die Kennzahlentabelle der IR-Aktienseite zeigt für die Dividende je Aktie in den meisten Jahren einen Strich.
Eine Ausschüttungspolitik veröffentlicht SGL Carbon nicht. Der freie Cashflow – 37,0 Millionen Euro im Jahr 2025 und 31,4 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2026 – fließt nach den Berichtsangaben in Schuldenabbau und Investitionen. Die Nettofinanzschulden sanken von 108,2 Millionen Euro Ende 2024 über 98,9 Millionen Euro Ende 2025 auf 79,3 Millionen Euro zum 30.06.2026.
Ein laufendes Aktienrückkaufprogramm gibt es nicht. Die Hauptversammlung am 20.05.2026 hat allerdings eine neue Ermächtigung zum Erwerb eigener Aktien von bis zu 10 Prozent des Grundkapitals mit Laufzeit bis zum 19.05.2031 beschlossen. Der Bestand eigener Aktien beträgt 70.501 Stück; ein konkretes Rückkaufvolumen wurde nicht angekündigt.
Für Anleger ebenso relevant sind die weiteren Kapitalvollmachten derselben Hauptversammlung: ein neues Genehmigtes Kapital 2026 über 125.276.160,00 Euro – rund 40 Prozent des Grundkapitals – sowie eine Ermächtigung für Wandel- und Optionsschuldverschreibungen über bis zu 200.000.000,00 Euro mit einem Bedingten Kapital über 31.319.040,00 Euro, entsprechend bis zu 12.234.000 neuen Aktien, jeweils bis zum 19.05.2031. Die SKion GmbH hält nominal 25 Millionen Euro der Wandelanleihe 2023/2028.
Was das Geschäft antreibt
- Halbleiter als einziger wachsender Endmarkt. Der Umsatz im Marktsegment Semiconductor stieg im ersten Halbjahr 2026 auf 93,2 Millionen Euro nach 78,4 Millionen Euro – wobei darin 28,7 Millionen Euro Ausgleichszahlungen von Halbleiterkunden enthalten sind.
- Margenhebel aus dem abgeschlossenen Umbau. Die EBITDA-pre-Marge stieg auf 17,7 Prozent nach 16,0 Prozent, obwohl der Umsatz um 13,0 Prozent fiel. Der Restrukturierungsaufwand sank von 47,0 auf 3,9 Millionen Euro, und Fiber Composites drehte vom Segment-EBIT von −40,2 auf +11,8 Millionen Euro.
- Entschuldung. Nettofinanzschulden von 108,2 Millionen Euro Ende 2024 auf 79,3 Millionen Euro zum 30.06.2026; der Free Cashflow vervierfachte sich im Halbjahresvergleich auf 31,4 Millionen Euro.
- Kapazitätsausbau in Nischen. Angekündigt wurden am 03.08.2026 eine Kapazitätserweiterung für nukleartauglichen Graphit mit X-energy und am 13.10.2026 die Kapazitätserweiterung am Standort St. Marys. Im Marktsegment Energy erwartet SGL „significant nuclear-industry sales“ allerdings erst gegen Ende des zweiten Halbjahres 2026.
- Energiepreisabsicherung. Das Energiepreisrisiko schätzt das Unternehmen selbst als „low“ ein, „due to extensive energy hedging“ – für einen energieintensiven Hersteller ein relevanter Vorteil.
- Verkleinerte Kostenbasis. Die Mitarbeiterzahl sank von 4.394 Ende 2024 über 3.635 Ende 2025 auf 3.478 zum 30.06.2026, also um knapp 21 Prozent in 18 Monaten.
- Gegenläufig: Process Technology. Das bis 2025 margenstärkste Segment verlor 28,2 Prozent Umsatz, und seine EBITDA-pre-Marge halbierte sich von 28,3 auf 14,5 Prozent. SGL begründet das damit, dass Chemiekunden zurückhaltend ordern, weil Energiepreise, Arbeitskosten und Regulierung Investitionen verschieben.
Welche Risiken das Unternehmen selbst nennt
- Quellenlage. Der vollständige Chancen- und Risikobericht steht im zusammengefassten Lagebericht des Geschäftsberichts 2025 und war maschinell nicht erreichbar. Belegbar sind die Risikoaussagen der Zwischenberichte 2026 sowie die Bewertungsmethodik der Nachhaltigkeitserklärung.
- Rohstoffrisiko – „significant“. Das ist die höchste Einstufung, die SGL in den Zwischenberichten vergibt, begründet mit Preis- und Verfügbarkeitsrisiken. Die Quartalsmitteilung zum ersten Quartal 2026 formuliert konkret: „a prolonged disruption to shipping through the Strait of Hormuz, a key trade route, could affect the availability of raw materials and fossil fuels or cause their prices to rise“ – und: „The commodity risk therefore remains significant.“
- Energiepreisrisiko – „low“. Wörtlich: „Due to our extensive energy hedging, we currently consider the energy price risk to be low.“ Sollte der Nahost-Konflikt eskalieren oder deutlich länger andauern, könnte das Risiko der Rohstoff- und Energieverfügbarkeit sowie möglicher Preissteigerungen nach eigener Angabe aber steigen.
- Geopolitische Spannungen. Globale Unsicherheit kann nach Unternehmensangabe Lieferketten, Rohstoffmärkte und Energieversorgung treffen, einschließlich Störungen von Handels- und Transportwegen.
- Gesamtaussage. Zum Stichtag wurden keine neuen wesentlichen Risiken identifiziert, und die Bedeutung der bestehenden Risiken hat sich gegenüber dem Geschäftsbericht 2025 nicht wesentlich verändert. Die Quartalsmitteilung formuliert: „we do not believe that there are any significant individual risks, either at present or in the foreseeable future, that could jeopardize the company’s continued existence.“
- Eigene Bewertungsskala (Nachhaltigkeitserklärung 2025). Die finanzielle Auswirkung wird auf einer Skala von 1 bis 5 bewertet, die Eintrittswahrscheinlichkeit auf einer Skala von 1 bis 4, gewichtet mit einem Faktor von 0,65 bis 1. Finanzielle Risiken und Chancen mit einem Score von 2,5 – aufgerundet 3 – oder höher gelten als wesentlich. Auswirkungen werden nach Ausmaß, Umfang und Unabänderlichkeit mit je 0 bis 5 bewertet; ein Score von 8 oder höher gilt als wesentlich. Diese Skala betrifft allerdings die Nachhaltigkeitsberichterstattung; für die konzernweite Risikoklassifizierung verweist die Erklärung auf den nicht erreichbaren Lagebericht.
- Wesentliche Nachhaltigkeitsrisiken. Genannt werden physische Klimarisiken durch Wind-, Wasser- und Hitzeereignisse an globalen Produktionsstandorten sowie klimabezogene Regulierung mit steigenden Kosten, etwa durch CO2-Bepreisung.
- Eventualverbindlichkeiten. Der HGB-Jahresabschluss der SE 2025 weist Garantien und Bürgschaften für Tochtergesellschaften über 83,3 Millionen Euro und Bankgarantien über 30,4 Millionen Euro aus; das Inanspruchnahmerisiko wird als gering eingeschätzt.
- Wettbewerbsumfeld. Überkapazitäten in Asien belasten nach Unternehmensangabe Preis- und Margenentwicklung im Chemiesektor.
Wettbewerb
SGL Carbon veröffentlicht in den ausgewerteten Primärquellen keine namentlichen Wettbewerber und keine Marktanteile. Weder der Zwischenbericht zum ersten Halbjahr 2026 noch die Quartalsmitteilung zum ersten Quartal nennen Wettbewerber oder erheben Marktanteilsansprüche; der Geschäftsbericht 2025 verweist in den auswertbaren Teilen nur allgemein auf eine „competitive analysis“ und „comparable companies“, ohne Namen.
Zum Wettbewerbsumfeld selbst nennt das Unternehmen Überkapazitäten in Asien, die Preis- und Margenentwicklung im Chemiesektor belasten. Der Standardhinweis zu zukunftsbezogenen Aussagen führt „competitive products and pricing“ als Risikofaktor auf.
Zur Selbstpositionierung bezeichnet sich SGL Carbon auf der Unternehmensseite als „the leading manufacturer of specialty graphites and composites“, im Karrierebereich als „the world’s leading manufacturer of carbon products and materials“ und im Über-uns-Text als „manufacturer, development partner, and driver of smart solutions in specialty graphites and composites“.
Belegende Marktanteilszahlen zu diesen Führungsansprüchen nennt das Unternehmen nicht. Innerhalb des Konzerns beschreibt SGL Graphite Solutions als wichtigsten Ergebnisträger und Industrial Applications als größtes Marktsegment.
Termine
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 22.10.2026 | ODDO BHF Autumn Round Table, Frankfurt |
| 05.11.2026 | Mitteilung zum Verlauf der ersten neun Monate 2026, dazu Conference Call für Analysten und Investoren |
| 20.05.2027 | Hauptversammlung 2027 (voraussichtlich) |
Fazit
Die Zahlen von SGL Carbon im Jahr 2026 lassen sich nur sauber lesen, wenn man eine Position isoliert: die 28,7 Millionen Euro Ausgleichszahlungen von Halbleiterkunden, die im Halbjahr direkt in den Umsatzerlösen von Graphite Solutions stehen. Das Unternehmen sagt selbst, dass der Segmentumsatz ohne diese Zahlungen unter dem Vorjahr gelegen hätte – und weist die Einmaleffekte des Segments im gleichen Bericht trotzdem nur mit −0,9 Millionen Euro aus. Bereinigt um diese Zahlungen wäre der Konzernumsatz nicht um 13,0, sondern um rund 19 Prozent gefallen, und das EBITDA pre von 69,8 Millionen Euro würde sich erheblich reduzieren. Wie viel der am 06.10.2026 angehobenen Jahresprognose von 130 bis 140 Millionen Euro aus solchen Vertragsanpassungen stammt und wie viel aus laufendem Geschäft, beantwortet die Ad-hoc nicht.
Gleichzeitig ist die operative Sanierung messbar vorangekommen. Fiber Composites, 2025 noch mit 47,0 Millionen Euro Restrukturierungsaufwand und −40,2 Millionen Euro Segment-EBIT, liefert im ersten Halbjahr 2026 ein EBIT von +11,8 Millionen Euro bei einer EBITDA-pre-Marge von 19,0 Prozent. Die Mitarbeiterzahl sank in 18 Monaten um knapp 21 Prozent, die Nettofinanzschulden von 108,2 auf 79,3 Millionen Euro, und der Free Cashflow vervierfachte sich im Halbjahresvergleich. Der Konzern hat 2025 noch 79,2 Millionen Euro Verlust ausgewiesen und schreibt im ersten Halbjahr 2026 wieder 11,8 Millionen Euro Gewinn.
Die Schwachstelle liegt derzeit nicht in der Faser-, sondern in der Anlagensparte. Process Technology verlor 28,2 Prozent Umsatz, und seine EBITDA-pre-Marge halbierte sich von 28,3 auf 14,5 Prozent – das war bis 2025 das margenstärkste Segment mit 24,3 Prozent Jahresmarge. Die Begründung des Unternehmens ist zyklisch: Chemiekunden verschieben Investitionen wegen Energiepreisen, Arbeitskosten und Regulierung, und asiatische Überkapazitäten drücken die Preise. Ist das ein Investitionszyklus, der zurückkommt, oder eine strukturelle Verschiebung der europäischen Chemieinvestitionen? Dazu äußert sich SGL nicht.
Kapitalseitig ist die Lage zweischneidig. Der Bilanzverlust der SGL Carbon SE von 1,12 Milliarden Euro macht eine Dividende auf absehbare Zeit rechtlich unmöglich. Zugleich hat sich die Hauptversammlung am 20.05.2026 breite Kapitalvollmachten geben lassen: Genehmigtes Kapital über 125,3 Millionen Euro, also rund 40 Prozent des Grundkapitals, Wandelanleihen bis 200 Millionen Euro mit Bedingtem Kapital für bis zu 12,2 Millionen neue Aktien sowie eine Rückkaufermächtigung über 10 Prozent bis 2031. Dienen diese Vollmachten der Refinanzierung der Wandelanleihe 2023/2028 – von der SKion nominal 25 Millionen Euro hält – oder der Finanzierung der Wachstumsstrategie? Die Hauptversammlungsunterlagen begründen das nicht in dieser Richtung.
Schließlich die Governance- und Standortfrage. Der Aufsichtsratsvorsitzende Prof. Dr. Frank Richter ist zugleich Geschäftsführer der SKion GmbH, des größten Aktionärs mit 27,46 Prozent; BMW hält 18,44 Prozent, Volkswagen 7,41 Prozent, der Streubesitz rund 46 Prozent. Zusammen mit dem Beschluss zur Sitzverlegung von Wiesbaden nach Meitingen ab 2027 ergibt das das Bild eines Unternehmens, das sich auch organisatorisch an seinem Produktionsschwerpunkt neu ausrichtet. Die Marktkapitalisierung lag Ende 2025 bei 382,0 Millionen Euro – weniger als das den Aktionären zurechenbare Eigenkapital von 457,2 Millionen Euro zum selben Stichtag.
Fragen und Antworten
Was macht SGL Carbon?
SGL Carbon stellt Komponenten und Werkstoffe auf Kohlenstoffbasis her: synthetische und Spezialgraphite, expandierten und feinkörnigen Graphit sowie Faser- und Verbundmaterialien. Kundenbranchen sind vor allem Halbleiter, Automobil und Chemie. Seit dem 01.01.2026 berichtet das Unternehmen in drei Segmenten: Graphite Solutions, Process Technology und Fiber Composites.
In welchem Index ist die SGL Carbon Aktie?
SGL Carbon ist SDAX-Mitglied. Gehandelt wird die Aktie an Xetra sowie in Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, München und Stuttgart.
Zahlt SGL Carbon eine Dividende?
Nein – und das ist keine Entscheidung des Vorstands, sondern eine bilanzielle Tatsache. Der HGB-Jahresabschluss der SGL Carbon SE weist für 2025 einen Bilanzverlust von 1.120,7 Millionen Euro aus. Bis dieser abgebaut ist, ist eine Ausschüttung rechtlich nicht möglich, unabhängig vom Konzernergebnis.
Was sind die Ausgleichszahlungen in den Umsatzerlösen?
Im ersten Halbjahr 2026 stecken 28,7 Millionen Euro Ausgleichszahlungen von Halbleiterkunden in den Umsatzerlösen des Segments Graphite Solutions. Grundlage sind Änderungen bestehender Verträge: Die Zahlungen gleichen vertraglich zugesagte Abnahmeverpflichtungen aus, nachdem SGL die Kunden beim Abbau ihrer Lagerbestände unterstützt hat. Ohne diese Zahlungen hätte der Segmentumsatz nach eigener Angabe unter dem Vorjahr gelegen.
Warum hat SGL Carbon die Prognose angehoben?
Am 06.10.2026 hob das Unternehmen die Prognose für das bereinigte EBITDA von 110 bis 130 auf 130 bis 140 Millionen Euro an und erwartet beim Umsatz nun das obere Ende der Spanne von 720 bis 770 Millionen Euro. Begründet wird das mit dem Geschäftsverlauf, „particularly in the third quarter of 2026“, und weiterhin positiven Erwartungen für die restlichen Monate.
Wer sind die größten Aktionäre von SGL Carbon?
Die SKion GmbH mit 27,46 Prozent – nach einer Unternehmensfußnote rund 28,5 Prozent –, die BMW AG mit 18,44 Prozent und die Volkswagen AG mit 7,41 Prozent. Der Streubesitz beträgt rund 46 Prozent. Der Aufsichtsratsvorsitzende Prof. Dr. Frank Richter ist zugleich Geschäftsführer der SKion GmbH.
Zieht SGL Carbon von Wiesbaden weg?
Ja. Die Hauptversammlung am 20.05.2026 hat die Verlegung des Sitzes von Wiesbaden nach Meitingen in Bayern beschlossen. Die Satzungsänderung soll nach dem 01.01.2027 eingetragen werden.
Welches Segment ist bei SGL Carbon am wichtigsten?
Graphite Solutions. Es erzielte im ersten Halbjahr 2026 mit 234,1 Millionen Euro Umsatz mehr als die beiden anderen Segmente zusammen und ein bereinigtes EBITDA von 46,6 Millionen Euro bei 19,9 Prozent Marge. Allerdings stecken darin 28,7 Millionen Euro Ausgleichszahlungen von Halbleiterkunden.
Quellen
- SGL Carbon SE, Zwischenbericht H1 2026 (veröffentlicht 06.08.2026)
- SGL Carbon SE, Quartalsmitteilung Q1 2026 (07.05.2026)
- SGL Carbon SE, Geschäftsbericht 2025 inklusive Nachhaltigkeitserklärung
- SGL Carbon SE, HGB-Jahresabschluss der SE 2025
- SGL Carbon SE, Ad-hoc-Mitteilung vom 06.10.2026 zur Prognoseanhebung
- SGL Carbon SE, Einladung und Beschlüsse der Hauptversammlung vom 20.05.2026
- SGL Carbon SE, Investor Relations: Die Aktie, Termine; Unternehmensseite
- Deutsche Börse, Konstituentendaten SDAX
Stand der Daten: 14. Oktober 2026. Dieser Beitrag ist eine Einordnung öffentlich verfügbarer Unternehmensangaben und keine Anlageempfehlung.