Hebel-ETF: Was die SEC genehmigt hat und warum dreifach nicht dreifach ist

Startseite Hebel-ETF: Was die SEC genehmigt hat und warum dreifach nicht dreifach ist
Brecheisen auf einem dunklen Schreibtisch vor einem Laptop mit steigender und fallender Kurve

Hebel-ETF: Was die SEC genehmigt hat und warum dreifach nicht dreifach ist

Die US-Börsenaufsicht SEC hat am 2. Oktober 2026 den Weg für sechs dreifach gehebelte Fonds freigemacht: auf Bitcoin, Ether, Gold, Silber, Rohöl und Erdgas. Gehandelt wird noch nicht. Und für Anleger in Deutschland ändert sich zunächst gar nichts – was die Nachricht trotzdem zum Anlass macht, sich die Mechanik solcher Produkte anzusehen. Denn der Hebel wirkt anders, als die meisten erwarten.

Was die SEC entschieden hat

Die Entscheidung ist eine Genehmigung einer Börsenregel, keine Zulassung einzelner Fonds. Die Cboe BZX Exchange hatte beantragt, Anteile von sechs Fonds des VS Trust listen zu dürfen; Sponsor ist Volatility Shares. Die SEC hat diesem Antrag mit Beschluss vom 2. Oktober 2026 stattgegeben, Aktenzeichen SR-CboeBZX-2026-065.

Was genehmigt wurdedie Listing-Regel der Börse, nicht der Handelsstart
AntragstellerCboe BZX Exchange
EmittentVS Trust, Sponsor Volatility Shares
BasiswerteBitcoin, Ether, Gold, Silber, Rohöl, Erdgas
Hebeldas Dreifache der täglichen Wertentwicklung
KonstruktionTerminkontrakte plus Barmittel, kein direkter Besitz der Basiswerte
ListungsregelBZX Rule 14.11(e)(4) für Commodity-Based Trust Shares
Was noch fehltdie Wirksamkeit der Registrierungserklärung nach dem Securities Act

Bemerkenswert ist der formale Punkt: Die Fonds erfüllten nach Darstellung der Börse alle Anforderungen der genannten Regel bereits – bis auf den dreifachen Hebel. Genau dafür brauchte es die ausdrückliche Zustimmung der Aufsicht. Dass die Produkte nicht die Basiswerte selbst halten, sondern Terminkontrakte, ist dabei kein Detail, sondern Teil der Konstruktion: Für Rohöl und Erdgas gibt es gar keine praktikable Alternative, und bei den Kryptowerten umgeht man damit die Verwahrfrage.

Warum „dreifach“ nicht dreifach bedeutet

Der Hebel bezieht sich auf einen Handelstag. Am Abend wird zurückgesetzt, am nächsten Morgen beginnt die Rechnung neu – auf dem dann aktuellen Niveau. Über mehrere Tage ergibt sich daraus nicht das Dreifache der Entwicklung des Basiswerts, sondern etwas anderes. Der Effekt heißt Pfadabhängigkeit, und er lässt sich in zwei Zeilen zeigen.

Angenommen, der Basiswert fällt an einem Tag um 10 Prozent und steigt am nächsten um 11,11 Prozent. Er steht damit exakt wieder am Ausgangspunkt. Das dreifach gehebelte Produkt verliert zuerst 30 Prozent und gewinnt dann 33,33 Prozent – und steht bei 93,3 Prozent. Minus 6,7 Prozent, obwohl sich der Basiswert nicht bewegt hat.

Über längere Zeiträume wird daraus ein systematischer Abrieb. Ein Rechenbeispiel über zwanzig Handelstage, an denen sich ein Plus von fünf und ein Minus von fünf Prozent abwechseln:

Szenario über 20 HandelstageBasiswertDreifach gehebelt
abwechselnd plus und minus 5 Prozent−2,5 %−20,4 %
zehn Tage je plus 3 Prozent (Trend)+34,4 %+136,7 %

Beide Zeilen gehören zusammen. In der Seitwärtsbewegung frisst der tägliche Neustart das Kapital auf – aus minus 2,5 Prozent beim Basiswert werden gut minus 20 Prozent. Im klaren Trend dagegen wirkt derselbe Mechanismus zugunsten des Anlegers: Statt des Dreifachen von 34,4 Prozent, also 103 Prozent, kommen 137 Prozent heraus. Gehebelte Produkte sind damit keine Verstärker einer Meinung über die Richtung, sondern eine Wette auf Richtung und Verlaufsform.

Und es gibt eine harte Grenze. Fällt der Basiswert an einem einzigen Tag um mehr als ein Drittel, ist das dreifach gehebelte Produkt rechnerisch bei null. Bei einem Index wäre das eine Katastrophenannahme. Bei Bitcoin ist ein Tagesverlust dieser Größenordnung in der Vergangenheit vorgekommen. Wie stark ein Markt schwankt, lässt sich an Kennzahlen wie der Volatilität ablesen – und genau diese Kennzahl entscheidet darüber, wie teuer der tägliche Neustart wird.

Was das für Anleger in Deutschland bedeutet

Kurz gesagt: nichts Unmittelbares. Die Fonds sind an einer US-Börse notiert und richten sich an US-Anleger. Wer in Deutschland ein Depot führt, wird sie dort in aller Regel nicht kaufen können – und zwar aus einem Grund, der nichts mit dem Hebel zu tun hat.

Seit dem 1. Januar 2018 gilt die PRIIPs-Verordnung, die Verordnung (EU) Nr. 1286/2014. Sie verlangt für verpackte Anlageprodukte, die Kleinanlegern in der EU angeboten werden, ein Basisinformationsblatt in vorgeschriebener Form. US-Fondsanbieter erstellen dieses Dokument üblicherweise nicht, weil sie den europäischen Privatkundenmarkt gar nicht bedienen wollen. Ohne das Blatt dürfen Broker das Produkt Privatkunden nicht anbieten. Das ist der Grund, warum US-ETFs in deutschen Depots fast durchgängig gesperrt sind – gehebelt oder nicht.

Wer professioneller Kunde im Sinne des Wertpapierhandelsrechts ist, kann anders gestellt sein. Diese Einstufung erfolgt aber nicht auf Zuruf, und sie kostet Schutzrechte. Sie ist kein Weg um eine Produktsperre herum, sondern eine eigene Entscheidung mit eigenen Folgen.

Was in Deutschland stattdessen verfügbar ist

Gehebelte Positionen auf dieselben Basiswerte gibt es hier seit Langem – nur in anderer Verpackung und von europäischen Emittenten.

InstrumentWie der Hebel entstehtBesonderheit
Faktor-Zertifikatefester Faktor auf die tägliche Entwicklungdieselbe Pfadabhängigkeit wie ein Hebel-ETF, zusätzlich das Ausfallrisiko des Emittenten
Knock-out-ZertifikateFinanzierungslevel, Hebel ergibt sich aus dem Abstandwird die Schwelle berührt, verfällt das Papier sofort
OptionsscheineOptionspreis mit Laufzeitzusätzlich von Restlaufzeit und erwarteter Schwankung abhängig
FuturesEinschuss statt vollem KapitaleinsatzNachschusspflicht, eigener Marktzugang nötig

Der entscheidende Unterschied zum US-Produkt ist das Zertifikat als Rechtsform: Es ist eine Inhaberschuldverschreibung, also eine Forderung gegen die Bank, die es ausgegeben hat. Geht die Bank unter, hilft der beste Hebel nichts. Ein Fonds ist dagegen Sondervermögen. Wer Hebelprodukte vergleicht, sollte diesen Punkt vor dem Hebel prüfen.

Die Rolle der Terminkontrakte

Weil die genehmigten Fonds über Futures abbilden, kommt ein zweiter Effekt hinzu, der mit dem Hebel nichts zu tun hat. Ein Terminkontrakt läuft aus und muss in den nächsten Kontrakt gerollt werden. Ist der spätere Kontrakt teurer als der laufende, kostet jeder Rollvorgang Rendite; ist er billiger, bringt er welche. Über ein Jahr summiert sich das zu einem Betrag, der die Differenz zwischen Produkt und Basiswert deutlich vergrößern kann.

Besonders ausgeprägt ist das bei Erdgas, wo die Terminkurve saisonal geprägt ist. Bei Edelmetallen ist der Effekt kleiner, aber vorhanden. Wer ein solches Produkt mit dem Chart des Basiswerts vergleicht, vergleicht deshalb zwei verschiedene Dinge.

Wofür solche Produkte gedacht sind

Die Konstruktion beantwortet die Frage selbst: Wer den Hebel täglich zurücksetzt, baut ein Instrument für kurze Haltedauern. Als Baustein für den langfristigen Vermögensaufbau taugt es nicht – dafür ist der Abrieb in Seitwärtsphasen zu groß. Für das kurzfristige Handeln innerhalb weniger Tage kann es dagegen genau das richtige Werkzeug sein, sofern man die Mechanik verstanden hat und die Position überwacht.

Für den langfristigen Teil des Depots bleibt ein schlichter ETF ohne Hebel die naheliegende Grundlage. Die beiden Dinge gehören nicht ins selbe Depotfach und nicht in dieselbe Betrachtung.

Häufige Fragen

Kann man die Fonds schon kaufen?

Nein. Genehmigt ist die Börsenregel, nach der sie gelistet werden dürfen. Bevor gehandelt wird, muss die Registrierungserklärung nach dem Securities Act wirksam werden. Einen Termin dafür nennt der Beschluss nicht.

Bekommen deutsche Anleger Zugang?

Nach heutigem Stand nicht als Privatkunden. Ohne Basisinformationsblatt nach der PRIIPs-Verordnung dürfen Broker das Produkt Kleinanlegern in der EU nicht anbieten, und US-Emittenten erstellen dieses Dokument in aller Regel nicht.

Verdreifacht sich der Gewinn gegenüber dem Basiswert?

Nur an einem einzelnen Tag. Über mehrere Tage kann das Ergebnis deutlich darüber oder darunter liegen, abhängig davon, ob der Kurs getrennt gelaufen ist oder hin und her. In Seitwärtsmärkten verliert das Produkt auch dann, wenn der Basiswert unverändert schließt.

Kann ein solcher Fonds auf null fallen?

Rechnerisch ja, wenn der Basiswert an einem Tag um mehr als ein Drittel nachgibt. Anbieter solcher Produkte sehen dafür üblicherweise Vorkehrungen vor, etwa eine untertägige Anpassung. Verlassen sollte man sich darauf nicht, ohne die Bedingungen des konkreten Produkts gelesen zu haben.

Was unterscheidet das von einem Faktor-Zertifikat?

Die Hebelmechanik ist weitgehend dieselbe. Der Unterschied liegt in der Rechtsform: Ein Fonds ist Sondervermögen, ein Zertifikat eine Forderung gegen die ausgebende Bank und damit zusätzlich von deren Zahlungsfähigkeit abhängig.

Quellen

  • U.S. Securities and Exchange Commission, Order Granting Approval of Proposed Rule Change, File No. SR-CboeBZX-2026-065, 2. Oktober 2026
  • Cboe BZX Exchange, Rule 14.11(e)(4) Commodity-Based Trust Shares
  • Verordnung (EU) Nr. 1286/2014 über Basisinformationsblätter für verpackte Anlageprodukte für Kleinanleger
  • Verordnung (EU) 2016/2340 zur Verschiebung des Geltungsbeginns auf den 1. Januar 2018

Die Rechenbeispiele sind eigene Berechnungen zur Veranschaulichung der Mechanik und keine Aussage über künftige Kursverläufe. Dieser Beitrag ist eine Einordnung und keine Anlageberatung; gehebelte Produkte können zum Totalverlust führen.