Anleihen werden nicht in Euro notiert, sondern in Prozent ihres Nennwerts. Ein Kurs von 97,50 bedeutet: Das Papier kostet 97,50 Prozent des Betrags, den Sie am Ende zurückbekommen. Bei 1.000 Euro Nennwert sind das 975 Euro. Diese Prozentnotierung ist der Grund, warum man Anleihen verschiedener Schuldner und Laufzeiten überhaupt nebeneinanderlegen kann.
Warum Kurse über und unter 100 liegen
Bei der Ausgabe liegt der Kurs meist nahe 100. Danach bewegt er sich, und zwar vor allem aus einem Grund: weil sich die Marktzinsen ändern. Eine alte Anleihe mit drei Prozent Kupon ist weniger wert, sobald neue Anleihen vier Prozent bieten. Ihr Kurs fällt so weit, bis die Gesamtrechnung aus Zinszahlung und Rückzahlung wieder zum Marktniveau passt.
| Situation | Kurs | Bezeichnung | Folge für die Rendite |
|---|---|---|---|
| Marktzins über dem Kupon | unter 100 % | unter pari | Rendite liegt über dem Kupon |
| Marktzins gleich Kupon | bei 100 % | pari | Rendite entspricht dem Kupon |
| Marktzins unter dem Kupon | über 100 % | über pari | Rendite liegt unter dem Kupon |
Zum Laufzeitende läuft der Kurs zwangsläufig wieder auf 100 zu, weil dann der Nennwert ausgezahlt wird. Diese Bewegung nennt man Pull-to-Par. Sie ist der Grund, warum Kursverluste bei Anleihen anders zu lesen sind als bei Aktien: Wer bis zum Ende hält und der Schuldner zahlt, bekommt den Nennwert – unabhängig davon, wie tief der Kurs zwischendurch stand.
Je länger die Restlaufzeit, desto stärker der Ausschlag
Steigen die Marktzinsen um einen Prozentpunkt, fällt eine zweijährige Anleihe kaum, eine dreißigjährige dagegen deutlich. Der Grund ist einfach: Bei der langen Anleihe sind viele Jahre mit dem zu niedrigen Kupon abzuzinsen, bei der kurzen nur wenige. Diese Empfindlichkeit heißt Duration und ist die wichtigste Risikokennzahl am Anleihemarkt.
Wie stark der Effekt im konkreten Fall ausfällt, können Sie im Rechner auf der Seite Anleihen durchspielen. Dort steht neben der Rendite auch, auf welchen Kurs das Papier fiele, wenn die Zinsen um einen Prozentpunkt steigen.
Was den Kurs außerdem bewegt
- Bonität des Schuldners: Zweifel an der Zahlungsfähigkeit drücken den Kurs, oft stärker und schneller als Zinsänderungen. Der Abstand zur Bundesanleihe gleicher Laufzeit zeigt, wie der Markt das Risiko einschätzt.
- Restlaufzeit: Mit jedem Jahr rückt die Rückzahlung näher, der Kurs nähert sich 100.
- Handelbarkeit: Bei kleinen Emissionen können Kauf- und Verkaufskurs spürbar auseinanderliegen. Das kostet beim Ein- und Ausstieg.
- Inflationserwartung: Sie steckt in den Marktzinsen und wirkt über diese auf den Kurs.
Was in der Abrechnung noch auftaucht
Der Kurs ist nicht alles, was Sie beim Kauf bezahlen. Dazu kommen die Stückzinsen: der Zinsanteil, der seit dem letzten Zinstermin aufgelaufen ist und noch dem Verkäufer gehört. Sie stehen getrennt in der Abrechnung und kommen Ihnen beim nächsten Zinstermin wieder zu. Diese Trennung ist der Grund, warum der Anleihekurs an einem Zinstermin nicht abspringt, obwohl eine Zahlung geflossen ist.
Den Kurs ohne Stückzinsen nennt man Clean Price, den Kurs einschließlich Stückzinsen Dirty Price. In Deutschland wird üblicherweise der Clean Price notiert, die Stückzinsen erscheinen als eigene Zeile auf der Wertpapierabrechnung.
Worauf Sie beim Lesen eines Kurses achten sollten
- Ein Kurs allein sagt wenig. Erst zusammen mit Restlaufzeit und Kupon ergibt sich die Rendite, und nur die ist zwischen Anleihen vergleichbar.
- Ein Kurs von 85 ist kein Schnäppchen, sondern meist die Folge gestiegener Zinsen oder gestiegener Zweifel an der Bonität. Welcher der beiden Gründe vorliegt, macht den ganzen Unterschied.
- Vergleichen Sie Kurse nur zwischen Papieren mit ähnlicher Restlaufzeit. Sonst vergleichen Sie vor allem unterschiedliche Durationen.