Japan war jahrzehntelang das Labor der Geldpolitik. Nullzins, Anleihekäufe, Negativzins, Steuerung der Zinskurve — alles, was andere Notenbanken nach 2008 einsetzten, hatte die Bank of Japan Jahre vorher ausprobiert. Inzwischen geht sie den Weg zurück, und das hat Folgen weit über Japan hinaus.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Bank of Japan nahm ihre Geschäfte am 10. Oktober 1882 auf. Die heutige Rechtsgrundlage ist das Gesetz Nr. 89 vom 18. Juni 1997, in Kraft seit dem 1. April 1998.
- Ihr Auftrag: Preisstabilität und die Sicherung eines reibungslosen Zahlungsausgleichs. Das Inflationsziel von zwei Prozent gilt seit Januar 2013.
- Entscheidendes Gremium ist das Policy Board mit neun Mitgliedern, die jeweils eine Stimme haben. Es tagt achtmal im Jahr.
- Der Leitzins liegt seit dem 24. September 2026 bei rund 1,25 Prozent — nach Jahren bei oder unter null.
- Die Bilanzsumme betrug Ende September 2026 rund 625 Billionen Yen, davon 504 Billionen in japanischen Staatsanleihen.
- Eine Besonderheit: Die Anteilsscheine der Bank sind an der Börse in Tokio notiert — ohne Stimmrecht und mit gedeckelter Dividende.
Auftrag und Aufbau
Artikel 2 des Bank of Japan Act verpflichtet die Bank auf Preisstabilität, „um damit zur gesunden Entwicklung der Volkswirtschaft beizutragen“. Was das in Zahlen bedeutet, legte sie im Januar 2013 fest: zwei Prozent, gemessen an der Jahresveränderung des Verbraucherpreisindex. Die Reform von 1997 hatte die Bank zuvor unabhängig gestellt — Artikel 3 verlangt ausdrücklich, ihre Autonomie in Währungs- und Geldfragen zu respektieren.
Das Policy Board besteht aus dem Gouverneur, zwei stellvertretenden Gouverneuren und sechs weiteren Mitgliedern. Alle neun haben je eine Stimme; entschieden wird mit der Mehrheit der Anwesenden, bei Stimmengleichheit gibt der Vorsitzende den Ausschlag. Bestellt werden sie vom Kabinett — allerdings nur mit Zustimmung beider Kammern des Parlaments. Die Amtszeit beträgt fünf Jahre, eine Wiederbestellung ist möglich.
Gouverneur ist seit dem 9. April 2023 Kazuo Ueda; seine Amtszeit läuft bis zum 8. April 2028.
Der Unterschied zur EZB und zur Federal Reserve fällt bei den Abstimmungen auf: Das Policy Board entscheidet regelmäßig nicht einstimmig. Der Zinsbeschluss vom 18. September 2026 fiel mit sieben zu zwei Stimmen, der Schritt im Juni 2026 mit sieben zu eins. Gegenstimmen werden mit Namen veröffentlicht.
Vierzig Jahre Geldpolitik im Zeitraffer
Kaum eine Notenbank hat so viele Instrumente erfunden — und wieder abgeräumt.
| Jahr | Schritt |
|---|---|
| Februar 1999 | Nullzinspolitik. Die Bank drückt den Tagesgeldsatz so weit wie möglich gegen null. |
| März 2001 | Quantitative Lockerung. Das Steuerungsziel wechselt vom Zins auf die Guthaben der Banken bei der Notenbank — weltweit das erste Mal. |
| März 2006 | Ausstieg. Rückkehr zum Zins als Steuerungsgröße, zunächst weiter bei effektiv null. |
| Oktober 2010 | Umfassende Lockerung. Ein Ankaufprogramm für Staatsanleihen, Unternehmensanleihen — und erstmals für Aktien-ETFs und Immobilienfonds. Die ETF-Käufe beginnen im Dezember 2010. |
| April 2013 | QQE. Das Steuerungsziel wechselt auf die Geldbasis, Käufe und Bestände werden massiv ausgeweitet. |
| Januar 2016 | Negativzins. Minus 0,1 Prozent auf einen Teil der Bankguthaben, beschlossen mit fünf zu vier Stimmen. |
| September 2016 | Steuerung der Zinskurve. Die Bank setzt nicht nur den kurzfristigen Zins, sondern hält auch die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen bei etwa null. |
| März 2024 | Die Wende. Negativzins, Zinskurvensteuerung und ETF-Käufe enden an einem Tag. Der Tagesgeldsatz steigt auf null bis 0,1 Prozent. |
| September 2025 | Verkauf der ETF-Bestände beschlossen — rund 330 Milliarden Yen Buchwert pro Jahr, einstimmig. |
| September 2026 | Leitzins auf rund 1,25 Prozent. |
Der Beschluss vom 19. März 2024 ist der bemerkenswerteste: Die Bank erklärte, das Zwei-Prozent-Ziel sei nun nachhaltig und stabil erreichbar, und die außergewöhnlichen Instrumente hätten „ihre Rolle erfüllt“. Seither ist der kurzfristige Zins wieder das zentrale Werkzeug — so wie bei allen anderen Notenbanken auch.
Eine Eigenart bleibt: Die Bank of Japan hält immer noch Aktien-ETFs im Wert von rund 37 Billionen Yen zu Buchwerten. Sie ist damit einer der größten Aktionäre des eigenen Landes und baut diese Bestände nun über Jahre hinweg ab.
Aktuelle Sätze und Termine
| Satz | Stand |
|---|---|
| Unbesicherter Tagesgeldsatz (Leitzins) | rund 1,25 %, wirksam seit 24. September 2026 |
| Ergänzende Einlagefazilität | 1,25 % |
| Basiszinssatz für Notenbankkredite | 1,50 % |
Das Policy Board tagt achtmal im Jahr, jeweils zweitägig.
| 2026 | 2027 |
|---|---|
| 29.–30. Oktober | 21.–22. Januar |
| 17.–18. Dezember | 17.–18. März |
| 27.–28. April | |
| 10.–11. Juni | |
| 21.–22. Juli | |
| 21.–22. September | |
| 28.–29. Oktober | |
| 16.–17. Dezember |
Die Beschlüsse fallen am Vormittag japanischer Zeit und damit mitten in der europäischen Nacht beziehungsweise am frühen Morgen — für deutsche Anleger meist vor Handelsbeginn.
Die Bilanz
| Position | Stand 30. September 2026 |
|---|---|
| Bilanzsumme | rund 625,0 Billionen Yen |
| Davon japanische Staatsanleihen | rund 504,0 Billionen Yen |
| Davon Aktien-ETFs | rund 37,0 Billionen Yen |
| Banknotenumlauf | rund 114,2 Billionen Yen |
| Guthaben der Banken | rund 416,6 Billionen Yen |
Zur Einordnung: Zum Ende des Geschäftsjahres am 31. März 2026 lag die Bilanzsumme bei 663,0 Billionen Yen, das nominale Bruttoinlandsprodukt Japans im selben Zeitraum bei 672,7 Billionen Yen. Die Bilanz der Notenbank entspricht damit annähernd einer kompletten Jahreswirtschaftsleistung — ein Verhältnis, das kein anderer großer Währungsraum erreicht. Sie schrumpft allerdings: Gegenüber September 2025 ging sie um rund zehn Prozent zurück.
Warum das deutsche Anleger angeht: der Yen-Carry-Trade
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich beschreibt einen Carry Trade nüchtern als gehebelte Position über zwei Währungen hinweg, die Zinsunterschiede und niedrige Schwankungen ausnutzen soll. Die Mechanik ist einfach: Geld in einer niedrig verzinsten Währung aufnehmen, in einer höher verzinsten anlegen, die Differenz einstreichen.
Der Yen wurde nach Feststellung der BIZ zur bevorzugten Finanzierungswährung, weil die japanischen Zinsen über Jahre deutlich unter denen anderer Währungen lagen. Solange sich daran nichts ändert, funktioniert die Rechnung. Problematisch wird sie, wenn sich der Zinsabstand verringert oder der Yen aufwertet — dann steigen die Kosten der Finanzierungsseite, und weil die Positionen gehebelt sind, reagieren sie empfindlich.
Genau hier liegt die Verbindung zum deutschen Depot. Wenn solche Positionen gleichzeitig aufgelöst werden, trifft das nicht nur den Yen, sondern alle Märkte, in denen das Geld angelegt war — auch Aktien in Europa und den USA. Die BIZ betont allerdings ausdrücklich, dass sich der Umfang dieser Geschäfte nur grob schätzen lässt: Ihre Statistiken zeigen, wer Yen geliehen hat, aber nicht, wofür. Ein großer Teil der Volumina dient schlicht der Absicherung.
Für Anleger folgt daraus kein Handlungsbedarf, aber eine Einordnung: Wenn japanische Zinsentscheidungen plötzlich europäische Kurse bewegen, liegt es meist an diesem Kanal.
Eine Notenbank mit Börsennotierung
Die Bank of Japan ist weder Behörde noch Privatunternehmen, sondern eine eigene juristische Person nach dem Bank of Japan Act. Ihr Stammkapital beträgt 100 Millionen Yen, wovon dem Staat gesetzlich mindestens 55 Millionen zustehen müssen — tatsächlich hält er rund 55 Prozent, die übrigen 45 Prozent liegen bei privaten Einlegern.
Diese privaten Anteilsscheine werden an der Börse in Tokio gehandelt. Wer sie kauft, erwirbt allerdings nichts, was einer Aktie gleicht: Es gibt keine Hauptversammlung und kein Stimmrecht, die Dividende darf fünf Prozent jährlich nicht übersteigen und bedarf der Genehmigung des Finanzministers, und im Fall einer Auflösung ist die Auszahlung auf den eingezahlten Betrag zuzüglich einer Sonderrücklage begrenzt.
Häufige Fragen
Warum hat Japan so lange Nullzinsen gehabt?
Nach dem Platzen der Vermögenspreisblase Anfang der 1990er Jahre kämpfte Japan über Jahre mit fallenden Preisen. Die Bank senkte den Zins 1999 gegen null und fand danach mit Anleihekäufen, Negativzins und Zinskurvensteuerung immer neue Wege, die Geldpolitik weiter zu lockern — bis sie das Zwei-Prozent-Ziel 2024 als erreichbar einstufte.
Kauft die Bank of Japan noch Aktien?
Nein. Die Käufe von ETFs und Immobilienfonds endeten am 19. März 2024. Seit dem Beschluss vom 19. September 2025 verkauft die Bank ihre Bestände schrittweise an den Markt — bei ETFs rund 330 Milliarden Yen Buchwert pro Jahr. Der Abbau wird Jahrzehnte dauern.
Was ist Yield Curve Control?
Die Steuerung der Zinskurve: Die Notenbank setzt nicht nur den kurzfristigen Zins, sondern hält auch eine längere Laufzeit auf einem Zielwert — in Japan die zehnjährige Staatsanleihe bei etwa null Prozent. Dafür muss sie kaufen, so viel nötig ist. Eingeführt im September 2016, beendet im März 2024.
- EZB — die Notenbank des Euroraums
- Federal Reserve — die US-Notenbank mit doppeltem Mandat
- Bundesbank — was die deutsche Notenbank heute tut
- Börse Tokio — Asiens größter Handelsplatz
- Leitzins — wie Notenbankzinsen durchwirken
- Deflation — das Problem, das Japan jahrzehntelang beschäftigte
Quellen
- Bank of Japan Act, Act No. 89 of 1997, englische Übersetzung des japanischen Justizministeriums (japaneselawtranslation.go.jp)
- Bank of Japan: Outline of the Bank (boj.or.jp)
- Bank of Japan: Statement on Monetary Policy vom 18. September 2026 (boj.or.jp)
- Bank of Japan: Changes in the Monetary Policy Framework vom 19. März 2024 (boj.or.jp)
- Bank of Japan: Sitzungstermine des Policy Board (boj.or.jp)
- Bank of Japan: Accounts, Ausweis zum 30. September 2026 (boj.or.jp)
- Bank für Internationalen Zahlungsausgleich: The market turbulence and carry trade unwind of August 2024, BIS Quarterly Review (bis.org)
Stand: 11. Oktober 2026. Zinssatz nach dem Beschluss vom 18. September 2026, wirksam seit dem 24. September 2026. Bilanzzahlen zum 30. September 2026.