Speed of Tape: wie schnell das Band läuft und was das bedeutet
Speed of Tape bezeichnet die Geschwindigkeit, mit der Geschäfte über das Band laufen. Gemeint ist nicht ein Kurs und nicht eine Menge, sondern eine Frequenz: wie viele Ausführungen oder wie viel Volumen in einer Zeiteinheit gemeldet werden. Die Beobachtung gehört damit unmittelbar zu Time and Sales und ist die einfachste Kennzahl der Orderflow-Analyse.
Einfach heißt hier nicht aussagekräftig. Die Geschwindigkeit des Bandes beschreibt Beteiligung und nichts darüber hinaus. Diese Seite ordnet ein, was sie messbar macht, welche Tagesstruktur dahintersteht und warum der Wert zwischen zwei Programmen nicht vergleichbar ist.
Was gemessen wird
Zugrunde liegt eine Zählung über ein Zeitfenster. Gezählt werden entweder die Prints, also die gemeldeten Geschäfte, oder das darin enthaltene Volumen, oder beides nebeneinander. Daraus entsteht ein Wert je Sekunde oder je Minute, den die Software als Zahl, als Balken oder als Farbverlauf darstellt.
Schon diese Grundentscheidung verändert das Ergebnis. Wird die Zahl der Prints gezählt, schlägt eine Serie kleiner Teilausführungen stark durch. Wird Volumen gezählt, fällt ein einzelner großer Abschluss ins Gewicht, während viele kleine kaum auffallen. Welche der beiden Größen ein Programm anzeigt, steht in seiner Dokumentation und sollte vor jeder Deutung bekannt sein.
Beteiligung, nicht Richtung
Jedes Geschäft hat eine Kauf- und eine Verkaufsseite. Eine Zählung der Geschäfte kann deshalb keine Richtung enthalten, gleich wie hoch sie ausfällt. Ein schnell laufendes Band sagt, dass viele Teilnehmer gleichzeitig abschließen, und nichts darüber, wohin der Kurs anschließend geht.
Wer eine Seitenaussage sucht, braucht eine Kennzahl, die zwischen Ausführung am Geld- und am Briefkurs unterscheidet, also etwa das Delta. Auch dieses beruht auf einer Zuordnungskonvention und ist kein Beweis über Absichten. Die Geschwindigkeit des Bandes dagegen trifft von sich aus gar keine Aussage über Seiten.
Die Tagesstruktur
Aktivität ist über den Handelstag ungleich verteilt, und zwar in einer Form, die sich aus den Handelszeiten und den Abläufen der Handelsplätze erklärt. Rund um die Eröffnung treffen über Nacht entstandene Aufträge aufeinander, in den mittleren Stunden dünnt der Handel aus, und gegen Handelsschluss steigt die Aktivität wieder, weil Positionen angepasst und Schlusskurse festgestellt werden. Beim DAX-Future überlagert sich das zusätzlich mit der Eröffnung des US-Handels.
Die zweite Quelle der Ungleichverteilung sind Termine. Zinsentscheidungen, Inflations- und Arbeitsmarktdaten werden zu angekündigten Zeitpunkten veröffentlicht, und in den Sekunden danach läuft das Band regelmäßig deutlich schneller. Welche Veröffentlichungen anstehen, lässt sich dem Wirtschaftskalender entnehmen. Ein Anstieg zu einem solchen Zeitpunkt ist keine Entdeckung, sondern der erwartbare Normalfall, und eine Beobachtung ohne Blick auf den Kalender ist wertlos.
Interesse oder Automatik
Ein schnelleres Band bedeutet mehr Abschlüsse, aber nicht mehr Teilnehmer. Ein erheblicher Teil der Aktivität in liquiden Terminmärkten entsteht aus automatisierten Verfahren, deren Anforderungen in den Vorgaben zum algorithmischen Handel nach MiFID II beschrieben sind. Solche Verfahren teilen Aufträge auf, stellen Quotierungen fort und reagieren innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde auf Veränderungen.
Praktisch heißt das: Dieselbe Zahl kann aus vielen unterschiedlichen Teilnehmern entstehen oder daraus, dass wenige Programme ihre Aufträge in kleine Stücke zerlegen. Welcher Fall vorliegt, geht aus öffentlichen Marktdaten nicht hervor, weil Prints anonym sind. Die Gegenprobe ist deshalb immer dieselbe: ob die Zahl der Prints und das gehandelte Volumen gemeinsam steigen oder ob nur die Zahl der Zeilen zunimmt.
| Beobachtung | Mögliche Ursache | Was sie nicht belegt |
|---|---|---|
| Band läuft plötzlich schneller | Nachricht, Datenveröffentlichung, Eröffnung eines anderen Handelsplatzes | Keine Richtung und keine Beteiligung neuer Teilnehmer |
| Viele Prints, kaum zusätzliches Volumen | Aufgeteilte Aufträge automatisierter Verfahren | Kein gewachsenes Interesse am Markt |
| Wenige Prints, hohes Volumen | Einzelne große Abschlüsse oder Zusammenfassung von Teilausführungen | Keine Aussage über die Zahl der beteiligten Parteien |
| Band läuft langsam bei engem Spread | Ruhige Phase mit verfügbarer Gegenseite | Keine Stabilität, der Zustand kann in Sekunden kippen |
| Band läuft schnell bei weitem Spread | Rückzug der Quotierung, erhöhte Schwankungsbreite | Keine Erschöpfung einer Bewegung |
| Anhaltend hohe Werte über Stunden | Andere Tageszeit, anderer Kontraktmonat, Rolltermin | Keine Vergleichbarkeit mit Werten früherer Tage |
Zusammenhang mit Spread und Schwankungsbreite
Geschwindigkeit, Spread und Volatilität bewegen sich häufig gemeinsam, aber nicht in einer festen Beziehung. In ruhigen Phasen ist der Spread eng und das Band langsam. Zieht die Schwankungsbreite an, ziehen Quotierer ihre Aufträge zurück oder stellen sie weiter entfernt, der Spread weitet sich, und gleichzeitig steigt die Zahl der Ausführungen.
Die Reihenfolge dieser Vorgänge lässt sich am Bildschirm nicht auflösen. Ob die Aktivität die Spreadausweitung verursacht hat oder umgekehrt, ist aus der Abfolge der Meldungen nicht zu entscheiden, zumal beide Größen aus derselben Datenquelle mit derselben Verzögerung eintreffen. Die drei Beobachtungen beschreiben denselben Zustand von drei Seiten und bestätigen sich nicht gegenseitig.
Jedes Programm rechnet anders
Für die Geschwindigkeit des Bandes gibt es keine festgelegte Berechnung. Programme unterscheiden sich in der Länge des Zeitfensters, in der Glättung, darin, ob Prints oder Volumen gezählt werden, und darin, ob Teilausführungen vorher zusammengefasst wurden. Dazu kommt, dass die Datenquelle selbst bereits aggregieren kann, bevor die Software zu zählen anfängt.
Ein Zahlenwert ist deshalb nur innerhalb derselben Konfiguration und desselben Instruments vergleichbar. Zwischen zwei Anbietern bedeutet dieselbe Zahl nichts, und zwischen zwei Kontrakten ebenfalls nichts, weil Tickgröße und übliche Auftragsgröße verschieden sind. Wer mit dem Maß arbeitet, arbeitet mit dem Verlauf an einem Tag und nicht mit einer Schwelle, die aus einer Anleitung übernommen wurde.
Häufige Fragen
Zeigt ein schnelles Band die Richtung des Kurses
Nein. Jedes Geschäft hat beide Seiten, deshalb enthält eine reine Zählung keine Richtungsinformation. Sie beschreibt nur, wie viel gerade abgeschlossen wird.
Wird die Zahl der Geschäfte oder das Volumen gezählt
Das hängt vom Programm ab und ist in dessen Dokumentation beschrieben. Beide Varianten sind verbreitet und führen bei derselben Marktlage zu unterschiedlichen Werten.
Lassen sich Werte zweier Programme vergleichen
Nicht sinnvoll. Zeitfenster, Glättung, Zählgröße und die Behandlung von Teilausführungen sind nicht standardisiert, es gibt also keine gemeinsame Einheit.
Warum steigt das Tempo zu festen Uhrzeiten
Weil Eröffnung, Handelsschluss und angekündigte Datenveröffentlichungen feste Zeitpunkte haben. Diese Termine stehen im Wirtschaftskalender und gehören zu jeder Beobachtung dazu.
Bedeutet ein ruhiges Band einen ruhigen Markt
Nur für den Augenblick der Messung. Geringe Aktivität bedeutet auch dünne Gegenseite, sodass wenige Aufträge genügen, um den Kurs zu bewegen.
Quellen
- Eurex, Handelszeiten, Kontraktspezifikationen und Rollverfahren: eurex.com
- Deutsche Börse, Market Data and Services sowie Angaben zu Handelsphasen und Auktionen: deutsche-boerse.com
- CME Group, Handelszeiten und Dokumentation der Marktdatenströme: cmegroup.com
- ESMA, technische Regulierungsstandards zum algorithmischen Handel nach MiFID II: esma.europa.eu
- BaFin, Hinweise zum algorithmischen Handel und zum Hochfrequenzhandel: bafin.de
- Sierra Chart, Programmdokumentation zu Studien auf Grundlage von Geschäftsdaten: sierrachart.com
Wo dieses Maß zwischen Markttiefe, Band und Profilen steht, zeigt der Zusammenhang unter Trading. Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung; der Handel mit Hebelprodukten kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen.