Die Europäische Zentralbank entscheidet über den Preis des Geldes im Euroraum. Was sie beschließt, wirkt auf jedes Tagesgeldkonto, jeden Baukredit und jede Anleihe in Europa. Diese Seite erklärt, was die EZB ist, wer dort abstimmt, welche Instrumente sie hat — und wo sie an ihre Grenzen stößt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die EZB ist die Zentralbank für derzeit 21 Staaten des Euroraums. Ihr Sitz ist Frankfurt am Main.
- Ihr vorrangiges Ziel schreibt Artikel 127 Absatz 1 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union vor: Preisstabilität.
- Was Preisstabilität bedeutet, legt die EZB selbst fest: zwei Prozent Inflation auf mittlere Sicht, symmetrisch.
- Entscheidendes Gremium ist der EZB-Rat mit 27 Mitgliedern — sechs aus dem Direktorium und 21 nationale Notenbankchefs. Abgestimmt wird mit 21 rotierenden Stimmrechten.
- Aktuell gelten seit dem 16. September 2026 ein Hauptrefinanzierungssatz von 2,65 Prozent und ein Einlagesatz von 2,50 Prozent.
- Der nächste Zinsentscheid fällt am 29. Oktober 2026.
Der Auftrag
Artikel 127 Absatz 1 AEUV ist in der Sache knapp: Das vorrangige Ziel des Europäischen Systems der Zentralbanken ist es, die Preisstabilität zu gewährleisten. Erst danach, und ausdrücklich nur soweit das ohne Beeinträchtigung dieses Ziels möglich ist, unterstützt es die allgemeine Wirtschaftspolitik der Union.
Diese Rangfolge unterscheidet die EZB von der amerikanischen Federal Reserve, deren Gesetz Preisstabilität und maximale Beschäftigung nebeneinanderstellt. In Europa gibt es kein zweites gleichrangiges Ziel — Wachstum und Arbeitsmarkt kommen erst, wenn die Preise stabil sind.
Absatz 2 nennt die grundlegenden Aufgaben: die Geldpolitik festlegen und ausführen, Devisengeschäfte durchführen, die offiziellen Währungsreserven halten und verwalten, das reibungslose Funktionieren der Zahlungssysteme fördern.
Das Inflationsziel
Was „Preisstabilität“ in Zahlen heißt, steht nicht im Vertrag. Das legt die EZB in ihrer geldpolitischen Strategie selbst fest. Seit dem 8. Juli 2021 lautet das Ziel: zwei Prozent auf mittlere Sicht, symmetrisch — Abweichungen nach unten sind ebenso unerwünscht wie nach oben. Am 30. Juni 2025 hat der EZB-Rat dieses Ziel im Rahmen einer Strategieüberprüfung bestätigt.
Zwei Wörter tragen dabei das Gewicht. Symmetrisch bedeutet, dass zu niedrige Inflation genauso ein Problem ist wie zu hohe — vor 2021 war das Ziel „unter, aber nahe zwei Prozent“ und damit einseitig. Mittelfristig bedeutet, dass die EZB nicht auf jeden Monatswert reagieren muss; einen Ölpreissprung sitzt sie aus. Gemessen wird am Harmonisierten Verbraucherpreisindex, den Eurostat berechnet.
Wer entscheidet — und wer mitstimmen darf
| Gremium | Zusammensetzung | Aufgabe |
|---|---|---|
| EZB-Rat | 6 Direktoriumsmitglieder und die Chefs der 21 nationalen Zentralbanken des Euroraums — 27 Mitglieder | Beschließt die Geldpolitik, insbesondere die Leitzinsen. Tagt in der Regel zweimal monatlich, geldpolitisch alle sechs Wochen. |
| Direktorium | Präsidentin, Vizepräsident und vier weitere Mitglieder — 6 Personen | Führt das Tagesgeschäft und bereitet die Beschlüsse des EZB-Rats vor. |
| Erweiterter Rat | Präsidentin, Vizepräsident und die Notenbankchefs aller 27 EU-Staaten — 29 Mitglieder | Übergangsgremium für die Zusammenarbeit mit Staaten ohne Euro. Löst sich auf, sobald alle EU-Staaten den Euro haben. |
Bei der Abstimmung im EZB-Rat gilt eine Besonderheit, die viele überrascht: Nicht alle 27 Mitglieder haben jeden Monat eine Stimme. Seit dem Beitritt Litauens Anfang 2015 rotieren die Stimmrechte der Notenbankchefs monatlich. Insgesamt stehen 21 Stimmrechte zur Verfügung:
- Die sechs Direktoriumsmitglieder stimmen immer mit — ihre Stimmrechte sind dauerhaft.
- Gruppe 1 umfasst die fünf größten Volkswirtschaften: Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Niederlande. Sie teilen sich vier Stimmrechte. Jeden Monat ruht also das Stimmrecht einer dieser fünf Notenbanken.
- Gruppe 2 umfasst die übrigen 16 Länder. Sie teilen sich elf Stimmrechte.
Für die Bundesbank bedeutet das: Ihr Präsident sitzt jeden Monat am Tisch, darf aber etwa jeden fünften Monat nicht abstimmen. Wer ohne Stimmrecht teilnimmt, diskutiert trotzdem voll mit. Mehr dazu steht unter Bundesbank.
Die Mitglieder des Direktoriums werden vom Europäischen Rat ernannt. Ihre Amtszeit beträgt acht Jahre, eine Wiederernennung ist ausgeschlossen — eine Regel, die verhindern soll, dass jemand seine Entscheidungen auf eine zweite Amtszeit hin ausrichtet. Präsidentin ist seit dem 1. November 2019 Christine Lagarde; ihre Amtszeit endet am 31. Oktober 2027. Vizepräsident ist seit dem 1. Juni 2026 Boris Vujčić.
Eurosystem und ESZB — zwei Begriffe, ein Unterschied
Beide Namen tauchen in EZB-Texten ständig auf und meinen nicht dasselbe. Das Eurosystem besteht aus der EZB und den nationalen Zentralbanken der Länder, die den Euro eingeführt haben. Das Europäische System der Zentralbanken umfasst die EZB und die Notenbanken aller EU-Staaten, auch derjenigen mit eigener Währung. Beide bestehen nebeneinander, solange es EU-Mitglieder außerhalb des Euroraums gibt. Geldpolitik macht das Eurosystem.
Die drei Leitzinsen
„Der Leitzins“ im Singular ist eine Vereinfachung. Die EZB setzt drei Sätze, die zusammen einen Korridor bilden.
| Zinssatz | Stand seit 16. September 2026 | Wofür er gilt |
|---|---|---|
| Hauptrefinanzierungsgeschäfte | 2,65 % | Der Satz, zu dem sich Banken wöchentlich Geld bei der Notenbank leihen. Der klassische „Leitzins“. |
| Spitzenrefinanzierungsfazilität | 2,90 % | Übernachtkredit auf eigene Initiative der Bank. Bildet die Obergrenze des Korridors. |
| Einlagefazilität | 2,50 % | Zins für überschüssiges Geld, das Banken über Nacht bei der Notenbank parken. Untergrenze des Korridors. |
Für die Märkte ist seit Jahren die Einlagefazilität der wichtigste der drei Sätze. Solange die Banken mehr Geld haben, als sie brauchen, verleiht niemand zu einem schlechteren Satz, als die Notenbank bietet — der Einlagesatz wird damit zum Anker für den gesamten Geldmarkt. Wer verfolgen will, was die EZB tut, schaut auf diese Zeile, nicht auf den Hauptrefinanzierungssatz.
Die Termine
Geldpolitische Sitzungen finden alle sechs Wochen statt. Der Beschluss wird am zweiten Sitzungstag um 14:15 Uhr veröffentlicht, die Pressekonferenz beginnt um 14:45 Uhr.
| 2026 | 2027 |
|---|---|
| 29. Oktober | 4. Februar |
| 17. Dezember | 18. März |
| 29. April | |
| 10. Juni | |
| 22. Juli | |
| 9. September | |
| 28. Oktober | |
| 16. Dezember |
Alle Termine im Überblick, zusammen mit den amerikanischen und deutschen Daten, zeigt der Wirtschaftskalender. Was an einem Zinsentscheid-Tag abläuft, steht unter EZB-Zinsentscheid.
Die Instrumente
- Offenmarktgeschäfte. Die Hauptrefinanzierungsgeschäfte laufen wöchentlich mit einer Woche Laufzeit, die längerfristigen Geschäfte monatlich mit drei Monaten Laufzeit. Banken bekommen Geld nur gegen ausreichende Sicherheiten.
- Ständige Fazilitäten. Spitzenrefinanzierung und Einlagefazilität stehen jederzeit auf Initiative der Banken offen und begrenzen so die Tagesgeldsätze nach oben und unten.
- Mindestreserve. Banken müssen einen Teil ihrer kurzfristigen Verbindlichkeiten bei der Notenbank halten. Der Satz liegt seit dem 18. Januar 2012 bei einem Prozent; verzinst wird diese Reserve derzeit mit null Prozent.
- Ankaufprogramme. Anleihekäufe waren das Instrument der Niedrigzinsjahre. Heute laufen sie aus: Beim Programm APP endeten die Nettokäufe zum 1. Juli 2022, die Wiederanlage fälliger Papiere im Juli 2023. Beim Pandemieprogramm PEPP mit einem Rahmen von 1.850 Milliarden Euro endeten die Nettokäufe im März 2022, die Wiederanlage Ende 2024. Beide Bestände schrumpfen seither durch Fälligkeiten.
Was Anleger im Blick behalten sollten
- Der Einlagesatz ist die Zahl, die zählt. Er bestimmt, was Banken für geparktes Geld bekommen — und damit mittelbar, was es auf dem Tagesgeldkonto gibt.
- Entscheidend ist die Abweichung von der Erwartung. Was der Markt eingepreist hat, bewegt die Kurse nicht mehr. Die Reaktion entsteht aus der Überraschung, oft erst in der Pressekonferenz um 14:45 Uhr.
- Die EZB steuert nicht alles. Was eine Bank für einen Baukredit verlangt, hängt an längerfristigen Marktzinsen, an der Bonität des Kunden und an der Wettbewerbslage — der Leitzins ist nur ein Faktor.
- Mittelfristig heißt: nicht sofort. Wer aus einem einzelnen Inflationswert auf den nächsten Zinsschritt schließt, überschätzt die Reaktionsgeschwindigkeit.
- Ein Währungsraum, viele Lagen. Ein Zins für 21 Volkswirtschaften passt selten überall gleich gut. Das ist keine Schwäche der Umsetzung, sondern im Aufbau angelegt.
Häufige Fragen
Wer kontrolliert die EZB?
Niemand weisungsbefugt — die Unabhängigkeit ist in den Verträgen verankert, und die achtjährige Amtszeit ohne Wiederernennung sichert sie zusätzlich ab. Rechenschaft legt die EZB gegenüber dem Europäischen Parlament ab, das ihre Beschlüsse aber nicht aufheben kann.
Was unterscheidet die EZB von der Bundesbank?
Die EZB entscheidet, die nationalen Notenbanken führen aus. Seit 1999 setzt die Bundesbank keine eigenen Zinsen mehr; ihr Präsident sitzt im EZB-Rat und stimmt dort mit — wenn er gerade ein Stimmrecht hat.
Warum zwei Prozent und nicht null?
Ein kleiner Abstand zur Nulllinie lässt Raum für Zinssenkungen, wenn die Wirtschaft einbricht, und verringert die Gefahr, in eine Deflation zu rutschen, aus der sich Volkswirtschaften erfahrungsgemäß schwer befreien.
Wie viele Länder gehören zum Euroraum?
Derzeit 21. Zuletzt kam Bulgarien im Jahr 2026 hinzu, davor Kroatien 2023. Die EU hat 27 Mitgliedstaaten — die übrigen sechs haben eigene Währungen.
- EZB-Zinsentscheid — Ablauf und Termine der geldpolitischen Sitzungen
- Leitzins — wie er auf Aktien, Anleihen und Kredite wirkt
- Bundesbank — was die deutsche Notenbank im Eurosystem noch tut
- Federal Reserve — das amerikanische Gegenstück mit doppeltem Mandat
- Bank of Japan — die Notenbank mit dem längsten Niedrigzinsweg
- Inflation — die Größe, an der die EZB gemessen wird
- Anleihen — die Papiere, auf die Zinsentscheidungen zuerst wirken
Quellen
- Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union, Artikel 127 (eur-lex.europa.eu)
- Protokoll Nr. 4 über die Satzung des ESZB und der EZB, konsolidierte Fassung (ecb.europa.eu)
- EZB: Geldpolitische Strategie, Strategieerklärung vom 30. Juni 2025 (ecb.europa.eu)
- EZB: Leitzinsen im Überblick (ecb.europa.eu)
- EZB: Rotation der Stimmrechte im EZB-Rat (ecb.europa.eu)
- EZB: Sitzungskalender des EZB-Rats (ecb.europa.eu)
- EZB: Mindestreserve und Ankaufprogramme (ecb.europa.eu)
Stand: 11. Oktober 2026. Zinssätze nach dem Beschluss vom 10. September 2026, gültig seit dem 16. September 2026. Diese Seite wird nach jedem Zinsentscheid aktualisiert.