Nike ist die bekannteste Sportmarke der Welt – und an der Wall Street derzeit einer der schwächsten großen Konsumwerte. Am 29. September 2026 ging die Aktie mit 35,84 US-Dollar aus dem Handel, ein Minus von 1,5 Prozent. Seit Jahresbeginn hat das Papier 44 Prozent verloren, auf Zwölfmonatssicht fast 49 Prozent und über fünf Jahre rund 75 Prozent. Das 52-Wochen-Tief von 35,22 Dollar markiert ein Kursniveau, das zuletzt vor mehr als zwölf Jahren erreicht wurde. Der Börsenwert ist auf 53,2 Milliarden Dollar geschrumpft – weniger als das 1,2-Fache des Jahresumsatzes.
Am Donnerstag, dem 1. Oktober 2026, veröffentlicht Nike nach US-Börsenschluss die Zahlen zum ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres (Juni bis August 2026). Erwartet werden im Schnitt 11,32 Milliarden Dollar Umsatz und ein Gewinn von 0,44 Dollar je Aktie. Der Kursverfall hat allerdings nicht eine Ursache, sondern gleich mehrere – und die meisten davon wirken seit Jahren.
Kursentwicklung der Nike-Aktie
| Zeitraum | Veränderung |
|---|---|
| 1 Monat | −7,4 % |
| 6 Monate | −18,1 % |
| Seit Jahresbeginn | −44,0 % |
| 1 Jahr | −48,6 % |
| 5 Jahre | −75,4 % |
| 10 Jahre | −34,4 % |
Nike auf einen Blick
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Kurs (29.09.2026) | 35,84 USD |
| 52-Wochen-Tief | 35,22 USD |
| Marktkapitalisierung | 53,2 Mrd. USD |
| Umsatz (Geschäftsjahr 2026) | 46,4 Mrd. USD |
| Nettogewinn (Geschäftsjahr 2026) | 3,1 Mrd. USD |
| Gewinn je Aktie (12 Monate) | 2,10 USD |
| Kurs-Gewinn-Verhältnis (12 Monate) | 17,3 |
| Dividendenrendite | 4,5 % |
| Mitarbeiter | 73.000 (−6,2 % zum Vorjahr) |
| Vorstandsvorsitzender | Elliott Hill (seit Oktober 2024) |
| Börsenplatz / ISIN | NYSE: NKE / US6541061031 |
Ausführliches Unternehmensprofil mit Geschäftsmodell, Dividendenhistorie und Terminen: Nike Aktie – Portrait, Kurs und Geschäftsmodell
Grund 1: China bricht weg
Greater China war über Jahre Nikes profitabelste Wachstumsregion. Im Geschäftsjahr 2026 sank der Umsatz dort währungsbereinigt um 11 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar. Im dritten Quartal allein lag das Minus währungsbereinigt bei 10 Prozent, der Regionalumsatz fiel auf 1,62 Milliarden Dollar.
Dahinter steht kein vorübergehendes Konjunkturtief, sondern eine Verschiebung der Marktanteile. Die chinesischen Anbieter Anta und Li Ning haben Nike nach Einschätzung der Bank of America acht Quartale in Folge Anteile abgenommen. Anta steigerte seinen Anteil am chinesischen Sportartikelmarkt zwischen 2019 und 2023 von 14 auf 19 Prozent, Li Ning von 6 auf 9 Prozent. Im Schuhsegment fiel Adidas im selben Zeitraum von 19 auf 10 Prozent zurück, Nike von 25 auf 24 Prozent – und der Druck hat seither zugenommen.
Der Grund ist die Kombination aus Qualität und Preis: Die lokalen Marken haben technologisch aufgeholt, gestalten für den heimischen Geschmack und verkaufen deutlich günstiger. Gleichzeitig drängen im Premiumsegment On, Hoka, Lululemon, Salomon und Asics in genau die Nischen, in denen Nike früher praktisch konkurrenzlos war.
Grund 2: Der teure Schwenk zurück zum Handel
Unter dem früheren Vorstandschef John Donahoe baute Nike den eigenen Direktvertrieb massiv aus und trennte sich von zahlreichen Handelspartnern. Die Rechnung ging nicht auf. Sein Nachfolger Elliott Hill dreht diesen Kurs seit Oktober 2024 zurück – und das kostet Zeit und Marge.
Die Verschiebung ist in den Zahlen deutlich sichtbar: Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 legte das Großhandelsgeschäft um 4 Prozent auf 6,6 Milliarden Dollar zu, während Nike Direct um 7 Prozent auf 4,1 Milliarden Dollar fiel. Der eigene Onlinehandel brach um 12 Prozent ein, die eigenen Läden verloren 7 Prozent.
Das Problem dabei: Regalfläche im Sportfachhandel ist vergeben. Wer sie einmal geräumt hat, bekommt sie nicht auf Zuruf zurück – zumal die Händler derzeit vorsichtig ordern, weil ihre Lager noch voll sind. Genau das führte die Bank of America Ende September als einen der Gründe für ihre Abstufung an.
Grund 3: Die Klassiker tragen nicht mehr
Jahrelang war Nikes Lifestyle-Geschäft ein Selbstläufer: Air Force 1, Dunk und Air Jordan 1 verkauften sich in immer neuen Farbvarianten, ohne dass es echte Produktinnovation brauchte. Der Konzern erhöhte die Stückzahlen immer weiter – und zerstörte damit genau die Knappheit, auf der die Preise beruhten.
Heute liegen diese Modelle in großen Mengen in den Läden und werden rabattiert. Die Investmentbank RBC verwies Ende September ausdrücklich auf hohe Lagerbestände im Lifestyle-Segment, die den Abverkauf bremsen. Der Konzernlagerbestand verharrt seit Quartalen bei rund 7,5 Milliarden Dollar und baut sich kaum ab. Neue Produkte verkaufen sich zwar, ersetzen bislang aber vor allem den Ausfall der Klassiker, statt zusätzliches Wachstum zu erzeugen.
Wie tief der Einbruch bei den Trendmarken reicht, zeigt die Tochter Converse: Ihr Umsatz fiel im Geschäftsjahr 2026 um 31 Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar, im dritten Quartal sogar um 35 Prozent auf 264 Millionen Dollar.
Grund 4: Nike hat den Laufsport verloren
Der Laufschuhmarkt war Nikes Stammgebiet. Inzwischen dominieren dort andere: On aus der Schweiz und Hoka (Deckers) haben sich binnen weniger Jahre von Nischenanbietern zu festen Größen entwickelt, New Balance und Asics sind zurück im Spiel. In Laufgeschäften und bei Marathons ist der Swoosh nicht mehr selbstverständlich die erste Wahl.
Das trifft Nike doppelt. Laufschuhe sind ein margenstarkes Geschäft mit hoher Wiederkaufrate – ambitionierte Läufer ersetzen ihre Schuhe alle sechs bis zwölf Monate. Und sie liefern die technische Glaubwürdigkeit, von der die deutlich größeren Lifestyle-Umsätze überhaupt erst leben.
Grund 5: Zölle verzerren die Marge
Nike lässt fast ausschließlich in Asien fertigen und verkauft einen großen Teil davon in den USA. Die amerikanischen Importzölle trafen den Konzern deshalb hart: Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 fiel die Bruttomarge um 130 Basispunkte auf 40,2 Prozent – nach Angaben des Finanzvorstands vor allem wegen höherer Zölle in Nordamerika. Der Nettogewinn brach im selben Quartal um 35 Prozent auf 520 Millionen Dollar ein, die operative Marge sank von 7,3 auf 5,6 Prozent.
Im vierten Quartal sah es dann scheinbar glänzend aus: Die Bruttomarge sprang auf 49,2 Prozent, ein Plus von 890 Basispunkten. Der Grund war jedoch ein Sondereffekt. Nike erwartet die Rückerstattung von rund 986 Millionen Dollar an Zöllen, die auf Grundlage des IEEPA erhoben worden waren. Von den 0,72 Dollar Quartalsgewinn je Aktie entfielen 0,52 Dollar auf diesen einen Posten. Ohne ihn wäre das Quartal schwach ausgefallen.
Solche Sondereffekte erschweren Anlegern die Beurteilung des operativen Geschäfts – und sie vergrößern die Fallhöhe, sobald sie wegfallen.
Grund 6: Die Analysten geben auf
Der jüngste Kursrutsch geht direkt auf Abstufungen zurück. Die Bank of America senkte Nike am 27. September 2026 von „Neutral“ auf „Underperform“ und das Kursziel von 47 auf 30 Dollar. Analystin Lorraine Hutchinson kürzte ihre Gewinnschätzung für das laufende Geschäftsjahr um 11 Prozent auf 1,43 Dollar je Aktie und für das Folgejahr um 12 Prozent auf 1,87 Dollar – letzteres liegt 14 Prozent unter dem Marktkonsens. RBC bestätigte zwar die Einstufung „Sector Perform“, senkte das Kursziel aber auf 40 Dollar.
Hier liegt der wunde Punkt der Bewertung. Gemessen an den zurückliegenden zwölf Monaten wirkt ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 17 moderat. Legt man dagegen Hutchinsons Schätzung von 1,43 Dollar für das laufende Jahr zugrunde, zahlt man das 25-Fache des Gewinns – für einen Konzern, dessen Umsatz stagniert. Auch die Dividende von 1,60 Dollar je Aktie läge auf Basis dieser Schätzung über dem Gewinn je Aktie.
Was für Nike spricht
Die Gegenseite ist nicht leer. Nike bleibt mit 46,4 Milliarden Dollar Jahresumsatz mit Abstand die größte Sportartikelmarke der Welt und verdient trotz aller Probleme noch gut drei Milliarden Dollar im Jahr. Nordamerika, der mit Abstand größte Markt, wuchs im Geschäftsjahr 2026 um 5 Prozent auf 20,5 Milliarden Dollar. Die Bilanz ist solide, die Dividendenrendite liegt bei 4,5 Prozent, und der Konzern hat die Belegschaft binnen eines Jahres um 4.800 Stellen oder 6,2 Prozent verkleinert – Kosten, die künftig entfallen.
Vor allem aber sind die Erwartungen inzwischen sehr niedrig. Gelingt Elliott Hill der Nachweis, dass neue Produkte zusätzliche Nachfrage erzeugen statt nur Lücken zu füllen, ist von einem zwölf Jahre alten Kursniveau aus viel Luft nach oben. Der Zeitplan verschiebt sich allerdings: Die Bank of America rechnet mit einer Erholung erst im Geschäftsjahr 2028.
Worauf es am Donnerstag ankommt
- Der Lagerbestand. Bleibt er bei 7,5 Milliarden Dollar, geht die Rabattschlacht weiter – und mit ihr der Margendruck.
- China. Nach einem Geschäftsjahr mit zweistelligem Rückgang wäre bereits eine Stabilisierung ein Signal.
- Die Bruttomarge ohne Sondereffekte. Erst ohne Zollrückerstattung zeigt sich, wo das operative Geschäft tatsächlich steht.
- Der Ausblick. Entscheidend ist weniger das abgelaufene Quartal als die Aussage des Managements zum Weihnachtsgeschäft.
Fazit
Nikes Kursverfall ist keine Übertreibung einzelner Handelstage, sondern das Ergebnis mehrerer Jahre, in denen gleich vier Fundamente gleichzeitig weggebrochen sind: der chinesische Markt, das Lifestyle-Geschäft, die Führungsrolle im Laufsport und ein Vertriebsmodell, das erst zerlegt und dann mühsam wieder aufgebaut werden musste. Zölle und sinkende Gewinnschätzungen kommen obendrauf. Wer die Aktie auf dem Zwölf-Jahres-Tief für günstig hält, sollte berücksichtigen, dass sie gemessen an den aktuellen Schätzungen für das laufende Jahr eher teuer als billig ist. Die Zahlen vom Donnerstag liefern den nächsten Anhaltspunkt – eine Trendwende belegen sie noch nicht.
Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageberatung oder Kauf- beziehungsweise Verkaufsempfehlung dar.
Quellen
- NIKE, Inc., Investor Relations: Ergebnisse des vierten Quartals und des Gesamtjahres 2026
- NIKE, Inc., Investor Relations: Ergebnisse des dritten Quartals des Geschäftsjahres 2026
- U.S. Securities and Exchange Commission (EDGAR): Quartalsmitteilungen der NIKE, Inc.
- TradingView: Kurs- und Kennzahlendaten zu NYSE: NKE, Stand 30. September 2026
- Research-Notizen der Bank of America (27. September 2026) und von RBC Capital Markets (30. September 2026)
- Front Office Sports: Marktanteile im chinesischen Sportartikelmarkt