Das Wichtigste in Kürze
- Am 18. September 2015 machte die US-Umweltbehörde EPA öffentlich, dass Volkswagen bei Dieselmotoren eine Abschalteinrichtung eingesetzt hatte.
- Weltweit waren rund elf Millionen Fahrzeuge betroffen, davon etwa 2,4 Millionen in Deutschland.
- Allein in den USA zahlte der Konzern mehr als 20 Milliarden Dollar an Strafen und Vergleichen, dazu ein Bußgeld von einer Milliarde Euro in Deutschland.
- Elf Jahre später laufen in Braunschweig noch immer Strafprozesse – der dritte begann im April 2026.
Was genau manipuliert wurde
Im Kern ging es um eine Software. In den Motorsteuergeräten der Dieselbaureihe EA189 erkannte ein Programm, ob das Fahrzeug auf einem Prüfstand stand: an der Lenkradstellung, der Dauer des Vorgangs, dem Fehlen von Seitenbeschleunigung. Erkannte die Software den Test, arbeitete die Abgasreinigung mit voller Leistung und die Stickoxidwerte blieben im Rahmen. Im normalen Straßenbetrieb schaltete sie ab.
Der Nutzen war betriebswirtschaftlich: Eine wirksame Abgasreinigung kostet Bauraum, Gewicht, Kraftstoff und AdBlue. Volkswagen wollte Dieselmotoren in den USA verkaufen, wo die Grenzwerte für Stickoxide strenger sind als in Europa – und zugleich die Kosten niedrig halten. Die Software löste diesen Zielkonflikt auf, indem sie ihn verschwinden ließ. Auf dem Papier.
Aufgefallen ist es nicht den Behörden, sondern einer kleinen Forschungsgruppe: Wissenschaftler der West Virginia University maßen 2014 im Auftrag einer Umweltorganisation die realen Emissionen von Dieselfahrzeugen auf der Straße. Die Abweichungen zu den Prüfstandswerten waren so groß, dass sie sich nicht mit Messtoleranzen erklären ließen.
Der Zusammenbruch im September 2015
Nach der Mitteilung der EPA am 18. September 2015 verlor die Volkswagen-Vorzugsaktie binnen zweier Handelstage rund ein Drittel ihres Werts. Am 22. September räumte der Konzern ein, dass weltweit etwa elf Millionen Fahrzeuge betroffen seien. Einen Tag später trat Vorstandschef Martin Winterkorn zurück – mit der Erklärung, er sei sich keines Fehlverhaltens bewusst.
Was folgte, war der teuerste Rückruf der Automobilgeschichte. In Deutschland ordnete das Kraftfahrt-Bundesamt einen verpflichtenden Rückruf an, in den USA musste Volkswagen einen Großteil der Fahrzeuge zurückkaufen.
Was es gekostet hat
| Posten | Betrag |
|---|---|
| Strafen und Vergleiche in den USA | mehr als 20 Mrd. US-Dollar |
| Bußgeld der Staatsanwaltschaft Braunschweig (Juni 2018) | 1 Mrd. Euro |
| Vergleich der Musterfeststellungsklage (2020) | rund 830 Mio. Euro für etwa 245.000 Halter |
| Anhängige Anlegerklagen am Landgericht Braunschweig | Streitwert rund 4,3 Mrd. Euro |
Der Streitwert von 4,3 Milliarden Euro verteilt sich auf rund 3.400 Kläger in etwa 2.000 Verfahren, die seit 2018 am Landgericht Braunschweig ruhen. Es geht um die Frage, ob Volkswagen den Kapitalmarkt zu spät informiert hat – ob der Vorstand also schon vor dem 18. September 2015 wusste, was auf den Konzern zukommt, und hätte warnen müssen.
Die Aufarbeitung zieht sich
Das Strafverfahren gegen Martin Winterkorn wurde abgetrennt und ist wegen Verhandlungsunfähigkeit vorläufig eingestellt. Winterkorn bestreitet eine strafrechtliche Verantwortung.
Gegen andere frühere Beschäftigte wird weiter verhandelt. Der erste Betrugsprozess in Braunschweig endete im Mai 2025 mit zwei Haftstrafen und zwei Bewährungsstrafen; die Verurteilten haben Revision eingelegt. Ein zweiter Prozess läuft seit November 2025 gegen fünf Angeklagte und ist bis mindestens Ende 2026 terminiert. Ein dritter begann am 14. April 2026, ebenfalls gegen fünf frühere Beschäftigte von Volkswagen und Zulieferern.
Mehr als ein Jahrzehnt nach der Aufdeckung ist damit kein einziges Urteil rechtskräftig.
Was Anleger daraus lernen können
- Ein Rechtsrisiko ist kein Einmaleffekt. Elf Jahre nach der Aufdeckung laufen noch Verfahren. Wer damals mit einer einmaligen Belastung rechnete, hat die Dauer unterschätzt.
- Der Aktienkurs reagiert vor der Faktenlage. Ein Drittel Kursverlust entstand in zwei Tagen, lange bevor irgendein Betrag feststand.
- Vorstände, die zurücktreten, räumen selten etwas ein. Der Rücktritt ist ein Signal an den Markt, kein Schuldeingeständnis – und rechtlich meist folgenlos.
- Aufgedeckt wurde es von außen. Weder Aufsichtsrat noch Wirtschaftsprüfer noch Behörden fanden die Software. Das war bei Wirecard genauso.
Fazit
Der Abgasskandal ist kein Fall von Unfähigkeit, sondern von bewusster Täuschung über ein Jahrzehnt hinweg, abgesichert durch eine Software, die genau wusste, wann sie sich anständig verhalten musste. Volkswagen hat die Kosten verkraftet – der Konzern ist bis heute einer der größten Autohersteller der Welt. Was der Fall dauerhaft verändert hat, ist das Verhältnis zwischen Behörden und Herstellern: Seit 2017 wird in Europa nach dem Verfahren WLTP und mit Messungen im realen Fahrbetrieb geprüft. Genau das, was die Software umgehen sollte.
Weitere große Wirtschaftsskandale
| Fall | Zeitraum | Worum es ging |
|---|---|---|
| Jürgen Schneider | 1994 | Der Baulöwe finanzierte Prachtimmobilien mit gefälschten Mietverträgen und Flächenangaben. |
| Wirecard | 2020 | 1,9 Milliarden Euro Treuhandguthaben existierten nicht. Der DAX-Konzern brach binnen Tagen zusammen. |
| Cum-Ex | 2001 bis 2016 | Banken und Investoren ließen sich Kapitalertragsteuer erstatten, die nie gezahlt worden war. |
| FlowTex | 2000 | Rund 3.000 Horizontalbohrmaschinen wurden verkauft und verleast – die meisten gab es nie. |
| René Benko | 2023 | Das Immobilien- und Handelsimperium Signa kollabierte in einem Geflecht aus Hunderten Gesellschaften. |
| Thomas Middelhoff | 2009 | Der Arcandor-Chef wurde wegen Untreue verurteilt, der Konzern ging in die Insolvenz. |
| Prokon | 2014 | Rund 75.000 Anleger hatten Genussrechte gezeichnet, die wie eine sichere Anlage beworben wurden. |
| P&R Container | 2018 | Etwa 54.000 Anleger kauften Seecontainer – über eine Million davon existierte nicht. |
| Hypo Real Estate | 2008 | Die Rettung der Immobilienbank wurde zur teuersten Bankenrettung der deutschen Geschichte. |
Quellen
- U.S. Environmental Protection Agency: Notice of Violation vom 18. September 2015
- Staatsanwaltschaft Braunschweig: Bußgeldbescheid gegen die Volkswagen AG, Juni 2018
- Landgericht Braunschweig: Verfahrensstände der Straf- und Anlegerverfahren
- Volkswagen AG, Investor Relations: Geschäftsberichte und Angaben zu den Sondereinflüssen