Abonnieren

Mexiko Finanzprofil: USMCA, Pemex und das Rating am Rand des Investment Grade

von FNE-Redaktion
Land🇲🇽 Vereinigte Mexikanische Staaten
WährungMexikanischer Peso (MXN), frei schwankend
Wechselkurs18,25 je US-Dollar, 20,40 je Euro (12. Oktober 2026)
NotenbankBanco de México (Banxico)
Leitzins6,50 Prozent, seit 7. Mai 2026
Inflation3,45 Prozent (September 2026), Ziel 3 Prozent
Schuldenquote54 Prozent des BIP amtlich, bis 62 Prozent nach IWF-Abgrenzung
RatingBBB bei S&P (negativ), BBB− bei Fitch, Baa3 bei Moody’s
Arbeitslosigkeit3,0 Prozent – bei 55 Prozent informeller Beschäftigung
Besonderheit85 Prozent der Exporte gehen in die USA

Das Wichtigste in Kürze

  • Mexiko steht bei allen drei Agenturen am unteren Rand des Investment Grade. Moody’s hat 2026 auf Baa3 herabgestuft, S&P den Ausblick auf negativ gesenkt.
  • 85,5 Prozent der mexikanischen Exporte gingen im August 2026 in die USA. Keine andere große Volkswirtschaft hängt so stark an einem einzigen Abnehmer.
  • Das Freihandelsabkommen USMCA wurde bei der Überprüfung am 1. Juli 2026 von den USA nicht in seiner jetzigen Form verlängert. Es bleibt vorläufig in Kraft, die Verhandlungen laufen.
  • Die Nearshoring-Erzählung findet sich in den Zahlen nicht wieder: Die Netto-Direktinvestitionen lagen im zweiten Quartal 2026 bei 2,4 Milliarden US-Dollar, nach 8,8 Milliarden im Vorjahresquartal.
  • Die Kerninflation liegt mit 3,75 Prozent über der Gesamtrate von 3,45 Prozent – ein Zeichen, dass der Preisdruck hausgemacht ist.
  • Der Staatskonzern Pemex bleibt die größte Einzelbelastung der Staatsfinanzen und wird von den Agenturen deutlich schlechter bewertet als der Staat selbst.

Geldpolitik: eigenständig, anders als am Golf

Mexiko hat seit rund drei Jahrzehnten einen frei schwankenden Wechselkurs und keine Kapitalverkehrsbeschränkungen. Das verschafft der Notenbank etwas, das Länder mit fester Währungsbindung nicht haben: eine eigene Geldpolitik. Banxico betont ausdrücklich, Schritten der US-Notenbank nicht mechanisch zu folgen.

Der Leitzins steht seit dem 7. Mai 2026 bei 6,50 Prozent. Die Entscheidungen seither – im Juni, August und September – fielen jeweils für unverändert, die vom 24. September einstimmig. Das Inflationsziel liegt bei 3,0 Prozent mit einem Variabilitätsintervall von einem Prozentpunkt, das die Notenbank ausdrücklich nicht als Toleranzmarge verstanden wissen will.

DatumLeitzins
5. Februar 2026unverändert 7,00 %
26. März 20266,75 %
7. Mai 20266,50 %
25. Juni 2026unverändert
6. August 2026unverändert
24. September 2026unverändert

Die Inflation lag im September 2026 bei 3,45 Prozent, die Kerninflation bei 3,75 Prozent. Dass die Kernrate über der Gesamtrate liegt, ist der interessante Teil: Es bedeutet, dass die niedrigere Gesamtrate von volatilen Posten gedrückt wird, während der zugrunde liegende Preisdruck höher ist. Banxico selbst sieht die Risiken für ihre Inflationsprognose nach oben gerichtet und erwartet eine Rückkehr zum Ziel erst im vierten Quartal 2027. Die nächsten Zinsentscheide fallen am 5. November und 17. Dezember 2026.

Die Abhängigkeit von den USA

Im August 2026 gingen Exporte im Wert von 66,7 Milliarden US-Dollar in die USA – von insgesamt 78,0 Milliarden. Das sind 85,5 Prozent. Der IWF rechnet mit rund 80 Prozent der Exporte und einem Anteil von etwa 27 Prozent am mexikanischen BIP. Diese Zahl ist der Schlüssel zu fast allen Risiken, die Mexiko betreffen.

Zum Status des Freihandelsabkommens: Die vertraglich vorgeschriebene erste Gemeinsame Überprüfung des USMCA fand am 1. Juli 2026 statt. Die USA haben das Abkommen dabei nicht in seiner jetzigen Form verlängert. Es bleibt in Kraft, nach der Formulierung des US-Handelsbeauftragten „bis zur Lösung dieser Fragen oder bis zur Beendigung des Abkommens“. Seit Mai 2026 läuft eine Reihe bilateraler Verhandlungsrunden; die dritte fand im Juli in Mexiko-Stadt statt, die vierte im September in Washington. Themen waren unter anderem Stahl, Aluminium und Automobile.

Am 2. Oktober 2026 eröffnete das Büro des US-Handelsbeauftragten zusätzlich die öffentliche Konsultation zur Gemeinsamen Überprüfung 2027. Die Kommentarfrist endet am 12. Januar 2027. Für Anleger heißt das: Die Frage, unter welchen Bedingungen mexikanische Waren künftig in die USA gelangen, bleibt mindestens bis dahin offen.

Bei den Zöllen ist die Lage derzeit günstiger, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Waren, die die USMCA-Ursprungsregeln erfüllen, sind seit dem 7. März 2025 von den zusätzlichen Zöllen nach dem IEEPA-Gesetz ausgenommen. Bei den sogenannten reziproken Zöllen sind mexikanische Waren derzeit ebenfalls ausgenommen. Welcher Satz für nicht USMCA-konforme Waren gilt, geht aus den Veröffentlichungen der US-Zollbehörde nicht hervor.

Nearshoring: die Erzählung und die Zahlen

Seit Jahren gilt Mexiko als Hauptgewinner der Verlagerung von Lieferketten näher an den US-Markt. Die amtlichen Zahlen stützen das für 2026 nicht.

ZeitraumNetto-Direktinvestitionen
Gesamtjahr 202531,8 Mrd. USD (Bruttozuflüsse 40,9 Mrd.)
1. Halbjahr 2025rund 31,9 Mrd. USD
1. Halbjahr 2026rund 24,8 Mrd. USD
2. Quartal 20258,8 Mrd. USD
2. Quartal 20262,4 Mrd. USD

Der Einbruch im zweiten Quartal 2026 auf gut ein Viertel des Vorjahreswerts ist deutlich. Der IWF beziffert die Direktinvestitionen ohnehin nur auf rund 1 Prozent des BIP. Zum Vergleich: Für ein Land, das als Nearshoring-Ziel beschrieben wird, wäre eine Quote in dieser Größenordnung eher unauffällig.

Woran liegt es? Die naheliegende Vermutung ist die Unsicherheit über das USMCA – wer eine Fabrik baut, will wissen, zu welchen Bedingungen er in die USA liefern darf. Belegen lässt sich dieser Zusammenhang aus den Zahlungsbilanzdaten allerdings nicht; sie zeigen das Ergebnis, nicht die Begründung. Die von Banxico befragten Analysten erwarten für 2026 im Mittel 41,1 Milliarden US-Dollar und für 2027 42,8 Milliarden – also eine Erholung. Ob sie eintritt, dürfte wesentlich davon abhängen, wie die Verhandlungen ausgehen.

Staatsfinanzen und das Problem namens Pemex

KennzahlAmtlich (SHCP)WeltbankIWF
Schuldenquote 2025–55,9 %58,9 bis 61,7 %
Schuldenquote 202654,0 %56,2 %59,9 bis 62,1 %
Haushaltssaldo 2025–−4,9 %−4,3 %
Haushaltssaldo 2026−4,1 %−4,4 %−4,1 %

Die Spreizung bei der Schuldenquote hat einen konkreten Grund, und er heißt Pemex. Der IWF rechnet das nichtansässige Zweckvehikel, das 2025 die vorkapitalisierten Anleihen zur Stützung des Ölkonzerns begeben hat, sowie Pemex’ Lieferanten-Investitionsvehikel in die Staatsschuld ein. Die mexikanische Abgrenzung tut das nicht. Wer also eine Schuldenquote für Mexiko liest, sollte wissen, ob Pemex darin steckt.

Der Konzern ist auf zwei Wegen mit dem Staatshaushalt verbunden. Erstens als Einnahmequelle: Die gesamten Erdöleinnahmen des Staates machten im ersten Quartal 2026 mit 216,2 Milliarden Pesos 9,7 Prozent der Budgeteinnahmen aus – und lagen damit 81,3 Milliarden Pesos unter Plan. Für 2027 rechnet das Finanzministerium nur noch mit 2,5 Prozent des BIP aus dem Öl.

Zweitens als Belastung: Der Bund stützt Pemex bei der Schuldentilgung. Der IWF beschreibt die Konstruktion über die vorkapitalisierten Anleihen und weist darauf hin, dass daraus Eventualverbindlichkeiten für den Staat entstehen. Er nennt zudem erhebliche Lieferantenschulden, teils in Verzug, und große anstehende Tilgungen im Jahr 2026. Der IWF-Exekutivrat forderte ausdrücklich, die finanzielle Gesundheit und Profitabilität der Staatsunternehmen zu stärken, „besonders Pemex“. Von der externen Kreditaufnahmeermächtigung für 2027 entfallen 30,7 Prozent auf Staatsunternehmen.

Die Agenturen trennen sauber zwischen Staat und Konzern: Moody’s bewertet Pemex mit B1, Fitch mit BB+ – beides im spekulativen Bereich, während der Staat Investment Grade hält.

Die Ratings am Rand des Investment Grade

AgenturRatingAusblickLetzte Aktion
S&P GlobalBBBnegativ13. Mai 2026
Moody’sBaa3stabilMai 2026 (Herabstufung von Baa2)
FitchBBB−stabil10. April 2026

Diese Tabelle verdient einen zweiten Blick. Baa3 bei Moody’s und BBB− bei Fitch sind jeweils die unterste Stufe des Investment Grade. S&P liegt eine Stufe höher, hat den Ausblick aber auf negativ gesenkt. Mexiko ist damit so nah an der Grenze zum spekulativen Bereich wie seit Jahren nicht.

Warum das zählt: Viele institutionelle Anleger und Indexfonds dürfen nur Investment-Grade-Papiere halten. Ein Verlust dieses Status würde Zwangsverkäufe auslösen und die Refinanzierungskosten des Staates erhöhen. Ob es dazu kommt, ist offen – belegbar ist nur, dass der Puffer dünn geworden ist.

Wachstum, Arbeitsmarkt und die Überweisungen

KennzahlWertQuelle
BIP 2025+0,6 %INEGI
BIP 2026 (Prognose)+1,5 %Banxico, August 2026
BIP 2026 (Prognose)+1,2 %IWF, Juli 2026
BIP 2. Quartal 2026+1,4 % zum VorquartalINEGI
Arbeitslosenquote3,0 % (August 2026)INEGI
Informelle Beschäftigung55,0 %INEGI

Die Arbeitslosenquote von 3,0 Prozent sieht hervorragend aus und sagt wenig. Die wichtigere Zahl steht darunter: 55 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten informell – ohne Sozialversicherung, ohne geregelten Vertrag, ohne Beitrag zum Steueraufkommen. Die OECD nennt die Informalität als Kernproblem der mexikanischen Wirtschaft. Wer die niedrige Arbeitslosenquote als Stärke liest, übersieht, dass ein Großteil der Beschäftigung gar nicht im System erfasst ist.

Ein eigener Posten sind die Überweisungen der im Ausland lebenden Mexikaner. 2025 lagen sie bei 61,8 Milliarden US-Dollar und gingen damit erstmals zurück, um 4,6 Prozent. Von Januar bis August 2026 summierten sie sich auf 41,8 Milliarden, ein Plus von 2,2 Prozent – die jüngsten Monatswerte sind aber wieder negativ, im August um 3,6 Prozent. Auffällig ist dabei, dass die Zahl der Transaktionen mit 6,4 Prozent deutlich schneller sinkt als der Betrag: Es wird seltener überwiesen, dafür mehr pro Vorgang. Der IWF nennt die US-Migrationspolitik als Ursache. Gemessen am BIP entsprechen die Überweisungen rund 3 Prozent; Banxico selbst weist keine Quote aus.

Börse und Reserven

Der Leitindex S&P/BMV IPC stand Ende September 2026 bei 64.214 Punkten. Die Marktkapitalisierung der Bolsa Mexicana de Valores lag Ende März 2026 bei 11,4 Billionen Pesos und damit bei rund 44 Prozent des BIP. Neben der BMV gibt es mit BIVA einen zweiten Handelsplatz; über das Sistema Internacional de Cotizaciones werden zusätzlich ausländische Titel notiert.

Für ausländische Anleger bestehen keine Kapitalverkehrsbeschränkungen. Welche konkreten Wege deutschen Privatanlegern offenstehen – Einzelwerte über einen Broker mit BMV-Anbindung, Hinterlegungsscheine oder ein Schwellenländer-Fonds mit Mexiko-Anteil –, geht aus den amtlichen Quellen nicht hervor und sollte beim eigenen Broker geklärt werden.

Die Devisenreserven der Notenbank lagen am 2. Oktober 2026 bei 256,0 Milliarden US-Dollar, rund 4,2 Milliarden über dem Stand zum Jahreswechsel. Die Leistungsbilanz wies im zweiten Quartal 2026 einen Überschuss von 8,9 Milliarden US-Dollar oder 1,7 Prozent des BIP aus, nach einem Defizit im Vorjahresquartal.

Die Bewertung wie bei einer Kreditprüfung

PrüfpunktBefund
Verschuldung54 bis 62 Prozent des BIP, je nach Abgrenzung
Haushalt−4,1 Prozent des BIP, seit Jahren defizitär
Liquidität256 Mrd. USD Reserven
ErtragslageWachstum 0,6 Prozent 2025, rund 1,5 Prozent erwartet
Klumpenrisiko85 Prozent der Exporte in ein einziges Land
VertragslageUSMCA nicht verlängert, Verhandlungen offen
BeteiligungenPemex belastet den Staat, Rating B1 bzw. BB+
Bonitätsnachweisunterste Investment-Grade-Stufe, ein negativer Ausblick
Transparenzamtliche Statistik regelmäßig und vollständig

Ein Kreditprüfer würde bei Mexiko nicht die Zahlen bemängeln – die sind in Ordnung und nachvollziehbar. Er würde auf zwei Punkte zeigen: ein Klumpenrisiko von 85 Prozent und eine Vertragsgrundlage, die gerade neu verhandelt wird.

Fazit

Mexiko ist ein Land mit solider Statistik, eigenständiger Geldpolitik und einer Notenbank, die ihre Glaubwürdigkeit über Jahre aufgebaut hat. Die Inflation ist nahe am Ziel, die Reserven sind komfortabel, der Peso schwankt frei.

Die Risiken liegen woanders, und sie lassen sich in drei Fragen fassen. Erstens: Zu welchen Bedingungen wird Mexiko künftig in die USA liefern? Zweitens: Hält das Investment-Grade-Rating, wenn der Puffer bei zwei Agenturen nur noch eine Stufe beträgt? Drittens: Wird aus Pemex ein beherrschbarer Sanierungsfall oder eine dauerhafte Belastung des Haushalts?

Auf keine dieser Fragen lässt sich heute eine belastbare Antwort geben. Was sich sagen lässt: Alle drei hängen zusammen, und die erste entscheidet weitgehend über die anderen beiden.

Vergleichbare Profile finden Sie bei Brasilien, Kanada und USA, eine Übersicht im Länder-Finanzvergleich. Zur Rolle des Landes im Weltwährungssystem siehe Internationaler Währungsfonds.

Quellen

Stand der Daten: 14. Oktober 2026. Die Außenhandelszahlen für 2026 sind vorläufig. Dieser Beitrag ist eine Einordnung öffentlich verfügbarer Daten und keine Anlageempfehlung.

Das könnte Sie auch interessieren