Das Wichtigste in Kürze
- Die Hypo Real Estate kaufte 2007 die irische Depfa Bank für rund 5,2 Milliarden Euro – ein Jahr vor der Finanzkrise.
- Nach der Lehman-Pleite fror der Geldmarkt ein. Die Depfa konnte sich nicht mehr refinanzieren und riss die Mutter mit.
- Die Staatshilfen erreichten im April 2009 einen Umfang von 102 Milliarden Euro an Krediten und Garantien.
- Die HRE wurde als erste Bank der deutschen Nachkriegsgeschichte verstaatlicht. Die Kosten für den Steuerzahler bezifferte die Bundesregierung 2018 auf 20,3 Milliarden Euro.
Eine Bank, die es so nicht geben sollte
Die Hypo Real Estate entstand 2003, als die HypoVereinsbank ihr Gewerbeimmobiliengeschäft abspaltete und an die Börse brachte. Der Zweck der Übung war, die Mutter von Risiken zu entlasten. Das neue Institut finanzierte Bürotürme, Einkaufszentren und öffentliche Infrastruktur – ein Geschäft mit langen Laufzeiten und dünnen Margen.
Im Oktober 2007 übernahm die HRE die Dubliner Depfa Bank, überwiegend im Aktientausch, zu einem Gegenwert von rund 5,2 Milliarden Euro. Die Depfa war auf Staatsfinanzierung spezialisiert: Sie lieh Ländern, Kommunen und öffentlichen Einrichtungen Geld – oft für zwanzig oder dreißig Jahre.
Das Geschäftsmodell hatte eine Schwachstelle, die jeder kannte und die in guten Zeiten niemand störte: Die Depfa refinanzierte diese langfristigen Kredite mit kurzfristigem Geld vom Interbankenmarkt, teils mit Laufzeiten von wenigen Tagen. Solange Banken einander Geld leihen, funktioniert das und ist hochprofitabel, weil kurzfristiges Geld billiger ist als langfristiges. Hört der Markt auf zu funktionieren, ist es binnen Tagen vorbei.
Der 15. September 2008 und die Folgen
Mit der Insolvenz von Lehman Brothers hörte der Interbankenmarkt auf zu funktionieren. Banken misstrauten einander und liehen nichts mehr aus. Die Depfa hatte von einem Tag auf den anderen Kredite in den Büchern, die Jahrzehnte laufen, und keine Möglichkeit mehr, sie zu finanzieren.
Am 29. September 2008 kündigte Finanzminister Peer Steinbrück eine Kreditlinie über 35 Milliarden Euro an. Am 4. Oktober platzte die Rettung, weil das Bankenkonsortium absprang – die beteiligten Institute hielten den Bedarf für zu hoch und die Angaben der HRE für unzuverlässig. Zwei Tage später kam eine zweite Einigung zustande: 30 Milliarden Euro von den Banken, 20 Milliarden von der Bundesbank.
Es blieb nicht dabei. Im Februar 2009 erhöhten Garantien des Rettungsfonds SoFFin die staatliche Unterstützung auf 52 Milliarden Euro. Bis zum 24. April 2009 war sie auf 102 Milliarden Euro angewachsen.
Die Verstaatlichung
Im April 2009 bot der SoFFin den Aktionären an, ihre Anteile zu übernehmen, und sicherte sich 90 Prozent. Am 5. Oktober 2009 beschloss eine außerordentliche Hauptversammlung den Zwangsausschluss der verbliebenen Aktionäre zu 1,30 Euro je Aktie.
Wie tief der Fall war, zeigt ein einziger Vergleich: Der amerikanische Finanzinvestor J.C. Flowers hatte gut ein Jahr zuvor 22,50 Euro je Aktie gezahlt. Er verlor über 94 Prozent seines Einsatzes – und er war ein professioneller Investor mit Zugang zu allen Unterlagen.
Für das Gesetz, das diese Enteignung ermöglichte, musste der Bundestag eigens das Finanzmarktstabilisierungsergänzungsgesetz beschließen. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss befasste sich in 23 Sitzungen und 125 Stunden mit dem Fall; sein Abschlussbericht vom 18. September 2009 umfasst 372 Seiten.
Was danach geschah
Am 8. Juli 2010 wurde die FMS Wertmanagement als Abwicklungsanstalt gegründet. Zum 1. Oktober 2010 übertrug die HRE Darlehen und Wertpapiere im Nennwert von rund 173 Milliarden Euro dorthin – das Portfolio wird bis heute abgewickelt.
Was übrig blieb, führte die HRE in der Deutschen Pfandbriefbank zusammen, die am 16. Juli 2015 an die Börse ging. Die Bank existiert also weiter, unter anderem Namen und mit einem Bruchteil der alten Bilanzsumme.
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 2003 | Abspaltung von der HypoVereinsbank und Börsengang |
| Oktober 2007 | Übernahme der Depfa Bank für rund 5,2 Mrd. Euro |
| 29. September 2008 | Erste Kreditlinie über 35 Mrd. Euro angekündigt |
| 4. Oktober 2008 | Rettung platzt, Bankenkonsortium springt ab |
| 6. Oktober 2008 | Zweite Einigung: 30 Mrd. von Banken, 20 Mrd. von der Bundesbank |
| 24. April 2009 | Staatshilfe erreicht 102 Mrd. Euro |
| 5. Oktober 2009 | Zwangsausschluss der Aktionäre zu 1,30 Euro |
| 1. Oktober 2010 | Übertragung von 173 Mrd. Euro an die FMS Wertmanagement |
| 16. Juli 2015 | Börsengang der Deutschen Pfandbriefbank |
Was Anleger daraus lernen können
- Fristentransformation ist das Grundrisiko jeder Bank. Kurzfristig leihen und langfristig verleihen ist das Geschäftsmodell – und die Sollbruchstelle, sobald der Geldmarkt stockt.
- Eine Übernahme kann ein gesundes Unternehmen erledigen. Ohne den Kauf der Depfa wäre die HRE 2008 vermutlich durchgekommen.
- Professionelle Investoren sind kein Gütesiegel. J.C. Flowers verlor mit 22,50 Euro je Aktie über 94 Prozent – mit vollem Einblick in die Bücher.
- Staatsrettung heißt nicht Aktionärsrettung. Die Bank wurde gerettet, die Aktionäre wurden zwangsweise ausgeschlossen. Beides zugleich ist der Normalfall.
Fazit
Die Hypo Real Estate ist der teuerste Einzelfall der deutschen Bankenrettung und zugleich der klarste. Es gab keinen Bilanzbetrug, keine erfundenen Guthaben, keine gefälschten Verträge. Es gab eine Bank, die ein bekanntes Risiko in einem Umfang einging, den sie im Ernstfall nicht tragen konnte – und ein Übernahmeziel, dessen Geschäftsmodell auf der Annahme beruhte, dass der Geldmarkt immer offen bleibt. Diese Annahme hielt bis zum 15. September 2008.
Weitere große Wirtschaftsskandale
| Fall | Zeitraum | Worum es ging |
|---|---|---|
| Jürgen Schneider | 1994 | Der Baulöwe finanzierte Prachtimmobilien mit gefälschten Mietverträgen und Flächenangaben. |
| Wirecard | 2020 | 1,9 Milliarden Euro Treuhandguthaben existierten nicht. Der DAX-Konzern brach binnen Tagen zusammen. |
| Cum-Ex | 2001 bis 2016 | Banken und Investoren ließen sich Kapitalertragsteuer erstatten, die nie gezahlt worden war. |
| FlowTex | 2000 | Rund 3.000 Horizontalbohrmaschinen wurden verkauft und verleast – die meisten gab es nie. |
| René Benko | 2023 | Das Immobilien- und Handelsimperium Signa kollabierte in einem Geflecht aus Hunderten Gesellschaften. |
| Thomas Middelhoff | 2009 | Der Arcandor-Chef wurde wegen Untreue verurteilt, der Konzern ging in die Insolvenz. |
| Prokon | 2014 | Rund 75.000 Anleger hatten Genussrechte gezeichnet, die wie eine sichere Anlage beworben wurden. |
| P&R Container | 2018 | Etwa 54.000 Anleger kauften Seecontainer – über eine Million davon existierte nicht. |
| VW-Abgasskandal | 2015 | Eine Software erkannte den Prüfstand und schaltete die Abgasreinigung im Straßenbetrieb ab. |
Quellen
- Deutscher Bundestag: Bericht des 2. Untersuchungsausschusses der 16. Wahlperiode vom 18. September 2009
- Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung (FMSA) und SoFFin: Angaben zu Stabilisierungsmaßnahmen
- FMS Wertmanagement: Geschäftsberichte zum übertragenen Portfolio
- Finanzmarktstabilisierungsergänzungsgesetz vom 7. April 2009
- Angaben der Bundesregierung zu den Kosten der HRE-Rettung, 2018