Buy the Dip: Lohnt sich Kaufen nach Kursrückgängen? 38 Jahre DAX im Test

von user

„Buy the Dip“ gehört zu den bekanntesten Börsenweisheiten: Wer kauft, wenn die Kurse fallen, bekommt Aktien billiger und verdient später mehr. Gerade bei einem ETF-Sparplan klingt das verlockend. Statt stur jeden Monat am selben Tag zu kaufen, wartet man einfach, bis der Markt ein paar Prozent nachgegeben hat. Aber geht diese Rechnung wirklich auf? FNE hat es mit den Tagesschlusskursen des DAX von Ende 1987 bis Oktober 2026 nachgerechnet – fast 9.800 Handelstage, inklusive Crash 1987, Dotcom-Blase, Finanzkrise, Corona-Crash und Zinswende.

Was bedeutet „Buy the Dip“?

„Dip“ steht im Börsenjargon für einen kurzfristigen Kursrückgang, eine Delle im Chart. Die Strategie „Buy the Dip“ setzt darauf, genau in solchen Schwächephasen einzusteigen oder nachzukaufen. Die Idee dahinter ist einleuchtend: Wenn ein breiter Index wie der DAX langfristig steigt, ist jeder Rücksetzer eine Gelegenheit, zu einem besseren Kurs einzusteigen.

Bei klassischen Sparplänen ist das so nicht vorgesehen. Broker führen die Käufe zu festen Terminen aus, etwa zum 1. oder 15. des Monats – unabhängig davon, ob der Markt gerade hoch oder tief steht. Kursabhängige Sparpläne, die nur nach einem Rückgang auslösen, bietet kaum ein Anbieter an. Wer „Buy the Dip“ umsetzen will, muss das Geld also selbst sammeln und im richtigen Moment manuell investieren.

So wurde getestet

Für einen fairen Vergleich müssen beide Strategien mit exakt demselben Geld arbeiten. Die Regeln im Test:

  • Jeden Monat werden 100 Euro eingezahlt, von Januar 1988 bis Oktober 2026 insgesamt 46.600 Euro.
  • Fester Sparplan: Das Geld wird am ersten Handelstag des Monats sofort in den DAX investiert.
  • Buy the Dip: Das Geld bleibt auf dem Konto liegen, bis der DAX mindestens 5, 10, 15 oder 20 Prozent unter seinem bisherigen Höchststand schließt. Dann wird das gesamte angesparte Guthaben auf einmal investiert.
  • Als zweite Variante wurde der Rückgang am Hoch der letzten drei Monate (60 Handelstage) gemessen. Das entspricht eher dem Gefühl „der Markt ist gerade gefallen“.
  • Gerechnet wurde mit dem DAX-Performanceindex, Dividenden sind also enthalten. Kosten, Steuern und Zinsen auf das wartende Geld wurden nicht berücksichtigt.

Entscheidend ist der letzte Punkt der Methode: Am Ende zählt nicht, wer den günstigeren Kaufkurs erwischt hat, sondern wie viel Vermögen insgesamt im Depot steht – einschließlich des Geldes, das noch auf einen Rücksetzer wartet.

Das Ergebnis: Warten lohnt sich nicht

Endwert nach 38 Jahren DAX-Sparplan (100 € monatlich, 46.600 € eingezahlt)Fester Sparplan284.884 €Kauf bei −5 %280.560 €Kauf bei −10 %275.685 €Kauf bei −15 %274.950 €Kauf bei −20 %246.548 €Rücksetzer gemessen am bisherigen Höchststand.Daten: DAX-Performanceindex, 30.12.1987–08.10.2026; Berechnung FNE.
Abbildung: Endwert eines monatlichen 100-Euro-Sparplans auf den DAX von 1988 bis Oktober 2026 – fester Kauftermin im Vergleich zum Warten auf Rücksetzer von 5 bis 20 Prozent.

Das Ergebnis ist eindeutig. Über 38 Jahre hat der einfache, feste Sparplan am besten abgeschnitten. Jede Variante, die auf Rücksetzer wartet, liegt dahinter – und zwar umso deutlicher, je größer der Rückgang ist, auf den man wartet.

Strategie (seit 1988)EndwertGewinnKäufeMax. wartendes Geld
Fester Sparplan284.884 €+511 %466–
Kauf bei −5 % vom Hoch280.560 €+502 %3631.600 €
Kauf bei −10 % vom Hoch275.685 €+492 %2792.700 €
Kauf bei −15 % vom Hoch274.950 €+490 %2163.600 €
Kauf bei −20 % vom Hoch246.548 €+429 %1646.700 €
Kauf bei −15 % vom 3-Monats-Hoch248.281 €+433 %596.000 €
Kauf bei −20 % vom 3-Monats-Hoch212.019 €+355 %369.300 €
Monatlich 100 € in den DAX, 01/1988 bis 10/2026, eingezahlt 46.600 €. Berechnung FNE.

Wer auf einen Rückgang von 20 Prozent gewartet hat, hätte am Ende rund 38.000 Euro weniger als mit dem festen Sparplan – bei identischen Einzahlungen. Zudem lagen heute noch 4.800 Euro uninvestiert auf dem Konto, weil der DAX zuletzt kaum noch so stark gefallen ist.

Auch der günstigere Einstiegskurs ist ein Trugschluss

Viele Vergleiche schauen nur auf den durchschnittlichen Kaufkurs. Das Argument: Wer nach Rückgängen kauft, zahlt im Schnitt weniger. Die Daten zeigen, dass nicht einmal das zuverlässig stimmt. Der feste Sparplan kam seit 1988 auf einen durchschnittlichen Einstand von rund 4.058 DAX-Punkten. Wer auf 5 Prozent Rücksetzer gewartet hat, lag bei 4.120 Punkten, beim Warten auf 20 Prozent sogar bei 4.289 Punkten.

Der Grund: In starken Aufwärtsphasen steigt der Markt oft monatelang weiter, ohne den gewünschten Rücksetzer zu liefern. Kommt die Korrektur dann endlich, liegt der Kurs häufig noch über dem Niveau, zu dem der feste Sparplan Monate zuvor gekauft hat. Der vermeintliche Schnäppchenkurs ist dann teurer als der „blinde“ Kauf am Monatsanfang.

Gilt das auch, wenn man direkt vor einem Crash startet?

Ein naheliegender Einwand: Der Zeitraum ab 1988 enthält einen langen Aufwärtstrend. Deshalb wurde zusätzlich getestet, was passiert wäre, wenn man unmittelbar vor zwei der schwersten Krisen begonnen hätte – im Januar 2000 kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase und im Januar 2008 vor der Finanzkrise.

StartzeitpunktFester SparplanBeste Dip-VarianteSchwächste Dip-Variante
Januar 2000+229,6 %+230,5 % (−10 % vom Hoch)+208,4 % (−15 % vom 3-Monats-Hoch)
Januar 2008+151,1 %+151,9 % (−3 % vom 3-Monats-Hoch)+148,5 % (−15 % vom Hoch)
Januar 2015+78,9 %+84,3 % (−15 % vom 3-Monats-Hoch)+77,8 % (−5 % vom 3-Monats-Hoch)
Gewinn auf die eingezahlte Summe bis Oktober 2026. Berechnung FNE.

Selbst mit zwei großen Bärenmärkten im Zeitraum liegt die beste „Buy the Dip“-Variante nur knapp einen Prozentpunkt vor dem festen Sparplan. Das ist kein belastbarer Vorteil, sondern liegt im Bereich des Zufalls. Die schwächste Variante verliert dagegen deutlich.

Einzig ab 2015 zeigt sich ein kleiner Vorteil für Anleger, die auf große Rücksetzer gewartet haben. Das liegt an den mehreren scharfen Korrekturen der vergangenen zehn Jahre – 2018, dem Corona-Crash 2020, dem Bärenmarkt 2022 und dem Zollschock im April 2025. Doch auch hier gilt: Bei diesen Varianten liegen aktuell 1.800 bis 4.800 Euro uninvestiert auf dem Konto. Steigt der DAX weiter, schmilzt der Vorsprung schnell wieder ab.

Warum „Buy the Dip“ beim Sparplan nicht funktioniert

1. Das Warten kostet Rendite

Aktienmärkte steigen langfristig, und das an deutlich mehr Tagen, als sie fallen. Jeder Monat, in dem Geld auf dem Konto liegt, ist ein Monat ohne Kursgewinne und ohne Dividenden. Der Zinseszinseffekt arbeitet nur für das Geld, das tatsächlich investiert ist.

2. Der feste Sparplan kauft im Crash ohnehin mit

Ein regelmäßiger Sparplan nutzt Rückgänge automatisch. Fällt der DAX, bekommt man für dieselben 100 Euro mehr Anteile – das ist der bekannte Cost-Average-Effekt. Der einzige Unterschied bei „Buy the Dip“ ist, dass zusätzlich das zurückgehaltene Geld im Rückgang investiert wird. Und genau dieses Geld hat vorher die Kursgewinne verpasst.

3. Große Rücksetzer sind seltener, als man denkt

Rückgänge von 5 Prozent kommen fast jedes Jahr vor. Rückgänge von 15 oder 20 Prozent dagegen nur alle paar Jahre. Wer darauf wartet, sitzt teilweise jahrelang auf seinem Geld. Im Test lagen bei der 20-Prozent-Variante zeitweise über 9.000 Euro ungenutzt auf dem Konto – fast acht Jahre Sparrate.

4. Psychologie: Im Crash will niemand kaufen

In der Praxis kommt ein weiteres Problem hinzu, das der Test noch gar nicht abbildet. Wenn der DAX 20 Prozent verloren hat, dominieren Angst und negative Schlagzeilen – der Fear-and-Greed-Index steht auf „extreme Angst“, die Volatilität explodiert. Viele Anleger warten dann lieber noch ein wenig länger, um einen noch tieferen Kurs zu erwischen. Ein automatischer Sparplan nimmt einem diese Entscheidung ab.

Wann kann „Buy the Dip“ trotzdem sinnvoll sein?

Ganz nutzlos ist die Idee nicht – sie passt nur nicht zum regelmäßigen Sparen. Sinnvoll kann sie sein, wenn ohnehin eine Liquiditätsreserve vorhanden ist, die nicht für den Sparplan gedacht war, etwa eine Bonuszahlung oder Geld auf dem Tagesgeldkonto. Wer einen festen Sparplan laufen lässt und zusätzlich in deutlichen Rückgängen eine Sonderzahlung investiert, verbindet die Vorteile beider Ansätze: Das laufende Sparen verpasst keine Aufwärtsphase, und das Extrakapital wird zu niedrigeren Kursen eingesetzt.

Eine Rolle spielt die Strategie außerdem beim Rebalancing: Wer nach starken Rückgängen Geld aus sicheren Anlagen in Aktien umschichtet, um seine Zielgewichtung wiederherzustellen, kauft automatisch antizyklisch – ohne auf den perfekten Moment warten zu müssen.

Häufige Fragen

Ist „Buy the Dip“ besser als ein ETF-Sparplan?

Im FNE-Test mit 38 Jahren DAX-Daten nicht. Der feste monatliche Sparplan erzielte mit 284.884 Euro den höchsten Endwert. Wer auf Rücksetzer gewartet hat, landete je nach Schwelle zwischen 1.000 und über 70.000 Euro darunter.

Bei welchem Rückgang sollte man nachkaufen?

Je kleiner die Schwelle, desto näher liegt das Ergebnis am festen Sparplan. Bei 3 bis 5 Prozent ist der Unterschied gering, weil fast jeden Monat gekauft wird. Ab 15 Prozent verliert die Strategie deutlich, weil das Geld zu lange ungenutzt bleibt.

Gilt das Ergebnis auch für den MSCI World oder den S&P 500?

Der Test bezieht sich auf den DAX. Für breite Indizes wie den MSCI World oder den S&P 500, die langfristig ebenfalls steigen, ist ein ähnliches Muster zu erwarten. Je stärker und stetiger ein Markt steigt, desto teurer wird das Warten auf Rücksetzer.

Fazit

„Buy the Dip“ klingt nach einer klugen Abkürzung, hält dem Praxistest beim Sparplan aber nicht stand. Über fast vier Jahrzehnte DAX-Geschichte hat das konsequente Investieren zu festen Terminen gleich gut oder besser abgeschnitten als jede Variante, die auf Rücksetzer gewartet hat – selbst wenn man direkt vor einem großen Crash gestartet wäre. Der wichtigste Erfolgsfaktor beim Vermögensaufbau bleibt die Zeit im Markt, nicht das Timing. Wer jetzt mit einem Sparplan beginnen möchte, braucht dafür zunächst ein Wertpapierdepot – worauf es bei der Auswahl ankommt, zeigt der Ratgeber zum Depot eröffnen.

Datenbasis und Methode: Tagesschlusskurse des DAX-Performanceindex (Indexanbieter: STOXX Ltd. / Deutsche Börse) vom 30.12.1987 bis 08.10.2026, eigene Berechnung von FNE. Monatliche Einzahlung von 100 Euro am ersten Handelstag; Kosten, Steuern und Verzinsung des nicht investierten Guthabens bleiben unberücksichtigt. Die Ergebnisse der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für künftige Entwicklungen. Dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar.

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