Wirtschaftsskandale: Die größten Fälle und was sie gemeinsam haben

Startseite Wirtschaftsskandale: Die größten Fälle und was sie gemeinsam haben
von user
Moderne Hochhäuser eines deutschen Bankenviertels bei Sonnenschein

Wirtschaftsskandale wirken im Rückblick immer offensichtlich. Erfundene Bohrmaschinen, Container, die es nie gab, Treuhandkonten mit Milliardenguthaben, die niemand je gesehen hat – man fragt sich, wie das jahrelang niemandem auffallen konnte. Es fiel auf. Nur zu spät, und meist nicht denen, die dafür zuständig gewesen wären.

Diese Übersicht führt die zehn größten Fälle zusammen, die wir ausführlich aufgearbeitet haben. Sie reichen vom Baulöwen der neunziger Jahre bis zum Zusammenbruch eines Immobilienimperiums. Am Ende steht, was sie verbindet – und das ist mehr, als man erwarten würde.

Die Fälle im Überblick

FallJahrSchaden oder UmfangWorum es ging
Jürgen Schneider1994rund 5 Mrd. DMPrachtimmobilien, finanziert mit gefälschten Mietverträgen und erfundenen Quadratmetern
FlowTex2000rund 4,9 Mrd. DMEtwa 3.000 Horizontalbohrmaschinen wurden verkauft und verleast – die meisten existierten nicht
Hypo Real Estate2008102 Mrd. Euro StaatshilfeEine Bank finanzierte Jahrzehnte-Kredite mit Geld vom Tagesgeldmarkt
Thomas Middelhoff2009Insolvenz des Arcandor-KonzernsUntreue an der Spitze eines Handelskonzerns mit 43.000 Beschäftigten
Prokon2014rund 1,4 Mrd. EuroGenussrechte, beworben wie ein sicheres Sparprodukt, gezeichnet von 75.000 Anlegern
VW-Abgasskandal2015über 20 Mrd. Dollar allein in den USAEine Software erkannte den Prüfstand und schaltete die Abgasreinigung ab
Cum-Ex2001 bis 2016mindestens 10 Mrd. EuroErstattung von Kapitalertragsteuer, die nie gezahlt worden war
P&R Container2018rund 3,5 Mrd. Euro54.000 Anleger kauften Seecontainer – über eine Million davon gab es nicht
Wirecard20201,9 Mrd. Euro fehltenTreuhandguthaben in Asien, die nie existierten, in einem DAX-Konzern
René Benko2023Kollaps der Signa-GruppeEin Immobilienimperium aus Hunderten verschachtelten Gesellschaften
Die Schadensangaben stammen aus den jeweiligen Verfahren und Berichten; sie sind teils Schätzungen und in einigen Fällen bis heute nicht abschließend beziffert.

Fünf Muster, die sich wiederholen

Wer die Fälle nebeneinanderlegt, sieht dieselben Mechanismen immer wieder. Keiner dieser Punkte ist für sich genommen ein Beweis für irgendetwas – aber wenn mehrere zusammenkommen, lohnt sich ein zweiter Blick.

1. Die Struktur ist unübersichtlich – und das mit Absicht

Signa bestand aus Hunderten Gesellschaften, die sich gegenseitig Immobilien verkauften und dabei Buchgewinne erzeugten. Wirecard verlagerte das entscheidende Geschäft in Drittpartner-Konstruktionen in Asien. P&R verteilte die Containerbestände auf mehrere Gesellschaften in Deutschland und der Schweiz. Wo niemand mehr das Ganze überblickt, überblickt auch niemand die Lücke.

2. Die Prüfer schauen hin, aber nicht nach

Bei Wirecard bestätigte der Abschlussprüfer jahrelang Guthaben, die er sich von Dritten bescheinigen ließ, statt sie bei der Bank selbst zu erfragen. Bei FlowTex wurden Bohrmaschinen anhand von Seriennummernlisten geprüft, nicht anhand der Maschinen. Bei P&R zählte niemand Container. Die Prüfung fand statt – sie berührte nur nie den Punkt, an dem die Täuschung saß.

3. Es gibt Warner, und sie werden zum Problem erklärt

Bei Wirecard gab es seit 2008 kritische Analysen, ab 2015 detaillierte Presseberichte. Die Reaktion war eine Strafanzeige gegen Journalisten und ein Leerverkaufsverbot der Aufsicht – also Maßnahmen gegen die Überbringer. Beim Abgasskandal maß eine kleine Forschungsgruppe an einer amerikanischen Universität auffällige Werte; es dauerte ein weiteres Jahr, bis die Behörde handelte.

4. Das Geschäft klingt langweilig und sicher

Seecontainer. Windkraftanlagen. Bohrmaschinen für Leitungen. Kommunalkredite. Das sind keine exotischen Wetten, sondern Dinge, die jeder versteht und die nach solider Realwirtschaft klingen. Genau das war der Zweck: Ein Produkt, das nach Beton und Stahl klingt, wird seltener hinterfragt als eines, das nach Finanzmarkt klingt.

5. Die Rendite passt nicht zum Risiko

Prokon warb mit sechs bis acht Prozent, P&R mit gut vier Prozent bei angeblich vollständiger Besicherung durch Container. Das sind Renditen, die es für ein wirklich sicheres Geschäft nicht gibt – nicht damals und nicht heute. Wenn eine Anlage deutlich mehr abwirft als vergleichbar sichere Alternativen, steckt der Unterschied immer in einem Risiko. Manchmal in dem, dass es die Sache gar nicht gibt.

Woran man es als Anleger erkennen kann

  • Die Rendite mit dem sicheren Zins vergleichen. Was deutlich darüber liegt, enthält ein Risiko – die Frage ist nur, welches. Zum Vergleich eignen sich Tagesgeld und Festgeld.
  • Fragen, wer wem was schuldet. Wenn sich das nicht in drei Sätzen erklären lässt, ist die Struktur selbst das Risiko.
  • Prüfen, wer geprüft hat – und was. Ein Testat sagt aus, dass die Bilanz den Regeln entspricht, nicht dass die Vermögenswerte existieren.
  • Kritische Stimmen ernst nehmen. In fast jedem dieser Fälle gab es sie, oft Jahre vorher.
  • Nie alles auf eine Karte. Der Totalverlust ist bei Genussrechten, Direktinvestments und Nachrangdarlehen kein theoretischer Fall. Mehr dazu unter Diversifikation.

Fazit

Die zehn Fälle unterscheiden sich in fast allem: Bauunternehmer, Bank, Autohersteller, Zahlungsdienstleister, Windkraftfinanzierer. Was sie verbindet, ist nicht die Branche und auch nicht die Höhe des Schadens, sondern die Reihenfolge. Zuerst wächst etwas schneller als der Wettbewerb und niemand fragt warum. Dann wird die Struktur so komplex, dass Nachfragen mühsam werden. Dann melden sich Skeptiker und werden als Störer behandelt. Und irgendwann fehlt ein Betrag, den niemand erklären kann.

Für Anleger folgt daraus keine Formel, sondern eine Haltung: Wer nicht erklären kann, woher die Rendite kommt, sollte nicht investieren – auch dann nicht, wenn es alle anderen tun.