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Neocloud-Aktien im Ausverkauf: CoreWeave, IREN und Cipher verlieren bis zu 42 Prozent

von FNE-Redaktion

Die Aktien der sogenannten Neocloud-Anbieter haben zwischen dem 6. und dem 16. Oktober 2026 zwischen 22 und 42 Prozent verloren. Cipher Digital fiel von 15,50 auf 8,98 US-Dollar, CoreWeave von 91,72 auf 61,39 US-Dollar, IREN von 41,28 auf 26,99 US-Dollar. Nvidia verlor im selben Zeitraum 10,5 Prozent.

In diese acht Handelstage fielen zwei Preisstatistiken aus Washington, die deutlich über den Vormonatswerten lagen. Die naheliegende Erklärung lautet deshalb: hohe Inflation, steigende Zinsen, und Unternehmen mit viel Schulden leiden am stärksten. Diese Erklärung hat allerdings ein Problem – die Renditen am Anleihemarkt sind in denselben Tagen gefallen, nicht gestiegen.

Was in acht Handelstagen passiert ist

Als Neoclouds werden Unternehmen bezeichnet, die Rechenleistung für künstliche Intelligenz vermieten. Sie kaufen Grafikprozessoren, bauen Rechenzentren und verkaufen die Kapazität weiter. Mehrere von ihnen kommen aus dem Bitcoin-Mining und haben ihre Stromanschlüsse und Hallen auf KI umgewidmet.

Die Schlusskurse am 6. und am 16. Oktober 2026 an der Nasdaq:

Unternehmen06.10.2026 (US-Dollar)16.10.2026 (US-Dollar)Veränderung
Cipher Digital15,508,98−42,1 %
IREN41,2826,99−34,6 %
Nebius Group249,87165,47−33,8 %
CoreWeave91,7261,39−33,1 %
Applied Digital25,3418,05−28,8 %
TeraWulf14,9711,68−22,0 %
Nvidia239,24214,13−10,5 %

Nvidia steht in dieser Tabelle als Gegenprobe. Der Chiphersteller verkauft die Prozessoren, auf denen das gesamte Geschäft der Neoclouds beruht. Wäre der Auslöser ein Zweifel an der KI-Nachfrage selbst, müsste Nvidia mitfallen. Der Abstand zwischen minus 10 und minus 42 Prozent spricht dagegen.

CoreWeave (Nasdaq: CRWV) – Tageskurse der vergangenen sechs Monate. Das Unternehmen ist der größte Wert der Gruppe, mehr dazu im CoreWeave-Portrait.

Zwei Handelstage stechen heraus. Am Mittwoch, dem 14. Oktober, verlor CoreWeave 15,5 Prozent, TeraWulf 12,6 Prozent, Cipher Digital 12,3 Prozent und IREN 12,2 Prozent. Am Freitag, dem 16. Oktober, folgte der zweite Einbruch: Nebius minus 12,2 Prozent, CoreWeave minus 11,9 Prozent, Applied Digital minus 11,5 Prozent.

Die beiden Zahlen, die dazwischen kamen

Am Morgen des 14. Oktober veröffentlichte das US-Arbeitsministerium die Verbraucherpreise für September. Sie stiegen um 0,6 Prozent gegenüber dem Vormonat und um 3,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Kernrate ohne Nahrungsmittel und Energie lag bei 0,3 beziehungsweise 2,6 Prozent.

Einen Tag später, am 15. Oktober, folgten die Erzeugerpreise – also die Preise, die Unternehmen untereinander verlangen. Sie stiegen um 1,3 Prozent im Monat und um 6,3 Prozent im Jahresvergleich. Ohne Nahrungsmittel, Energie und Handelsspannen waren es 5,0 Prozent.

StatistikVeröffentlichtMonatJahr
Verbraucherpreise gesamt14.10.2026+0,6 %+3,7 %
Verbraucherpreise Kernrate14.10.2026+0,3 %+2,6 %
Erzeugerpreise gesamt15.10.2026+1,3 %+6,3 %
Erzeugerpreise Kernrate15.10.2026+0,5 %+5,0 %

Erzeugerpreise, die mit 6,3 Prozent fast doppelt so schnell steigen wie die Verbraucherpreise, sind ungewöhnlich. Treiber war die Energie: Der Energieindex der Erzeugerpreise legte um 10,8 Prozent zu, Benzin allein um 20,3 Prozent. Nach Angaben der Statistikbehörde entfielen über 80 Prozent des gesamten Anstiegs auf Energie.

Für Rechenzentren ist Strom der größte laufende Kostenblock, und genau hier lohnt der Blick ins Detail: Der Preis für Strom an private Haushalte stieg, der für gewerblichen Strom fiel. Die Unternehmen, um die es hier geht, kaufen gewerblich ein. Die Energieverteuerung traf sie also nicht unmittelbar über die Stromrechnung. Was Inflation grundsätzlich mit Vermögen macht, erklären wir unter Inflation.

Warum die naheliegende Erklärung nicht trägt

Die übliche Kette lautet: höhere Inflation, später höhere Zinsen, teurere Refinanzierung, und wer am meisten Schulden hat, verliert am meisten. Diese Kette lässt sich überprüfen, denn die Renditen amerikanischer Staatsanleihen werden täglich vom US-Finanzministerium veröffentlicht.

Handelstag2 Jahre (in Prozent)10 Jahre (in Prozent)
13.10.20264,795,21
14.10.2026 (Verbraucherpreise)4,825,19
15.10.2026 (Erzeugerpreise)4,775,10
16.10.20264,745,09

Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen ist in diesen vier Tagen von 5,21 auf 5,09 Prozent gefallen, die zweijährige von 4,79 auf 4,74 Prozent. Am Tag der Erzeugerpreise, als die Aktien unter Druck standen, gab die zehnjährige Rendite um neun Basispunkte nach.

Der Zinskanal, über den hohe Inflation verschuldeten Unternehmen schadet, hat in diesen Tagen also nicht ausgelöst. Wenn der risikolose Zins sinkt und einzelne Aktien trotzdem ein Drittel verlieren, bepreist der Markt etwas anderes: nicht die Höhe des Zinses, sondern die Frage, ob diese Schuldner ihn bedienen können.

Was die Bilanzen zeigen

Die Bezeichnung „hoch verschuldet“ lässt sich an den Quartalsberichten prüfen. Die Stichtage unterscheiden sich, weil die Unternehmen unterschiedliche Geschäftsjahre haben:

UnternehmenStichtagBilanzsumme (Mio. US-Dollar)Eigenkapital (Mio. US-Dollar)Eigenkapitalquote (in Prozent)
CoreWeave30.06.202677.0705.0246,5
IREN30.06.202615.7904.18626,5
Applied Digital31.08.202611.7071.60213,7
TeraWulf30.06.20268.0481471,8
Cipher Digital30.06.20267.5015627,5
Core Scientific30.06.20265.257−2.419negativ

CoreWeave führt eine Bilanzsumme von 77 Milliarden US-Dollar, getragen von 5 Milliarden Eigenkapital. Die Finanzschulden belaufen sich auf 24,9 Milliarden, davon 7,5 Milliarden kurzfristig fällig. TeraWulf stehen 8 Milliarden Bilanzsumme mit 147 Millionen Eigenkapital gegenüber. Core Scientific weist ein negatives Eigenkapital von 2,4 Milliarden aus – die Verbindlichkeiten übersteigen die Vermögenswerte.

Auffällig ist zudem, wie finanziert wird. Mehrere dieser Konzerne begeben Anleihen nicht über die börsennotierte Muttergesellschaft, sondern über eigens gegründete Zweckgesellschaften, die jeweils ein Rechenzentrum halten – bei Applied Digital etwa über drei getrennte Gesellschaften, bei Cipher und TeraWulf über je eine eigene. Für Anleger heißt das: Ein Teil der Verschuldung hat keinen Rückgriff auf die Muttergesellschaft, ist dafür aber auch nicht ohne Weiteres aus dem Konzernabschluss ablesbar.

Wenn der Zinsaufwand den Umsatz übersteigt

Noch deutlicher wird die Lage im Verhältnis von Zinsaufwand zu Umsatz. Die folgenden Angaben stammen aus den jeweils jüngsten Quartalsberichten und beziehen sich jeweils auf ein volles Quartal:

UnternehmenQuartalUmsatz (Mio. US-Dollar)Zinsaufwand (Mio. US-Dollar)Zins je Umsatz-Dollar
CoreWeaveApr.–Jun. 20262.57555822 Cent
Applied DigitalJun.–Aug. 20262637729 Cent
TeraWulfApr.–Jun. 202645561,24 Dollar
Cipher DigitalApr.–Jun. 202625672,68 Dollar

Cipher Digital zahlte im zweiten Quartal 2026 für jeden Dollar Umsatz 2,68 Dollar an Zinsen. Bei TeraWulf lag der Zinsaufwand mit 56 Millionen ebenfalls über dem Umsatz von 45 Millionen. Beide Unternehmen bauen derzeit Kapazität auf, die noch keine Erlöse bringt, während die Finanzierung dieser Kapazität bereits läuft – das erklärt die Schieflage, macht sie aber nicht ungefährlicher.

Bei Applied Digital zeigt der Zeitvergleich das Tempo: Im gesamten Geschäftsjahr bis Ende Mai 2026 fielen 30 Millionen US-Dollar Zinsaufwand an. Im einzelnen Quartal von Juni bis August 2026 waren es 77 Millionen.

Was der Ausverkauf nicht unterschieden hat

Wenn der Markt gezielt Verschuldung abstraft, müssten die am höchsten verschuldeten Werte am stärksten fallen. Stellt man beide Tabellen nebeneinander, ergibt sich dieses Bild nicht.

  • TeraWulf hat mit 1,8 Prozent die dünnste Eigenkapitaldecke der Gruppe – und verlor mit 22,0 Prozent am wenigsten.
  • Nebius hat mit Abstand die solideste Bilanz der Gruppe – und verlor 33,8 Prozent, praktisch genauso viel wie CoreWeave mit seiner Eigenkapitalquote von 6,5 Prozent.
  • Nur Cipher Digital passt ins Schema: hohe Verschuldung, höchster Verlust.

Innerhalb der Gruppe war der Rückgang also weitgehend unabhängig von der einzelnen Bilanz. Scharf getrennt hat der Markt nur zwischen der Gruppe und dem Rest: Nvidia minus 10,5 Prozent, die Neoclouds zwischen minus 22 und minus 42 Prozent. Verkauft wurde offenbar eine Kategorie, nicht ein Unternehmen.

Das wirft eine Frage auf, die sich aus den vorliegenden Daten nicht beantworten lässt: Bepreist der Markt ein Geschäftsmodell neu, das auf der Annahme beruht, dass sich fremdfinanzierte Rechenleistung dauerhaft gewinnbringend vermieten lässt? Oder handelt es sich um den Ausstieg kurzfristig orientierter Anleger aus einer Gruppe, die sich zuvor sehr schnell verteuert hatte? Beides ist mit den Kursen vereinbar. Wer sich für den Hintergrund der Branche interessiert, findet ihn in unserer Übersicht zu KI-Aktien, und den Auftakt dieser Bewegung haben wir am 14. Oktober am Beispiel von DigitalOcean beschrieben.

Fazit

Die Neocloud-Aktien haben in acht Handelstagen zwischen einem Fünftel und zwei Fünfteln ihres Wertes verloren, während Nvidia um ein Zehntel nachgab und die Renditen am Anleihemarkt sogar gesunken sind. Die Erklärung „hohe Inflation, höhere Zinsen“ greift damit zu kurz – zumindest über den Zinskanal, der sich messen lässt.

Was sich dagegen klar belegen lässt, ist die Ausgangslage dieser Unternehmen: Eigenkapitalquoten zwischen 1,8 und 26,5 Prozent, bei Core Scientific sogar ein negatives Eigenkapital, und bei zwei Unternehmen ein Zinsaufwand, der den Quartalsumsatz übersteigt. Unternehmen in dieser Verfassung reagieren empfindlich auf jede Nachricht, die an der künftigen Nachfrage oder an den Finanzierungsbedingungen zweifeln lässt – auch wenn der Zusammenhang nicht unmittelbar über den Zinssatz verläuft.

Für Anleger sind zwei Kennzahlen aus den Quartalsberichten aussagekräftiger als der Kurs: das Verhältnis von Zinsaufwand zu Umsatz und die Fälligkeitsstruktur der Schulden. Bei CoreWeave werden allein 7,5 Milliarden US-Dollar der Finanzschulden kurzfristig fällig. Ob diese Beträge zu tragbaren Konditionen verlängert werden können, entscheidet mehr über diese Aktien als die nächste Preisstatistik.

Fragen und Antworten

Was sind Neocloud-Aktien?

Unternehmen, die Rechenleistung für künstliche Intelligenz vermieten, statt eigene Software oder Chips zu verkaufen. Sie kaufen Grafikprozessoren, bauen Rechenzentren und verkaufen die Kapazität an KI-Anbieter weiter. Zu den börsennotierten Vertretern zählen CoreWeave, Nebius, IREN, Applied Digital, Cipher Digital, TeraWulf und Core Scientific. Mehrere kommen aus dem Bitcoin-Mining.

Warum sind die Kurse gefallen?

Einen von den Unternehmen genannten Grund gibt es nicht. Belegbar ist der zeitliche Zusammenfall mit zwei amerikanischen Preisstatistiken am 14. und 15. Oktober 2026, die deutlich über den Vormonatswerten lagen. Belegbar ist auch, dass die Anleiherenditen in denselben Tagen gefallen sind – die Bewegung lässt sich also nicht allein mit steigenden Finanzierungskosten erklären.

Welches Unternehmen der Gruppe ist am höchsten verschuldet?

Gemessen an der Eigenkapitalquote TeraWulf mit 1,8 Prozent, gefolgt von CoreWeave mit 6,5 und Cipher Digital mit 7,5 Prozent. Core Scientific weist zum 30. Juni 2026 ein negatives Eigenkapital von 2,4 Milliarden US-Dollar aus. Gemessen am absoluten Schuldenstand liegt CoreWeave mit 24,9 Milliarden US-Dollar vorn.

Ist das ein Zeichen, dass die KI-Nachfrage nachlässt?

Aus den Kursen lässt sich das nicht ableiten. Nvidia, dessen Geschäft unmittelbar an der KI-Nachfrage hängt, verlor im selben Zeitraum 10,5 Prozent – deutlich weniger als die Gruppe. Das spricht eher dafür, dass die Finanzierung dieser Rechenzentren neu bewertet wurde als die Nachfrage nach ihnen.

Was bedeutet es, wenn der Zinsaufwand höher ist als der Umsatz?

Dass das Unternehmen seine Zinsen nicht aus dem laufenden Geschäft bezahlen kann, sondern aus Rücklagen oder neuen Schulden. Bei Cipher Digital und TeraWulf war das im zweiten Quartal 2026 der Fall. Das ist in einer Aufbauphase erklärbar, weil Rechenzentren finanziert werden, bevor sie Erlöse bringen – es setzt aber voraus, dass die geplanten Erlöse auch eintreffen.

Was sind die Zweckgesellschaften, über die finanziert wird?

Eigene Tochtergesellschaften, die jeweils ein Rechenzentrum halten und dafür getrennt Schulden aufnehmen. Applied Digital hat drei solcher Gesellschaften, Cipher und TeraWulf je eine, CoreWeave mehrere. Der Vorteil für den Konzern: Diese Schulden haben keinen Rückgriff auf die Muttergesellschaft. Der Nachteil für Anleger: Die Belastung ist aus dem Konzernabschluss schwerer herauszulesen.

Quellen

  • U.S. Bureau of Labor Statistics, Verbraucherpreise September 2026, veröffentlicht am 14.10.2026 – bls.gov
  • U.S. Bureau of Labor Statistics, Erzeugerpreise September 2026, veröffentlicht am 15.10.2026 – bls.gov
  • U.S. Department of the Treasury, tägliche Renditen der Staatsanleihen, Oktober 2026 – treasury.gov
  • CoreWeave, Inc., Quartalsbericht Form 10-Q zum 30.06.2026 – SEC EDGAR
  • IREN Ltd, Jahresbericht Form 10-K zum 30.06.2026 – SEC EDGAR
  • Applied Digital Corp., Quartalsbericht Form 10-Q zum 31.08.2026 – SEC EDGAR
  • TeraWulf Inc., Quartalsbericht Form 10-Q zum 30.06.2026 – SEC EDGAR
  • Cipher Digital Inc., Quartalsbericht Form 10-Q zum 30.06.2026 – SEC EDGAR
  • Core Scientific, Inc., Quartalsbericht Form 10-Q zum 30.06.2026 – SEC EDGAR
  • Kursdaten: Nasdaq-Schlusskurse über Interactive Brokers

Stand der Daten: 17. Oktober 2026. Kurse sind Schlusskurse vom 16. Oktober 2026. Bilanz- und Ertragszahlen stammen aus den zuletzt veröffentlichten Quartals- und Jahresberichten der Unternehmen; die Stichtage unterscheiden sich und sind jeweils angegeben. Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung.

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