Volume Profile: wo der Markt sein Geschäft gemacht hat
Ein Volume Profile dreht die gewohnte Blickrichtung um neunzig Grad. Ein normaler Chart fragt, was der Preis zu jedem Zeitpunkt war. Ein Volume Profile fragt, wie viel bei jedem Preis gehandelt wurde. Das Ergebnis ist ein waagerechtes Balkendiagramm am Rand des Charts, dessen Länge je Kursniveau den dort entstandenen Umsatz abbildet.
Damit entsteht eine Karte davon, wo der Markt in einem bestimmten Zeitraum sein Geschäft gemacht hat. Die Darstellung gehört zur Orderflow-Analyse, kommt aber mit einer gröberen Auflösung aus als das Footprint-Chart und ist daher auch über längere Zeiträume brauchbar.
Umsatz über Preis statt über Zeit
Die Berechnung ist unspektakulär. Für jeden Abschluss im gewählten Zeitraum wird die gehandelte Menge dem Kursniveau zugeschlagen, auf dem sie zustande kam. Am Ende steht je Preisstufe eine Summe. Eine Seitenzuordnung nach Geld und Brief ist dafür nicht nötig, weshalb ein Volume Profile weniger Annahmen enthält als eine Delta-Rechnung.
Was dabei verloren geht, ist die Reihenfolge. Ein Profil sagt nicht, ob ein Kursbereich am Anfang oder am Ende des Zeitraums gehandelt wurde, und nicht, wie oft er durchlaufen wurde. Zwei völlig verschiedene Kursverläufe können dasselbe Profil erzeugen. Wer ein Profil liest, liest eine Verteilung ohne Zeitachse, und dieser Verlust ist der Preis für die Übersicht.
Aus der Verteilung werden zwei Kennzahlen abgeleitet, die eigene Seiten haben: der Point of Control als Preis mit dem höchsten Umsatz und die Value Area als Kursband, in dem ein festgelegter Anteil des Gesamtumsatzes stattfand. Der VWAP verdichtet dieselbe Verteilung zu einem einzigen Durchschnittswert und verliert dafür jede Information über ihre Form.
Die Varianten des Profils
Der entscheidende Unterschied zwischen den Varianten ist der Zeitraum, über den summiert wird. Er bestimmt, was das Profil überhaupt beschreibt, und ein Wechsel des Zeitraums verändert Point of Control und Value Area vollständig.
| Profilart | Zeitraum | Typische Verwendung |
|---|---|---|
| Sitzungsprofil | Ein Handelstag oder eine definierte Handelssitzung | Einordnung des Tagesgeschehens, Vergleich mit den Vortagen |
| Zusammengesetztes Profil | Mehrere Sitzungen, Wochen oder Monate in einem Profil | Erkennen längerfristiger Umsatzschwerpunkte und Bereiche ohne Geschäft |
| Profil des sichtbaren Bereichs | Alles, was gerade im Chartfenster steht | Schnelle Orientierung, verschiebt sich beim Zoomen |
| Profil über einen frei gewählten Abschnitt | Vom Nutzer markierter Zeitraum, etwa eine Bewegung | Untersuchung einer einzelnen Bewegung oder Seitwärtsphase |
| Festes Intervall, etwa je Woche | Gleich lange Abschnitte hintereinander | Vergleich gleich langer Zeiträume ohne Zeitbezug zum Chart |
Besonders zu beachten ist das Profil des sichtbaren Bereichs. Es wirkt bequem, verändert aber seine Werte bei jedem Scrollen und Zoomen. Wer damit arbeitet und dabei den Ausschnitt verschiebt, vergleicht Zahlen, die nicht vergleichbar sind.
Zonen mit hohem und niedrigem Umsatz
Ein Profil ist selten gleichmäßig. Es gibt Kursbereiche, in denen sich viel Umsatz stapelt, und solche, die der Markt nur durchlaufen hat. Für die ersten ist die Bezeichnung Hochvolumenzone verbreitet, für die zweiten Niedrigvolumenzone oder Lücke im Profil.
Die übliche Deutung: Wo viel gehandelt wurde, waren sich Käufer und Verkäufer über den Preis weitgehend einig, weshalb der Kurs dort länger verweilte und bei einer Rückkehr wieder verweilen könnte. Wo wenig gehandelt wurde, fand keine Einigung statt, der Kurs zog durch, und eine Rückkehr könnte ähnlich schnell verlaufen.
Die Gegenprobe ist hier wichtiger als die Deutung. Beides sind Beschreibungen der Vergangenheit, die als Erwartung für die Zukunft formuliert werden, und für diesen Schritt liefert das Profil selbst keinen Grund. Eine Hochvolumenzone kann auch allein deshalb entstanden sein, weil an diesem Tag ein großer Auftrag abzuarbeiten war, der nie wiederkehrt. Eine Lücke kann daraus folgen, dass die Bewegung in einer Phase mit geringer Beteiligung stattfand, etwa nachts oder um eine Datenveröffentlichung, und sagt dann nichts über Einigkeit oder Uneinigkeit. Und je länger der Zeitraum, desto mehr überlagern sich Umstände, die miteinander nichts zu tun haben.
Praktisch brauchbar sind die Zonen daher weniger als Prognose und mehr als Beschreibung des Geländes: Sie zeigen, in welchen Bereichen überhaupt Geschäft stattgefunden hat. Das ist eine andere und schwächere Aussage als die, dass der Kurs dort reagieren wird.
Abgrenzung zum TPO-Profil
Älter als das Volume Profile ist die Market-Profile-Methode, die in den achtziger Jahren im Umfeld der Chicagoer Terminbörsen entstand und bei der nicht Volumen, sondern Zeit gezählt wird. Eine Time Price Opportunity, kurz TPO, ist ein Zeitabschnitt, in dem ein bestimmter Preis gehandelt wurde. Das TPO-Profil zählt also, in wie vielen Zeitabschnitten ein Kursniveau berührt wurde, unabhängig davon, wie viele Kontrakte dort umgingen.
Daraus folgt eine unterschiedliche Empfindlichkeit. Ein Preis, an dem der Kurs lange, aber mit wenig Umsatz stand, erhält im TPO-Profil viel Gewicht und im Volume Profile wenig. Ein Preis, auf dem in kurzer Zeit sehr viel gehandelt wurde, erhält umgekehrt im Volume Profile viel Gewicht und im TPO-Profil wenig. Beide Profile können deshalb ihren Schwerpunkt an verschiedenen Stellen haben, ohne dass eines falsch rechnet.
Weil die Begriffe sich ähneln, werden sie häufig vermischt. Wer von einem Point of Control spricht, sollte daher sagen, ob der volumenbasierte oder der zeitbasierte gemeint ist; die beiden Varianten sind unter Point of Control gegenübergestellt. Das historische Verfahren der Market-Profile-Methode dokumentieren die Terminbörsen selbst.
Orientierungsraster statt Signalgeber
Ein Volume Profile erzeugt keine Handlungsaufforderung. Es markiert Bereiche, in denen etwas stattgefunden hat, und überlässt die Frage, was daraus folgt, vollständig dem Betrachter. Der Nutzen liegt darin, dass man weiß, in welchem Teil der bisherigen Verteilung der Kurs gerade steht, und nicht darin, dass daraus ein Einstieg abgeleitet wäre.
Dazu kommt ein handfestes Problem: Die Linien eines Profils sind nachträglich gezogen. Nach dem Ende einer Sitzung steht fest, wo der Umsatzschwerpunkt lag; während der Sitzung verschiebt er sich laufend. Wer eine Auswertung im Rückblick vornimmt und dabei die endgültigen Werte verwendet, prüft eine Information, die zum Zeitpunkt der angenommenen Entscheidung noch nicht vorlag.
Schließlich hängt alles an der Datenbasis. Ein Profil, das aus einem Teilmarkt gerechnet wird, beschreibt diesen Teilmarkt. Bei zentral gehandelten Terminkontrakten wie dem DAX-Future ist die Lage günstig, bei Aktien über mehrere Handelsplätze hinweg weniger, und bei Differenzkontrakten gibt der Anbieter das Volumen vor. Auch Rollphasen und Auktionen verzerren das Bild, wenn ihre Behandlung in der Software nicht bekannt ist.
Einstellungen, die das Profil verändern
Drei Einstellungen wirken am stärksten. Die erste ist die Breite der Preisstufen: Werden Ticks zusammengefasst, wird das Profil glatter und der Schwerpunkt verschiebt sich, weil andere Mengen verglichen werden. Die zweite ist die Definition der Sitzung, also wann ein Handelstag beginnt und endet; in Märkten mit nahezu durchgehendem Handel ist das eine Festlegung, keine Tatsache.
Die dritte ist der Anteil, der die Value Area bestimmt. Üblich sind siebzig Prozent des Umsatzes, verbreitet sind aber auch andere Werte, und mit dem Anteil ändern sich die Grenzen des Bandes. Programme wie Sierra Chart und ATAS machen diese Parameter zugänglich und dokumentieren ihre Vorgaben, was beim Vergleich zweier Darstellungen die erste Anlaufstelle ist.
Häufige Fragen
Welchen Zeitraum sollte ein Profil abdecken?
Das richtet sich danach, welche Frage beantwortet werden soll. Für die Einordnung eines Handelstages ist das Sitzungsprofil die natürliche Wahl, für längerfristige Strukturen ein zusammengesetztes Profil über Wochen. Problematisch wird es, wenn der Zeitraum nachträglich so gewählt wird, dass das Profil zur eigenen Erwartung passt.
Braucht man dafür Markttiefe?
Nein. Ein Volume Profile wird aus ausgeführten Geschäften gerechnet, also aus Tickdaten. Für historische Profile über längere Zeiträume ist allerdings ein Archiv mit Tickdaten nötig, und das belegt deutlich mehr Speicher als Minutendaten.
Ist eine Lücke im Profil eine Lücke im Chart?
Nicht zwangsläufig. Eine Kurslücke bedeutet, dass ein Preisbereich überhaupt nicht gehandelt wurde. Eine Niedrigvolumenzone bedeutet, dass dort gehandelt wurde, nur wenig. Beide erscheinen im Profil als Einschnitt, haben aber unterschiedliche Ursachen.
Warum stimmt das Profil zweier Programme nicht überein?
Weil die Sitzungsgrenzen, die Stufenbreite, der Anteil für die Value Area, die Behandlung von Auktionen und die Datenquelle unterschiedlich gesetzt sein können. Abweichungen dieser Art sind erwartbar und kein Hinweis auf einen Fehler.
Kann man ein Profil auf Aktien anwenden?
Technisch ja, inhaltlich mit Vorbehalt. Da ein Teil des Aktienhandels über andere Handelsplätze und außerbörslich läuft, zeigt das Profil nur das Geschäft des beobachteten Platzes. Je größer dessen Anteil am Gesamtumsatz, desto belastbarer die Darstellung.
Quellen
- CME Group, Dokumentation zu Marktdaten und zur Market-Profile-Methode: cmegroup.com
- Eurex, Handelszeiten, Auktionen und Kontraktspezifikationen: eurex.com
- Deutsche Börse, Market Data and Services: deutsche-boerse.com
- Sierra Chart, Herstellerdokumentation zu Volume-by-Price-Studien: sierrachart.com
- ATAS, Herstellerdokumentation zu Marktprofil und Volumenanalyse: atas.net
- ESMA, Vorgaben zur Handelstransparenz nach MiFID II und MiFIR: esma.europa.eu
Eingeordnet in die übrigen Themen rund um Märkte, Software und Ausführung findet sich das Volume Profile in der Übersicht Trading. Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung; der Handel mit Hebelprodukten kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen.