Point of Control: der meistgehandelte Preis und was er bedeutet
Der Point of Control, meist als POC abgekürzt, ist der Preis mit dem höchsten Umsatz innerhalb eines betrachteten Profils. Er ist keine eigenständige Kennzahl, sondern eine Ablesung aus dem Volume Profile: der längste Balken, nichts weiter. Entsprechend hängt er vollständig davon ab, über welchen Zeitraum das Profil gerechnet wurde.
Weil die Zahl leicht zu finden und leicht zu zeichnen ist, wird ihr oft mehr Bedeutung zugeschrieben, als in ihr steckt. Diese Seite beschreibt, wie der POC berechnet wird, welche Varianten es gibt, wie er sich während einer Sitzung verhält und wo die Deutung endet.
Was der POC bezeichnet
Im Rahmen der Orderflow-Analyse entsteht ein Profil, indem jeder Abschluss seinem Kursniveau zugeschlagen wird. Danach steht je Preisstufe eine Summe. Der POC ist die Stufe mit der größten Summe. Bei einem Gleichstand entscheidet eine Regel der Software, etwa die Stufe näher an der Mitte des Profils, was in den jeweiligen Programmhandbüchern dokumentiert ist.
Damit ist der POC eine Spitze in einer Verteilung. Wie ausgeprägt diese Spitze ist, verrät die Zahl selbst nicht. Ein Profil kann einen deutlich hervorstehenden Schwerpunkt haben oder eine breite, flache Zone, in der mehrere Stufen nahezu gleich viel Umsatz tragen. Im zweiten Fall ist der POC ein beinahe zufällig ausgewählter Punkt innerhalb eines Bandes, und die Value Area beschreibt die Lage treffender als eine einzelne Linie.
Auch die Stufenbreite wirkt unmittelbar. Werden mehrere Ticks zu einer Stufe zusammengefasst, verschiebt sich der POC, weil andere Mengen miteinander verglichen werden. Zwei Darstellungen desselben Tages können daher zwei verschiedene POC-Niveaus zeigen, ohne dass eine davon falsch rechnet.
Volumenbasierter POC und TPO-POC
Der Begriff wird für zwei verschiedene Berechnungen benutzt. Die eine zählt Volumen, die andere zählt Zeit. Letztere stammt aus der Market-Profile-Methode, in der eine Time Price Opportunity einen Zeitabschnitt bezeichnet, in dem ein Preis gehandelt wurde.
| POC-Variante | Berechnung | Lesart und Vorbehalt |
|---|---|---|
| Volumenbasierter POC | Preisstufe mit dem höchsten gehandelten Volumen im Profil | Zeigt, wo mengenmäßig das meiste Geschäft stattfand; empfindlich gegenüber einzelnen großen Abschlüssen |
| TPO-POC, zeitbasiert | Preisstufe, die in den meisten Zeitabschnitten berührt wurde | Zeigt, wo der Kurs am längsten verweilte; blendet die Menge aus, auch bei dünnem Handel |
| Entwickelnder POC | Laufend neu gerechnet, während die Sitzung fortschreitet | Zeigt den Stand in Echtzeit; wandert und ist daher kein feststehendes Niveau |
| POC einer abgeschlossenen Sitzung | Endgültiger Wert nach Sitzungsende | Feststehend, aber erst nachträglich bekannt |
| Unberührter POC | POC einer früheren Sitzung, zu dem der Kurs seither nicht zurückkehrte | Reine Beschreibung der Vergangenheit; die Rückkehr ist eine Annahme, keine Folge der Berechnung |
Weil beide Varianten denselben Namen tragen, entstehen Missverständnisse. Ein Preis, an dem der Kurs lange mit wenig Umsatz stand, kann TPO-POC sein, ohne volumenbasierter POC zu sein. Wer eine Angabe übernimmt, sollte prüfen, welche Rechnung dahintersteht. Der VWAP ist wiederum etwas Drittes: ein Durchschnitt über die gesamte Verteilung, nicht ihr Maximum.
Der wandernde POC innerhalb der Sitzung
Solange gehandelt wird, ist der POC vorläufig. Zu Beginn einer Sitzung liegt er dort, wo die ersten Geschäfte stattfanden, und kann in den ersten Minuten mehrfach springen, weil wenige Abschlüsse genügen, um die Rangfolge der Stufen zu ändern. Mit wachsendem Gesamtumsatz wird er träger, weil eine Verschiebung dann größere Mengen braucht.
Ein erfundenes Rechenbeispiel, allein zur Veranschaulichung der Mechanik und ohne Bezug zu einem tatsächlichen Markt: Liegt auf der führenden Stufe ein Umsatz von 400 Kontrakten und auf der zweiten von 380, genügen 25 weitere Kontrakte auf der zweiten Stufe, um den POC zu verschieben. Liegt die führende Stufe bei 4.000 und die zweite bei 2.500, verschiebt dieselbe Menge nichts. Dieselbe Marktaktivität bedeutet für den POC zu verschiedenen Zeitpunkten also Verschiedenes.
Praktisch folgt daraus ein Hinweis für jede Auswertung: Ein POC, der auf einem historischen Chart eingezeichnet ist, war zu dem Zeitpunkt, an dem der Kurs ihn erreichte, oft noch nicht dort. Wer rückblickend prüft, ob ein POC gehalten hat, prüft leicht eine Linie, die es damals noch nicht gab.
Unberührter POC früherer Sitzungen
Als unberührt oder naked gilt ein POC einer abgeschlossenen Sitzung, zu dessen Kursniveau der Markt seither nicht mehr zurückgekehrt ist. Die Beschreibung ist eindeutig und rein rückblickend: Das Niveau hatte einmal den höchsten Umsatz eines Tages und wurde seitdem nicht mehr gehandelt.
Die verbreitete Deutung geht weiter und nimmt an, dass der Kurs solche Niveaus mit einer gewissen Neigung wieder aufsuche. Dafür liefert die Berechnung keinen Grund. Die Gegenprobe ist einfach: Im Zeitverlauf lässt jede Bewegung zahlreiche unberührte Niveaus hinter sich, und über einen längeren Zeitraum wird ein beachtlicher Teil davon irgendwann wieder gehandelt, schon weil Kurse sich hin und her bewegen. Dass ein Kurs ein zurückliegendes Niveau erreicht, ist daher für sich genommen keine Bestätigung einer Anziehungswirkung. Wer eine solche Neigung belegen möchte, müsste auch zählen, wie viele dieser Niveaus über welchen Zeitraum unberührt blieben, und einen Vergleich gegen beliebig gewählte Kursniveaus anstellen.
Hinzu kommen Datenfragen. Bei Terminkontrakten wie dem DAX-Future wechselt der Kontrakt regelmäßig, und ob ältere POC-Niveaus über den Rollwechsel hinweg überhaupt vergleichbar sind, hängt davon ab, wie die Software die Kontrakte verkettet. Ein eingezeichnetes Niveau aus einem früheren Kontraktmonat kann ein Niveau sein, das im laufenden Kontrakt nie existiert hat.
Was der POC nicht ist
Er ist kein Kursziel. Dass ein Preis in der Vergangenheit den höchsten Umsatz trug, enthält keine Aussage darüber, wohin der Kurs künftig läuft. Er ist auch keine Unterstützung oder Widerstandsmarke im Sinne einer verlässlichen Grenze, sondern ein Ort, an dem früher viel gehandelt wurde, was ebenso gut bedeuten kann, dass dort wieder viel gehandelt wird, ohne dass eine Richtung folgt.
Er ist ferner keine Angabe über die Qualität der Beteiligung. Ein POC kann aus einem einzigen großen Auftrag entstehen, etwa einer Umschichtung oder einer Absicherung, deren Urheber an der Kursrichtung kein Interesse hat. Die Zahl unterscheidet nicht zwischen Geschäften, die aus einer Markteinschätzung heraus zustande kamen, und solchen, die aus anderen Gründen abgewickelt wurden. Wer ein Footprint-Chart daneben legt, sieht zumindest, wie sich das Volumen am POC auf die beiden Seiten verteilte, ohne dass auch das die Motive offenlegt.
Häufige Fragen
Welcher Zeitraum gehört zu einem POC?
Der, über den das Profil gerechnet wurde. Ein Tages-POC, ein Wochen-POC und ein POC über mehrere Monate können an völlig verschiedenen Stellen liegen. Eine Angabe ohne Zeitraum ist unvollständig.
Warum zeigen zwei Programme verschiedene POC-Niveaus?
Weil Stufenbreite, Sitzungsgrenzen, die Behandlung von Auktionen, die Verkettung der Kontraktmonate und die Datenquelle unterschiedlich gesetzt sein können, und weil Gleichstände nach unterschiedlichen Regeln aufgelöst werden. Die Herstellerdokumentation benennt diese Festlegungen.
Ist der POC dasselbe wie der VWAP?
Nein. Der POC ist das Maximum der Umsatzverteilung, der VWAP ihr volumengewichteter Durchschnitt. Bei einer schiefen Verteilung liegen beide deutlich auseinander, und bei einer flachen Verteilung ist der POC der weniger stabile der beiden Werte.
Lässt sich der POC im Voraus bestimmen?
Nein. Er ist eine Auswertung bereits getätigter Geschäfte und steht erst fest, wenn der betrachtete Zeitraum abgeschlossen ist. Während der Sitzung existiert nur ein vorläufiger Wert, der sich noch verschieben kann.
Braucht man Markttiefe, um den POC zu sehen?
Nein. Er wird aus ausgeführten Geschäften gerechnet, also aus Tickdaten. Markttiefe ist eine eigene, in der Regel teurere Datenstufe und für Orderbuchdarstellungen gedacht.
Quellen
- CME Group, Marktdaten und Dokumentation zur Market-Profile-Methode: cmegroup.com
- Eurex, Kontraktspezifikationen, Handelszeiten und Rollverfahren: eurex.com
- Deutsche Börse, Market Data and Services: deutsche-boerse.com
- Sierra Chart, Herstellerdokumentation zu Volume-by-Price-Studien und Sitzungsdefinition: sierrachart.com
- Quantower, Herstellerdokumentation zu Profil- und Volumenindikatoren: quantower.com
Weitere Bausteine rund um Marktstruktur, Software und Datenanbindung sind unter Trading gesammelt. Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung; der Handel mit Hebelprodukten kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen.