VWAP: der volumengewichtete Durchschnittskurs und wer ihn nutzt
Der VWAP ist der volumengewichtete Durchschnittskurs eines Zeitraums. Er fasst zusammen, zu welchem Kurs der Umsatz im Mittel stattfand, und wiegt dabei jeden Abschluss mit seiner Menge. Damit unterscheidet er sich grundlegend von einem Kursdurchschnitt, der jeden Zeitpunkt gleich behandelt. Entstanden ist die Kennzahl nicht als Chartlinie, sondern als Maßstab für die Ausführung großer Aufträge. Diese Herkunft erklärt den größten Teil ihrer Eigenschaften und auch die häufigsten Fehldeutungen.
Was der VWAP berechnet
Die Formel in Worten: Für jeden Abschluss wird der Preis mit der gehandelten Menge multipliziert. Alle diese Produkte werden aufsummiert, und die Summe wird durch das Gesamtvolumen des Zeitraums geteilt. Das Ergebnis liegt immer innerhalb der gehandelten Spanne und näher an jenen Preisstufen, an denen viel umgesetzt wurde. Viele Programme verwenden anstelle des einzelnen Abschlusspreises einen typischen Preis je Zeitintervall, etwa das Mittel aus Hoch, Tief und Schlusskurs. Das ist eine Annäherung und ein Grund, weshalb zwei Darstellungen für denselben Zeitraum nicht exakt denselben Wert zeigen.
Der VWAP braucht Volumendaten je Abschluss. Wo diese fehlen oder nur geschätzt vorliegen, etwa bei einigen Devisen- oder Differenzkontraktdarstellungen, ist die Linie allenfalls eine Näherung auf Grundlage des Volumens eines einzelnen Anbieters. Die gleiche Einschränkung gilt für alle übrigen Werkzeuge der Orderflow-Analyse.
Der Ankerpunkt entscheidet
Weil die Summen von einem festgelegten Startzeitpunkt an gebildet werden, hängt jeder VWAP-Wert vollständig von diesem Anker ab. Ein VWAP ohne Angabe des Ankers ist keine Aussage. Der häufigste Anker ist der Sitzungsbeginn; zu Sitzungsbeginn wird die Rechnung zurückgesetzt und läuft bis zum Sitzungsende. Andere Ankerungen summieren über eine Woche, einen Monat oder ab einem bestimmten Ereignis, etwa ab einem Verfallstag, einer Zahlenveröffentlichung oder dem Beginn eines neuen Kontrakts.
Bei Terminkontrakten wie dem DAX-Future kommt hinzu, welche Handelszeiten in die Sitzung eingehen und wie mit dem Rollen umgegangen wird. Wird der Nachthandel eingerechnet, liegt der Sitzungs-VWAP anders als bei einer Rechnung, die erst mit der Haupthandelszeit beginnt. Zwei Bildschirme mit scheinbar derselben Linie können deshalb verschiedene Werte zeigen, ohne dass einer von beiden falsch rechnet.
| Ankerung | Zeitraum der Summen | Typische Verwendung |
|---|---|---|
| Sitzungsanker | Vom Sitzungsbeginn bis zum aktuellen Abschluss, täglicher Reset | Maßstab für die Ausführungsqualität innerhalb eines Handelstages; die am weitesten verbreitete Voreinstellung |
| Wochen- oder Monatsanker | Vom ersten Abschluss der Woche beziehungsweise des Monats an | Einordnung längerer Aufbauphasen; reagiert auf einzelne Sitzungen kaum noch |
| Ereignisanker, oft Anchored VWAP genannt | Ab einem frei gewählten Zeitpunkt, etwa einer Veröffentlichung oder einem Verfall | Vergleich des Durchschnittskurses seit einem Ereignis; die Wahl des Zeitpunkts bestimmt das Ergebnis und ist nicht objektiv |
| Rollierender VWAP über eine feste Zahl von Perioden | Gleitendes Fenster ohne Reset | Darstellung ohne Sprünge an Sitzungsgrenzen; entspricht nicht mehr dem Ausführungsmaßstab, auf den sich die Branche bezieht |
Warum der VWAP als Maßstab gilt
Wer einen großen Auftrag über eine Sitzung verteilt ausführt, braucht einen nachprüfbaren Vergleichswert für die erzielten Preise. Der VWAP leistet genau das: Er ist der Durchschnitt, den der Markt im betrachteten Zeitraum selbst gestellt hat, gewichtet nach Menge. Eine Ausführung oberhalb des VWAP gilt beim Kauf als teuer, eine darunter als günstig, und zwar unabhängig davon, wie sich der Kurs später entwickelt. Deshalb ist der VWAP ein Maßstab im Nachhinein und kein Hinweis auf die Richtung.
Pflichten zur Offenlegung und Überprüfung der Ausführungsqualität haben diesen Gebrauch gefestigt. Aufsichtsbehörden verlangen Berichte darüber, wie und wo Aufträge ausgeführt werden, und Handelsplätze wie Ausführungsdienstleister messen sich an Durchschnittswerten dieser Art. Für die Auswahl eines Brokers ist das eine der nachprüfbaren Größen, allerdings eine, die sich auf die Ausführung bezieht und nicht auf Prognosegüte.
Daraus folgt die wichtigste Einschränkung: Dass institutionelle Ausführung sich am VWAP messen lässt, heißt nicht, dass institutionelle Teilnehmer an dieser Linie handeln oder sie verteidigen. Die Linie ist das Ergebnis des Geschäfts, nicht dessen Ursache.
Standardabweichungsbänder
Viele Darstellungen zeichnen zusätzlich Bänder, die eine oder zwei Standardabweichungen der Preise um den VWAP abtragen. Berechnet wird die Streuung der Abschlusspreise gegenüber dem laufenden Durchschnitt, teils ebenfalls volumengewichtet, teils nicht. Die Bänder beschreiben also, wie weit der Handel vom Durchschnitt abwich, und weiten sich in bewegten Phasen.
Die Gegenprobe gehört dazu. Eine Berührung des äußeren Bandes bedeutet, dass die Abweichung groß im Verhältnis zur bisherigen Streuung desselben Zeitraums ist, nicht, dass sie zu groß wäre. Da die Streuung aus den Daten des laufenden Zeitraums kommt, wird das Band in ruhigen Sitzungen eng und in bewegten weit, sodass dieselbe absolute Kursbewegung einmal am Rand und einmal in der Mitte liegt. Über die Verteilung künftiger Abweichungen sagen die Bänder nichts; die Annahme einer Normalverteilung, die der Begriff nahelegt, trifft auf Kursreihen regelmäßig nicht zu. Ein Blick auf die Volatilität des Instruments ordnet die Bandbreite besser ein als die Bänder selbst.
Unterschied zum gleitenden Durchschnitt
Ein gleitender Durchschnitt mittelt Kurse über eine feste Zahl von Perioden und gewichtet jede Periode gleich, unabhängig davon, ob in ihr viel oder wenig gehandelt wurde. Der VWAP gewichtet nach Menge und beginnt bei jedem Reset neu. Zwei Folgen ergeben sich daraus. Erstens verschiebt eine umsatzstarke halbe Stunde den VWAP stark und einen gleitenden Durchschnitt kaum. Zweitens hat der VWAP keine feste Periodenlänge, sondern wächst mit dem Zeitraum, während ein gleitender Durchschnitt sein Fenster mitzieht.
Verwandt ist der VWAP eher mit einem Volumenprofil als mit einer Durchschnittslinie. Er liegt in der Nähe der umsatzstarken Preisstufen und damit häufig innerhalb der Value Area desselben Zeitraums, fällt aber nicht mit ihrem Mittelpunkt zusammen, weil er ein Mittelwert ist und keine Spanne.
Warum der VWAP im Tagesverlauf träger wird
Der Nenner der Rechnung ist das bis dahin gehandelte Gesamtvolumen. Zu Sitzungsbeginn ist er klein, jeder neue Abschluss hat daher großes Gewicht, und die Linie bewegt sich hektisch. Mit jeder weiteren Stunde wächst der Nenner, der Einfluss eines einzelnen Abschlusses sinkt, und der Wert verändert sich immer langsamer. Am Sitzungsende kann eine deutliche Kursbewegung den VWAP nur noch geringfügig verschieben.
Praktisch heißt das: Dieselbe Linie ist morgens eine andere Größe als nachmittags. Eine Berührung in der ersten Viertelstunde beruht auf wenigen Abschlüssen, eine am späten Nachmittag auf dem Umsatz der ganzen Sitzung. Umgekehrt kann die Schlussauktion, in der an vielen Handelsplätzen ein erheblicher Teil des Tagesumsatzes zusammenkommt, den Endwert noch merklich verschieben, je nachdem ob und wie sie in die Rechnung eingeht.
Wo die Deutung endet
Zu jeder Beobachtung an der Linie gehört die Gegenprobe. Ein Kurs über dem VWAP heißt, dass aktuell über dem Mengenmittel der Sitzung gehandelt wird, und nicht, dass Käufer die Kontrolle haben: Der Abstand entsteht auch dann, wenn früh ein großes Volumen tief gehandelt wurde und der Rest der Sitzung ruhig höher verläuft. Ein mehrfaches Zurücklaufen an die Linie kann Interesse an diesem Kursbereich bedeuten oder lediglich, dass der Durchschnitt mitten in der engen Spanne eines ruhigen Tages liegt, in der jede Bewegung ihn kreuzt.
Hinzu kommen Darstellungsfragen. Wie der VWAP gerechnet und angezeigt wird, unterscheidet sich zwischen den Programmen, etwa zwischen TradingView und Bookmap, und bei Indexdarstellungen ohne eigenes Volumen bleibt offen, welches Volumen überhaupt eingeht. Bei Indizes, die selbst nicht gehandelt werden, ist ein VWAP ohne Angabe des zugrunde liegenden Instruments ohne Bedeutung.
Häufige Fragen
Welcher Anker ist der richtige
Das hängt an der Frage, die beantwortet werden soll. Für die Beurteilung einer Ausführung innerhalb eines Tages ist der Sitzungsanker der gebräuchliche Maßstab. Für längere Zeiträume wird über Woche oder Monat gerechnet. Ein frei gesetzter Ereignisanker ist eine Wahl des Betrachters und entsprechend wenig nachprüfbar.
Zeigen zwei Programme denselben VWAP
Oft nur annähernd. Unterschiede entstehen durch die Sitzungsdefinition, die Datenquelle, die Behandlung von Auktionen und außerbörslichen Abschlüssen sowie durch die Frage, ob mit Abschlusspreisen oder mit einem typischen Preis je Intervall gerechnet wird.
Ist der VWAP ein Unterstützungsniveau
Er ist ein Mittelwert. An ihm liegen keine Orders, und er enthält keinen Mechanismus, der Kurse anzieht oder abweist. Dass sich Kurse häufig in seiner Nähe aufhalten, folgt daraus, dass er nach Umsatz gewichtet ist und damit in der Gegend der umsatzstarken Preisstufen liegt.
Wie verhält sich der VWAP bei dünnem Handel
Er wird von wenigen Abschlüssen bestimmt und kann durch einen einzelnen großen Abschluss merklich verschoben werden. Zugleich ist in solchen Phasen die Geld-Brief-Spanne weiter, sodass der erzielbare Preis ohnehin weiter vom Mittelwert entfernt liegt.
Gibt es den VWAP auch für mehrere Tage
Ja, über jede Ankerung ist das möglich. Zu beachten ist, dass ein über Wochen gerechneter Wert sich kaum noch bewegt und bei Terminkontrakten über Kontraktwechsel hinweg gerechnet wird, wenn die Zeitreihe entsprechend zusammengesetzt ist.
Quellen
- SEC, Vorschriften zur Offenlegung der Ausführungsqualität, Rule 605 und Rule 606: sec.gov
- ESMA, technische Standards und Leitlinien zur bestmöglichen Ausführung unter MiFID II: esma.europa.eu
- Deutsche Börse, Market Data and Services sowie Regelwerk zu Auktionen und Schlussauktion: deutsche-boerse.com
- Eurex, Kontraktspezifikationen, Handelszeiten und Rollverfahren: eurex.com
- CME Group, Marktdatenbeschreibungen und Angaben zu gemeldeten Umsätzen: cmegroup.com
- TradingView, Herstellerdokumentation zur Berechnung der VWAP-Indikatoren: tradingview.com
Wie der VWAP mit Profilen, Orderbuchdarstellungen und der dafür nötigen Datenanbindung zusammenhängt, ist in der Übersicht unter Trading aufgefächert. Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung; der Handel mit Hebelprodukten kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen.