Time and Sales: das Band der ausgeführten Geschäfte lesen
Time and Sales, im Sprachgebrauch das Band oder die Tape, ist die chronologische Liste der ausgeführten Geschäfte eines Handelsplatzes. Jede Zeile nennt den Zeitpunkt, den Preis, die Menge und, je nach Datenquelle, die Seite, zu deren Kurs ausgeführt wurde. Das Band ist damit die einzige Quelle in der Orderflow-Analyse, die ausschließlich Tatsachen enthält.
Gerade weil es so einfach aufgebaut ist, wird mehr in es hineingelesen, als darin steht. Diese Seite beschreibt die Spalten, die Konventionen dahinter, die Rolle der Zeitstempel und die Fälle, in denen eine Zeile etwas anderes bedeutet, als sie auf den ersten Blick zu sagen scheint.
Was im Band steht
Ein Eintrag im Band wird Print genannt. Er entsteht, wenn zwei Aufträge zusammengeführt werden. Die Grundspalten sind Zeit, Preis und Menge; die meisten Programme ergänzen eine Kennzeichnung der Seite und, bei Aktien, den Handelsplatz. Manche Datenquellen übertragen zusätzlich Bedingungskennzeichen, die aussagen, auf welchem Weg ein Geschäft zustande kam.
Die Reihenfolge der Zeilen ist die Reihenfolge der Meldung, nicht notwendigerweise die Reihenfolge der Ausführung. Bei einem einzelnen Handelsplatz fallen beide in der Regel zusammen. Werden mehrere Plätze in einem Band zusammengeführt, kann die Darstellung abweichen, weil die Meldungen unterschiedliche Wege nehmen.
| Spalte des Bandes | Bedeutung | Fallstrick |
|---|---|---|
| Zeit | Zeitstempel des Geschäfts oder der Meldung | Je Quelle unterschiedlich granular, bei verzögerten Daten ohne Nutzen |
| Preis | Kurs, zu dem ausgeführt wurde | Sagt nichts darüber, ob der Kurs danach gehalten wurde |
| Menge | Stückzahl des Prints | Kann die Summe mehrerer Gegenaufträge sein |
| Seite | Ausführung am Geld- oder am Briefkurs | Eine Zuordnungskonvention, nicht die Absicht eines Teilnehmers |
| Bedingungskennzeichen | Art des Zustandekommens, etwa Block oder Auktion | Nicht jede Anbindung überträgt es, Bezeichnungen sind nicht einheitlich |
| Handelsplatz | Ort der Ausführung bei Aktien | Fehlt im Band eines einzelnen Platzes vollständig |
Vollzogen statt beabsichtigt
Der Unterschied zum Orderbuch ist grundlegend. Das Buch zeigt Absichten, die jederzeit zurückgenommen werden dürfen. Das Band zeigt Vollzug, der nicht mehr rückgängig gemacht wird. Eine große Menge im Buch kann verschwinden, ohne dass etwas geschehen ist; eine große Menge im Band ist gehandelt worden.
Daraus folgt eine praktische Arbeitsteilung. Wer eine Beobachtung aus der Markttiefe prüfen will, prüft sie am Band. Verschwindet eine Preisstufe aus dem Buch, entscheidet allein das Band, ob dort abgeschlossen oder storniert wurde. Die Gegenprobe gilt auch umgekehrt: aus einem einzelnen auffälligen Print folgt nichts über die weitere Kursentwicklung, weil die Gegenseite dieses Geschäfts dieselbe Menge in die andere Richtung gehandelt hat.
Die Farbkonvention ist eine Konvention
Programme färben Prints üblicherweise danach, ob am Briefkurs oder am Geldkurs ausgeführt wurde. Ausführung am Brief gilt als aktive Kaufseite, Ausführung am Geld als aktive Verkaufsseite. Diese Zuordnung ist eine Rechenregel und keine Beobachtung. Sie unterstellt, dass die aggressive Partei die Marktorder erteilt hat, und das trifft häufig, aber nicht immer zu.
Mehrdeutig wird es, sobald sich der Spread zwischen Meldung und Zuordnung verschiebt oder das Geschäft innerhalb des Spreads zustande kommt. Dann hängt das Ergebnis davon ab, welche Buchkurse die Software als Vergleich nimmt. Dieselbe Mehrdeutigkeit setzt sich fort in jedes abgeleitete Maß, insbesondere in das Delta und in den Footprint, die beide auf dieser Zuordnung aufbauen.
Ein Print kann viele Gegenaufträge sein
Trifft eine Marktorder auf mehrere Aufträge der Gegenseite, melden manche Datenquellen jede Teilausführung einzeln, andere fassen sie zu einem Print zusammen. Beide Darstellungen beschreiben dasselbe Geschäft, erzeugen im Band aber ein völlig anderes Bild: einmal viele kleine Zeilen, einmal eine große.
Ein frei erfundenes Rechenbeispiel zur Veranschaulichung, ohne Bezug zu einem realen Markt: Eine Kauforder über 50 Kontrakte trifft auf vier Verkaufsaufträge mit 10, 15, 20 und 5 Kontrakten. Eine Quelle meldet vier Prints, eine andere einen Print über 50. Wer nach großen Einzelabschlüssen sucht, findet im zweiten Fall einen und im ersten keinen, obwohl im Markt dasselbe passiert ist. Vor jeder Aussage über Abschlussgrößen gehört deshalb geklärt, wie die eigene Quelle aggregiert.
Zeitstempel und warum Verzögerung das Band entwertet
Die Anforderungen an die Synchronisierung der Geschäftsuhren und an die Granularität der Zeitstempel sind in den technischen Durchführungsbestimmungen zu MiFID II festgelegt und richten sich nach der Art der Handelstätigkeit. Für den Leser am Bildschirm ist entscheidend, welche Auflösung die eigene Datenanbindung übermittelt und ob sie überhaupt die Börsenzeit oder nur die Empfangszeit des Programms zeigt.
Verzögerte Daten machen das Band unbrauchbar für seinen eigentlichen Zweck. Ein Band soll die Gleichzeitigkeit von Ausführungen abbilden; mit einer Verzögerung bleibt nur eine Liste von Geschäften, deren Abfolge nicht mehr zur sichtbaren Kursbewegung passt. Deshalb arbeitet man hier mit unverzögerten Börsendaten, die über Anbindungen wie Rithmic oder die Leitungen des jeweiligen Handelsplatzes bezogen werden. Ob eine Darstellung unverzögert ist, steht in den Datenbedingungen des Anbieters und nicht in der Software.
Nachträglich gemeldete Geschäfte
Nicht jedes Geschäft entsteht im Orderbuch. Blockgeschäfte, ausgehandelte Abschlüsse und Geschäfte außerhalb eines Handelsplatzes werden nach den Vorgaben zur Nachhandelstransparenz gemeldet, teils mit zulässiger späterer Veröffentlichung. Im Band erscheinen sie dann zu einem Zeitpunkt, der nicht der Zeitpunkt der Ausführung ist, und zu einem Preis, der nicht zur gerade sichtbaren Markttiefe passt.
Solche Zeilen sehen aus wie ein plötzlicher großer Abschluss, obwohl sie eine Meldung über etwas Vergangenes sind. Wer sie als laufende Aktivität deutet, deutet einen Verwaltungsvorgang. Die Bedingungskennzeichen der Datenquelle unterscheiden diese Fälle, sofern sie übertragen werden; welche Kennzeichen eine Quelle liefert und wie sie heißen, ist in deren Dokumentation beschrieben.
Filter nach Mindestgröße
In liquiden Märkten läuft das Band schneller, als es sich lesen lässt. Üblich ist daher ein Filter, der nur Prints ab einer selbst gewählten Mindestmenge anzeigt. Das macht die Darstellung lesbar und verschiebt gleichzeitig das Bild, denn die herausgefilterten Zeilen tragen weiterhin zum Umsatz bei. Ein Filter ist eine Lesehilfe und keine Messung.
Welche Schwelle sinnvoll ist, hängt vom Kontrakt und von der Tageszeit ab und müsste bei veränderter Aktivität nachgezogen werden. Wie schnell das Band in einer bestimmten Phase läuft, behandelt die Seite zur Speed of Tape; eine feste Schwelle für alle Marktlagen gibt es nicht.
Häufige Fragen
Was unterscheidet das Band vom Orderbuch
Das Band listet ausgeführte Geschäfte, das Orderbuch offene Aufträge. Das eine ist vollzogen und unveränderlich, das andere eine Absicht, die storniert werden darf.
Zeigt die Farbe, ob gekauft oder verkauft wurde
Sie zeigt, ob am Geld- oder am Briefkurs ausgeführt wurde. Jedes Geschäft hat eine Kauf- und eine Verkaufsseite; die Farbe benennt nur, welche Seite als aktiv gerechnet wird.
Warum zeigen zwei Programme verschiedene Abschlussgrößen
Weil sie Teilausführungen unterschiedlich zusammenfassen. Eine Quelle meldet jede Gegenorder einzeln, eine andere bündelt sie zu einem Print. Beide beschreiben dasselbe Geschäft.
Kann man mit verzögerten Daten arbeiten
Für das Band nicht sinnvoll. Es lebt von der Gleichzeitigkeit mit der Kursbewegung, und die geht mit jeder Verzögerung verloren.
Woher kommen Prints weit entfernt vom aktuellen Kurs
Meist aus nachträglich gemeldeten Geschäften, die neben dem Orderbuch zustande kamen. Sie beschreiben einen vergangenen Abschluss, nicht die gegenwärtige Lage.
Quellen
- Deutsche Börse, Market Data and Services mit den Spezifikationen der Geschäftsdatenströme: deutsche-boerse.com
- Eurex, Handelsbedingungen sowie Regeln zu Blockhandel und ausgehandelten Geschäften: eurex.com
- CME Group, Dokumentation zum Marktdatenprotokoll und zu den Geschäftskennzeichen: cmegroup.com
- Verordnung (EU) Nr. 600/2014 (MiFIR) mit den Vorgaben zur Nachhandelstransparenz und zur späteren Veröffentlichung: eur-lex.europa.eu
- ESMA, technische Regulierungsstandards zu Zeitstempeln und Uhrensynchronisierung sowie Fragen und Antworten zur Transparenz: esma.europa.eu
- Sierra Chart, Programmdokumentation zu Time and Sales und zur Behandlung von Teilausführungen: sierrachart.com
In welcher Reihenfolge Band, Markttiefe und Profile sinnvoll gelesen werden, ordnet die Übersicht unter Trading ein. Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung; der Handel mit Hebelprodukten kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals führen.