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Merrill Lynch: Was aus der legendären Investmentbank geworden ist

von FNE-Redaktion

Merrill Lynch gibt es als eigenständiges Unternehmen nicht mehr. Die Investmentbank wurde am 1. Januar 2009 von der Bank of America übernommen, am 1. Oktober 2013 wurde die Gesellschaft Merrill Lynch & Co., Inc. vollständig in die Bank of America Corporation verschmolzen. Seitdem ist Merrill Lynch keine Firma mehr, sondern eine Marke.

Verschwunden ist der Name damit aber nicht. Die Vermögensverwaltung der Bank of America tritt heute als Merrill auf, der Börsenhandel und das Investmentbanking als BofA Securities. Und in der Tochtergesellschaftsliste der Bank of America stehen auch 2026 noch 22 Gesellschaften mit „Merrill Lynch“ im Namen, darunter die legendäre Merrill Lynch, Pierce, Fenner & Smith Incorporated.

Dieser Beitrag erklärt, was mit Merrill Lynch passiert ist, was aus der Aktie wurde, welche Zahlen am Ende in den Büchern standen und was von dem Namen heute übrig ist. Alle Angaben stammen aus Primärquellen: den Einreichungen bei der US-Börsenaufsicht SEC, den Mitteilungen der Bank of America und der Merrill-Website.

Was Merrill Lynch war

Merrill wurde nach eigener Angabe 1914 gegründet. Das Haus wurde zu einer der vier großen unabhängigen Investmentbanken der Wall Street und war vor allem für eines bekannt: das größte Netz von Anlageberatern in den USA, in der Branche „the thundering herd“ genannt, die donnernde Herde. Das Wappentier, der Bulle, ist bis heute Teil der Marke.

Anders als Goldman Sachs oder Morgan Stanley war Merrill Lynch nie primär ein Haus für Großkunden, sondern eines für die breite Masse der amerikanischen Privatanleger. Diese Vertriebsmannschaft war am Ende auch der Grund, warum die Bank of America zugriff.

Das Wochenende im September 2008

Am Wochenende des 13. und 14. September 2008 verhandelten in New York mehrere Banken gleichzeitig um ihr Überleben. Das Ergebnis dieses Wochenendes ist bekannt: Lehman Brothers meldete Insolvenz an, Merrill Lynch wurde verkauft. Was der Zusammenbruch für die Märkte bedeutete, steht im Beitrag zum Börsencrash 2008; ein deutsches Beispiel aus derselben Zeit ist die Hypo Real Estate.

Der Übernahmevertrag zwischen Bank of America und Merrill Lynch ist auf den 15. September 2008 datiert. Das Umtauschverhältnis stand darin fest: 0,8595 Stammaktien der Bank of America für jede Stammaktie von Merrill Lynch. Bezahlt wurde also nicht in Geld, sondern in eigenen Aktien. Der Vertrag wurde am 21. Oktober 2008 durch eine Änderungsvereinbarung ergänzt.

Vollzogen wurde die Übernahme am 1. Januar 2009. Merrill Lynch bestand danach als Tochtergesellschaft der Bank of America weiter, die Aktie wurde vom Kurszettel genommen.

Die Zahlen des letzten unabhängigen Jahres

Merrill Lynch hat für das Geschäftsjahr 2008 noch einen eigenen Jahresbericht bei der SEC eingereicht. Es war der letzte als unabhängiges Unternehmen – als Tochter der Bank of America berichtete die Gesellschaft anschließend noch bis 2013 weiter, weil ihre Anleihen börsennotiert blieben. Das Geschäftsjahr endete am 26. Dezember 2008, der Bestätigungsvermerk des Wirtschaftsprüfers trägt das Datum 23. Februar 2009. Alle Geldbeträge in Millionen US-Dollar.

KennzahlGeschäftsjahr 2008 (in Mio. US-Dollar)
Nettoverlust27.612
Verlust, der auf die Stammaktionäre entfällt30.481
Wertminderung auf Geschäfts- oder Firmenwerte2.300
Zahlung aus einer Preisanpassung bei einer Aktienemission2.500
Restrukturierungsaufwand486
Bilanzsumme zum 26.12.2008667.543

Quelle: Merrill Lynch & Co., Inc., Jahresbericht für das Geschäftsjahr 2008 (Formular 10-K), eingereicht bei der SEC.

Ein Verlust von 27,6 Mrd. US-Dollar in einem Jahr ist die eine Hälfte des Befundes. Die andere steht im Prüfungsurteil: Der Wirtschaftsprüfer erteilte für die interne Kontrolle über die Finanzberichterstattung ein negatives Prüfurteil, eine sogenannte adverse opinion, und begründete das mit wesentlichen Schwächen. Das ist in einem Jahresbericht einer Großbank ein außergewöhnlicher Vorgang und sagt über den Zustand des Hauses mehr als die Verlustzahl.

Was aus der Aktie wurde

Die Merrill-Lynch-Aktie wurde mit dem Abschluss der Transaktion am 1. Januar 2009 von der New York Stock Exchange genommen. Wer Merrill-Lynch-Aktien hielt, musste nichts tun: Jede Aktie wurde automatisch in 0,8595 Aktien der Bank of America getauscht. Aus 100 Merrill-Lynch-Aktien wurden also 85 Bank-of-America-Aktien, der verbleibende Bruchteil wurde in Bargeld ausgezahlt.

Aus heutiger Sicht bedeutet das: Ein ehemaliger Merrill-Lynch-Aktionär, der nichts verkauft hat, ist heute Aktionär der Bank of America. Es gibt keine separate Merrill-Lynch-Notierung, keine eigene ISIN und keine eigene Dividende. Wer die Entwicklung seiner Position verfolgen will, schaut auf den Kurs der Bank of America.

Bank of America (NYSE: BAC) – Wochenkurs. Seit dem 1. Januar 2009 ist dies die Aktie, in der ehemalige Merrill-Lynch-Anteile fortleben.

Der Preis des Zusammenschlusses: 150 Millionen Dollar an die SEC

Die Art, wie der Zusammenschluss den Aktionären präsentiert wurde, beschäftigte anschließend die US-Börsenaufsicht SEC. Sie erhob zwei Vorwürfe, die beide das Aktionärsvotum im Dezember 2008 betrafen.

Die Klage vom 3. August 2009 lautete, die Bank of America habe ihren Aktionären verschwiegen, dass sie Merrill Lynch zugesagt hatte, noch vor Abschluss der Transaktion Bonuszahlungen von bis zu 5,8 Milliarden US-Dollar für das Jahr 2008 auszuschütten. Die zweite Klage vom 12. Januar 2010 betraf die außergewöhnlichen Verluste, die Merrill Lynch im Oktober und November 2008 auflief und die den Aktionären vor der Abstimmung nicht offengelegt wurden.

Am 4. Februar 2010 genehmigte das Bundesgericht für den südlichen Bezirk von New York unter Richter Jed S. Rakoff einen Vergleich. Die Bank of America zahlte 150 Millionen US-Dollar und verpflichtete sich für drei Jahre zu sieben Auflagen – darunter ein unabhängiger Prüfer für die Offenlegungspraxis, eine persönliche Zertifizierung von Fusionsunterlagen durch Vorstandschef und Finanzchef, eine jährliche Aktionärsabstimmung über die Vorstandsvergütung sowie ein verschärfter Unabhängigkeitsmaßstab für den Vergütungsausschuss.

2013 verschwindet auch die Gesellschaft

Vier Jahre lang existierte Merrill Lynch & Co., Inc. noch als eigenständige Tochtergesellschaft mit eigenen Anleihen und eigener Berichtspflicht gegenüber der SEC. Am 1. Oktober 2013 endete das: Die Gesellschaft wurde vollständig in die Bank of America Corporation verschmolzen und hörte damit auf zu existieren.

Die Bank of America übernahm dabei alle Schuldverschreibungen, Trust-Preferred-Papiere und Garantien von Merrill Lynch. Der letzte eigene Zwischenbericht der Gesellschaft wurde am 2. August 2013 bei der SEC eingereicht, danach endete die Berichtspflicht. Zum Markennamen hielt die Bank in ihrer Pflichtmitteilung ausdrücklich fest, dass die Verschmelzung keine Auswirkung auf den Namen und die Marke Merrill Lynch habe.

Was Merrill heute ist

Merrill ist heute das Vermögensverwaltungsgeschäft der Bank of America für Privatkunden. Zusammen mit der Bank of America Private Bank bildet Merrill Wealth Management das Segment Global Wealth & Investment Management (GWIM), das die Bank als eines ihrer vier Geschäftssegmente ausweist. Die Berater betreuen Kunden mit einem anlagefähigen Vermögen von mehr als 250.000 US-Dollar.

Für das Geschäftsjahr 2025 weist die Bank of America für dieses Segment folgende Zahlen aus:

Kennzahl2025 (in Mio. US-Dollar)2024 (in Mio. US-Dollar)
Erträge GWIM gesamt24.88322.929
davon Merrill Wealth Management20.71619.066
Nettogewinn4.6704.263
Kundenvermögen gesamt3.992.3123.578.513
Verwaltetes Vermögen (AuM)2.177.708–
Aufwand-Ertrag-Relation (in Prozent)74,84–
Rendite auf zugeordnetes Kapital (in Prozent)24–

Die Erträge des Segments stiegen damit um 9 Prozent, der Nettogewinn um 10 Prozent. Nach eigenen Angaben unterhält Merrill über 500 Büros in 100 US-Märkten, Kunden haben zusätzlich Zugang zu rund 3.700 Filialen der Bank of America. Das Kundenvermögen bezifferte das Unternehmen zum Jahresende 2025 auf etwa 4 Billionen US-Dollar.

Wo der Name Merrill Lynch noch steht

Der vollständige Name ist nicht verschwunden, er hat sich nur verlagert. In der Liste der Tochtergesellschaften im Geschäftsbericht der Bank of America für 2025 finden sich 22 Gesellschaften, die Merrill im Namen tragen. Die beiden bekanntesten:

  • Merrill Lynch, Pierce, Fenner & Smith Incorporated (New York) – die Broker-Dealer-Gesellschaft, über die das US-Wertpapiergeschäft der Privatkunden abgewickelt wird
  • Merrill Lynch International (London) – die internationale Wertpapiertochter

Im institutionellen Geschäft dagegen wurde der Name abgelegt. Dort tritt die Bank heute unter BofA Securities auf – mit eigenen Gesellschaften in den USA, Europa, Indien und Japan. Im Privatkundengeschäft wiederum verwendet das Unternehmen auf seiner Website beide Varianten: die Kurzform Merrill in der Außendarstellung, den vollen Namen Merrill Lynch in den rechtlichen Angaben und in Teilen der Seitenstruktur.

Fazit

Merrill Lynch ist nicht untergegangen, sondern aufgegangen. Das Unternehmen verlor an einem Wochenende im September 2008 seine Unabhängigkeit, verlor zum 1. Oktober 2013 seine Rechtsform und behielt von allem nur das Wertvollste: den Namen und die Berater. Wer heute von Merrill spricht, meint eine Vermögensverwaltung mit rund 4 Billionen US-Dollar Kundenvermögen, die 2025 einen Nettogewinn von 4,7 Milliarden US-Dollar beisteuerte – und damit ein profitables Segment eines Großkonzerns, nicht eine eigenständige Investmentbank.

Der Unterschied zu einem echten Zusammenbruch wie bei MF Global ist wesentlich: Bei Merrill Lynch verloren die Aktionäre viel Geld, aber nicht alles. Sie halten heute Aktien der Bank of America. Bei einer Abwicklung wäre das anders gewesen – das ist der Grund, warum die US-Regierung an jenem Wochenende auf eine Übernahme drängte. Was sie damit erkaufte und was es die Steuerzahler kostete, bleibt eine offene Frage der Finanzgeschichte.

Fragen und Antworten

Gibt es Merrill Lynch noch?

Als Unternehmen nein, als Marke und als Gesellschaftsname teilweise ja. Merrill Lynch & Co., Inc. wurde am 1. Oktober 2013 in die Bank of America Corporation verschmolzen und existiert nicht mehr. Der Name lebt weiter in 22 Tochtergesellschaften der Bank of America und in der Marke Merrill, unter der das Privatkunden-Vermögensgeschäft geführt wird.

Kann man Merrill-Lynch-Aktien kaufen?

Nein. Die Aktie wurde zum 1. Januar 2009 von der Börse genommen. Wer am Vermögensverwaltungsgeschäft von Merrill teilhaben möchte, kann nur die Aktie der Bank of America kaufen, zu der das Segment gehört.

Was wurde aus meinen alten Merrill-Lynch-Aktien?

Jede Merrill-Lynch-Aktie wurde automatisch in 0,8595 Bank-of-America-Aktien getauscht, Bruchteile wurden in Bargeld ausgezahlt. Wer die Papiere im Depot hielt und nicht verkaufte, hält heute entsprechend viele Bank-of-America-Aktien. Falls die Position im Depot nicht auffindbar ist, hilft eine Anfrage bei der depotführenden Stelle – wie Depots organisiert sind, erklären wir in unserer Broker-Übersicht.

Warum wurde Merrill Lynch von der Bank of America übernommen?

Merrill Lynch hatte große Positionen in Wertpapieren, die an den US-Hypothekenmarkt gekoppelt waren. Als deren Werte einbrachen, entstanden Verluste, die das Eigenkapital aufzehrten, und die kurzfristige Refinanzierung wurde immer schwieriger. Im September 2008 geriet mit Lehman Brothers ein vergleichbares Haus in die Insolvenz; Merrill Lynch galt als nächster Kandidat. Die Übernahme wurde innerhalb eines Wochenendes vereinbart.

Gehört Merrill Lynch zur Bank of America?

Ja. Merrill ist eine Marke und ein Geschäftsbereich der Bank of America Corporation. Alle Merrill-Gesellschaften sind hundertprozentige Töchter des Konzerns.

Was ist aus dem institutionellen Geschäft von Merrill Lynch geworden?

Es wird heute unter dem Namen BofA Securities geführt. Dazu gehören unter anderem BofA Securities, Inc. in den USA und BofA Securities Europe SA. Der Name Merrill Lynch bleibt dort vor allem noch der Gesellschaft Merrill Lynch International in London erhalten.

Quellen

  • Bank of America Corporation, Pflichtmitteilung Form 8-K vom 15. September 2008 (Abschluss der Fusionsvereinbarung mit Merrill Lynch) – SEC EDGAR
  • Bank of America Corporation, Pflichtmitteilung Form 8-K vom 2. Januar 2009 (Vollzug der Übernahme) – SEC EDGAR
  • Merrill Lynch & Co., Inc., Jahresbericht Form 10-K für das Geschäftsjahr 2008 – SEC EDGAR
  • Merrill Lynch & Co., Inc., letzter Jahresbericht Form 10-K für das Geschäftsjahr 2012 – SEC EDGAR
  • U.S. Securities and Exchange Commission, Litigation Release Nr. 21407 vom 4. Februar 2010 (Vergleich über 150 Millionen US-Dollar) – sec.gov
  • Bank of America Corporation, Pflichtmitteilung Form 8-K vom 1. Oktober 2013 (Verschmelzung von Merrill Lynch & Co., Inc.) – SEC EDGAR
  • Bank of America Corporation, Jahresbericht Form 10-K für das Geschäftsjahr 2025 – SEC EDGAR
  • Bank of America Corporation, Liste der Tochtergesellschaften (Anlage 21 zum Jahresbericht 2025) – SEC EDGAR
  • Merrill, Unternehmensangaben – ml.com

Stand der Daten: 15. Oktober 2026. Geschäftszahlen aus dem Jahresbericht der Bank of America für das Geschäftsjahr 2025. Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung.

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