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Fed Put: Fängt die Notenbank fallende Kurse auf?

von FNE-Redaktion

Der Fed Put ist keine Regel und kein Instrument, sondern eine Erwartung: Marktteilnehmer rechnen damit, dass die US-Notenbank bei stark fallenden Kursen die Geldpolitik lockert – und verhalten sich entsprechend. Der Name stammt vom Optionsgeschäft: Eine Verkaufsoption begrenzt den Verlust nach unten, und genau diese Funktion wird der Fed zugeschrieben.

Das Wichtigste in Kürze

Bedeutungdie Erwartung, dass die Fed bei Kurseinbrüchen stützend eingreift
HerkunftMetapher aus dem Optionshandel; geprägt in der Amtszeit von Alan Greenspan
Rechtlicher AuftragPreisstabilität und maximale Beschäftigung – Kurse kommen darin nicht vor
Belege dafür1987, 1998, 2001, 2008 und 2020 folgten auf Kurseinbrüche Lockerungen
Gegenbeleg2022: Der Nasdaq verlor rund ein Drittel, die Fed erhöhte um 425 Basispunkte
Entscheidende Größenicht der Indexstand, sondern Finanzierungsbedingungen und Kreditmärkte
Hauptkritikdie Erwartung belohnt Risiko und verteuert spätere Korrekturen

Woher die Metapher kommt

Wer eine Put-Option hält, hat das Recht, ein Papier zu einem festen Preis zu verkaufen. Fällt der Kurs darunter, ist der Verlust begrenzt – die Option wirkt als Boden. Übertragen auf die Notenbank bedeutet der Begriff: Unterhalb eines bestimmten Kursniveaus greift jemand ein, also ist das Risiko nach unten gedeckelt.

Der Vergleich hat eine Lücke, und sie ist wichtig. Eine echte Option kostet eine Prämie und hat einen festen Basispreis und ein Verfallsdatum. Der Fed Put hat keines von beidem: Niemand garantiert ein Kursniveau, niemand haftet, und es gibt keinen Vertrag. Wer sich darauf verlässt, hält keine Absicherung, sondern eine Vermutung.

Die Belege

Die Erwartung ist nicht aus der Luft gegriffen. Nach schweren Kurseinbrüchen hat die Fed mehrfach gelockert, und zwar schnell.

ZeitraumAnlassReaktion der Fed
Oktober 1987Schwarzer Montag, Kursverlust von 22 Prozent an einem TagDer neue Vorsitzende Greenspan sorgte nach Darstellung der Fed unverzüglich für Liquidität an den Märkten
September bis November 1998Zusammenbruch des Hedgefonds LTCM, Russland-KriseDrei Senkungen in sieben Wochen: 29.09. auf 5,25 %, 15.10. auf 5,00 %, 17.11. auf 4,75 %
2001Platzen der Dotcom-BlaseVom 3. Januar bis 11. Dezember von 6,50 auf 1,75 Prozent
2008 bis 2009FinanzkriseLeitzins auf nahe null, Notkreditprogramme, erste Anleihekäufe
März 2020PandemieZielband binnen zwölf Tagen auf 0 bis 0,25 Prozent, unbegrenzte Anleihekäufe
2019Kursrutsch im vierten Quartal 2018Zunächst nur eine Kurswende in der Kommunikation; die erste Senkung folgte am 1. August 2019

Der letzte Fall zeigt die Unschärfe des Begriffs. Nach dem Kursrutsch zum Jahresende 2018 – das Zielband lag bei 2,25 bis 2,50 Prozent – änderte die Fed zuerst ihre Sprache und stellte Geduld in Aussicht. Gesenkt hat sie erst sieben Monate später, in drei Schritten im August, September und Oktober 2019 auf 1,50 bis 1,75 Prozent. Wer darin einen Put sieht, muss einräumen, dass er mit erheblicher Verzögerung ausgeübt wurde.

Das Gegenbeispiel: 2022

Der stärkste Einwand gegen die Existenz eines Fed Put ist das Jahr 2022. Der Nasdaq verlor rund ein Drittel seines Wertes, der S&P 500 ein Viertel – und die Fed erhöhte in sieben Schritten:

DatumSchrittNeues Zielband
17.03.2022+25 Bp0,25 – 0,50 %
05.05.2022+50 Bp0,75 – 1,00 %
16.06.2022+75 Bp1,50 – 1,75 %
28.07.2022+75 Bp2,25 – 2,50 %
22.09.2022+75 Bp3,00 – 3,25 %
03.11.2022+75 Bp3,75 – 4,00 %
15.12.2022+50 Bp4,25 – 4,50 %

Insgesamt 425 Basispunkte in neun Monaten, während die Kurse fielen. Wer 2022 auf einen Boden durch die Notenbank gesetzt hat, hat Geld verloren. Der Unterschied zu 1998 oder 2020 lag nicht im Ausmaß des Kursverlusts, sondern in der Inflation: Ein Mandat stand gegen das andere, und das Preisstabilitätsmandat gewann.

Was die Fed tatsächlich beobachtet

Das Mandat der Fed ist gesetzlich festgelegt: Preisstabilität und maximale Beschäftigung. Aktienkurse kommen darin nicht vor. Das heißt nicht, dass Märkte keine Rolle spielen – sie spielen eine, aber über einen Umweg: Finanzierungsbedingungen wirken auf Investitionen, Beschäftigung und Preise.

Die Größen, auf die die Notenbank erkennbar reagiert, lassen sich benennen:

  • Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen. Steigen sie stark, verteuert sich die Unternehmensfinanzierung – das trifft die Realwirtschaft.
  • Spannungen am Repo-Markt. Im September 2019 griff die Fed ein, obwohl die Aktienmärkte ruhig waren: Der Markt für besicherte Tagesgelder funktionierte nicht mehr.
  • Dollar-Knappheit im Ausland. Dafür bestehen Swaplinien mit anderen Notenbanken, die in Krisen geöffnet werden.
  • Abflüsse bei Geldmarktfonds. Sie finanzieren kurzfristige Unternehmensschulden; versiegen sie, fehlt Betriebsmittelfinanzierung.

Daraus ergibt sich eine brauchbare Faustregel: Ein fallender Aktienindex allein ist für die Fed kein Anlass. Ein fallender Index mit steigenden Kreditaufschlägen und klemmenden Geldmärkten ist einer. Wie die Notenbank dann vorgeht, steht im Beitrag zum Lender of Last Resort.

Die Kritik

Der Einwand gegen den Fed Put entspricht dem gegen Bankenrettungen, nur auf Kapitalmärkte übertragen. Wer glaubt, nach unten abgesichert zu sein, geht höhere Risiken ein: mehr Fremdkapital, teurere Bewertungen, weniger Rücklagen. Die Absicherung wird damit zur Ursache des Risikos, das sie abfedern soll.

Hinzu kommt ein Verteilungsargument: Lockere Geldpolitik hebt Vermögenspreise schneller als Löhne. Wer Vermögen besitzt, profitiert zuerst.

Die Gegenseite verweist auf die Wirkungskette. Fallen Kurse stark und lange, sinken Investitionen und Beschäftigung – dann ist eine Lockerung nicht Marktpflege, sondern genau das Mandat. Der Streit ist nicht zu entscheiden, weil sich nicht trennen lässt, welcher Teil der Entscheidung dem Index und welcher der Realwirtschaft geschuldet war.

Was Anleger damit machen können

Als Absicherung ist der Fed Put unbrauchbar. Es gibt kein Niveau, keinen Zeitpunkt und keine Verpflichtung. 2022 hat gezeigt, was passiert, wenn das Inflationsmandat dagegensteht.

Als Beobachtungsraster ist er nützlich. Wer wissen will, ob eine Lockerung wahrscheinlicher wird, schaut nicht auf den Index, sondern auf Kreditaufschläge, Geldmarktsätze und Notenbankkommunikation.

Eine echte Absicherung kostet Geld. Wer das Verlustrisiko begrenzen will, kann das über Optionen tun – mit festem Basispreis, fester Laufzeit und bezahlter Prämie. Der Unterschied zum Fed Put ist genau diese Prämie.

Fragen und Antworten

Gibt es den Fed Put wirklich?

Als Instrument nein – es existiert kein Beschluss, kein Programm und keine Zusage. Als Muster lässt sich beobachten, dass die Fed nach mehreren schweren Kurseinbrüchen schnell gelockert hat. 2022 ist der dokumentierte Gegenfall.

Bei welchem Kursverlust greift die Fed ein?

Es gibt keine solche Schwelle. Eine automatische Marke nach einem Prozentverlust kennt nur die Preisbremse für Leerverkäufe der Börsenaufsicht, beschrieben im Beitrag zur Uptick-Rule – und die hat mit Geldpolitik nichts zu tun.

Was ist der Unterschied zum Greenspan Put?

Der Greenspan Put bezeichnet denselben Mechanismus in der Amtszeit von Alan Greenspan zwischen 1987 und 2006, in der der Begriff entstand. Der Fed Put ist die allgemeine Form über alle Amtszeiten hinweg.

Gibt es auch einen EZB Put?

Der Begriff wird verwendet, meist mit Bezug auf Zusagen zum Erhalt des Euro und auf Anleihekaufprogramme. Die Lage ist rechtlich eine andere, weil das Mandat der EZB auf Preisstabilität ausgerichtet ist und die direkte Staatsfinanzierung untersagt bleibt.

Kauft die Fed Aktien?

Nein. Die Anleihekaufprogramme umfassten Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Papiere; in der Pandemie kamen über eigene Zweckgesellschaften Unternehmensanleihen hinzu. Aktienkäufe durch die Fed sind nicht dokumentiert. Zum verwandten Gerücht einer staatlichen Kaufinstanz siehe den Beitrag zum Plunge Protection Team.

Fazit

Der Fed Put beschreibt ein Verhaltensmuster, nicht eine Garantie. Die Belege dafür sind echt – 1987, 1998, 2001, 2008 und 2020 –, und der Gegenbeleg ist genauso echt: 425 Basispunkte Zinserhöhung im Jahr 2022, während die Kurse ein Drittel verloren.

Daraus folgt eine schlichte Lesart: Die Fed stützt nicht Kurse, sondern Kreditmärkte. Solange beides zusammenfällt, sieht es wie ein Put aus. Fällt es auseinander, weil Inflation dagegensteht, verschwindet er.

Mehr Finanzwissen

Greenspan Put · Fed · EZB · Leitzins · Put-Option · Plunge Protection Team · Börsencrash · Inflation

Quellen

Stand November 2026. Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageempfehlung dar.

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