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Systemrelevante Bank: Listen, Kriterien und Kapitalpuffer

von FNE-Redaktion

Systemrelevant ist eine Bank, deren Ausfall nicht nur ihre Eigentümer und Kunden trifft, sondern das Finanzsystem als Ganzes. Das ist keine Einschätzung, sondern eine förmliche Einstufung: Aufsichtsbehörden führen Listen, und wer darauf steht, muss mehr Eigenkapital vorhalten als andere Institute gleicher Größe.

Das Wichtigste in Kürze

Bedeutungein Institut, dessen Ausfall das Finanzsystem oder die Volkswirtschaft gefährden würde
Drei Ebenenglobal (Financial Stability Board), europäisch (EZB-Aufsicht), national (BaFin)
Global systemrelevant29 Banken weltweit, aus Deutschland nur die Deutsche Bank
EZB-Aufsicht112 bedeutende Institute, dazu rund 1.800 weniger bedeutende (Stand Dezember 2025)
Deutschland national15 anderweitig systemrelevante Institute mit Puffern von 0,25 bis 2,00 Prozent
Folge für die Bankzusätzlicher Kapitalpuffer, Stresstests, Sanierungs- und Abwicklungsplanung
Folge für Kundenkein höherer Einlegerschutz – die 100.000-Euro-Grenze gilt unabhängig von der Größe

Was Systemrelevanz bedeutet

Die Einstufung beantwortet eine einzige Frage: Was passiert mit den anderen, wenn dieses Institut ausfällt? Vier Eigenschaften machen eine Bank dafür anfällig.

  • Größe. Je größer die Bilanz, desto mehr Gegenparteien hängen daran.
  • Verflechtung. Banken sind einander Kreditgeber und Gegenpartei bei Derivaten. Ein Ausfall reißt Löcher in fremde Bilanzen.
  • Ersetzbarkeit. Wenn ein Institut eine Funktion fast allein erfüllt – etwa Zahlungsverkehr oder Wertpapierabwicklung –, fehlt beim Ausfall die Infrastruktur.
  • Grenzüberschreitende Tätigkeit. Wer in vielen Ländern aktiv ist, zieht viele Aufsichtsbehörden und Rechtsordnungen in den Fall.

Komplexität kommt als fünfter Punkt hinzu: Ein Institut mit tausenden Tochtergesellschaften lässt sich an einem Wochenende nicht zerlegen. Genau daraus entstand der Begriff too big to fail.

Die drei Ebenen der Einstufung

Global: die Liste des Financial Stability Board

Das Financial Stability Board veröffentlicht jedes Jahr im November eine Liste der global systemrelevanten Banken. Die Fassung vom 27. November 2025 enthält 29 Institute in fünf Stufen, denen jeweils ein Zuschlag an hartem Kernkapital zugeordnet ist. Die Zuschläge dieser Einteilung gelten ab dem 1. Januar 2027.

StufeZusätzliches hartes KernkapitalBesetzung
53,5 %leer
42,5 %JPMorgan Chase
32,0 %mehrere Institute
21,5 %mehrere Institute
11,0 %mehrere Institute, darunter die Deutsche Bank

Die Deutsche Bank ist das einzige deutsche Haus auf dieser Liste und mit der Fassung 2025 von Stufe 2 in Stufe 1 gewechselt. Die nächste Aktualisierung steht im November 2026 an.

Europa: bedeutende Institute unter EZB-Aufsicht

Im Euroraum entscheidet die Einstufung darüber, wer direkt von der EZB beaufsichtigt wird und wer von der nationalen Behörde. Die Kriterien stehen in Artikel 6 Absatz 4 der Verordnung (EU) Nr. 1024/2013. Ein Institut gilt als bedeutend, wenn eine der folgenden Bedingungen erfüllt ist:

  • Die Bilanzsumme übersteigt 30 Milliarden Euro.
  • Die Bilanzsumme übersteigt 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts des Sitzlandes – es sei denn, sie liegt unter 5 Milliarden Euro.
  • Die nationale Aufsicht hält das Institut für bedeutend und die EZB bestätigt das nach einer umfassenden Prüfung einschließlich Bilanzdurchsicht.
  • Das Institut hat Töchter in mehreren teilnehmenden Mitgliedstaaten, und seine grenzüberschreitenden Forderungen oder Verbindlichkeiten machen einen wesentlichen Teil der Bilanz aus.
  • Das Institut hat direkte Finanzhilfe aus EFSF oder ESM beantragt oder erhalten.

Unabhängig davon beaufsichtigt die EZB grundsätzlich die drei bedeutendsten Institute jedes teilnehmenden Mitgliedstaats direkt. Damit steht auch in kleinen Mitgliedstaaten mindestens ein Teil des Bankensektors unter europäischer Aufsicht.

Nach Angaben der EZB waren im Dezember 2025 112 Institute als bedeutend eingestuft und rund 1.800 als weniger bedeutend. Jedes Institut beginnt als weniger bedeutend und wird erst durch Erfüllung eines Kriteriums bedeutend.

Deutschland: anderweitig systemrelevante Institute

Neben der globalen Liste führt die BaFin ein nationales Verzeichnis. Es erfasst Institute, die nicht weltweit, aber für den deutschen Markt systemrelevant sind – im Fachbegriff anderweitig systemrelevante Institute, abgekürzt A-SRI. Die Einstufung erfolgt zweistufig: zunächst nach einer Methodik der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde, danach in einer aufsichtlichen Bewertung. Die folgenden Kapitalpuffer gelten ab dem 1. Januar 2026:

InstitutKapitalpuffer
Deutsche Bank AG2,00 %
Commerzbank AG1,25 %
J.P. Morgan SE1,25 %
DZ BANK AG1,00 %
Kreditanstalt für Wiederaufbau1,00 %
Goldman Sachs Bank Europe SE1,00 %
UniCredit Bank GmbH0,75 %
Landesbank Baden-Württemberg0,75 %
Bayerische Landesbank0,50 %
Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale0,25 %
Morgan Stanley Europe Holding SE0,25 %
ING-DiBa AG0,25 %
Volkswagen Financial Services AG0,25 %
NRW.BANK0,25 %
DekaBank Deutsche Girozentrale0,25 %

Die Liste ist aufschlussreicher als die globale, weil sie zeigt, wie der deutsche Markt gebaut ist. Vertreten sind nicht nur die beiden großen Privatbanken, sondern die Zentralinstitute der Genossenschafts- und Sparkassenorganisation, mehrere Landesbanken, zwei Förderbanken, die europäischen Einheiten amerikanischer Investmentbanken, eine Direktbank und die Finanzierungstochter eines Autoherstellers.

Die Deutsche Bank steht auf beiden Listen: global mit einem Zuschlag von 1,0 Prozent, national mit 2,00 Prozent.

Was die Einstufung für das Institut bedeutet

Systemrelevanz ist keine Auszeichnung, sondern eine Belastung. Sie bringt vier Verpflichtungen mit sich.

  • Kapitalpuffer. Zusätzliches hartes Kernkapital, das nur für diese Institute gilt und nicht für laufende Geschäfte oder Ausschüttungen verfügbar ist.
  • Aufsichtliche Prüfungen und Stresstests. Regelmäßige Durchrechnung des Geschäftsmodells unter Krisenannahmen.
  • Sanierungsplanung. Das Institut muss im Vorhinein beschreiben, wie es sich in einer Notlage selbst stabilisieren würde.
  • Abwicklungsplanung. Die Behörde erarbeitet, wie das Institut zerlegt würde, und verlangt dafür eine ausreichende Menge an Kapital und Verbindlichkeiten, die im Verlustfall herangezogen werden können.

Für die Aktionäre hat das eine unmittelbare Folge: Mehr vorgehaltenes Eigenkapital bei gleichem Gewinn bedeutet eine niedrigere Eigenkapitalrendite. Der Puffer ist damit auch ein Faktor der Bewertung – und der Grund, warum Banken um ihre Einstufung streiten.

Was sie für Kunden und Anleger bedeutet

Der Einlegerschutz ist derselbe. 100.000 Euro je Kunde und Institut, unabhängig von Größe und Einstufung. Systemrelevanz erhöht diesen Schutz nicht.

Eine Aktie wird dadurch nicht sicherer. Im Abwicklungsverfahren haften Aktionäre zuerst – das gilt für systemrelevante Institute genauso wie für andere. Was sich unterscheidet, ist die Wahrscheinlichkeit einer ungeordneten Schließung, nicht die Haftungsreihenfolge.

Die Einstufung ist eine öffentliche Information über das Risikoprofil. Wer wissen will, wie verflochten ein Institut ist, findet in der Stufe und im Pufferwert eine Einschätzung der Aufsicht – erstellt mit Daten, die Außenstehenden nicht vorliegen.

Fragen und Antworten

Welche deutschen Banken sind systemrelevant?

Global: nur die Deutsche Bank. National führt die BaFin 15 Institute, darunter Commerzbank, DZ BANK, KfW, mehrere Landesbanken, die deutschen Einheiten von J.P. Morgan, Goldman Sachs und Morgan Stanley sowie ING-DiBa, Volkswagen Financial Services, NRW.BANK und DekaBank.

Ist mein Geld bei einer systemrelevanten Bank sicherer?

Der gesetzliche Schutz ist identisch. Praktisch ist eine ungeordnete Schließung weniger wahrscheinlich, weil der Aufwand zur Vermeidung höher ist. Das ist eine Erwartung an das Verhalten der Behörden, kein Rechtsanspruch.

Wie wird die Systemrelevanz gemessen?

Über Kennzahlen zu Größe, Verflechtung, Ersetzbarkeit, grenzüberschreitender Tätigkeit und Komplexität. Daraus entsteht ein Punktwert, der über die Einstufung entscheidet. In Deutschland folgt auf diese quantitative Stufe eine aufsichtliche Bewertung, die in Einzelfällen abweichen kann.

Kann eine Bank die Einstufung verlieren?

Ja. Die Listen werden jährlich überprüft, und Institute wechseln die Stufen – die Deutsche Bank ist 2025 global von Stufe 2 in Stufe 1 zurückgefallen. Verkleinert ein Haus seine Bilanz oder baut es Verflechtungen ab, sinkt der Punktwert.

Sind auch Versicherer und Fondsgesellschaften systemrelevant?

Für Versicherer gab es zeitweise eine eigene globale Liste, die inzwischen durch einen anderen Aufsichtsansatz ersetzt wurde. Für große Vermögensverwalter und zentrale Gegenparteien im Derivatehandel wird die Frage diskutiert; eine Einstufung mit Kapitalpuffern wie bei Banken gibt es dort nicht.

Fazit

Systemrelevanz ist der Versuch, ein Problem messbar zu machen, das sich der Messung entzieht. Die Listen und Puffer sagen nicht, welche Bank scheitern wird, sondern welche nicht ungeordnet scheitern darf. Dass die Aufsicht diese Institute benennt und ihnen Kapital abverlangt, ist der nüchternste Teil der Antwort auf 2008 – und der einzige, der in Zahlen überprüfbar ist.

Für Anleger bleibt die unbequeme Doppelbotschaft: Ein systemrelevantes Institut ist widerstandsfähiger und wird eher geordnet abgewickelt als geschlossen. Die Aktionäre zahlen in beiden Fällen zuerst. Wie das Verfahren abläuft, steht im Beitrag zum Bailout; wer im Notfall Geld bereitstellt, im Beitrag zum Lender of Last Resort.

Mehr Finanzwissen

Too big to fail · Bailout · Lender of Last Resort · EZB · Fed · Eigenkapital · Bilanz · Leitzins

Quellen

Stand November 2026. Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlageempfehlung dar.

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