Arbitrage bezeichnet an der Börse das gleichzeitige Kaufen und Verkaufen desselben oder eines wirtschaftlich gleichwertigen Werts zu unterschiedlichen Preisen, um die Differenz ohne Marktrisiko zu vereinnahmen. In der Lehrbuchform ist Arbitrage ein risikoloser Gewinn. In der Praxis bleiben kleine Restrisiken, und die Margen sind oft so gering, dass sie nur mit großem Volumen, niedrigen Kosten und schneller Technik nutzbar sind. Gerade weil Arbitrageure Preisunterschiede schließen, sorgen sie dafür, dass Kassa- und Terminmärkte eng beieinander bleiben.
Definition und Grundprinzip
Arbitrage beruht auf dem Gesetz des einheitlichen Preises: Zwei Zahlungsströme, die in jedem denkbaren Szenario identisch sind, müssen denselben Preis haben. Weicht ein Preis davon ab, kauft der Arbitrageur die günstige Seite und verkauft die teure. Entscheidend ist die Gleichzeitigkeit. Wer erst kauft und später verkauft, spekuliert, auch wenn er einen Preisunterschied vermutet.
Abzugrenzen ist die sogenannte Risikoarbitrage, etwa bei Übernahmen. Dort wird auf den Abschluss eines angekündigten Deals gesetzt. Scheitert er, drohen erhebliche Verluste. Mit Arbitrage im engeren Sinn hat das wenig zu tun.
Formen der Arbitrage
| Form | Was verglichen wird | Typische Akteure |
|---|---|---|
| — | — | — |
| Räumliche Arbitrage | Derselbe Wert an zwei Handelsplätzen | Market Maker, Hochfrequenzhändler |
| Kassa-Termin-Arbitrage (Cash and Carry) | Kassapreis plus Finanzierungskosten gegenüber Terminpreis | Banken, Hedgefonds |
| Indexarbitrage | Index-Future gegenüber dem Korb der Indexaktien | Eigenhandel großer Häuser |
| Zinsarbitrage | Zinsdifferenz zweier Währungen gegenüber dem Devisenterminkurs | Devisenhändler von Banken |
| Basisarbitrage bei Anleihen | Anleihe im Kassamarkt gegenüber Zinsfuture | Hedgefonds, Primärhändler |
Funktionsweise: Fairer Wert eines Futures
Der wichtigste Rechenkern ist der faire Wert eines Terminkontrakts. Bei einem Aktienindex ergibt er sich vereinfacht aus Indexstand mal (1 plus Zinssatz mal Restlaufzeit), abzüglich der bis zum Verfall erwarteten Dividenden. Beim DAX entfällt der Dividendenabzug weitgehend, weil er als Performanceindex Ausschüttungen bereits einrechnet. Notiert der Future über dem fairen Wert, verkauft der Arbitrageur den Future und kauft die Aktien. Notiert er darunter, läuft es umgekehrt, wofür ein Leerverkauf der Aktien oder ein vorhandener Bestand nötig ist.
Beispiel mit Zahlen
Ein fiktiver Performanceindex steht bei 18.640 Punkten. Der Geldmarktzins liegt bei 2,15 Prozent, bis zum Verfall bleiben 73 Tage. Der faire Wert beträgt damit etwa 18.720,15 Punkte. Notiert der Future bei 18.741 Punkten, ist er rund 20,85 Punkte zu teuer. Bei einem Kontraktwert von 25 Euro je Punkt ergibt sich für einen Kontrakt ein rechnerischer Vorsprung von etwa 521 Euro vor Kosten.
| Größe | Wert |
|---|---|
| — | — |
| Indexstand | 18.640,00 Punkte |
| Zins / Restlaufzeit | 2,15 % / 73 Tage |
| Fairer Wert | 18.720,15 Punkte |
| Future-Kurs | 18.741,00 Punkte |
| Abweichung | 20,85 Punkte |
| Bruttovorsprung je Kontrakt (25 € je Punkt) | rund 521 € |
Von diesem Betrag gehen Gebühren, Geld-Brief-Spannen und Finanzierungskosten ab. Um den Indexkorb exakt nachzubilden, müssen zudem alle Einzelwerte in der richtigen Gewichtung gekauft werden. Schon geringe Slippage kann den Vorsprung aufzehren.
Ein zweites Beispiel zeigt die räumliche Variante: Eine Aktie wird an einem Handelsplatz zu 41,82 Euro angeboten und an einem anderen zu 41,87 Euro nachgefragt. Wer 2.640 Stück gleichzeitig kauft und verkauft, erzielt 132 Euro vor Kosten. Solche Lücken bestehen heute meist nur für Sekundenbruchteile.
Zinsarbitrage am Devisenmarkt
Bei der gedeckten Zinsarbitrage legt ein Händler Geld in der höher verzinsten Währung an und sichert den Rücktausch per Devisentermingeschäft ab. Der Terminkurs passt sich dabei so an, dass der Zinsvorteil durch einen Terminabschlag oder -aufschlag ausgeglichen wird. Bleibt dennoch eine Differenz, wird sie sofort ausgenutzt. Diese Zinsparität ist der Grund, warum Devisenterminkurse fast exakt aus Kassakurs und Zinsdifferenz folgen.
Bedeutung für Anleger
- Arbitrage sorgt dafür, dass Index-Futures wie der DAX-Future eng am Kassaindex bleiben und ETFs nahe an ihrem Nettoinventarwert handeln.
- Für Privatanleger sind klassische Arbitragegeschäfte praktisch nicht umsetzbar. Gebühren, Kapitalbedarf und Ausführungsgeschwindigkeit sprechen dagegen.
- Wer verstehen will, wie Preise im Orderbuch zusammenkommen, erkennt in Arbitrageuren wichtige Liquiditätslieferanten.
Grenzen und Risiken
Scheinbar risikolose Strategien können mit hohem Hebel gefährlich werden. Der Basis-Trade mit US-Staatsanleihen, der im Beitrag über Hedgefonds und US-Staatsanleihen beschrieben ist, gilt bei Aufsehern als Risiko, weil viele Marktteilnehmer gleichzeitig aussteigen müssen, wenn Finanzierungen teurer werden. Hinzu kommen Ausführungsrisiken, wenn ein Teil eines Geschäfts nicht oder zu einem schlechteren Preis zustande kommt, sowie Kontrahenten- und Finanzierungsrisiken. Der Fall Nick Leeson zeigt außerdem, dass angebliche Arbitragegewinne ein Warnsignal sein können: Bei Barings verbargen sich hinter vermeintlich risikoarmen Geschäften zwischen zwei Börsen offene Wetten in Milliardenhöhe.
Warum Arbitragegelegenheiten selten sind
Je mehr Marktteilnehmer nach Preisabweichungen suchen, desto schneller verschwinden sie. Elektronische Börsen, eng verknüpfte Handelsplätze und automatisierte Strategien haben die Zeitfenster stark verkürzt. Was früher Minuten dauerte, wird heute in Millisekunden geschlossen. Übrig bleiben vor allem Abweichungen, deren Ausnutzung Kapital bindet oder Risiken trägt, etwa wenn Leihgebühren für Aktien hoch sind oder Finanzierungen knapp werden. Diese Kosten erklären, warum Future-Kurse dauerhaft leicht vom rechnerischen fairen Wert abweichen können, ohne dass sofort Arbitrage einsetzt.
Fazit
Arbitrage nutzt Preisabweichungen zwischen gleichwertigen Positionen und ist ein zentraler Mechanismus der Preisbildung. Kassa-Termin-, Index- und Zinsarbitrage halten Märkte im Gleichgewicht. Die Gewinne sind klein, die Anforderungen an Kapital, Technik und Kostenkontrolle hoch, und mit Hebel wird aus einer risikoarmen Strategie schnell eine riskante.
Fragen und Antworten
Ist Arbitrage legal?
Ja. Das Ausnutzen von Preisunterschieden ist erlaubt und erwünscht, weil es Märkte effizienter macht. Verboten ist dagegen Marktmanipulation, also das künstliche Herbeiführen von Preisen.
Ist Arbitrage wirklich risikolos?
Nur in der Theorie. In der Praxis bestehen Ausführungs-, Finanzierungs- und Kontrahentenrisiken, die vor allem bei hohem Hebel relevant werden.
Können Privatanleger Arbitrage betreiben?
Kaum. Die Preisunterschiede sind sehr klein und nur mit niedrigen Handelskosten, hohem Kapital und schneller Technik nutzbar.
Was ist Indexarbitrage?
Der gleichzeitige Handel eines Index-Futures und der im Index enthaltenen Aktien, wenn der Future vom fairen Wert abweicht.
Quellen
- Eurex: DAX Futures, Contract Specifications
- Federal Reserve: Hedge Funds’ Treasury Futures and Repo Positions
- Federal Reserve: Quantifying Treasury Cash-Futures Basis Trades
- Verordnung (EU) Nr. 596/2014 über Marktmissbrauch
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: Oktober 2026.