EV/EBITDA ist ein Bewertungsmultiple, das den Enterprise Value eines Unternehmens durch sein EBITDA teilt. Die Kennzahl zeigt, mit dem Wievielfachen seines operativen Ergebnisses vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen ein Unternehmen insgesamt bewertet wird, also einschließlich seiner Schulden. Analysten nutzen sie vor allem, um Unternehmen mit unterschiedlicher Verschuldung und unterschiedlicher Steuerlast vergleichbar zu machen.
Wie sich der Enterprise Value aus Marktkapitalisierung, Schulden und liquiden Mitteln zusammensetzt, steht im Beitrag zum Enterprise Value. Was im EBITDA enthalten ist und was nicht, erklärt der eigene Beitrag dazu. Hier geht es um das Multiple selbst: um Berechnung, Vergleich und Fallstricke.
Definition und Formel
EV/EBITDA = Enterprise Value ÷ EBITDA
Zähler und Nenner passen zusammen: Der Enterprise Value steht für den Wert, der allen Kapitalgebern zusteht, Eigentümern wie Gläubigern. Das EBITDA ist ein Ergebnis vor Zinsen und damit ebenfalls eine Größe, die allen Kapitalgebern zur Verfügung steht. Beim KGV ist das anders: Es setzt den Börsenwert des Eigenkapitals ins Verhältnis zum Gewinn nach Zinsen und Steuern und reagiert deshalb stark auf die Finanzierungsstruktur.
Üblich sind zwei Varianten. Das Trailing-Multiple verwendet das EBITDA der letzten zwölf Monate, das Forward-Multiple die Schätzung für das kommende Geschäftsjahr. Beide sollten nicht miteinander verglichen werden.
Beispiel mit Zahlen
Zwei fiktive Unternehmen aus derselben Branche, Werte in Millionen Euro:
| Position | Varnholt AG | Lindqvist SE |
|---|---|---|
| Marktkapitalisierung | 2.847 | 1.966 |
| + Nettofinanzverschuldung | 612 | −214 |
| + Anteile anderer Gesellschafter | 38 | 0 |
| = Enterprise Value | 3.497 | 1.752 |
| EBITDA (letzte zwölf Monate) | 419 | 263 |
| EV/EBITDA | 8,35 | 6,66 |
Die Lindqvist SE hat mehr Kasse als Schulden, ihr Enterprise Value liegt deshalb unter der Marktkapitalisierung. Gemessen am operativen Ergebnis wird sie mit dem 6,66-Fachen bewertet, die Varnholt AG mit dem 8,35-Fachen. Ob Lindqvist damit günstiger ist, lässt sich erst sagen, wenn Wachstum, Margen und Investitionsbedarf beider Unternehmen bekannt sind.
Bewertung über Vergleichsunternehmen
In der Praxis wird das Multiple oft umgekehrt genutzt: Aus den Multiples börsennotierter Wettbewerber wird ein Wert für ein anderes Unternehmen abgeleitet. Bei Übernahmen und Börsengängen ist dieses Verfahren verbreitet.
Angenommen, vergleichbare Unternehmen werden im Mittel mit dem 7,4-Fachen des EBITDA bewertet. Für die Varnholt AG ergibt sich daraus ein Enterprise Value von 7,4 × 419 = 3.100,6 Mio. €. Nach Abzug von Nettofinanzverschuldung und Minderheitsanteilen bleiben 2.450,6 Mio. € für die Aktionäre, rund 13,9 % weniger als die aktuelle Marktkapitalisierung. Der Abstand ist kein Verkaufssignal, sondern ein Hinweis, nach Gründen für den Aufschlag zu suchen, etwa höheres Wachstum oder stabilere Margen.
Was das Multiple verzerrt
Leasing nach IFRS 16
Seit 2019 bilanzieren Unternehmen nach IFRS die meisten Leasingverträge als Schulden. Die Leasingraten erscheinen nicht mehr als Aufwand vor dem EBITDA, sondern als Abschreibung und Zins. Das EBITDA steigt dadurch, gleichzeitig wachsen die Schulden. Werden Leasingschulden von 180 Mio. € in den Enterprise Value der Varnholt AG einbezogen und das EBITDA um 41 Mio. € entlastet, sinkt das Multiple von 8,35 auf 7,99. Beim Vergleich mit Unternehmen, die nach US-GAAP bilanzieren, sollten Zähler und Nenner deshalb einheitlich behandelt werden.
Bereinigtes EBITDA
Viele Unternehmen veröffentlichen ein „bereinigtes“ EBITDA ohne Restrukturierungskosten, aktienbasierte Vergütung oder Einmaleffekte. In Europa müssen solche alternativen Leistungskennzahlen nach den ESMA-Leitlinien zur gesetzlichen Kennzahl übergeleitet werden. Anleger sollten prüfen, ob dieselben Posten Jahr für Jahr als „einmalig“ herausgerechnet werden.
Investitionsbedarf
Das EBITDA ignoriert Abschreibungen und damit den Verschleiß der Anlagen. Zwei Unternehmen mit gleichem Multiple können sehr unterschiedliche Mengen an Free Cashflow erzeugen, wenn eines davon jedes Jahr hohe Summen in Maschinen investieren muss.
Typische Größenordnungen
Feste Grenzwerte für ein „günstiges“ Multiple gibt es nicht. Kapitalintensive Branchen mit zyklischem Geschäft, etwa Stahl, Chemie oder Autozulieferer, werden meist mit niedrigeren Multiples bewertet als Software- oder Markenartikelhersteller, deren Erträge stabiler sind und weniger Investitionen erfordern. Sinnvoll ist deshalb nur der Vergleich innerhalb einer Branche und über die eigene Historie eines Unternehmens.
| Situation | Tendenz des Multiples | Typischer Grund |
|---|---|---|
| Hohes erwartetes Wachstum | höher | Markt preist künftige Ergebnisse ein |
| Zyklischer Gewinnhöhepunkt | niedriger | EBITDA ist vorübergehend hoch |
| Hohe Investitionsquote | niedriger | wenig Cashflow nach Investitionen |
| Stabile, vertraglich gesicherte Erlöse | höher | geringes Ertragsrisiko |
Bedeutung für Anleger
EV/EBITDA eignet sich gut, um Unternehmen mit hoher Verschuldung oder Verlustvorträgen zu bewerten, bei denen das KGV wenig aussagt. Es wird auch dann noch berechnet, wenn der Nettogewinn durch hohe Abschreibungen nach einer Übernahme gedrückt ist. Ergänzend lohnt der Blick auf EV/EBIT, das Abschreibungen berücksichtigt, und auf die Kapitalrendite ROIC, die zeigt, ob das eingesetzte Kapital überhaupt Wert schafft.
Grenzen und Risiken
Für Banken und Versicherungen ist das Multiple ungeeignet, weil Zinsen bei ihnen Teil des operativen Geschäfts sind. Bei negativem oder sehr kleinem EBITDA verliert die Kennzahl ihren Sinn. Zudem hängt der Zähler vom Börsenkurs ab: In euphorischen Phasen steigen die Multiples ganzer Branchen, ohne dass sich die Ertragslage verändert hat.
Fazit
EV/EBITDA misst, wie teuer ein Unternehmen im Verhältnis zu seinem operativen Ergebnis ist, unabhängig von der Finanzierung. Die Kennzahl ist ein guter Ausgangspunkt für Branchenvergleiche, braucht aber Ergänzung durch Cashflow-Größen, Wachstumserwartungen und einen kritischen Blick auf Bereinigungen und Leasing.
Fragen und Antworten
Wie berechnet man EV/EBITDA?
Enterprise Value geteilt durch EBITDA. Der Enterprise Value entspricht vereinfacht Marktkapitalisierung plus Nettofinanzverschuldung plus Minderheitsanteile.
Was ist ein niedriges EV/EBITDA?
Das hängt von der Branche ab. Ein niedriges Multiple im Branchenvergleich kann auf eine günstige Bewertung, aber auch auf schwache Aussichten hinweisen.
Warum EV/EBITDA statt KGV?
Weil das Multiple von Verschuldung, Zinsen und Steuern weitgehend unabhängig ist und sich so Unternehmen mit unterschiedlicher Finanzierung vergleichen lassen.
Was ist der Unterschied zwischen Trailing und Forward?
Trailing nutzt das EBITDA der letzten zwölf Monate, Forward die Schätzung für das nächste Geschäftsjahr.
Quellen
- IFRS Foundation, IFRS 16 Leasingverhältnisse – ifrs.org
- ESMA, Leitlinien zu alternativen Leistungskennzahlen – esma.europa.eu
- SEC, Non-GAAP Financial Measures – sec.gov
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: Oktober 2026.