Optionsscheine, im englischen Sprachraum Warrants genannt, sind Wertpapiere, die das Recht verbriefen, einen Basiswert zu einem festgelegten Preis zu kaufen (Call) oder zu verkaufen (Put). Anders als Optionen an einer Terminbörse werden sie von einer Bank ausgegeben, über eine normale Wertpapierorder gehandelt und im Depot wie eine Aktie verwahrt. Für Privatanleger sind sie damit der einfachste Zugang zu optionsähnlichen Hebelprodukten.
Definition und Herkunft
Ursprünglich entstanden Optionsscheine als Beigabe zu Optionsanleihen: Ein Unternehmen gab eine Anleihe mit niedrigem Kupon aus und legte Scheine bei, mit denen Anleger später neue Aktien zu einem festen Preis beziehen konnten. Solche Unternehmens-Warrants gibt es noch, verwandt mit der Wandelanleihe. Den Markt prägen heute aber gedeckte Optionsscheine, die Banken als eigenständige Produkte auf Aktien, Indizes, Rohstoffe oder Währungen begeben.
Rechtlich handelt es sich um Inhaberschuldverschreibungen. Der Anleger hat einen Anspruch gegen den Emittenten, nicht gegen eine Clearingstelle. Fällt die ausgebende Bank aus, kann der Schein trotz richtiger Markteinschätzung wertlos werden. Die Bonität des Emittenten gehört deshalb zur Produktauswahl; eine Übersicht bietet die Seite zu den Emittenten.
Wie ein Optionsschein aufgebaut ist
Jeder Schein ist durch wenige Ausstattungsmerkmale festgelegt: den Basiswert, den Typ (Call oder Put), den Basispreis, die Laufzeit, die Art der Ausübung und das Bezugsverhältnis. Das Bezugsverhältnis gibt an, auf wie viele Einheiten des Basiswerts sich ein Schein bezieht. Bei 0,1 verbrieft ein Schein ein Zehntel einer Aktie, sodass der Preis des Scheins deutlich niedriger liegt als bei einer Börsenoption auf 100 Aktien.
Am Laufzeitende wird fast immer per Barausgleich abgerechnet: Der Anleger erhält den inneren Wert gutgeschrieben, eine Lieferung von Aktien findet nicht statt.
Die wichtigsten Kennzahlen
Emittenten veröffentlichen zu jedem Schein eine Reihe von Kennzahlen. Für eine erste Beurteilung genügen vier davon.
| Kennzahl | Berechnung beim Call | Aussage |
|---|---|---|
| Innerer Wert | (Kurs − Basispreis) × Bezugsverhältnis, mindestens 0 | Wert bei sofortiger Ausübung |
| Zeitwert | Preis des Scheins − innerer Wert | Preis für die verbleibende Chance |
| Aufgeld | (Basispreis + Preis ÷ Bezugsverhältnis − Kurs) ÷ Kurs | nötiger Kursanstieg bis zur Gewinnschwelle am Laufzeitende |
| Einfacher Hebel | Kurs × Bezugsverhältnis ÷ Preis des Scheins | Kapitaleinsatz im Verhältnis zum Basiswert |
Aussagekräftiger als der einfache Hebel ist das Omega, auch effektiver Hebel genannt. Es berücksichtigt, dass sich ein Schein nicht eins zu eins mit dem Basiswert bewegt, sondern nur im Umfang seines Deltas.
Beispiel mit Zahlen
Die fiktive Kelvar AG notiert bei 61,40 €. Ein Call-Optionsschein mit Basispreis 60 €, Bezugsverhältnis 0,1 und sieben Monaten Laufzeit kostet 0,83 €.
- Innerer Wert: (61,40 − 60) × 0,1 = 0,14 €
- Zeitwert: 0,83 − 0,14 = 0,69 €
- Gewinnschwelle am Laufzeitende: 60 + 0,83 ÷ 0,1 = 68,30 €
- Aufgeld: (68,30 − 61,40) ÷ 61,40 = 11,24 %
- Einfacher Hebel: 61,40 × 0,1 ÷ 0,83 = 7,40
Der Anleger braucht also bis zum Laufzeitende einen Kursanstieg von gut 11 %, nur um seinen Einsatz zurückzubekommen. Die folgende Tabelle zeigt den Wert am Laufzeitende bei verschiedenen Schlusskursen.
| Kurs der Aktie | Wert des Scheins | Ergebnis |
|---|---|---|
| 56,20 € | 0,00 € | −100 % |
| 64,90 € | 0,49 € | −41,0 % |
| 68,30 € | 0,83 € | 0 % |
| 73,50 € | 1,35 € | +62,7 % |
Ein Kursplus der Aktie von 5,7 % auf 64,90 € reicht also nicht, der Schein verliert trotzdem 41 %. Erst ein Anstieg um knapp 20 % auf 73,50 € bringt einen deutlichen Gewinn.
Was den Preis bewegt
Neben dem Kurs des Basiswerts beeinflussen die Restlaufzeit, die implizite Volatilität, Zinsen und erwartete Dividenden den Preis. Eine Besonderheit gegenüber Börsenoptionen: Der Emittent ist zugleich Market Maker und stellt die An- und Verkaufskurse selbst. Er legt damit auch die implizite Volatilität fest, die in seine Kurse einfließt. Sinkt sie, verliert der Schein an Wert, obwohl sich der Basiswert nicht bewegt hat. Der Spread zwischen Geld- und Briefkurs ist ein weiterer Kostenfaktor.
Handel, Regeln und Steuern
Optionsscheine werden vor allem an der Börse Stuttgart und an der Börse Frankfurt sowie außerbörslich direkt mit dem Emittenten gehandelt. Vor dem Kauf muss der Anleger nach der PRIIPs-Verordnung ein Basisinformationsblatt erhalten, das Kosten, Risikoklasse und Szenarien nennt. Der Broker prüft zudem nach dem Wertpapierhandelsgesetz, ob ausreichende Kenntnisse und Erfahrungen mit solchen Produkten vorliegen.
Gewinne und Verluste aus Optionsscheinen sind Kapitalerträge im Sinne von § 20 Abs. 2 EStG und unterliegen der Abgeltungssteuer.
Optionsschein, Option oder Knock-out?
Börsengehandelte Optionen sind standardisiert, werden zentral abgewickelt und erlauben auch den Verkauf als Stillhalter, wie im Beitrag zu Optionen handeln beschrieben. Optionsscheine kann der Privatanleger dagegen nur kaufen. Knock-out-Produkte sind keine Optionsscheine im engeren Sinn: Ihr Preis hängt kaum von der Volatilität ab, sie verfallen aber sofort, wenn eine Schwelle berührt wird. Einen Überblick über weitere Produktarten bietet die Seite zu Zertifikaten.
Grenzen und Risiken
- Totalverlust, wenn der Basiswert am Laufzeitende unter (Call) beziehungsweise über (Put) dem Basispreis liegt.
- Zeitwertverlust, der sich zum Laufzeitende hin beschleunigt.
- Emittentenrisiko, da keine zentrale Gegenpartei haftet.
- Preisstellung durch den Emittenten, inklusive Spread und Volatilitätsannahme.
- Hebelwirkung in beide Richtungen.
Fazit
Optionsscheine bieten einen leicht zugänglichen Hebel auf steigende oder fallende Kurse mit begrenztem Verlust auf den Einsatz. Der Preis dafür ist der Zeitwert, der Tag für Tag abschmilzt. Wer Aufgeld, Hebel und Emittentenbonität vor dem Kauf prüft, erkennt schnell, welche Kursbewegung nötig ist, damit sich ein Schein lohnt.
Fragen und Antworten
Was ist ein Warrant?
Der englische Begriff für Optionsschein: ein von einer Bank oder einem Unternehmen ausgegebenes Wertpapier, das ein Kauf- oder Verkaufsrecht auf einen Basiswert verbrieft.
Was bedeutet das Bezugsverhältnis?
Es gibt an, auf wie viele Einheiten des Basiswerts sich ein Schein bezieht. Bei 0,1 entsprechen zehn Scheine einer Aktie.
Kann man mit Optionsscheinen mehr als den Einsatz verlieren?
Nein. Der maximale Verlust ist der gezahlte Kaufpreis plus Gebühren.
Was passiert am Laufzeitende?
Der Emittent zahlt den inneren Wert per Barausgleich aus. Liegt kein innerer Wert vor, verfällt der Schein wertlos.
Quellen
- BaFin, Informationen zu Hebelprodukten und Derivaten – bafin.de
- Verordnung (EU) Nr. 1286/2014 (PRIIPs) – eur-lex.europa.eu
- Einkommensteuergesetz, § 20 – gesetze-im-internet.de
- Börse Stuttgart, Handel mit verbrieften Derivaten – boerse-stuttgart.de
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: Oktober 2026.