Am 31. Oktober 2011 meldete MF Global Insolvenz an — bis dahin einer der größten Terminbroker der Welt und seit Februar 2011 Primärhändler der Federal Reserve Bank of New York. Es war die achtgrößte Unternehmensinsolvenz der US-Geschichte. Aufsehen erregte aber weniger die Pleite selbst als das, was danach fehlte: 1,6 Milliarden Dollar an Kundengeldern, die eigentlich getrennt vom Firmenvermögen hätten liegen müssen.
Das Wichtigste in Kürze
- MF Global war kein Hedgefonds, sondern ein Broker — in den USA ein Futures Commission Merchant und Wertpapierhändler.
- Der Zusammenbruch fiel nicht in die Finanzkrise 2008, sondern in die europäische Staatsschuldenkrise im Herbst 2011.
- Auslöser war eine Position in europäischen Staatsanleihen von rund 6,3 Milliarden Dollar, aufgebaut über sogenannte Repo-to-Maturity-Geschäfte.
- In der letzten Oktoberwoche 2011 verwendete das Haus nach Feststellung der US-Terminaufsicht CFTC knapp eine Milliarde Dollar an getrennt zu haltenden Kundengeldern unrechtmäßig.
- CEO war Jon Corzine, früherer Chef von Goldman Sachs, Senator und Gouverneur von New Jersey.
- Die Kunden bekamen ihr Geld am Ende vollständig zurück. Corzine zahlte fünf Millionen Dollar Strafe und darf nie wieder für einen Terminbroker tätig sein.
Woher das Haus kam
MF Global war keine Neugründung. Es ging aus der Brokersparte der britischen Man Group hervor, die unter dem Namen Man Financial firmierte — einem Geschäft, dessen Wurzeln das Unternehmen in seinem eigenen Geschäftsbericht auf eine über zweihundert Jahre alte Maklertätigkeit zurückführte, auf ein Haus, das zu den Gründungsmitgliedern der ersten Terminbörsen gehörte.
Ein Baustein dieser Sparte kam 2002 hinzu. Am 21. Oktober 2002 gab Man Group die Übernahme von GNI Holdings Ltd bekannt, einem Londoner Broker für Futures und Optionen, Devisen und Aktienderivate mit Büros in Chicago und Genf und über 500 Mitarbeitern. Der Kaufpreis betrug 100 Millionen Pfund in bar. Bekannt war GNI vor allem für sein elektronisches Handelssystem Touch, über das Kunden selbst handeln konnten — zu einer Zeit, als das im Terminhandel noch nicht selbstverständlich war. Im Geschäftsbericht von MF Global taucht die Übernahme später in den Lebensläufen der Führungskräfte wieder auf: Mitarbeiter, die 2002 „durch die Übernahme von GNI Ltd.“ zum Haus stießen.
Fünf Jahre danach trennte sich Man Group von der Sparte. Der Börsengang wurde am 23. Juli 2007 abgeschlossen; danach war das Haus eigenständig, firmierte als MF Global und war an der New Yorker Börse unter dem Kürzel MF notiert. Vier Jahre später war es insolvent.
Broker, nicht Fonds — und warum das zählt
Aus dieser Herkunft folgt, was MF Global war und was nicht. Der Unterschied entscheidet darüber, wem das Geld gehört, mit dem gearbeitet wird. Ein Fonds verwaltet das Vermögen seiner Anleger und darf es im Rahmen der Anlagebedingungen einsetzen — dafür ist es da. Ein Broker dagegen verwahrt Geld, das weiterhin dem Kunden gehört: von Leuten, die nichts weiter wollten, als ihre Termingeschäfte abzuwickeln, und mit den Eigengeschäften des Hauses nichts zu tun hatten.
Genau diese Trennung brach im Oktober 2011. Deshalb ist der Fall weniger ein Lehrstück über eine verfehlte Markteinschätzung als eines über die Frage, wie sicher Kundengelder beim Broker liegen.
Das Geschäft: Repo-to-Maturity
Corzine übernahm die Leitung am 1. September 2010 und wollte aus dem Broker ein Investmenthaus machen. Das Mittel dazu war ein Geschäft, das auf dem Papier risikoarm aussah.
Bei einem Repo-to-Maturity kauft ein Haus Anleihen und verpfändet sie zugleich als Sicherheit für einen Kredit, dessen Laufzeit exakt bis zur Fälligkeit der Anleihe reicht. Die Rechnung: Die Anleihe wirft mehr Zinsen ab, als der Kredit kostet, und weil beide am selben Tag enden, scheint kein Risiko offenzubleiben. Bilanziell durfte MF Global die Papiere dadurch ausbuchen — die Position verschwand aus der Bilanz, der Gewinn wurde sofort gezeigt.
Die Anleihen stammten aus Italien, Spanien, Portugal, Irland und Belgien. Der Denkfehler lag nicht im Zins, sondern in der Zeit dazwischen: Fällt der Kurs der verpfändeten Papiere, verlangt der Kreditgeber Nachschuss. Dieses Geld muss sofort da sein — Jahre bevor sich die Rechnung schließt. Wer den Nachschuss nicht leisten kann, erlebt die Fälligkeit nicht mehr. Und Corzine behielt recht: Keine der Anleihen fiel am Ende aus.
Wie die Position wuchs
| Zeitpunkt | Stand der Position |
|---|---|
| Juni 2010 | Rund 1 Milliarde Dollar; das Management stuft die Position als innerhalb der Risikoneigung ein |
| Ende August / Anfang September 2010 | 1,5 bis 2,5 Milliarden Dollar |
| Mitte September 2010 | Der Verwaltungsrat beschließt, weiter aufzubauen |
| Ende Oktober 2010 | Rund 4 Milliarden Dollar; der Verwaltungsrat setzt ein Limit von etwa 4,5 Milliarden |
| 1. März 2011 | Der neue Risikovorstand befürwortet eine Anhebung des Limits von 4,75 auf 5,8 Milliarden Dollar |
| Bei Zusammenbruch | Rund 6,3 Milliarden Dollar |
Der Untersuchungsausschuss des US-Repräsentantenhauses hält fest: Corzine war „die treibende Kraft“ hinter diesen Engagements. Bemerkenswert ist auch der Personalwechsel. Ende Januar 2011 wurde Michael Stockman als Risikovorstand benannt und ersetzte Michael Roseman. Fünf Wochen später empfahl der Nachfolger, das Limit anzuheben.
Die letzten elf Tage
Lange bemerkte niemand außerhalb des Hauses, worauf MF Global saß. Im September 2010 bestritt das Unternehmen, europäische Risiken zu halten — bei einer Position von damals fast zwei Milliarden Dollar. Die Aufsichtsbehörde FINRA nannte diese Auskunft später „fahrlässig“ und „irreführend“. Offengelegt wurde das Engagement erst mit dem Geschäftsbericht vom 20. Mai 2011.
Am 31. August 2011 teilte MF Global der Ratingagentur S&P mit, die Aufsicht habe zusätzliches Eigenkapital für die Positionen verlangt. Am 6. Oktober 2011 meldete der Finanzvorstand dem Vorstandschef, die Liquiditätslage stehe unter „anhaltendem Druck“. Nach außen klang es anders: In der Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen am 25. Oktober 2011 beschrieben Führungskräfte die Liquidität als verbessert. Der Ausschuss hält fest, dass Anleger über die Probleme nicht informiert wurden.
Dann ging es schnell:
| Datum | Ereignis |
|---|---|
| 20. Oktober 2011 | S&P trifft MF Global zu Quartalszahlen, Strategie und der Anleiheposition |
| 21. Oktober 2011 | Gegenüber Moody’s bezeichnen Mitarbeiter einschließlich Corzine die Positionen als reine Eigenhandelsgeschäfte |
| 24. Oktober 2011 | Moody’s stuft auf Baa3 herab — eine Stufe über Ramschniveau |
| 27. Oktober 2011 | Moody’s stuft auf Ba2 herab, damit unter Investment Grade |
| 27. und 28. Oktober 2011 | Sieben Überweisungen von Kundenkonten auf Eigenkonten, angewiesen oder gebilligt von der stellvertretenden Finanzchefin Edith O’Brien |
| 31. Oktober 2011 | S&P vergibt die schlechteste Note D. MF Global stellt Insolvenzantrag beim Bundesinsolvenzgericht im Süddistrikt von New York. Das Liquidationsverfahren beginnt. |
Der Untersuchungsausschuss hält den Ratingagenturen vor, das europäische Engagement erst Ende Oktober 2011 in ihre Bewertung einbezogen und kritische Fragen erst elf Tage vor der Insolvenz gestellt zu haben.
Das eigentliche Vergehen: die Kundengelder
Amerikanisches Recht verlangt von einem Terminbroker, Kundengelder getrennt zu halten. Sie gehören dem Kunden, nicht dem Haus. Die CFTC stellte fest, dass MF Global in der letzten Oktoberwoche 2011 knapp eine Milliarde Dollar dieser getrennten Mittel unrechtmäßig verwendete — für das eigene Geschäft, für verbundene Unternehmen, zur Bezahlung von Wertpapierkunden und zur Auszahlung anderer Kunden.
Nach den Anordnungen verstieß das Haus gegen den Commodity Exchange Act, indem es Kundengelder nicht als fremdes Vermögen behandelte, sie nicht getrennt führte, sie vermischte, sie zugunsten Dritter einsetzte und mehr entnahm, als ihm zustand. Die sieben Überweisungen vom 27. und 28. Oktober beliefen sich auf mehrere Hundert Millionen Dollar und überstiegen den ausgewiesenen Überschuss auf den Kundenkonten.
Der Fehlbetrag bei den Kundengeldern lag nach dem Bericht des Repräsentantenhauses bei 1,6 Milliarden Dollar. Der Ausschuss führt ihn unter anderem auf die genutzte Berechnungsmethode zurück, die Kundenkonten als Liquiditätsquelle attraktiv machte.
Was daraus folgte
| Beteiligter | Datum | Folge |
|---|---|---|
| MF Global | 8. November 2013 | Vergleichsanordnung: 1,212 Milliarden Dollar Wiedergutmachung, 100 Millionen Dollar Geldbuße |
| MF Global Holdings | 23. Dezember 2014 | Dieselbe Summe gesamtschuldnerisch, ebenfalls 100 Millionen Dollar Geldbuße |
| Jon S. Corzine | 5. Januar 2017 | 5 Millionen Dollar Geldbuße, keine Erstattung durch Versicherungen zulässig, dauerhafte Verpflichtung, nie wieder als Geschäftsleiter, Vertreter, Vorstand oder Mitarbeiter eines Terminbrokers tätig zu werden und sich nie wieder bei der CFTC registrieren zu lassen |
| Edith O’Brien | 5. Januar 2017 | 500.000 Dollar Geldbuße, 18 Monate Tätigkeitsverbot bei Terminbrokern |
Corzine wurde als verantwortliche Führungsperson herangezogen und wegen Verletzung seiner Aufsichtspflicht belangt — nicht wegen Betrugs. O’Brien galt als Gehilfin der Verstöße. Die Wiedergutmachung wurde vollständig geleistet: Alle Kundenforderungen wurden befriedigt.
Was Anleger daraus mitnehmen können
- Eine richtige These schützt nicht vor dem Ruin. Keine der Anleihen fiel aus. Trotzdem war das Haus vorher zahlungsunfähig, weil die Nachschusspflichten früher kamen als die Fälligkeit. Wer mit geliehenem Geld arbeitet, braucht nicht nur recht, sondern auch Durchhaltevermögen.
- Was aus der Bilanz verschwindet, ist nicht aus der Welt. Die Repo-to-Maturity-Konstruktion ließ die Positionen bilanziell ausbuchen. Die Liquiditätsverpflichtung blieb.
- Eine Herabstufung ist selten der Anfang. Die Ratingagenturen reagierten erst in den letzten Tagen. Wer auf ihr Urteil wartet, erfährt es zuletzt.
- Die Trennung von Kundengeld ist eine Regel, kein Naturgesetz. Sie wurde gebrochen. Dass die Kunden am Ende vollständig entschädigt wurden, lag am Insolvenzverfahren und an Jahren juristischer Arbeit — nicht daran, dass das Geld die ganze Zeit sicher gelegen hätte.
- Wer widerspricht, verschwindet manchmal. Der Risikovorstand, der die Positionen kritisch sah, wurde ersetzt. Der Ausschuss beschreibt ein Umfeld, in dem Corzines Entscheidungen nicht infrage gestellt werden konnten.
Häufige Fragen
War MF Global ein Hedgefonds?
Nein. MF Global war ein Broker für Termin- und Wertpapiergeschäfte und zuletzt auch Primärhändler der New Yorker Notenbank. Der Eigenhandel war ein Geschäftszweig, nicht der Zweck des Hauses.
Hat der Fall mit der Finanzkrise 2008 zu tun?
Nur mittelbar. Der Zusammenbruch fiel in den Herbst 2011 und damit in die europäische Staatsschuldenkrise. Die Papiere, auf denen das Haus saß, stammten aus eben jenen Ländern, die damals im Mittelpunkt standen. Die US-Finanzkrise 2008 hatte MF Global überstanden.
Haben die Kunden ihr Geld zurückbekommen?
Ja. Die Wiedergutmachung von 1,212 Milliarden Dollar wurde vollständig geleistet und alle Kundenforderungen befriedigt. Bis dahin vergingen allerdings Jahre.
Wurde Corzine strafrechtlich verurteilt?
Nein. Die hier beschriebenen Anordnungen sind zivilrechtliche Entscheidungen der US-Terminaufsicht CFTC. Er wurde wegen Verletzung der Aufsichtspflicht belangt und als verantwortliche Führungsperson herangezogen.
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Quellen
- U.S. Commodity Futures Trading Commission: Federal Court Orders Jon S. Corzine and Edith O’Brien to Pay Penalties, Release Number 7508-17 (cftc.gov)
- U.S. House of Representatives, Committee on Financial Services, Subcommittee on Oversight and Investigations: Bericht zum Zusammenbruch von MF Global, veröffentlicht am 15. November 2012 (financialservices.house.gov)
- MF Global Holdings Ltd.: Jahresbericht Form 10-K für das Geschäftsjahr 2010 (Einreichung bei der SEC)
- Man Group plc: Acquisition of GNI, Börsenpflichtmitteilung vom 21. Oktober 2002 (investegate.co.uk)
- U.S. House of Representatives, Committee on Financial Services: Hearing Memorandum vom 2. Februar 2012 (financialservices.house.gov)
Stand: 11. Oktober 2026. Alle Angaben nach den oben genannten Veröffentlichungen der US-Behörden.