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ROIC: Was der Return on Invested Capital über ein Unternehmen verrät

von FNE-Redaktion

Der ROIC (Return on Invested Capital) beantwortet eine einfache Frage: Wie viel operativen Gewinn nach Steuern erzielt ein Unternehmen auf jeden Euro, den Eigentümer und Kreditgeber ihm zur Verfügung gestellt haben? Die Kennzahl gilt unter Fundamentalanalysten als eine der aussagekräftigsten Messgrößen für die Qualität eines Geschäftsmodells, weil sie unabhängig davon ist, wie stark ein Unternehmen mit Schulden finanziert wird.

Ein hoher ROIC über viele Jahre ist ein Hinweis darauf, dass ein Unternehmen über Wettbewerbsvorteile verfügt, etwa Marken, Patente, Netzwerkeffekte oder Kostenvorteile. Ein niedriger oder schwankender Wert deutet dagegen auf ein kapitalintensives oder stark umkämpftes Geschäft hin.

Die Formel

Im Zähler steht der operative Gewinn nach Steuern, im Nenner das investierte Kapital:

BestandteilInhalt
ZählerNOPAT = EBIT × (1 − Steuerquote)
Nennerinvestiertes Kapital = Eigenkapital + verzinsliche Finanzschulden − überschüssige liquide Mittel
ErgebnisROIC = NOPAT / investiertes Kapital

Wie der Zähler im Detail berechnet wird und welche Bereinigungen üblich sind, erklärt der Beitrag zum NOPAT. Für den ROIC entscheidend ist, dass Zähler und Nenner zusammenpassen: Der operative Gewinn entsteht aus dem gesamten betrieblich gebundenen Kapital, also gehören auch die Finanzschulden in den Nenner.

Alternativ lässt sich das investierte Kapital über die Aktivseite der Bilanz ermitteln: Sachanlagen plus immaterielle Vermögenswerte plus Nettoumlaufvermögen (Vorräte und Forderungen abzüglich Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen). Beide Wege sollten ungefähr zum gleichen Ergebnis führen.

Ein Rechenbeispiel

Die fiktive Kestrel Maschinenbau AG weist im Geschäftsjahr ein EBIT von 38,4 Mio. € aus. Die Steuerquote liegt bei 29,9 %. In der Bilanz stehen 142,6 Mio. € Eigenkapital und 71,3 Mio. € Finanzschulden, an liquiden Mitteln, die für den Betrieb nicht benötigt werden, hält das Unternehmen 18,7 Mio. €.

SchrittRechnungErgebnis
NOPAT38,4 × (1 − 0,299)26,92 Mio. €
investiertes Kapital142,6 + 71,3 − 18,7195,2 Mio. €
ROIC26,92 / 195,213,79 %
Kapitalkosten (WACC)Annahme8,6 %
Überrendite13,79 % − 8,6 %5,19 Prozentpunkte
Wertbeitrag195,2 × 5,19 %10,13 Mio. €

Kestrel verdient also gut fünf Prozentpunkte mehr, als Eigen- und Fremdkapitalgeber im Schnitt als Verzinsung erwarten. Der rechnerische Wertbeitrag von gut 10 Mio. € wird oft als Economic Value Added (EVA) bezeichnet.

Warum der Vergleich mit den Kapitalkosten zählt

Ein ROIC von 9 % klingt solide, ist aber wenig wert, wenn die Kapitalkosten bei 10 % liegen. In diesem Fall vernichtet jedes zusätzliche Wachstum Wert, weil das neu investierte Kapital weniger einbringt, als es kostet. Umgekehrt ist Wachstum bei einem ROIC deutlich über den Kapitalkosten besonders wertvoll.

Daraus ergibt sich eine einfache Matrix:

ROIC im Verhältnis zu den KapitalkostenFolge von Wachstum
deutlich darüberschafft Wert, jede Investition lohnt sich
etwa gleichneutral, Wachstum ändert am Wert wenig
daruntervernichtet Wert, Ausschüttung wäre besser

Die Kapitalkosten selbst sind keine Bilanzgröße, sondern eine Schätzung aus Zinsniveau, Risikoprämie und Finanzierungsstruktur. Kleine Änderungen in den Annahmen verschieben das Ergebnis spürbar.

ROIC im Branchenvergleich

Software- und Markenartikelhersteller kommen häufig auf Werte über 20 %, weil sie wenig Sachanlagen benötigen. Versorger, Telekommunikationskonzerne, Stahlhersteller oder Fluggesellschaften liegen oft im einstelligen Bereich, weil Netze, Werke oder Flotten viel Kapital binden. Ein Vergleich ist deshalb nur innerhalb einer Branche sinnvoll.

Für Banken und Versicherungen eignet sich der ROIC kaum: Bei ihnen sind Schulden kein Finanzierungsinstrument, sondern Teil des Geschäfts. Dort wird stattdessen die Eigenkapitalrendite herangezogen.

ROIC und Wachstum

Besonders aufschlussreich ist der Blick auf den inkrementellen ROIC, also die Rendite auf das zusätzlich investierte Kapital. Steigt das investierte Kapital eines Unternehmens innerhalb von drei Jahren um 63,4 Mio. € und der NOPAT im selben Zeitraum um 9,7 Mio. €, liegt der inkrementelle ROIC bei 15,30 %. Liegt dieser Wert deutlich unter dem bisherigen Durchschnitt, finden sich offenbar keine ähnlich lukrativen Investitionsmöglichkeiten mehr. Die Gesamtkennzahl sinkt dann über die Jahre, auch wenn das Kerngeschäft unverändert gut läuft.

Bedeutung für Anleger

Wer Aktien nach Qualität auswählt, schaut auf die Entwicklung des ROIC über mindestens fünf bis zehn Jahre. Ein stabiler, hoher Wert ist aussagekräftiger als ein einzelnes Spitzenjahr. Zusammen mit dem Free Cashflow und der Bewertung, etwa über den Enterprise Value, ergibt sich ein Bild davon, ob ein Unternehmen nicht nur profitabel ist, sondern diesen Gewinn auch in Zahlungsmittel umwandelt und zu einem angemessenen Preis zu haben ist.

Der ROIC hilft außerdem, Übernahmen zu beurteilen. Zahlt ein Unternehmen für einen Zukauf einen hohen Aufpreis, steigt das investierte Kapital stark an. Erhöht sich der Gewinn nicht entsprechend, sinkt die Kennzahl, auch wenn der Umsatz wächst.

Grenzen und Risiken

Es gibt keine einheitliche Definition. Manche Analysten rechnen mit dem Kapital zum Jahresanfang, andere mit dem Durchschnitt aus Anfangs- und Endbestand. Ob Leasingverbindlichkeiten, Pensionsrückstellungen oder Geschäfts- oder Firmenwerte einbezogen werden, verändert das Ergebnis teils erheblich. Zwei Datenquellen können für dasselbe Unternehmen deshalb unterschiedliche Werte liefern.

Hohe Abschreibungen auf alte Anlagen senken das investierte Kapital und lassen den ROIC steigen, obwohl das Geschäft nicht besser geworden ist. Aktienrückkäufe, die das Eigenkapital verringern, haben einen ähnlichen Effekt. Eine Kennzahl allein sollte daher nie die Grundlage einer Anlageentscheidung sein.

Fazit

Der ROIC misst, wie effizient ein Unternehmen das gesamte ihm anvertraute Kapital einsetzt. Er wird erst im Vergleich mit den Kapitalkosten und mit Konkurrenten derselben Branche wirklich aussagekräftig. Wer die Berechnungsmethode kennt und auf die Entwicklung über mehrere Jahre achtet, gewinnt mit ihm einen guten Maßstab für die Qualität eines Geschäftsmodells.

Fragen und Antworten

Was ist ein guter ROIC?

Das hängt von Branche und Kapitalkosten ab. Als Faustregel gilt ein Wert dauerhaft über 10 bis 12 % als stark, wenn die Kapitalkosten darunter liegen.

Worin unterscheiden sich ROIC und ROE?

Die Eigenkapitalrendite bezieht den Gewinn nur auf das Eigenkapital und steigt mit zunehmender Verschuldung. Der ROIC berücksichtigt Eigen- und Fremdkapital und ist deshalb neutral gegenüber der Finanzierung.

Kann der ROIC negativ sein?

Ja, wenn das Unternehmen einen operativen Verlust ausweist. Dann ist die Kennzahl für einen Vergleich kaum geeignet.

Wo finde ich die Zahlen für die Berechnung?

EBIT, Steueraufwand, Eigenkapital und Finanzschulden stehen im Geschäftsbericht, meist im Konzernabschluss nach IFRS mit Gewinn- und Verlustrechnung, Bilanz und Anhang.

Quellen

Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: Oktober 2026.

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