Das Shiller-KGV, international als CAPE Ratio (Cyclically Adjusted Price-to-Earnings Ratio) bekannt, ist eine Bewertungskennzahl für ganze Aktienmärkte. Anders als das gewöhnliche KGV teilt es den Kurs nicht durch den Gewinn eines einzelnen Jahres, sondern durch den inflationsbereinigten Durchschnittsgewinn der vergangenen zehn Jahre. Dadurch werden Ausreißer in Boom- und Rezessionsjahren geglättet.
Die Idee geht auf Benjamin Graham und David Dodd zurück, die bereits 1934 in ihrem Buch Security Analysis empfahlen, Gewinne über mehrere Jahre zu mitteln. Populär wurde die Kennzahl durch den Yale-Ökonomen Robert Shiller, der sie Ende der 1980er-Jahre gemeinsam mit John Campbell untersuchte und später mit dem Wirtschaftsnobelpreis 2013 ausgezeichnet wurde.
Die Berechnung
| Schritt | Vorgehen |
|---|---|
| 1. Gewinne sammeln | Gewinn je Aktie des Index für jedes der letzten zehn Jahre |
| 2. Inflation bereinigen | jeden Jahreswert mit der Veränderung des Verbraucherpreisindex auf heutige Kaufkraft hochrechnen |
| 3. Durchschnitt bilden | arithmetisches Mittel der zehn realen Jahresgewinne |
| 4. Verhältnis bilden | aktueller Indexstand / realer Durchschnittsgewinn |
Die Inflationsbereinigung ist wichtig, weil ein Gewinn von vor zehn Jahren in heutigem Geld mehr wert war. Ohne Anpassung würde der Durchschnitt nach Phasen hoher Inflation zu niedrig ausfallen und das Shiller-KGV künstlich steigen.
Ein Rechenbeispiel
Ein fiktiver Index steht bei 6.218 Punkten. Der Gewinn je Indexanteil lag vor neun Jahren bei 109,90 Punkten, der Verbraucherpreisindex damals bei 245,1 und heute bei 326,8. In heutiger Kaufkraft entspricht der damalige Gewinn 109,90 × 326,8 / 245,1 = 146,53 Punkten. So wird mit allen zehn Jahren verfahren.
| Kennzahl | Rechnung | Ergebnis |
|---|---|---|
| realer Zehnjahresdurchschnitt | Mittel der zehn bereinigten Gewinne | 151,70 |
| Shiller-KGV | 6.218 / 151,70 | 40,99 |
| Gewinn des letzten Jahres | aus dem Jahresabschluss | 248,30 |
| gewöhnliches KGV | 6.218 / 248,30 | 25,04 |
Der Unterschied ist typisch für Phasen stark wachsender Gewinne: Weil die jüngsten Jahre deutlich besser waren als der Zehnjahresdurchschnitt, liegt das Shiller-KGV weit über dem einfachen KGV.
Historische Werte für den S&P 500
Robert Shiller veröffentlicht monatliche Daten für den US-Aktienmarkt seit 1871. Daraus ergeben sich einige markante Punkte:
| Zeitpunkt | Shiller-KGV | Hintergrund |
|---|---|---|
| langfristiger Durchschnitt seit 1881 | rund 17 | Referenzwert |
| September 1929 | rund 32,6 | Spitze vor dem großen Crash |
| Dezember 1999 | rund 44,2 | bisheriger Höchstwert, Technologieblase |
| März 2009 | rund 13,3 | Tief nach der Finanzkrise |
| Spätsommer 2026 | rund 41 | zweithöchstes Niveau der Datenreihe |
Der Kehrwert des Shiller-KGV heißt zyklisch bereinigte Gewinnrendite. Bei einem Wert von 41 liegt sie bei rund 2,4 %, beim langfristigen Durchschnitt von 17 bei knapp 5,9 %.
Was die Kennzahl aussagt
Shiller und Campbell zeigten, dass hohe Werte in der Vergangenheit mit niedrigeren Renditen in den folgenden zehn bis zwanzig Jahren einhergingen. Für kurzfristige Prognosen taugt die Kennzahl dagegen nicht: Der S&P 500 war schon 1996 nach diesem Maßstab teuer und stieg danach noch vier Jahre lang kräftig.
Eine Weiterentwicklung ist die Excess CAPE Yield. Sie zieht von der zyklisch bereinigten Gewinnrendite die reale Rendite zehnjähriger Staatsanleihen ab. Damit wird berücksichtigt, dass Aktien bei sehr niedrigen Zinsen höhere Bewertungen rechtfertigen können als bei hohen.
Wo die Daten herkommen
Für die frühen Jahrzehnte stützt sich Shiller auf historische Indexreihen der Cowles-Kommission und von Standard & Poor’s, für die jüngere Zeit auf den S&P 500 mit Gewinnangaben von S&P Dow Jones Indices. Die Inflation wird über den US-Verbraucherpreisindex des Bureau of Labor Statistics berechnet. Seit 2018 ergänzt Shiller eine Variante auf Basis der Gesamtrendite (Total Return CAPE), die reinvestierte Dividenden berücksichtigt und Verzerrungen durch eine veränderte Ausschüttungsquote verringert.
Bedeutung für Anleger
Für Privatanleger ist das Shiller-KGV vor allem eine Orientierung für Erwartungen. Wer bei einem sehr hohen Wert in einen breiten Index investiert, sollte für die kommenden Jahre eher mit unterdurchschnittlichen Renditen rechnen, ohne dass daraus ein Zeitpunkt für einen Rückgang abgeleitet werden kann. Ein regelmäßiger Sparplan mildert das Problem des Einstiegszeitpunkts.
Nützlich ist die Kennzahl auch im Ländervergleich. Europäische, japanische und Schwellenländer-Indizes weisen häufig deutlich niedrigere Werte auf als der US-Markt, was sich teils durch die Branchenzusammensetzung erklärt. Indizes mit hohem Anteil an Banken, Versorgern und Rohstoffkonzernen sind strukturell günstiger bewertet als solche mit vielen Technologiekonzernen. Zur Marktbewertung insgesamt lohnt auch ein Blick auf die Marktkapitalisierung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung.
Grenzen und Kritik
Kritiker wie der Finanzprofessor Jeremy Siegel weisen auf Änderungen in der Rechnungslegung hin. Seit Anfang der 2000er-Jahre müssen Unternehmen Wertminderungen auf Geschäfts- oder Firmenwerte sofort verbuchen, was Gewinne in Krisenjahren stärker drückt als früher. Das senkt den Zehnjahresdurchschnitt und erhöht das Shiller-KGV.
Hinzu kommt die veränderte Ausschüttungspolitik. Unternehmen schütten heute einen kleineren Teil ihres Gewinns als Dividende aus und kaufen stattdessen eigene Aktien zurück oder investieren. Das kann das Gewinnwachstum je Aktie erhöhen, wodurch ältere Gewinne im Durchschnitt im Vergleich zu niedrig erscheinen. Auch die Verschiebung hin zu margenstarken Technologiekonzernen spricht dafür, dass der historische Durchschnitt von 17 nicht mehr als Normalwert taugt.
Fazit
Das Shiller-KGV glättet Konjunkturzyklen und eignet sich gut, um die Bewertung ganzer Märkte über lange Zeiträume zu vergleichen. Hohe Werte gingen historisch mit niedrigeren langfristigen Renditen einher, sagen aber nichts über den Zeitpunkt einer Korrektur. Wegen veränderter Bilanzierungsregeln und Ausschüttungspolitik sollte es mit anderen Kennzahlen kombiniert werden.
Fragen und Antworten
Was ist der Unterschied zwischen KGV und Shiller-KGV?
Das KGV nutzt den Gewinn eines Jahres, das Shiller-KGV den inflationsbereinigten Durchschnitt der letzten zehn Jahre. Es reagiert dadurch weniger auf einzelne Ausreißer.
Was bedeutet CAPE?
CAPE steht für Cyclically Adjusted Price-to-Earnings Ratio, also zyklisch bereinigtes Kurs-Gewinn-Verhältnis.
Ab welchem Wert gilt ein Markt als teuer?
Gemessen am langfristigen Durchschnitt von rund 17 gelten Werte über 25 als hoch und über 30 als sehr hoch. Wegen struktureller Veränderungen ist diese Schwelle aber umstritten.
Eignet sich das Shiller-KGV für einzelne Aktien?
Grundsätzlich lässt es sich berechnen, aussagekräftig ist es vor allem für breite Indizes. Bei einzelnen Unternehmen verändern Übernahmen und Strukturbrüche die Gewinnreihe zu stark.
Quellen
- Robert J. Shiller, Yale University – Online Data
- Shiller Data – U.S. Stock Markets 1871–Present and CAPE Ratio
- John Y. Campbell, Robert J. Shiller: Valuation Ratios and the Long-Run Stock Market Outlook, Journal of Portfolio Management, 1998
- Benjamin Graham, David Dodd: Security Analysis, 1934
- Nobelpreis – The Sveriges Riksbank Prize in Economic Sciences 2013
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: Oktober 2026.