Vorzugsaktien sind Aktien, die ihren Inhabern einen Vorrang bei der Verteilung des Gewinns einräumen. Im Gegenzug wird in Deutschland fast immer das Stimmrecht auf der Hauptversammlung ausgeschlossen. Im Kurszettel erkennt man sie am Kürzel Vz. oder Vzg. hinter dem Unternehmensnamen. Bekannte Beispiele sind die Vorzüge von Volkswagen, Henkel, BMW, Porsche SE oder Sixt.
Im angelsächsischen Raum gibt es mit Preferred Stock eine ähnlich klingende Anlageform, die sich in der Ausgestaltung jedoch deutlich unterscheidet. Beide Varianten werden weiter unten verglichen.
Rechtliche Grundlagen in Deutschland
Die Regeln stehen in den §§ 139 bis 141 des Aktiengesetzes. Die wichtigsten Punkte:
| Vorschrift | Inhalt |
|---|---|
| § 139 Abs. 1 AktG | Bei Aktien mit Vorzug bei der Gewinnverteilung kann das Stimmrecht ausgeschlossen werden. Der Vorzug besteht meist in einem vorweg zu zahlenden Gewinnanteil. Die Satzung kann bestimmen, dass dieser nicht nachgezahlt wird. |
| § 139 Abs. 2 AktG | Stimmrechtslose Vorzugsaktien dürfen höchstens die Hälfte des Grundkapitals ausmachen. |
| § 140 AktG | Fällt der Vorzug aus und wird er nicht wie vorgesehen nachgeholt, lebt das Stimmrecht auf, bis die Rückstände bezahlt sind. |
| § 141 AktG | Soll der Vorzug aufgehoben oder beschränkt werden, müssen die Vorzugsaktionäre in einem Sonderbeschluss mit Dreiviertelmehrheit zustimmen. |
Seit der Aktienrechtsnovelle 2016 ist ausdrücklich zulässig, dass der Vorzug nicht nachzahlbar ist. Das ist vor allem für Banken wichtig, weil solche Aktien leichter als hartes Kernkapital anerkannt werden.
Formen des Vorzugs
In der Praxis gibt es zwei Grundformen, die auch kombiniert werden können:
- Vorabdividende: Die Vorzugsaktionäre erhalten zuerst einen festen Betrag, etwa einige Cent je Aktie, bevor die Stammaktionäre bedient werden. Reicht der Gewinn nur für einen Teil, gehen die Stammaktionäre leer aus.
- Mehrdividende: Die Vorzugsaktie erhält stets einen festen Aufschlag auf die Dividende der Stammaktie, zum Beispiel 6 Cent mehr.
Bei den meisten großen deutschen Unternehmen fällt der Unterschied heute gering aus und bewegt sich im Bereich weniger Cent je Aktie. Das Recht auf Teilnahme an der Hauptversammlung, auf Auskunft und auf Anfechtung von Beschlüssen bleibt Vorzugsaktionären erhalten, nur abstimmen dürfen sie in der Regel nicht.
Ein Rechenbeispiel
Die fiktive Brandauer Werke AG hat Stamm- und Vorzugsaktien an der Börse. Die Stammaktie kostet 64,20 €, die Vorzugsaktie 58,90 €. Für das abgelaufene Geschäftsjahr zahlt das Unternehmen 2,14 € je Stammaktie und dank einer Mehrdividende von 6 Cent 2,20 € je Vorzugsaktie.
| Kennzahl | Stammaktie | Vorzugsaktie |
|---|---|---|
| Kurs | 64,20 € | 58,90 € |
| Dividende | 2,14 € | 2,20 € |
| Dividendenrendite | 3,33 % | 3,74 % |
| Kursabschlag gegenüber Stamm | – | 8,26 % |
Der höhere Ertrag ergibt sich hier vor allem aus dem niedrigeren Kurs, weniger aus der Mehrdividende. Wie sich die Dividendenrendite allgemein berechnet und welche Grenzen sie hat, erklärt der eigene Beitrag.
Warum Vorzüge oft billiger sind
Der Kursabschlag spiegelt den Wert des fehlenden Stimmrechts wider. Er ist besonders groß, wenn eine Familie oder ein Großaktionär die Mehrheit der Stammaktien hält und Minderheitsaktionäre ohnehin kaum Einfluss hätten. Ein zweiter Grund ist die Liquidität: Bei vielen Unternehmen wird nur eine Gattung rege gehandelt, die andere kaum.
Bei Übernahmen kann der Unterschied plötzlich wichtig werden. Ein Bieter muss Stamm- und Vorzugsaktionären ein Angebot machen, der Preis für die stimmberechtigten Aktien kann aber höher ausfallen. Auch die Indexzugehörigkeit spielt eine Rolle: In Indizes wird oft nur die liquidere Gattung aufgenommen, was Nachfrage durch Indexfonds lenkt.
Vorzugsaktien und US-Preferred-Stock
| Merkmal | deutsche Vorzugsaktie | US-Preferred-Stock |
|---|---|---|
| Dividende | an die Stammdividende gekoppelt | meist fester Satz auf einen Nennwert, oft 25 $ |
| Kursverhalten | ähnlich wie die Stammaktie | eher wie eine Anleihe, zinsabhängig |
| Stimmrecht | in der Regel ausgeschlossen | in der Regel ausgeschlossen |
| Kündigung durch den Emittenten | nicht üblich | häufig nach einigen Jahren möglich |
| Rang in der Insolvenz | wie Stammaktie | vor Stammaktien, nach Anleihen |
Ein Preferred Stock mit 25 $ Nennwert und 6,125 % Dividende zahlt jährlich 1,53 $. Notiert er bei 22,85 $, ergibt sich eine laufende Rendite von 6,70 %. Steigen die Marktzinsen, fällt sein Kurs ähnlich wie bei einer Anleihe.
Bedeutung für Anleger
Für Privatanleger, die ohnehin nicht auf Hauptversammlungen abstimmen, kann die Vorzugsaktie die günstigere Möglichkeit sein, an einem Unternehmen beteiligt zu sein. Der Kursabschlag bedeutet eine höhere laufende Rendite, die Marktkapitalisierung wird bei Unternehmen mit zwei Gattungen über beide zusammen berechnet.
Ratsam ist, den Abschlag über mehrere Jahre zu beobachten. Schwankt er stark, bieten sich unter Umständen bessere Einstiegspunkte in die eine oder andere Gattung. Ändert ein Unternehmen seine Struktur, etwa durch Umwandlung der Vorzüge in Stammaktien, verschwindet der Abschlag meist schnell.
Umwandlungen in Stammaktien
Mehrere Unternehmen haben ihre Vorzugsaktien in den vergangenen Jahren abgeschafft, um die Aktionärsstruktur zu vereinfachen und die Handelbarkeit zu verbessern. Üblich ist ein Umtausch im Verhältnis eins zu eins, gelegentlich verbunden mit einer Zuzahlung der Vorzugsaktionäre oder dem Wegfall der Mehrdividende. Da der Vorzug dabei aufgehoben wird, müssen die Vorzugsaktionäre nach § 141 AktG zustimmen. Für sie lohnt sich der Schritt, wenn der bisherige Kursabschlag dadurch verschwindet.
Grenzen und Risiken
Der fehlende Einfluss ist das größte Risiko. Entscheidungen über Übernahmen, Kapitalmaßnahmen oder die Gewinnverwendung treffen die Stammaktionäre. Bei Familienunternehmen kann das bedeuten, dass Interessen der Minderheit wenig Gewicht haben. Zudem ist die Vorzugsaktie kein Schutz vor Verlusten: Sinkt der Gewinn, wird auch die Vorzugsdividende gekürzt.
Fazit
Vorzugsaktien tauschen das Stimmrecht gegen einen Vorrang bei der Dividende und notieren deshalb meist mit Abschlag. Für Anleger ohne Interesse an Abstimmungen kann das ein Vorteil sein, solange Liquidität und Abstand zur Stammaktie im Blick bleiben. US-Preferred-Stock ist dagegen eher ein anleiheähnliches Papier mit festem Satz.
Fragen und Antworten
Was ist der Unterschied zwischen Stamm- und Vorzugsaktien?
Stammaktien haben volles Stimmrecht, Vorzugsaktien in der Regel keines. Dafür erhalten Vorzugsaktionäre einen Vorrang oder Aufschlag bei der Dividende.
Wann bekommen Vorzugsaktionäre ein Stimmrecht?
Wenn die Vorzugsdividende ausfällt und nicht wie in der Satzung vorgesehen nachgezahlt wird. Das Stimmrecht gilt dann, bis die Rückstände beglichen sind.
Wie viele Vorzugsaktien darf ein Unternehmen ausgeben?
Stimmrechtslose Vorzugsaktien dürfen höchstens die Hälfte des Grundkapitals ausmachen.
Sind Vorzugsaktien sicherer als Stammaktien?
Nicht wesentlich. Der Vorrang bei der Dividende hilft nur, wenn ein Gewinn verteilt wird. Kursverluste treffen beide Gattungen in ähnlichem Maß.
Quellen
- Aktiengesetz, § 139 Wesen der Vorzugsaktie
- Aktiengesetz, § 140 Rechte der Vorzugsaktionäre
- Aktiengesetz, § 141 Aufhebung oder Beschränkung des Vorzugs
- U.S. Securities and Exchange Commission, Investor.gov – Preferred Stock
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: Oktober 2026.