Die Aktie der VIB Vermögen AG kostet am 3. November 2026 um 13:17 Uhr auf Xetra 2,15 €. Das sind 10,5 Prozent mehr als am Vortag und zugleich nur ein Fünftel des Kurses vor einem Jahr: Die 52-Wochen-Spanne reicht von 1,90 bis 11,45 €. Bei 33.054.587 Aktien ergibt das einen Börsenwert von rund 71 Millionen Euro.
Dem steht ein EPRA-Nettovermögenswert (NRV) von 40,56 € je Aktie zum 30. Juni 2026 gegenüber. Die Börse bewertet das Eigenkapital des Neuburger Logistikimmobilien-Konzerns also mit gut fünf Prozent des bilanzierten Substanzwerts. Ein Abschlag dieser Größenordnung entsteht nicht in den Hallen, sondern in der Struktur darüber.
Seit August steht ein Beherrschungsvertrag
Am 27. August 2026 wurde der Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag zwischen der DIC Real Estate Investments GmbH & Co. KGaA und der VIB Vermögen AG ins Handelsregister eingetragen und damit wirksam. Die DIC REI ist eine hundertprozentige Tochter der BRANICKS Group AG. Beschlossen hatte den Vertrag die außerordentliche Hauptversammlung am 12. Februar 2026.
Laut dem gemeinsamen Vertragsbericht der Vorstände hält die DIC REI 22.724.121 VIB-Aktien und damit 68,75 Prozent des Kapitals. Außenstehend sind 10.330.466 Aktien oder 31,25 Prozent. Die Mehrheit hatte der Konzern, damals noch unter dem Namen DIC Asset, im April 2022 erworben.
Für die außenstehenden Aktionäre folgen daraus zwei Zahlen, und sie erklären den gesamten Fall:
| Anspruch | Höhe |
|---|---|
| Abfindung nach § 305 AktG | 4,18 BRANICKS-Aktien je VIB-Aktie – keine Barabfindung |
| Fester Ausgleich nach § 304 AktG | 0,92 € brutto beziehungsweise 0,77 € netto je Aktie und volles Geschäftsjahr |
Geprüft wurde der Vertrag von der HLB Dr. Stückmann und Partner mbB, die das Landgericht München I am 3. November 2025 auf gemeinsamen Antrag bestellt hat. Die Bewertung selbst stammt von PricewaterhouseCoopers.
Warum die Aktie über dem Abfindungsangebot notiert
Die BRANICKS-Aktie kostet am 3. November 2026 um 13:17 Uhr 0,351 €. Das Tauschangebot von 4,18 Aktien ist damit rechnerisch rund 1,47 € wert – gut 30 Prozent weniger als die VIB-Aktie selbst. Die Annahmefrist für das Angebot lief am 27. Oktober 2026 ab, zwei Monate nach der Bekanntmachung der Eintragung.
Der feste Ausgleich dagegen ergibt auf den aktuellen Kurs eine andere Größenordnung. 0,77 € netto auf 2,15 € sind rund 36 Prozent im Jahr. Genau an dieser Lücke hängt die Diskussion unter Anlegern: Der Markt bezahlt offensichtlich nicht das Tauschangebot, sondern den laufenden Zahlungsanspruch – und damit die Frage, wie sicher dieser Anspruch ist.
Rechnerisch entfallen auf die außenstehenden Aktionäre rund 9,5 Millionen Euro Ausgleichszahlung pro Jahr. Schuldnerin ist die DIC REI, nicht die VIB selbst. Hinzu kommt die Verlustübernahmepflicht nach § 302 AktG: Der herrschende Gesellschafter muss jeden Jahresfehlbetrag der beherrschten Gesellschaft ausgleichen.
Die Mutter restrukturiert ihre eigenen Schulden
Am 30. Juli 2026 unterzeichneten BRANICKS und VIB Lock-up-Vereinbarungen mit einer Gruppe von Anleihegläubigern und mit Inhabern von Schuldscheindarlehen und Namensschuldverschreibungen. Betroffen sind eine unbesicherte Unternehmensanleihe über 400 Millionen Euro, die ursprünglich am 22. September 2026 fällig war, sowie Schuldscheine und Namensschuldverschreibungen über 179,5 Millionen Euro mit Laufzeiten bis 2031.
Für die VIB wurde dabei eine Überbrückungsfinanzierung über 60 Millionen Euro zugesagt. Durch eine kapitalisierte Backstop-Gebühr steigt der Nominalbetrag am ersten Tag auf 61,9 Millionen Euro. Das Geld dient vor allem der Rückzahlung von 58 Millionen Euro VIB-Schuldscheinen, die im September 2026 und im März 2027 fällig wurden. Beim Abschluss der Restrukturierung geht die Brücke zu identischen wirtschaftlichen Bedingungen in eine langfristige Finanzierung über.
- Endfällig am 30. September 2029
- Zinssatz 10,0 Prozent pro Jahr, zahlbar in bar
- 200 Basispunkte einmalige Gebühr auf alles, was am 31. Dezember 2028 noch offen ist
- 100 Basispunkte Exit Fee bei Rückzahlung oder Refinanzierung
Zum Sicherheitenpaket gehören laut der Mitteilung eine doppelstöckige LuxCo-Struktur, die Verpfändung von Anteilen daran sowie von Anteilen an wesentlichen Tochtergesellschaften und entsprechende Garantien dieser Gesellschaften. Vereinbart wurde außerdem ein Geschäftsplan bis 2030, der den Verschuldungsgrad unter anderem über Immobilienverkäufe senken soll. Die Einzelheiten der Neuordnung von Anleihe, Schuldscheinen und neuem Fremdkapital stehen in unserer Analyse zur BRANICKS Aktie.
Der Oktober brachte erst den Bruch, dann die Einigung
Auf der außerordentlichen Hauptversammlung der BRANICKS am 9. Oktober 2026 waren 55,19 Prozent des stimmberechtigten Kapitals vertreten. Die LuxCo-Struktur und die Verkleinerung des Aufsichtsrats wurden beschlossen, Tagesordnungspunkt vier – Beraterverträge – fand dagegen keine Mehrheit. In der Mitteilung schrieb das Unternehmen, eine wesentliche Bedingung des am 30. Juli angekündigten Restrukturierungskonzepts sei damit nicht erfüllt; ohne Lösung mit den wesentlichen Gläubigern sei der Fortbestand des Unternehmens unmittelbar gefährdet.
Sechs Tage später, am 15. Oktober 2026, meldete BRANICKS die Einigung mit den wesentlichen Gläubigern über die Umsetzung des Konzepts; die beiden zuvor gewählten Aufsichtsräte nahmen ihr Mandat an. Am 29. Oktober gab Vorstandsvorsitzende Sonja Wärntges ihr Amt zum Monatsende ab. Ihre Aufgaben übernimmt ab November Josef Schultheis, bisher Chief Restructuring Officer; Johannes von Mutius kommt als Chief Investment Officer dazu.
Die Zahl der BRANICKS-Stimmrechte stieg in dieser Zeit von 83.593.723 am 8. Oktober auf 84.213.117 am 30. Oktober. Beide Meldungen nach § 41 WpHG weisen eine bedingte Kapitalerhöhung als Grund aus, nennen aber keinen konkreten Anlass.
Das operative Bild der VIB
Die Immobilien selbst sind nicht die Problemzone, der Halbjahresbericht zeigt aber deutliche Spuren:
| 1. Halbjahr | 2026 | 2025 |
|---|---|---|
| Mieterlöse | 46,766 Mio. € | 50,182 Mio. € |
| Erträge aus Property Management | 19,131 Mio. € | 3,310 Mio. € |
| FFO vor Steuern und Minderheiten | 24,091 Mio. € | 47,798 Mio. € |
| Konzernergebnis | 2,573 Mio. € | 30,741 Mio. € |
| Ergebnis je Aktie | 0,08 € | 0,80 € |
| EPRA-Überschuss je Aktie | 0,56 € | 1,10 € |
| EPRA-Leerstandsquote | 11,5 % | 6,3 % |
Der operative Cashflow hat sich halbiert, die Leerstandsquote fast verdoppelt. Dagegen stehen ein Eigenkapitalanteil von 49,4 Prozent und ein Beleihungsauslauf (LTV) von 41,2 Prozent bei 945,5 Millionen Euro Nettoverschuldung – Werte, die für eine Immobiliengesellschaft für sich genommen unauffällig sind. Am 30. September 2026 meldete die VIB die Tilgung von 43,5 Millionen Euro Schuldscheinen; die nächste Fälligkeit von 14,5 Millionen Euro im März 2027 sei bereits refinanziert. Alle Stammdaten, Portfoliozahlen und die FFO-Prognose stehen im Porträt der VIB Vermögen Aktie.
Die offenen Fragen
- Kann die DIC REI den Ausgleich dauerhaft zahlen? Rund 9,5 Millionen Euro im Jahr für die Außenstehenden, dazu die Verlustübernahme nach § 302 AktG – wie belastbar ist das, während die Konzernmutter ihre eigenen Finanzverbindlichkeiten restrukturiert?
- Warum notiert die Aktie 46 Prozent über dem Tauschwert? Preist der Markt die Garantiedividende ein, eine mögliche Nachbesserung in einem Spruchverfahren oder beides?
- Ist ein Spruchverfahren anhängig? Eine Veröffentlichung dazu ist nicht auffindbar. Der Vertrag sieht eine Anpassung für diesen Fall ausdrücklich vor.
- Wie viele Außenstehende haben getauscht? Die Stimmrechtsmeldungen der BRANICKS zeigen einen Zuwachs von 619.394 Aktien zwischen dem 8. und dem 30. Oktober, nennen aber keinen Grund.
- Was bedeutet das Sicherheitenpaket für die Minderheit? Verpfändet werden Anteile an wesentlichen Tochtergesellschaften – zugunsten von Gläubigern der Mutter.
- Woher kommt der Leerstandssprung von 6,3 auf 11,5 Prozent, und handelt es sich um Auslaufmieten oder um ein strukturelles Thema?
Fazit
Wer die VIB-Aktie heute kauft, kauft im Kern keine Logistikimmobilien, sondern einen Zahlungsanspruch gegen die DIC Real Estate Investments – und die Frage, was dieser Anspruch wert ist. Der Substanzwert von 40,56 € je Aktie beschreibt das Immobilienvermögen, nicht die Position der außenstehenden Aktionäre. Die beiden Zahlen, die diese Position bestimmen, sind der feste Ausgleich von 0,77 € netto und ein Tauschangebot, das mit dem Kurs der Muttergesellschaft schwankt.
Das Besondere an dieser Konstellation: Die operative Lage der VIB und die Bonität ihres Zahlungsschuldners haben sich entkoppelt. Eine Eigenkapitalquote von 49,4 Prozent nützt wenig, wenn der Ausgleichsanspruch gegen eine Gesellschaft läuft, die selbst 10 Prozent Zinsen auf neues Fremdkapital zahlt. Umgekehrt ist der Anspruch gesetzlich abgesichert und nicht vom Ergebnis der VIB abhängig.
Beides zusammen macht das Papier zu einem Sonderfall, der mit klassischen Kennzahlen wie KGV oder Dividendenrendite nicht zu greifen ist. Einen belastbaren Blick darauf bekommt nur, wer den Vertragstext, die Bonität der DIC REI und den Stand der Restrukturierung zusammen betrachtet.
Fragen und Antworten
Was ist ein Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrag?
Ein Unternehmensvertrag nach §§ 291 ff. AktG. Die beherrschte Gesellschaft unterstellt sich der Leitung der herrschenden und führt ihren Gewinn an sie ab. Im Gegenzug muss die herrschende Gesellschaft Verluste ausgleichen (§ 302 AktG) und den außenstehenden Aktionären einen festen oder variablen Ausgleich (§ 304 AktG) sowie eine Abfindung (§ 305 AktG) anbieten.
Wird der Ausgleich auch gezahlt, wenn die VIB Verlust macht?
Ja. Der feste Ausgleich nach § 304 AktG ist nicht an das Ergebnis der beherrschten Gesellschaft gebunden, sondern eine vertraglich zugesagte Zahlung der herrschenden Gesellschaft. Er steht und fällt deshalb mit deren Zahlungsfähigkeit, nicht mit dem Gewinn der VIB.
Ist die Abfindungsfrist endgültig abgelaufen?
Die reguläre Frist endete am 27. Oktober 2026. Nach § 305 Abs. 4 AktG verlängert sie sich jedoch, wenn ein Spruchverfahren eingeleitet wird: Dann läuft sie erst zwei Monate nach Bekanntmachung der Entscheidung im Bundesanzeiger ab. Ob ein solches Verfahren anhängig ist, ist bislang nicht veröffentlicht.
Wie hoch ist der Streubesitz?
Zum Zeitpunkt des Vertragsberichts waren 10.330.466 Aktien oder 31,25 Prozent außenstehend. Wie viele davon inzwischen in BRANICKS-Aktien getauscht wurden, ist nicht veröffentlicht.
Dieser Beitrag ist eine journalistische Einordnung und keine Anlageberatung. Er stellt keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar. Alle Angaben beruhen auf veröffentlichten Unternehmensmitteilungen und Börsenkursen zum 3. November 2026.