Günstige Aktien mit Potenzial zu finden, ist das Ziel vieler Privatanleger – doch schon der Begriff „günstig“ führt oft in die Irre. Ein niedriger Aktienkurs sagt nichts darüber aus, ob ein Unternehmen preiswert bewertet ist. Entscheidend ist, wie viel Gewinn, Cashflow oder Substanz ein Anleger für sein Geld bekommt. Dieser Unterschied ist die Grundlage jeder systematischen Suche nach niedrig bewerteten Titeln. Konkrete Empfehlungen gibt fne.de nicht; es geht um das Werkzeug, nicht um einzelne Namen.
Definition: Niedriger Kurs ist nicht gleich günstig
Ein Rechenbeispiel mit zwei fiktiven Unternehmen zeigt den Denkfehler. Aktie A kostet 4,20 Euro, es gibt 1,8 Milliarden Stück. Aktie B kostet 312 Euro bei 9 Millionen Stück.
| Kennzahl | Aktie A | Aktie B |
|---|---|---|
| Kurs | 4,20 € | 312,00 € |
| Anzahl Aktien | 1,8 Mrd. | 9 Mio. |
| Marktkapitalisierung | 7,56 Mrd. € | 2,81 Mrd. € |
| Jahresgewinn | 290 Mio. € | 245 Mio. € |
| Kurs-Gewinn-Verhältnis | 26,1 | 11,5 |
Die „billige“ Aktie A ist gemessen am Gewinn mehr als doppelt so teuer wie die „teure“ Aktie B. Günstig im Sinne der Bewertung bedeutet: Der Marktpreis ist niedrig im Verhältnis zu dem, was das Unternehmen wirtschaftlich leistet.
Die Kennzahlen für die Suche
Keine einzelne Kennzahl reicht aus. Jede beleuchtet einen anderen Teil des Geschäfts, und jede hat Schwächen. Sinnvoll ist eine Kombination:
| Kennzahl | Misst | Hinweis |
|---|---|---|
| KGV | Kurs im Verhältnis zum Gewinn je Aktie | Verzerrt durch Sondereffekte und Verschuldung |
| EV/EBITDA | Unternehmenswert im Verhältnis zum operativen Ergebnis vor Abschreibungen | Berücksichtigt Schulden, gut für Branchenvergleiche |
| FCF-Rendite | Freier Cashflow im Verhältnis zur Marktkapitalisierung | Schwer zu manipulieren, schwankt aber stark |
| Kurs-Buchwert-Verhältnis | Kurs im Verhältnis zum bilanziellen Eigenkapital | Sinnvoll bei Banken und Versicherern, kaum bei Software |
| PEG-Ratio | KGV im Verhältnis zum erwarteten Gewinnwachstum | Hängt von Wachstumsprognosen ab |
| Dividendenrendite | Dividende im Verhältnis zum Kurs | Hohe Werte oft nach Kursverfall, nicht immer nachhaltig |
Wie der freie Cashflow ermittelt wird, steht im Beitrag zum Free Cashflow.
Funktionsweise eines Aktienfilters
Viele Broker und Börsen bieten Aktienfilter (Screener), mit denen sich Tausende Titel nach Kennzahlen eingrenzen lassen. Ein strukturierter Ablauf in vier Stufen hat sich bewährt:
- Stufe 1 – Bewertung: Zwei bis drei Bewertungskennzahlen, die unter dem Branchendurchschnitt liegen, etwa ein KGV unter dem Median der Branche und eine FCF-Rendite über 5 Prozent.
- Stufe 2 – Qualität: Mindestanforderungen an Profitabilität und Bilanz, zum Beispiel eine positive Eigenkapitalrendite über mehrere Jahre und Nettoschulden unter dem Dreifachen des EBITDA.
- Stufe 3 – Stabilität: Ausschluss von Unternehmen mit stark schwankenden Gewinnen oder Verlusten in den vergangenen Jahren.
- Stufe 4 – Einzelprüfung: Die verbleibenden Titel werden einzeln angesehen: Geschäftsmodell, Wettbewerb, Geschäftsbericht.
Die Filter grenzen nur ein. Sie ersetzen nicht die Frage, warum der Markt ein Unternehmen niedrig bewertet. Wie sich aus den Treffern ein innerer Wert ableiten lässt, beschreibt der Beitrag über unterbewertete Aktien.
Beispiel: Drei Treffer, drei Geschichten
Angenommen, ein Filter liefert drei fiktive Unternehmen mit ähnlich niedrigem KGV um 8:
| Unternehmen | KGV | FCF-Rendite | Nettoschulden/EBITDA | Gewinnentwicklung 5 Jahre |
|---|---|---|---|---|
| Chemiehändler | 8,3 | 9,4 % | 0,9 | stabil, leicht steigend |
| Möbelhersteller | 7,9 | 1,2 % | 3,8 | sinkend, Rekordjahr zuletzt |
| Druckdienstleister | 8,1 | 6,7 % | 2,1 | Umsatz schrumpft um 6 % pro Jahr |
Auf den ersten Blick sind alle drei gleich günstig. Bei genauerem Hinsehen trägt nur der Chemiehändler sein niedriges KGV mit hohem Cashflow und solider Bilanz. Beim Möbelhersteller beruht der niedrige Wert auf einem Ausnahmejahr bei hoher Verschuldung, beim Druckdienstleister auf einem schrumpfenden Markt. Beide könnten sogenannte Value-Fallen sein.
Bedeutung für Anleger: Value-Fallen erkennen
Eine Value-Falle ist eine Aktie, die nach Kennzahlen günstig erscheint, aber günstig bleibt oder noch weiter fällt, weil sich das Geschäft dauerhaft verschlechtert. Typische Warnzeichen:
- Gewinn auf dem Höhepunkt: Bei zyklischen Unternehmen ist das KGV im Boom besonders niedrig – kurz bevor die Gewinne einbrechen.
- Strukturell schrumpfender Markt: Technologischer Wandel oder veränderte Nachfrage lassen sich durch Kostensenkungen nur begrenzt ausgleichen.
- Hohe Schulden: Sie verstärken jeden Gewinnrückgang und können Kapitalerhöhungen erzwingen, die Altaktionäre verwässern.
- Cashflow passt nicht zum Gewinn: Bleibt der Zahlungsüberschuss über Jahre hinter dem Gewinn zurück, ist der Gewinn wenig belastbar.
- Dividende über dem freien Cashflow: Eine hohe Ausschüttung, die nicht verdient wird, ist oft die nächste, die gekürzt wird.
Ebenso wichtig ist die Frage nach dem Potenzial. Eine günstige Aktie braucht einen Auslöser, damit der Markt sie neu bewertet: eine Erholung der Branche, ein neues Management, ein Schuldenabbau, Aktienrückkäufe. Ohne einen solchen Katalysator kann eine niedrige Bewertung lange bestehen bleiben.
Grenzen und Risiken
Kennzahlen beruhen auf vergangenen Zahlen oder auf Prognosen von Analysten, die sich als falsch erweisen können. Branchenvergleiche funktionieren nur, wenn die Unternehmen wirklich ähnlich sind. Ein konzentriertes Depot aus wenigen niedrig bewerteten Einzelwerten trägt hohe Einzelrisiken; Value-Strategien haben zudem über längere Phasen schlechter abgeschnitten als der Gesamtmarkt. Zur Streuung bieten sich Value-ETFs an, die das Prinzip regelbasiert über viele Titel umsetzen. Die US-Börsenaufsicht SEC beschreibt das Kurs-Gewinn-Verhältnis in ihren Anlegerinformationen als Maßstab für den Vergleich mit der Vergangenheit oder mit anderen Unternehmen – also als relative, nicht als absolute Größe. Die Grundidee des Investierens in niedrig bewertete Unternehmen erläutert der Beitrag zum Value Investing.
Fazit
Günstige Aktien mit Potenzial finden sich nicht über den Kurs, sondern über die Bewertung: Gewinn, Cashflow und Substanz im Verhältnis zum Preis. Ein mehrstufiger Filter aus Bewertung, Qualität und Stabilität hilft, die Auswahl einzugrenzen. Die eigentliche Arbeit beginnt danach – bei der Frage, ob die niedrige Bewertung eine Chance ist oder eine berechtigte Warnung des Marktes. Wer allgemeine Kriterien für die Aktienauswahl sucht, findet sie im Beitrag Welche Aktien kaufen?.
Fragen und Antworten
Sind Aktien unter einem Euro besonders günstig?
Nein. Der Kurs allein sagt nichts über die Bewertung. Aktien mit sehr niedrigem Kurs sind oft Unternehmen mit hohem Risiko, geringer Liquidität und starken Schwankungen.
Welche Kennzahl eignet sich am besten, um günstige Aktien zu finden?
Keine allein. Bewährt hat sich eine Kombination aus einer gewinnbasierten Kennzahl wie dem KGV, einer cashflowbasierten wie der FCF-Rendite und einer, die die Verschuldung berücksichtigt, etwa EV/EBITDA.
Was ist eine Value-Falle?
Eine Aktie, die nach Kennzahlen günstig wirkt, deren Geschäft sich aber dauerhaft verschlechtert, sodass die niedrige Bewertung bestehen bleibt oder der Kurs weiter fällt.
Wo findet man einen Aktienfilter?
Viele Online-Broker und Börsenbetreiber stellen kostenlose Screener bereit. Die Zahlen sollten für die engere Auswahl immer mit dem Geschäftsbericht des Unternehmens abgeglichen werden.
Quellen
- U.S. Securities and Exchange Commission (Investor.gov): Price-earnings (P/E) ratio
- BaFin: Anlagetipps in den sozialen Medien
- ESMA: Leitlinien zu alternativen Leistungskennzahlen
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: Oktober 2026.