Ein Bärenmarkt bezeichnet eine Phase, in der die Kurse an einem Aktienmarkt über längere Zeit deutlich fallen. Als gängige Faustregel gilt ein Rückgang von mindestens 20 Prozent gegenüber dem letzten Höchststand eines breiten Index. Das Gegenstück ist der Bullenmarkt mit anhaltend steigenden Kursen. Die Bilder stammen aus dem Tierreich: Der Bär schlägt mit der Tatze von oben nach unten, der Bulle stößt mit den Hörnern nach oben.
Definition und Abgrenzung
Die 20-Prozent-Schwelle ist keine amtliche Festlegung, sondern eine Konvention von Marktbeobachtern. Rückgänge zwischen 10 und 20 Prozent werden meist als Korrektur bezeichnet. Ein Bärenmarkt beginnt rückblickend am letzten Hoch und endet am Tiefpunkt, ab dem der Index wieder nachhaltig steigt. Ein Börsencrash ist dagegen ein abrupter Einbruch innerhalb weniger Tage; er kann den Beginn eines Bärenmarktes markieren, muss es aber nicht. Wie tief und wie lange ein Rückgang ausfällt, misst der Drawdown.
Bärenmärkte im S&P 500 seit 2000
| Zeitraum | Hoch (Schlusskurs) | Tief (Schlusskurs) | Rückgang |
|---|---|---|---|
| 24.03.2000 – 09.10.2002 | 1.527,46 | 776,76 | −49,1 % |
| 09.10.2007 – 09.03.2009 | 1.565,15 | 676,53 | −56,8 % |
| 19.02.2020 – 23.03.2020 | 3.386,15 | 2.237,40 | −33,9 % |
| 03.01.2022 – 12.10.2022 | 4.796,56 | 3.577,03 | −25,4 % |
Bemerkenswert ist die unterschiedliche Dauer: Der Rückgang nach dem Platzen der Technologieblase zog sich über zweieinhalb Jahre, der Einbruch zu Beginn der Pandemie dauerte nur gut einen Monat. Im Frühjahr 2025 fiel der S&P 500 vom 19. Februar bis zum 8. April um 18,9 Prozent auf Schlusskursbasis und verfehlte die Schwelle damit knapp. Die Hintergründe der großen Einbrüche beschreiben die Beiträge zum Börsencrash 2008 und zum Börsencrash 2020.
Typische Phasen
- Verdrängung: Erste Verluste werden als Korrektur abgetan, Rücksetzer werden gekauft.
- Ernüchterung: Gewinnschätzungen sinken, Konjunkturdaten schwächen sich ab, die Kurse fallen breiter.
- Kapitulation: Verkäufe aus Angst und Zwang treiben die Schwankungen nach oben; Stimmungsindikatoren wie der Fear and Greed Index und der VIX zeigen extreme Werte.
- Bodenbildung: Die Kurse stabilisieren sich, häufig noch bei schlechten Nachrichten, weil vieles bereits eingepreist ist.
Nicht jeder Bärenmarkt durchläuft alle Phasen gleich ausgeprägt. Häufig fällt der Tiefpunkt in eine Zeit, in der Konjunkturdaten noch schwach sind, weil die Börse künftige Entwicklungen vorwegnimmt.
Ein Beispiel: Sparplan im Bärenmarkt
Eine Anlegerin investiert monatlich 275 Euro in einen fiktiven Aktienfonds. Über sechs Monate fällt der Anteilspreis zunächst und erholt sich teilweise:
| Monat | Anteilspreis | Gekaufte Anteile |
|---|---|---|
| 1 | 84,20 € | 3,2660 |
| 2 | 76,90 € | 3,5761 |
| 3 | 68,30 € | 4,0264 |
| 4 | 61,75 € | 4,4534 |
| 5 | 66,40 € | 4,1416 |
| 6 | 73,85 € | 3,7238 |
Insgesamt hat sie 1.650 Euro eingezahlt und 23,1872 Anteile erworben; der durchschnittliche Kaufpreis liegt bei 71,16 Euro. Beim Endkurs von 73,85 Euro ist das Depot 1.712,38 Euro wert, ein Plus von 3,8 Prozent, obwohl der Fondspreis noch 12,3 Prozent unter dem Startwert liegt. Der Grund: In den Monaten mit niedrigen Preisen wurden mehr Anteile gekauft. Dieser Effekt hängt allerdings davon ab, dass sich die Kurse wieder erholen.
Bedeutung für Anleger
Für langfristige Anleger sind Bärenmärkte unangenehm, aber Teil des Marktgeschehens. Wichtiger als der Versuch, Hoch und Tief zu treffen, ist eine Aufteilung des Vermögens, die auch einen Rückgang von 30 oder 50 Prozent im Aktienanteil verkraftet, ohne dass Verkäufe erzwungen werden. Dazu gehören ein Liquiditätspolster, eine Streuung über Regionen und Anlageklassen und ein Anlagehorizont, der zur Risikoneigung passt. Grundlagen dazu stehen im Beitrag Geld anlegen. Die Strategie, gezielt in fallende Kurse zu kaufen, beschreibt der Beitrag Buy the Dip.
Grenzen und Risiken
Die 20-Prozent-Regel ist eine Vereinfachung und sagt nichts über die weitere Entwicklung aus. Nicht jeder Markt erholt sich zügig: Der japanische Leitindex brauchte nach seinem Hoch von 1989 mehr als drei Jahrzehnte, um dieses Niveau wieder zu erreichen. Einzelaktien können sich im Gegensatz zu breiten Indizes überhaupt nicht mehr erholen, wenn das Geschäftsmodell scheitert. Ein Sparplan senkt das Timing-Risiko, schützt aber nicht vor dauerhaft niedrigeren Kursen.
Bärenmärkte und Konjunktur
Viele, aber nicht alle Bärenmärkte fallen mit Rezessionen zusammen. Der Rückgang 2007 bis 2009 begleitete die schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten, der Einbruch 2020 die pandemiebedingte Rezession. Der Bärenmarkt 2022 entstand dagegen vor allem aus stark steigenden Zinsen und hoher Inflation, ohne dass die US-Wirtschaft in eine anhaltende Rezession fiel. Der Aktienmarkt reagiert auf Erwartungen an Gewinne und Zinsen, nicht auf die aktuelle Wirtschaftsleistung. Deshalb beginnen Erholungen oft schon, während die Arbeitslosigkeit noch steigt.
Für den deutschen Markt gilt Ähnliches. Der DAX verlor nach dem Platzen der Technologieblase zwischen 2000 und 2003 mehr als zwei Drittel seines Wertes und damit deutlich mehr als der S&P 500, weil Technologie- und Telekommunikationswerte ein hohes Gewicht hatten. Die Zusammensetzung eines Index beeinflusst also, wie stark er in einem Bärenmarkt fällt.
Auch die Erholung verläuft unterschiedlich schnell. Nach dem Tief im März 2020 erreichte der S&P 500 bereits im August desselben Jahres wieder ein Rekordhoch, nach dem Tief von 2009 dauerte es bis 2013.
Fazit
Ein Bärenmarkt liegt nach gängiger Definition bei einem Rückgang von mindestens 20 Prozent vom Hoch vor. Seit 2000 erlebte der S&P 500 vier solcher Phasen mit Verlusten zwischen gut 25 und fast 57 Prozent. Wer breit streut, regelmäßig investiert und genug Reserven hält, muss in solchen Phasen nicht zu ungünstigen Kursen verkaufen.
Fragen und Antworten
Ab wann spricht man von einem Bärenmarkt?
Üblicherweise ab einem Rückgang von 20 Prozent gegenüber dem letzten Höchststand eines breiten Aktienindex.
Wie lange dauert ein Bärenmarkt?
Das ist sehr unterschiedlich. 2020 dauerte der Rückgang im S&P 500 rund einen Monat, von 2000 bis 2002 mehr als zweieinhalb Jahre.
Was ist der Unterschied zwischen Korrektur und Bärenmarkt?
Eine Korrektur umfasst Rückgänge von 10 bis unter 20 Prozent, ein Bärenmarkt beginnt bei 20 Prozent.
Sollte man im Bärenmarkt verkaufen?
Eine allgemeine Antwort gibt es nicht. Entscheidend sind Anlagehorizont, Liquiditätsbedarf und Risikotragfähigkeit; Verkäufe in Panik führen häufig zu realisierten Verlusten nahe dem Tiefpunkt.
Quellen
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: Oktober 2026.