Contango bezeichnet den Zustand am Terminmarkt, in dem Futures mit späterer Fälligkeit höher notieren als Kontrakte mit früherer Fälligkeit oder als der Kassapreis. Das Gegenteil heißt Backwardation: Dann sind die späteren Termine billiger. Beide Begriffe beschreiben die Form der Terminkurve, also der Linie, die die Preise aller laufenden Futures eines Rohstoffs oder Index nach Fälligkeit verbindet. Wer Rohstoffe über Futures, ETCs oder Zertifikate hält, spürt die Kurvenform unmittelbar in der eigenen Rendite, auch wenn sich der Kassapreis kaum bewegt.
Definition: Zwei Formen der Terminkurve
| Merkmal | Contango | Backwardation |
|---|---|---|
| Verlauf der Kurve | steigend | fallend |
| Spätere Futures | teurer als frühere | billiger als frühere |
| Typischer Auslöser | reichliches Angebot, volle Lager | knappes Angebot, Lieferengpässe |
| Wirkung beim Rollen einer Long-Position | Rollverlust | Rollgewinn |
| Häufig zu beobachten bei | Erdgas, Industriemetalle, Volatilitätsfutures in ruhigen Phasen | Rohöl in angespannten Phasen, Agrarrohstoffe vor der Ernte |
Der Begriff Contango stammt aus dem Londoner Börsenjargon des 19. Jahrhunderts. Die Gegenbewegung wurde später als „Normal Backwardation“ von John Maynard Keynes theoretisch beschrieben, der vermutete, dass Produzenten für ihre Absicherung eine Prämie an Spekulanten zahlen.
Formel: Die Kosten der Lagerhaltung
Warum ist ein späterer Termin überhaupt teurer? Die Antwort liefert das Cost-of-Carry-Modell. Wer heute einen Rohstoff kauft und lagert, um ihn in T Jahren zu liefern, hat Finanzierungskosten (Zins r) und Lagerkosten (u). Dem steht der sogenannte Convenience Yield (y) gegenüber, also der Nutzen, die Ware physisch verfügbar zu haben. Der faire Terminpreis F lautet bei stetiger Verzinsung:
F = S × e(r + u − y) × T
Ist r + u größer als y, liegt der Future über dem Kassapreis S, die Kurve ist im Contango. Wird die Ware knapp, steigt der Convenience Yield stark an, weil Verarbeiter fast jeden Preis für sofortige Lieferung zahlen. Übersteigt y die Finanzierungs- und Lagerkosten, kippt die Kurve in Backwardation.
Beispiel mit Zahlen
Ein fiktives Industriemetall kostet am Kassamarkt 8.415 US-Dollar je Tonne. Der Zins liegt bei 4,3 Prozent, die Lagerkosten betragen 1,2 Prozent pro Jahr. Der Future mit neun Monaten Laufzeit (T = 0,75) sollte ohne Convenience Yield bei 8.415 × e0,055 × 0,75 = 8.769,38 Dollar notieren. Rechnen Marktteilnehmer zusätzlich mit einem Convenience Yield von 2 Prozent, sinkt der faire Preis auf 8.638,82 Dollar. Die Kurve bleibt im Contango, aber flacher.
Deutlicher wird die Wirkung beim Rollen. Ein Rohstoff-ETC hält den Frontmonat eines fiktiven Energierohstoffs zu 61,80 Dollar. Kurz vor Fälligkeit muss er in den nächsten Kontrakt wechseln, der bei 63,05 Dollar steht. Für jeden verkauften Altkontrakt erhält der Fonds nur 61,80 / 63,05 = 0,980 neue Kontrakte. Bleibt der Kassapreis unverändert, nähert sich der neue Kontrakt bis zu seiner Fälligkeit dem Kassapreis an, und das Produkt verliert rund 1,98 Prozent pro Rollvorgang. Bliebe diese Kurvenform ein Jahr lang mit monatlichem Rollen bestehen, summierte sich der Effekt auf etwa −21,4 Prozent, obwohl der Rohstoff selbst nicht billiger geworden wäre.
In Backwardation kehrt sich das um. Notiert der Folgekontrakt bei 60,40 Dollar, erhält der Fonds für jeden Altkontrakt 1,023 neue. Das ergibt einen Rollgewinn von rund 2,3 Prozent pro Wechsel.
Die drei Ertragsquellen eines Futures-Investments
Die Gesamtrendite einer rollierenden Long-Position in Futures setzt sich aus drei Teilen zusammen:
- Kassarendite: die Veränderung des Kassapreises selbst.
- Rollrendite: negativ im Contango, positiv in Backwardation.
- Zinsertrag auf die Sicherheiten: Weil Futures nur eine Margin binden, kann der Rest des Kapitals verzinst angelegt werden.
Gerade die Rollrendite erklärt, warum die Wertentwicklung vieler Rohstoffprodukte über Jahre deutlich vom Kassapreis abweicht. Wie Futures auf einzelne Rohstoffe funktionieren, zeigen die Beiträge zu WTI, Brent und Gold-Futures.
Bedeutung für Anleger
Für Privatanleger ist die Kurvenform vor allem bei drei Produktgruppen relevant:
- Rohstoff-ETCs auf Futures-Basis: Sie rollen regelmäßig und sind damit der Kurve ausgesetzt. Manche Indizes wählen gezielt Kontrakte mit flacherer Kurve oder längerer Laufzeit, um Rollverluste zu reduzieren. Eine Übersicht über die Anlageklasse bietet der Beitrag zu Rohstoffen.
- Volatilitätsprodukte: Futures auf VIX oder VSTOXX liegen in ruhigen Marktphasen meist deutlich im Contango. Produkte, die laufend Volatilitätsfutures kaufen, verlieren dadurch über die Zeit erheblich an Wert.
- Physisch hinterlegte Produkte: Bei Gold- oder Silber-ETCs mit physischer Lagerung gibt es kein Rollen. Sie tragen stattdessen Verwahrkosten.
Auch für Absicherer spielt die Kurve eine Rolle. Ein Produzent, der seine künftige Förderung über Futures verkauft, profitiert vom Contango, weil er einen höheren Preis als heute fixiert. Mehr zur Absicherungslogik im Beitrag Hedging.
Grenzen und Risiken
- Kurvenform ist keine Prognose: Ein Future im Contango sagt nicht voraus, dass der Kassapreis steigen wird. Er spiegelt vor allem Finanzierungs- und Lagerkosten wider.
- Kurven kippen schnell: Ein Lieferausfall, ein Wetterereignis oder volle Lager können die Form innerhalb weniger Tage drehen. Im April 2020 führte ein extremer Contango beim WTI-Future sogar zu negativen Preisen für den Frontmonat.
- Unterschiedliche Abschnitte: Der vordere Teil einer Kurve kann in Backwardation sein, während der hintere Teil im Contango liegt.
- Produktdetails: Rollzeitpunkte und Kontraktauswahl unterscheiden sich je nach Index. Der Blick ins Produktinformationsblatt lohnt sich.
Fazit
Contango und Backwardation beschreiben, ob spätere Futures teurer oder billiger sind als frühere. Die Ursachen liegen in Zinsen, Lagerkosten und der Knappheit der Ware. Für Anleger in Rohstoff- und Volatilitätsprodukten ist die Kurvenform ein eigener Renditefaktor, der über Jahre den Unterschied zwischen Kassapreis und Produktentwicklung ausmachen kann.
Fragen und Antworten
Was bedeutet Contango einfach erklärt?
Später fällige Futures kosten mehr als früher fällige. Die Terminkurve steigt mit der Laufzeit an, meist weil Lagerung und Finanzierung Geld kosten.
Was ist Backwardation?
Der umgekehrte Zustand: Spätere Futures sind billiger als der Kassapreis oder der Frontmonat. Das tritt häufig auf, wenn die Ware kurzfristig knapp ist.
Warum verlieren Rohstoff-ETCs im Contango an Wert?
Sie müssen auslaufende Futures regelmäßig gegen teurere spätere Kontrakte tauschen. Dabei erhalten sie weniger Kontrakte, was bei stabilem Kassapreis zu Rollverlusten führt.
Kann man am Contango verdienen?
Wer Futures verkauft oder ein Produkt short hält, profitiert vom Abschmelzen. Das ist allerdings riskant, weil die Kurve jederzeit kippen und der Kassapreis stark steigen kann.
Quellen
- CME Group: Education Center zu Futures
- ICE: Brent Crude Futures, Kontraktspezifikation
- Eurex: VSTOXX Derivatives
- U.S. Energy Information Administration: Spot Prices and Futures
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: November 2026.