Der VSTOXX ist der Volatilitätsindex für den Euro Stoxx 50 und gilt als wichtigstes Stimmungsbarometer für die Aktienmärkte der Eurozone. Er zeigt, welche Schwankungsbreite Marktteilnehmer für die kommenden 30 Tage einpreisen, abgeleitet aus den Kursen von Optionen auf den Leitindex. Berechnet wird er vom Indexanbieter STOXX, der zur Deutschen Börse Gruppe gehört. Steigt der VSTOXX, zahlen Anleger mehr für Absicherung, was meist mit Nervosität und fallenden Kursen einhergeht.
Definition: Was der VSTOXX misst
Der Index drückt die erwartete annualisierte Volatilität des Euro Stoxx 50 in Prozentpunkten aus. Ein Stand von 18 bedeutet, dass der Optionsmarkt eine Schwankung von rund 18 Prozent auf Jahressicht einpreist. Über einen kürzeren Zeitraum lässt sich das mit der Wurzel der Zeit umrechnen: Für 30 Tage entspricht ein Wert von 18 etwa 18 × √(30/365) ≈ 5,2 Prozent erwarteter Schwankung, gemessen als eine Standardabweichung.
STOXX berechnet den VSTOXX seit 2005. Er ist das europäische Gegenstück zum VIX für den S&P 500 und zum VDAX-NEW für den DAX.
Berechnung: Varianz aus allen Optionen
Grundlage sind die Geld- und Briefkurse der an der Eurex gehandelten Euro-Stoxx-50-Optionen (OESX). Der VSTOXX wird alle fünf Sekunden neu berechnet. Er nutzt nicht nur Optionen am Geld, sondern ein breites Spektrum von Basispreisen aus dem Geld, und ermittelt daraus nach der Methode der Varianzswaps die implizite Varianz.
Der Ablauf in drei Schritten:
- Für die ersten acht Optionsverfälle wird jeweils ein Teilindex berechnet, der die implizite Volatilität dieser Laufzeit wiedergibt.
- Aus den zwei Teilindizes, die eine bestimmte Restlaufzeit einschließen, wird zeitlich interpoliert. So entstehen zwölf Hauptindizes mit festen Laufzeiten von 30 bis 360 Tagen.
- Der Hauptindex mit 30 Tagen Laufzeit ist der eigentliche VSTOXX, der in den Medien zitiert wird.
Weil der Index nicht an ein einzelnes Bewertungsmodell gebunden ist, sondern die gesamte Preiskurve der Optionen verarbeitet, erfasst er auch die höhere Nachfrage nach Absicherungsputs weit aus dem Geld. Mehr zum Konzept im Beitrag zur impliziten Volatilität.
VSTOXX-Futures und -Optionen an der Eurex
Direkt kaufen lässt sich der Index nicht. Gehandelt werden stattdessen Derivate an der Eurex:
| Merkmal | VSTOXX-Futures (FVS) | Optionen auf VSTOXX-Futures |
|---|---|---|
| Basiswert | VSTOXX-Index | VSTOXX-Future |
| Kontraktwert | 100 Euro je Indexpunkt | 100 Euro je Indexpunkt |
| Mindestpreisveränderung | 0,05 Punkte = 5 Euro | 0,025 Punkte = 2,50 Euro |
| Laufzeiten | die nächsten acht Kalendermonate | gekoppelt an die Futures |
| Erfüllung | Barausgleich | Lieferung des Futures |
| Abrechnung | Durchschnitt des Index von 11:00 bis 12:00 Uhr am letzten Handelstag | amerikanische Ausübung |
Der letzte Handelstag eines Futures liegt 30 Kalendertage vor dem dritten Freitag des Verfallsmonats der zugrunde liegenden Optionen, in der Regel an einem Mittwoch. Die Futures werden rund 20 Stunden am Tag gehandelt.
Beispiel mit Zahlen
Ein institutioneller Anleger möchte ein Aktienportfolio gegen einen plötzlichen Anstieg der Unsicherheit absichern und kauft vier VSTOXX-Futures zu 19,35 Punkten. Bis zum Verfall steigt die Nervosität, und der Future wird bei 23,80 Punkten abgerechnet. Der Gewinn beträgt (23,80 − 19,35) × 100 Euro × 4 = 1.780 Euro. Wäre der VSTOXX dagegen auf 16,10 Punkte gefallen, hätte die Position (16,10 − 19,35) × 100 × 4 = −1.300 Euro verloren.
Das Beispiel zeigt auch eine Besonderheit: Gewinn oder Verlust hängt vom Abstand zum Futurespreis ab, nicht vom Indexstand beim Kauf. Notierte der VSTOXX selbst zu Beginn nur bei 16, bezahlte der Anleger mit 19,35 bereits einen deutlichen Aufschlag für die spätere Fälligkeit.
Terminkurve und Rollverluste
In ruhigen Marktphasen liegen VSTOXX-Futures mit längerer Laufzeit meist über dem Kassaindex, die Kurve befindet sich im Contango. Der Markt erwartet, dass sich Phasen niedriger Volatilität irgendwann normalisieren, und Verkäufer verlangen eine Prämie für das Risiko plötzlicher Sprünge. Produkte, die laufend Futures kaufen und rollen, verlieren dadurch über die Zeit an Wert. In Stressphasen kehrt sich die Kurve um: Der Kassaindex springt über die späteren Futures, weil die Unsicherheit als vorübergehend eingeschätzt wird.
Bedeutung für Anleger
Auch wer keine Volatilitätsderivate handelt, kann den VSTOXX als Informationsquelle nutzen:
- Stimmungsindikator: Ein sprunghafter Anstieg signalisiert Stress, ein dauerhaft niedriges Niveau eher Sorglosigkeit. Ähnlich arbeitet der Fear and Greed Index, allerdings mit anderen Datenquellen.
- Optionspreise: Ein hoher VSTOXX bedeutet teure Optionen auf europäische Indizes. Für Käufer von Absicherungen ist das ungünstig, für Stillhalter steigen die Prämien.
- Negative Korrelation: Der VSTOXX steigt typischerweise, wenn der Euro Stoxx 50 fällt. In der Finanzkrise 2008, nach dem Brexit-Referendum 2016 und zu Beginn der Pandemie 2020 schoss er jeweils in die Höhe.
Grenzen und Risiken
- Keine Prognose der Richtung: Der Index misst die erwartete Schwankungsbreite, nicht ob die Kurse steigen oder fallen.
- Mittelwertrückkehr: Volatilität kehrt historisch zu einem mittleren Niveau zurück. Wer nach einem Anstieg einsteigt, kauft oft zu teuer.
- Komplexe Produkte: Hebelprodukte auf VSTOXX-Futures können bei Rollverlusten und starken Schwankungen innerhalb kurzer Zeit einen Großteil ihres Wertes verlieren.
- Basisrisiko: Futurespreis und Kassaindex können deutlich voneinander abweichen.
Fazit
Der VSTOXX übersetzt die Preise von Euro-Stoxx-50-Optionen in eine einzige Kennzahl für die erwartete Schwankung der nächsten 30 Tage. Er ist ein nützliches Stimmungsbarometer und über Futures und Optionen an der Eurex handelbar. Wer Volatilität als Anlage nutzen möchte, muss die Terminkurve, Rollverluste und die starke Mittelwertrückkehr verstehen.
Fragen und Antworten
Was zeigt ein VSTOXX-Stand von 25?
Der Optionsmarkt preist eine annualisierte Schwankung des Euro Stoxx 50 von rund 25 Prozent ein. Auf 30 Tage umgerechnet entspricht das etwa 7,2 Prozent.
Worin unterscheiden sich VSTOXX und VDAX?
Der VSTOXX basiert auf Optionen auf den Euro Stoxx 50, der VDAX-NEW auf DAX-Optionen. Beide nutzen eine vergleichbare Methode mit 30 Tagen Laufzeit.
Kann man den VSTOXX direkt kaufen?
Nein. Handelbar sind Futures und Optionen an der Eurex sowie darauf basierende Produkte, die sich wegen der Terminkurve deutlich anders entwickeln können als der Index.
Warum steigt der VSTOXX, wenn die Kurse fallen?
Bei fallenden Kursen steigt die Nachfrage nach Absicherungsputs. Deren Preise und damit die implizite Volatilität klettern, was den Index nach oben treibt.
Quellen
- Eurex: VSTOXX – The European volatility benchmark
- Eurex: Factsheet VSTOXX Derivatives
- STOXX: VSTOXX – The European Volatility Gauge
- STOXX: VSTOXX turns 20
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: November 2026.