Die implizite Volatilität ist die Schwankungsbreite eines Basiswerts, die der Markt in den Preis einer Option einrechnet. Sie wird nicht aus vergangenen Kursen ermittelt, sondern rückwärts aus dem aktuellen Optionspreis abgeleitet. Damit ist sie eine Erwartungsgröße: Sie zeigt, wie stark Käufer und Verkäufer die Kurse in der Restlaufzeit schwanken sehen. Für Optionshändler ist sie die wichtigste Kennzahl überhaupt, denn ob eine Option teuer oder billig ist, lässt sich am Eurobetrag allein kaum erkennen.
Definition: Historische und implizite Volatilität
Der allgemeine Begriff der Volatilität beschreibt die Schwankungsintensität eines Kurses, gemessen als annualisierte Standardabweichung der Renditen. Zwei Varianten sind zu unterscheiden:
| Merkmal | Historische Volatilität | Implizite Volatilität |
|---|---|---|
| Zeitbezug | Vergangenheit | erwartete Zukunft bis zum Verfall |
| Datengrundlage | Schlusskurse des Basiswerts | Preise von Optionen |
| Berechnung | Standardabweichung der Renditen | Umkehrung eines Optionsmodells |
| Ein Wert pro Basiswert? | ja, je Messzeitraum | nein, je Basispreis und Laufzeit verschieden |
| Typische Nutzung | Risikomessung, Portfoliosteuerung | Optionsbewertung, Stimmungsbild |
Die Differenz zwischen beiden heißt Volatilitätsprämie. Historisch lag die implizite Volatilität bei Aktienindizes meist etwas über der später tatsächlich eingetretenen, weil Verkäufer von Optionen für das Risiko großer Ausschläge entschädigt werden wollen.
Berechnung: Das Modell rückwärts lesen
Ein Optionspreis hängt von fünf Größen ab: Kurs des Basiswerts, Basispreis, Restlaufzeit, Zins und Volatilität. Die ersten vier sind bekannt. Setzt man den gehandelten Preis in das Black-Scholes-Modell ein, bleibt die Volatilität als einzige Unbekannte übrig. Weil sich die Formel nicht direkt nach σ auflösen lässt, wird sie numerisch gelöst: Man probiert Werte für σ aus, bis der Modellpreis dem Marktpreis entspricht. Broker und Börsen erledigen das automatisch und zeigen die implizite Volatilität in der Optionskette an.
Beispiel mit Zahlen
Die fiktive Aktie der Weserkamp Chemie notiert bei 58 Euro. Ein europäischer Call mit Basispreis 60 Euro und drei Monaten Restlaufzeit (T = 0,25) wird für 2,90 Euro gehandelt, der risikofreie Zins beträgt 2 Prozent. Die schrittweise Suche ergibt:
- Bei σ = 25 Prozent läge der Modellpreis zu niedrig.
- Bei σ = 35 Prozent läge er zu hoch.
- Erst bei σ ≈ 31,5 Prozent stimmen Modell- und Marktpreis überein.
Die implizite Volatilität beträgt also rund 31,5 Prozent. Für eine Faustregel zur erwarteten Kursspanne wird dieser Jahreswert mit der Wurzel der Zeit skaliert. Für die nächsten 30 Tage ergibt sich 58 × 0,315 × √(30/365) ≈ 5,24 Euro. Der Optionsmarkt rechnet damit, dass die Aktie in etwa zwei von drei Fällen innerhalb von rund ±5,24 Euro um den heutigen Kurs bleibt, unter der vereinfachenden Annahme normalverteilter Renditen.
Steigt der Callpreis bei unverändertem Aktienkurs auf 3,85 Euro, springt die implizite Volatilität auf knapp 40 Prozent. Der Markt erwartet dann deutlich mehr Bewegung, etwa vor Quartalszahlen oder einer Hauptversammlung.
Der Volatility Smile und der Skew
Würde das Black-Scholes-Modell die Wirklichkeit perfekt beschreiben, hätten alle Optionen eines Basiswerts mit gleicher Laufzeit dieselbe implizite Volatilität. Trägt man die Werte jedoch gegen den Basispreis auf, entsteht keine waagerechte Linie, sondern eine Kurve. Ein fiktives Beispiel für Optionen mit drei Monaten Laufzeit auf eine Aktie bei 60 Euro:
| Basispreis | 50 € | 55 € | 60 € | 65 € | 70 € |
|---|---|---|---|---|---|
| Implizite Volatilität | 38,0 % | 33,9 % | 31,5 % | 29,4 % | 28,6 % |
Bei Aktienindizes fällt die Kurve meist von links nach rechts ab. Man spricht dann vom Skew oder „Volatility Smirk“. Puts weit aus dem Geld sind relativ teuer, weil Anleger bereit sind, für einen Schutz gegen Crashs einen Aufschlag zu zahlen. Seit dem Börsencrash 1987 ist dieses Muster an den Aktienmärkten fest etabliert. Bei Devisen oder manchen Rohstoffen ist die Kurve eher symmetrisch und erinnert an ein Lächeln, daher der Name Smile.
Zusätzlich unterscheidet sich die implizite Volatilität nach Laufzeit. Diese Terminstruktur steigt in ruhigen Zeiten meist an und kehrt sich in Krisen um, wenn kurzfristige Optionen besonders gefragt sind. Basispreis und Laufzeit zusammen ergeben die sogenannte Volatilitätsoberfläche.
Bedeutung für Anleger
- Preisvergleich: Zwei Optionen mit unterschiedlichem Basispreis lassen sich über ihre implizite Volatilität vergleichbar machen.
- Kauf oder Verkauf: Eine hohe implizite Volatilität macht Optionskäufe teuer und Stillhalterstrategien wie den Short Put oder einen Iron Condor attraktiver, allerdings bei entsprechend höherem Risiko.
- Vega: Die Kennzahl Vega gibt an, um wie viel sich der Optionspreis ändert, wenn die implizite Volatilität um einen Prozentpunkt steigt. Käufer eines Straddles setzen genau auf diesen Effekt.
- Volatilitätseinbruch nach Ereignissen: Vor Quartalszahlen steigt die implizite Volatilität oft an und fällt danach abrupt. Wer kurz vorher Optionen kauft, kann trotz richtiger Richtung verlieren.
- Indizes als Marktbarometer: VIX, VDAX-NEW und VSTOXX fassen die implizite Volatilität eines ganzen Index zu einer Zahl zusammen.
Grenzen und Risiken
- Modellabhängigkeit: Der Wert hängt vom verwendeten Bewertungsmodell und den Annahmen zu Zins und Dividenden ab.
- Illiquide Optionen: Bei weiten Geld-Brief-Spannen schwankt die berechnete Volatilität stark, je nachdem ob Geld-, Brief- oder Mittelkurs verwendet wird.
- Keine Richtungsaussage: Eine hohe implizite Volatilität besagt nur, dass große Bewegungen erwartet werden, nicht in welche Richtung.
- Erwartung, kein Versprechen: Die tatsächliche Schwankung kann deutlich höher oder niedriger ausfallen.
Fazit
Die implizite Volatilität macht sichtbar, wie viel Bewegung der Markt in einem Optionspreis erwartet. Sie entsteht aus der Umkehrung eines Bewertungsmodells, unterscheidet sich je nach Basispreis und Laufzeit und bildet dabei typische Muster wie den Skew. Für jeden, der Optionen kauft oder verkauft, ist sie die zentrale Größe, um Prämien fair zu beurteilen.
Fragen und Antworten
Was bedeutet eine implizite Volatilität von 30 Prozent?
Der Optionsmarkt preist eine annualisierte Schwankung von rund 30 Prozent ein. Für einen Monat entspricht das grob einer erwarteten Spanne von etwa ±8,6 Prozent als eine Standardabweichung.
Warum haben Puts oft eine höhere implizite Volatilität?
Viele Anleger sichern ihre Aktienbestände mit Puts ab. Die starke Nachfrage nach Schutz gegen Kursstürze treibt die Preise und damit die implizite Volatilität dieser Optionen.
Ist eine hohe implizite Volatilität gut oder schlecht?
Für Käufer von Optionen bedeutet sie hohe Kosten, für Verkäufer hohe Prämien. Sie spiegelt Unsicherheit wider und ist daher weder grundsätzlich gut noch schlecht.
Wie hängt die implizite Volatilität mit dem VIX zusammen?
Der VIX fasst die implizite Volatilität vieler S&P-500-Optionen mit rund 30 Tagen Laufzeit zu einem Index zusammen. Er ist damit eine Art Durchschnittswert für den gesamten Markt.
Quellen
- Cboe: VIX Index
- Eurex: VSTOXX Derivatives
- Black, F./Scholes, M. (1973): The Pricing of Options and Corporate Liabilities
- OCC: Characteristics and Risks of Standardized Options
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: November 2026.