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FlowTex-Skandal: Wie 3.000 Bohrmaschinen erfunden wurden

von user

Sie sollten Leitungen unter der Erde verlegen, ohne dass eine einzige Straße aufgerissen werden musste. Tausende dieser Bohrmaschinen verkaufte die badische Firma FlowTex an Banken und Leasinggesellschaften. Das Problem: Die allermeisten davon existierten nicht. Der FlowTex-Skandal war um das Jahr 2000 der größte Wirtschaftsbetrug in der Geschichte der Bundesrepublik.

Das Wichtigste in Kürze

UnternehmenFlowTex, Ettlingen bei Karlsruhe
GründerManfred Schmider und Klaus Kleiser
ProduktHorizontalbohrsysteme für unterirdische Leitungen
Verkaufte Maschinenüber 3.000
Tatsächlich vorhandenrund 300
Geschädigterund 120 Banken und Leasinggesellschaften
Schadenüber 4 Mrd. D-Mark, gut 2 Mrd. Euro
UrteilSchmider zu mehr als elf Jahren Haft verurteilt

Eine gute Idee am Anfang

Die Geschichte beginnt mit einer echten Innovation. Mitte der 1980er-Jahre stieß Manfred Schmider in den USA auf eine Maschine, die wie ein elektronischer Maulwurf unter der Erde Rohre und Kabel verlegen konnte. Straßen, Gehwege und Vorgärten blieben dabei unversehrt. Für Städte und Versorger war das eine verlockende Aussicht: weniger Baustellen, weniger Sperrungen, geringere Kosten.

Schmider bestellte eine erste Serie solcher Geräte und gründete mit dem Bauingenieur Klaus Kleiser FlowTex im nordbadischen Ettlingen. Zunächst lief das Geschäft legal. Doch die Technik erwies sich im Alltag als weniger zuverlässig als versprochen, und die Erlöse blieben hinter den Erwartungen zurück.

Das Schneeballsystem mit Bohrmaschinen

Um an Geld zu kommen, nutzte FlowTex ein in der Industrie übliches Finanzierungsmodell: Sale-and-lease-back. Das Unternehmen verkaufte seine Maschinen an Leasinggesellschaften und mietete sie anschließend zurück. So floss sofort Geld in die Kasse, während die Leasingraten über Jahre verteilt gezahlt wurden.

Der Betrug bestand darin, dass die verkauften Maschinen größtenteils nur auf dem Papier existierten. Jede Leasinggesellschaft glaubte, eigene Geräte für ihr Geld zu besitzen.

SchrittAblauf
1FlowTex verkauft eine angebliche Bohrmaschine für rund 1,5 Mio. D-Mark an eine Leasinggesellschaft
2FlowTex mietet die Maschine zurück und zahlt monatliche Raten
3Die Maschine existiert nicht, das Geld fließt trotzdem
4Um die Raten zu bedienen, werden neue Phantommaschinen verkauft
5Der Geldbedarf wächst mit jedem Monat weiter

Wie bei jedem Schneeballsystem musste das Volumen ständig steigen. Zuletzt benötigte die Gruppe nach Angaben aus dem Verfahren 50 bis 60 Millionen D-Mark im Monat, um das System am Laufen zu halten. Dieses Muster findet sich bei vielen Anlagebetrügereien: Alte Verpflichtungen werden mit frischem Geld bedient, bis keines mehr nachkommt – dann bricht das System schlagartig zusammen.

Wie Prüfer getäuscht wurden

Banken und Leasinggesellschaften wollten die finanzierten Maschinen durchaus sehen. FlowTex zeigte ihnen bei Besuchen immer wieder Geräte auf Baustellen – doch es waren dieselben rund 300 echten Maschinen, die für unterschiedliche Geldgeber vorgeführt wurden. Dazu kamen gefälschte Unterlagen, darunter manipulierte Kontoauszüge.

Kaum jemand kam auf die Idee, die Zahl der angeblich vorhandenen Maschinen mit dem tatsächlichen Markt für Horizontalbohrungen abzugleichen. Über 3.000 Geräte hätten Aufträge in einem Umfang gebraucht, den es in Deutschland nie gab.

Luxus und politische Nähe

Manfred Schmider, genannt „Big Manni“, pflegte einen fürstlichen Lebensstil mit Villen, Luxusyacht, Hubschrauber und Privatjet. Er galt als Vorzeigeunternehmer der Region. Noch 1999 kam der baden-württembergische Ministerpräsident zur Grundsteinlegung der neuen Firmenzentrale und lobte FlowTex als Schmuckstück des Landes.

Später beschäftigte sich der Stuttgarter Landtag in einem Untersuchungsausschuss mit der Frage, warum frühe Hinweise auf Unregelmäßigkeiten – unter anderem aus der Finanzverwaltung – nicht konsequent verfolgt wurden.

Der Zusammenbruch

Anfang 2000 wollte FlowTex eine erste Anleihe über 250 Millionen Euro an den Kapitalmarkt bringen, weitere sollten folgen. Die Emission wurde in letzter Minute verhindert – andernfalls hätten auch Privatanleger Geld verloren. Im Februar 2000 wurden Schmider und Kleiser festgenommen, die Unternehmensgruppe brach zusammen.

Prozess und Urteile

Die Staatsanwaltschaft Mannheim klagte die beiden Gründer sowie eine frühere Geschäftsführerin und einen ehemaligen Finanzdirektor wegen bandenmäßigen Betrugs an. Der Prozess vor dem Landgericht Mannheim begann im September 2001. Schmider wurde zu einer Haftstrafe von mehr als elf Jahren verurteilt, auch Kleiser erhielt eine lange Freiheitsstrafe.

Die Justiz beschäftigte der Fall noch viele Jahre. In der Schweiz wurden Schmider und seine frühere Ehefrau 2016 wegen Geldwäsche verurteilt. Es ging um Vermögen aus den Betrügereien, das im Ausland versteckt worden sein soll, darunter Erlöse aus einer Villa, ein großer Diamant und mehrere Gemälde von Marc Chagall.

Was Banken und Anleger daraus lernen können

Sicherheiten müssen tatsächlich existieren. Die Banken verließen sich auf Unterlagen und Vorführungen, statt die Geräte eindeutig zu identifizieren. Eine Sicherheit, die man nicht selbst prüft, ist keine.

Plausibilität prüfen. Die gemeldeten Stückzahlen passten nicht zur Größe des Marktes. Wer Zahlen gegen die Realität hält, entdeckt viele Betrugsfälle früh.

Leasing ist kein Freibrief. Sale-and-lease-back ist ein legitimes Finanzierungsinstrument. Es setzt aber voraus, dass der Leasinggeber sein Eigentum kennt. Mehr über Kredite und Sicherheiten steht im Beitrag zur Kreditwürdigkeitsprüfung.

Häufige Fragen

Wie hoch war der Schaden bei FlowTex?

Der Schaden lag bei über vier Milliarden D-Mark, umgerechnet gut zwei Milliarden Euro.

Wie viele FlowTex-Maschinen gab es wirklich?

Von über 3.000 verkauften Bohrsystemen existierten nur rund 300.

Gibt es einen Film über FlowTex?

Ja. Der Fernsehfilm „Big Manni“ aus dem Jahr 2019 erzählt den Skandal als Satire nach, mit Hans-Jochen Wagner in der Hauptrolle.

Fazit

FlowTex ist ein Lehrstück darüber, wie eine echte Innovation zur Kulisse für einen Milliardenbetrug werden kann. Nicht die Technik war das Problem, sondern ein Finanzierungsmodell, das nur mit immer neuen erfundenen Maschinen funktionierte.

Aus Sicht der Marktteilnehmer ist die Parallele zu späteren Fällen auffällig: Wie beim Wirecard-Skandal gab es Warnsignale, und wie bei Jürgen Schneider ließen sich Banken von einem charismatischen Unternehmer blenden.

Weitere große Wirtschaftsskandale

Wirecard · Cum-Ex · René Benko · FlowTex · Jürgen Schneider · Schlecker · Thomas Middelhoff · Prokon · P&R Container

Stand: September 2026. Angaben nach Gerichtsmitteilungen und Medienberichten, ohne Gewähr. Soweit Verfahren nicht rechtskräftig abgeschlossen sind, gilt die Unschuldsvermutung. Dieser Beitrag stellt keine Rechts- oder Anlageberatung dar.

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