Cum-Ex gilt als größter Steuerskandal der deutschen Geschichte. Banken, Investoren und Berater ließen sich über Jahre eine Steuer mehrfach erstatten, die nur einmal gezahlt worden war. Der Schaden für den Staat wird auf mindestens zehn Milliarden Euro geschätzt. Wie das Modell funktionierte, wer verurteilt wurde und warum die Aufarbeitung bis heute andauert.
Das Wichtigste in Kürze
| Was | Aktiengeschäfte rund um den Dividendenstichtag zur mehrfachen Erstattung von Kapitalertragsteuer |
| Hochphase | etwa 2006 bis 2011 |
| Geschätzter Schaden | mindestens 10 Mrd. Euro |
| Gesetzeslücke geschlossen | 2012 |
| Grundsatzurteil | Bundesgerichtshof 2021: Cum-Ex ist Steuerhinterziehung |
| Bekanntester Verurteilter | Hanno Berger, insgesamt zehn Jahre Haft |
| Beschuldigte bundesweit | rund 1.800 |
Was Cum-Ex bedeutet
Der Name kommt aus dem Lateinischen: „cum“ heißt mit, „ex“ heißt ohne. Gemeint sind Aktien mit und ohne Anspruch auf die Dividende. Wenn eine Aktiengesellschaft eine Dividende ausschüttet, behält sie Kapitalertragsteuer ein und führt sie an das Finanzamt ab. Der Aktionär erhält eine Bescheinigung und kann sich die Steuer unter Umständen mit seiner eigenen Steuerschuld verrechnen oder erstatten lassen. Wie die Besteuerung von Dividenden grundsätzlich funktioniert, erklärt der Beitrag zur Abgeltungssteuer.
Wie das Modell funktionierte
Der Trick lag im zeitlichen Ablauf rund um den Dividendenstichtag. Die Beteiligten handelten große Aktienpakete so, dass sie kurz vor dem Stichtag verkauft und erst danach geliefert wurden. Oft wurden die Aktien dabei leer verkauft – der Verkäufer besaß sie zum Zeitpunkt des Geschäfts noch gar nicht.
| Schritt | Was geschah |
|---|---|
| 1 | Ein Investor kauft kurz vor dem Dividendenstichtag Aktien, die ein anderer leer verkauft hat |
| 2 | Die Aktien werden erst nach dem Stichtag geliefert, also ohne Dividende |
| 3 | Der Käufer erhält eine Ausgleichszahlung in Höhe der Dividende |
| 4 | Für dieselbe Dividende werden zwei Steuerbescheinigungen ausgestellt |
| 5 | Beide Seiten lassen sich die nur einmal gezahlte Steuer erstatten |
| 6 | Der Gewinn wird zwischen Investoren, Banken und Beratern aufgeteilt |
Das Entscheidende: Die Kapitalertragsteuer wurde nur einmal abgeführt, aber zweimal oder noch öfter erstattet. Jede zusätzliche Erstattung war Geld, das direkt aus der Staatskasse floss. Die Beteiligten argumentierten jahrelang, sie nutzten nur eine Gesetzeslücke. Diese Sichtweise hat der Bundesgerichtshof 2021 endgültig verworfen.
Wer beteiligt war
An den Geschäften waren Dutzende in- und ausländische Banken beteiligt, dazu Fonds, vermögende Privatinvestoren, Anwälte und Steuerberater. Die Geschäfte wurden über mehrere Länder und Gesellschaften verschachtelt, um sie schwer durchschaubar zu machen. Nach Angaben der Bürgerbewegung Finanzwende gibt es bundesweit rund 1.800 Beschuldigte.
Hanno Berger: „Mister Cum-Ex“
Die Schlüsselfigur ist der Frankfurter Steueranwalt Hanno Berger. Der frühere hochrangige Finanzbeamte gilt als einer der führenden Initiatoren der Geschäfte und beriet unter anderem die Hamburger Privatbank M. M. Warburg. Berger floh in die Schweiz und wurde erst 2022 nach Deutschland ausgeliefert.
Das Landgericht Bonn verurteilte ihn im Dezember 2022 wegen besonders schwerer Steuerhinterziehung zu acht Jahren Haft. Im Mai 2023 folgte ein weiteres Urteil des Landgerichts Wiesbaden über acht Jahre und drei Monate. Beide Urteile sind rechtskräftig, im Mai 2026 wurden sie zu einer Gesamtstrafe von zehn Jahren zusammengeführt.
Die Warburg-Bank und Olaf Scholz
Politisch brisant wurde der Fall durch die Warburg-Bank. Die Hamburger Finanzbehörde verzichtete 2016 zunächst darauf, 47 Millionen Euro aus Cum-Ex-Geschäften von der Bank zurückzufordern. Der damalige Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz hatte sich in dieser Zeit mit dem Mitinhaber Christian Olearius getroffen. Scholz bestritt stets jede Einflussnahme, die Ermittlungen gegen ihn wurden mangels Beweisen eingestellt. Die Bank hat ihre Steuerschuld inzwischen vollständig beglichen.
Die Aufklärung: Whistleblower und Ermittlerinnen
Ins Rollen kam der Skandal auch durch Hinweisgeber. Der Stuttgarter Anwalt Eckart Seith legte deutschen Behörden Dokumente einer Schweizer Bank vor – und wurde dafür in der Schweiz wegen Wirtschaftsspionage angeklagt. Das Schweizer Bundesgericht verwies seinen Fall im Juli 2026 erneut an die Vorinstanz.
Zum Gesicht der Aufklärung in Deutschland wurde die Kölner Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker, die jahrelang die wichtigsten Verfahren führte. 2024 kündigte sie überraschend und wechselte zu Finanzwende – auch aus Frust über die aus ihrer Sicht zu langsame Aufarbeitung.
Die große Schwester: Cum-Cum
Neben Cum-Ex gibt es ein verwandtes Modell namens Cum-Cum. Dabei werden Aktien ausländischer Anleger kurz vor dem Dividendenstichtag an inländische Banken übertragen, die sich die Steuer erstatten lassen können – anders als die ausländischen Eigentümer. Der Gewinn wird geteilt. Der Schaden aus Cum-Cum wird auf über 28 Milliarden Euro geschätzt und damit auf mehr als das Doppelte von Cum-Ex. Die strafrechtliche Aufarbeitung steht hier erst am Anfang.
Warum der Skandal so lange lief
Komplexität. Die Geschäfte liefen über viele Banken und Länder, oft in Sekundenbruchteilen. Für Finanzämter war kaum nachvollziehbar, wer wann welche Aktien besaß.
Eine lückenhafte Gesetzgebung. Hinweise auf das Problem gab es bereits Anfang der 2000er-Jahre. Eine erste Gesetzesänderung 2007 schloss die Lücke nicht, erst 2012 wurde das Verfahren grundlegend umgestellt.
Überlastete Behörden. Wenigen Ermittlern standen Banken mit großen Rechtsabteilungen gegenüber. Die Verfahren ziehen sich deshalb bis heute.
Was Anleger daraus lernen können
Cum-Ex betraf keine Privatanleger direkt, aber die Folgen trägt die Allgemeinheit: Jeder erstattete Euro fehlte in öffentlichen Haushalten. Für Anleger zeigt der Fall vor allem, dass auch scheinbar seriöse Fonds und Banken an illegalen Geschäften beteiligt sein können. Einige Fonds, die mit hohen Renditen warben, beruhten auf Cum-Ex-Strategien – ihre Anleger verloren später Geld, als die Erstattungen zurückgefordert wurden.
Häufige Fragen
Wie hoch ist der Schaden durch Cum-Ex?
Schätzungen gehen von mindestens zehn Milliarden Euro für Deutschland aus. Ein Teil davon wurde inzwischen zurückgefordert.
Ist Cum-Ex strafbar?
Ja. Der Bundesgerichtshof hat 2021 entschieden, dass Cum-Ex-Geschäfte Steuerhinterziehung sind.
Wer wurde verurteilt?
Neben Hanno Berger wurden unter anderem mehrere Banker und Berater verurteilt, teils zu Bewährungsstrafen, wenn sie mit den Ermittlern kooperierten. Auch die Warburg-Bank selbst wurde zur Rückzahlung verpflichtet.
Fazit
Cum-Ex zeigt, wie eine technische Lücke im Steuerrecht zum größten Steuerskandal des Landes werden konnte – und wie lange ein Rechtsstaat braucht, um so ein Geflecht aufzuarbeiten.
Aus Sicht der Marktteilnehmer bleibt die Lehre, dass außergewöhnlich hohe Renditen ohne erkennbares Risiko immer ein Warnsignal sind. Wie andere große Fälle dieses Muster zeigen, lesen Sie in den Beiträgen zum Wirecard-Skandal und zu Jürgen Schneider.
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Stand: September 2026. Angaben nach Gerichtsmitteilungen und Medienberichten, ohne Gewähr. Soweit Verfahren nicht rechtskräftig abgeschlossen sind, gilt die Unschuldsvermutung. Dieser Beitrag stellt keine Rechts- oder Anlageberatung dar.