Eine synthetische Position ist eine Kombination aus Optionen und gegebenenfalls Aktien, die am Verfallstag dasselbe Ergebnis liefert wie ein anderes Instrument, ohne dieses Instrument selbst zu halten. Wer einen Call kauft und einen Put mit gleichem Basispreis und gleichem Verfall verkauft, besitzt rechnerisch eine Aktie, obwohl keine einzige im Depot liegt. Den theoretischen Grund liefert die Put-Call-Parität. Hier geht es um die praktische Seite: welche Bausteine es gibt, was sie kosten und wo die Nachbildung vom Original abweicht.
Was der Begriff bedeutet
Jede Position an der Börse lässt sich durch ihr Auszahlungsprofil beschreiben, also durch die Linie, die den Gewinn oder Verlust in Abhängigkeit vom Schlusskurs zeigt. Zwei Positionen mit identischer Linie sind wirtschaftlich fast gleichwertig, auch wenn sie aus verschiedenen Bausteinen bestehen. Der Begriff synthetisch sagt nur, dass das Profil zusammengesetzt wurde. Mit den synthetisch replizierenden ETFs, die Indexrenditen über ein Tauschgeschäft abbilden, hat das nichts zu tun, auch wenn der Name ähnlich klingt.
Voraussetzung ist in allen Fällen, dass die beteiligten Optionen denselben Basiswert, denselben Verfallstermin und, sofern nicht anders beschrieben, denselben Basispreis haben. Schon ein abweichender Termin macht aus der Nachbildung einen Spread mit eigenen Risiken.
Die sechs Grundformen
Aus den drei Bausteinen Aktie, Call und Put entstehen sechs gebräuchliche Kombinationen. Die Zinskomponente ist der Übersicht halber weggelassen, sie kommt im Rechenbeispiel zur Sprache.
| Ziel | Bausteine | Typischer Zweck |
|---|---|---|
| Synthetische Long-Aktie | Long Call + Short Put | Aktienprofil mit geringem Kapitaleinsatz |
| Synthetische Short-Aktie | Short Call + Long Put | Fallende Kurse ohne Wertpapierleihe |
| Synthetischer Long Call | Long Aktie + Long Put | Vorhandene Aktie nach oben offen, nach unten begrenzt |
| Synthetischer Long Put | Short Aktie + Long Call | Leerverkauf mit Schutz gegen steigende Kurse |
| Synthetischer Short Call | Short Aktie + Short Put | Prämie auf einer bestehenden Short-Position |
| Synthetischer Short Put | Long Aktie + Short Call | Entspricht dem Covered Call |
Die letzte Zeile zeigt, warum die Betrachtung nützlich ist: Ein gedeckter Call und ein nackter Short Put sehen im Depot völlig verschieden aus, haben bei gleichem Basispreis aber dasselbe Profil. Der Protective Put wiederum ist nichts anderes als ein synthetischer Long Call.
Rechenbeispiel: synthetische Long-Aktie
Die fiktive Nordlicht Pharma notiert bei 72,40 Euro und zahlt in den nächsten vier Monaten keine Dividende. Ein Call und ein Put mit Basispreis 72 Euro und vier Monaten Laufzeit kosten 3,87 Euro beziehungsweise 2,87 Euro. Der Zins liegt annahmegemäß bei 2,5 Prozent. Ein Anleger kauft den Call und verkauft den Put, zahlt also netto 1,00 Euro je Aktie. Das Vergleichsdepot kauft die Aktie direkt für 72,40 Euro.
| Kurs am Verfall | Synthetisch: Call + Put − 1,00 € | Direkt gekaufte Aktie |
|---|---|---|
| 61,00 € | 0,00 − 11,00 − 1,00 = −12,00 € | −11,40 € |
| 72,00 € | 0,00 + 0,00 − 1,00 = −1,00 € | −0,40 € |
| 83,50 € | 11,50 + 0,00 − 1,00 = +10,50 € | +11,10 € |
Die synthetische Variante schneidet in jedem Szenario um genau 0,60 Euro schlechter ab. Dieser Abstand ist kein Nachteil, sondern der Preis der Finanzierung: Rund 71,40 Euro bleiben während der vier Monate frei und bringen bei 2,5 Prozent etwa 0,60 Euro Zinsen. Rechnet man den Ertrag ein, sind beide Wege gleichwertig. Deshalb kostet die Kombination auch nicht null, sondern knapp den Abstand zwischen Aktienkurs und abgezinstem Basispreis.
Würde die Aktie zwischendurch eine Dividende ausschütten, stünde sie dem Inhaber der Option nicht zu. Der Markt preist erwartete Ausschüttungen allerdings ein, der Call wird entsprechend billiger, der Put teurer.
Wofür Anleger die Kombinationen nutzen
Der häufigste Grund ist die Kapitalbindung. Die synthetische Aktie erfordert statt des vollen Kaufpreises nur die Nettoprämie und die Sicherheitsleistung für den verkauften Put. Damit wirkt sie wie ein Hebel, denn das Risiko entspricht weiter dem vollen Aktienbestand. Die Höhe der Sicherheiten ist im Beitrag zur Margin beschrieben.
Ein zweiter Grund ist die Umgehung der Wertpapierleihe. Ist eine Aktie schwer leihbar, wird ein Leerverkauf teuer oder unmöglich. Die synthetische Short-Aktie kommt ohne Leihe aus. Allerdings spiegeln die Optionspreise die Leihkosten meist wider, sodass sich der Vorteil oft in Grenzen hält.
Drittens lässt sich eine bestehende Position umbauen, ohne sie aufzulösen. Wer eine Aktie hält und vorübergehend Schutz sucht, kauft einen Put und besitzt ab diesem Moment einen synthetischen Call. Ein Verkauf der Aktie entfällt. Für professionelle Händler kommt die Preisprüfung hinzu: Weicht die Kombination spürbar vom Kurs der Aktie ab, entsteht eine Gelegenheit zur Arbitrage, die allerdings meist binnen Sekunden geschlossen wird.
Ein ganz ähnliches Profil entsteht außerdem am Terminmarkt. Die synthetische Long-Aktie verhält sich wie ein gekaufter Forward mit dem Basispreis als Terminpreis, weshalb sie auch als synthetisches Termingeschäft bezeichnet wird.
Grenzen und Risiken
Die Gleichheit gilt streng nur für europäische Optionen, die erst am Verfallstag ausgeübt werden können. Aktienoptionen sind häufig amerikanisch ausgestaltet. Dann kann der verkaufte Put oder Call vorzeitig zugeteilt werden, und aus der Kombination wird unerwartet ein Aktienbestand oder eine Short-Position. Besonders kurz vor Dividendenterminen und bei Optionen tief im Geld ist das zu beachten.
Am Verfallstag selbst besteht ein weiteres Problem, wenn der Kurs nahe am Basispreis schließt. Ob die verkaufte Option ausgeübt wird, ist bis zuletzt unklar. Das wird als Pin-Risiko bezeichnet. Hinzu kommt, dass der Optionsinhaber kein Aktionär ist und damit weder Stimmrechte noch Bezugsrechte hat.
Die Kosten fallen doppelt an, denn zwei Optionen haben zwei Geld-Brief-Spannen und meist zwei Gebühren. Bei einem Kurseinbruch fordert der Broker zudem Nachschüsse, oft genau dann, wenn Liquidität knapp ist. Eine synthetische Long-Aktie kann auch bei Kursen nahe null fast den gesamten Basispreis kosten. Verluste über den Einsatz hinaus sind also keine Randerscheinung, sondern im Aufbau angelegt.
Fazit
Synthetische Positionen machen sichtbar, dass Aktie, Call und Put drei Seiten desselben Sachverhalts sind. Sie sparen Kapital oder Leihkosten, verlagern aber Risiken auf Margin, vorzeitige Zuteilung und Handelskosten. Wer sie einsetzt, sollte beide Beine als eine einzige Position verstehen und die Rechnung mit Zins und Dividende vorher vollständig aufstellen.
Fragen und Antworten
Was ist eine synthetische Long-Aktie?
Der gleichzeitige Kauf eines Calls und Verkauf eines Puts mit gleichem Basispreis und Verfall. Das Profil entspricht dem eines Aktienbestands.
Warum kostet die Kombination nicht genau null?
Weil der Inhaber den Kaufpreis der Aktie erst später zahlt und bis dahin Zinsen sparen kann. Dieser Vorteil steckt im Preisunterschied von Call und Put.
Gibt es bei synthetischen Aktien eine Dividende?
Nein. Dividenden fließen nur an Aktionäre. Der Optionspreis berücksichtigt erwartete Zahlungen jedoch bereits.
Ist der Verlust begrenzt?
Nur durch den Kurs von null. Die synthetische Short-Aktie hat bei steigenden Kursen sogar kein rechnerisches Limit, weil der Short Call offen ist.
Quellen
- BaFin: Merkblatt Finanzinstrumente (Derivate)
- OCC: Characteristics and Risks of Standardized Options
- Eurex: Equity and Equity Index Derivatives Trading Strategies
Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: November 2026.