Abonnieren

Rho: Zinsempfindlichkeit einer Option

von FNE-Redaktion

Das Rho einer Option misst, um wie viel sich ihr Preis ändert, wenn der Zinssatz um einen Prozentpunkt steigt. Bei einer Laufzeit von wenigen Wochen spielt diese Kennzahl kaum eine Rolle, bei mehrjährigen Optionen kann sie aber über die Rendite mitentscheiden. Da sich die Zinslandschaft seit 2022 stark verändert hat, ist Rho kein reines Lehrbuchthema mehr. Für die Gesamtdarstellung aller Kennzahlen gibt es die Optionsgriechen, dieser Beitrag beschränkt sich auf den Zinseinfluss.

Definition

Rho ist die Ableitung des Optionspreises nach dem risikolosen Zins. Der Options Industry Council nennt es die Empfindlichkeit einer Option gegenüber Zinsänderungen und weist darauf hin, dass sich darin die Kosten für das Halten einer abgesicherten Position spiegeln. Bei gekauften Calls ist Rho positiv, bei gekauften Puts negativ. Verkaufte Optionen haben das umgekehrte Vorzeichen.

Warum Zinsen Optionspreise bewegen

Ein Call ist ein aufgeschobener Aktienkauf. Sein Inhaber hält die Option auf einen späteren Kauf und muss den Basispreis erst bei Ausübung zahlen. Das nicht gebundene Geld kann so lange Zinsen bringen. Je höher der Zins, desto wertvoller ist dieser Aufschub, und der Call wird teurer.

Der Put funktioniert umgekehrt. Wer eine Aktie hält und sie per Put erst später verkauft, erhält den Erlös spät und verzichtet in der Zwischenzeit auf Zinsen. Steigt der Zins, wird dieses Warten teurer, der Put verliert. Formal zeigt sich beides in der Put-Call-Parität: Der Basispreis geht dort abgezinst ein. Ein höherer Zins senkt seinen Gegenwert und verschiebt den Preis von Put zu Call.

Eine Faustregel ergibt sich aus der Formel: Rho steigt mit dem Basispreis, der Laufzeit und der Wahrscheinlichkeit, dass die Option im Geld endet. Ein Call tief im Geld trägt daher ein höheres Rho als ein Call weit aus dem Geld, weil seine Ausübung fast sicher ist und damit auch die spätere Zahlung des Basispreises. Bei weit aus dem Geld liegenden Optionen ist der Zinseinfluss dagegen verschwindend gering.

Der Mechanismus hängt mit der Cost of Carry zusammen, die auch Terminpreise bestimmt. Passend ist dabei nicht der Leitzins, sondern der Zins für die Laufzeit der Option. Als Größenordnung dient der aktuelle EZB-Einlagensatz, den der EZB-Rat am 29. Oktober 2026 unverändert bei 2,50 Prozent beließ.

Rechenbeispiel: Laufzeit entscheidet

Die fiktive Ostrauer Maschinenbau notiert bei 86,30 Euro, der Basispreis beträgt 88 Euro, die Volatilität 26 Prozent, der Zins 2,5 Prozent. Dividenden werden nicht gezahlt. Die Werte stammen aus dem Black-Scholes-Modell.

RestlaufzeitCallRho CallPutRho Put
45 Tage2,51 €+0,044 €3,93 €−0,064 €
180 Tage5,99 €+0,192 €6,62 €−0,237 €
2 Jahre13,74 €+0,770 €11,15 €−0,904 €

Das Rho der Zweijahresoption ist rund siebzehnmal so groß wie das der 45-Tage-Option. Die Kennzahl wächst etwa proportional zur Laufzeit und damit schneller als das Vega, das nur mit der Quadratwurzel der Zeit zunimmt.

Ein Zinsanstieg um einen Prozentpunkt auf 3,5 Prozent lässt sich an der Zweijahresoption direkt nachrechnen:

OptionPreis bei 2,5 %Preis bei 3,5 %Änderung
Call13,74 €14,52 €+0,78 € (+5,7 %)
Put11,15 €10,27 €−0,88 € (−7,9 %)

Bei einer Anlage in 45-Tage-Optionen wäre die Änderung mit vier bis sechs Cent kaum vom Tagesrauschen zu unterscheiden. Bei einem Zinssprung um einen Punkt verschiebt sich der Preis der Zweijahresoption dagegen spürbar. Dennoch bleibt die Größenordnung überschaubar. Das Vega derselben Option beträgt 0,47 Euro je Volatilitätspunkt. Ein Zinspunkt wirkt also ungefähr wie 1,6 Volatilitätspunkte, und Letztere ändern sich an unruhigen Tagen deutlich schneller als der Zins.

Bedeutung für Anleger

Für die meisten Optionsstrategien mit Laufzeiten von wenigen Wochen kann Rho vernachlässigt werden. Anders ist es bei drei Anwendungen.

Erstens bei langlaufenden Optionen wie LEAPS. Ein Anleger, der Aktien durch mehrjährige Calls ersetzt, trägt ein echtes Zinsrisiko. Der Call enthält eine implizite Finanzierung: Ein bereits gehaltener Call gewinnt bei steigenden Zinsen über das positive Rho, ein neu gekaufter kostet dann entsprechend mehr.

Zweitens bei Stillhaltern mit hohen Basispreisen und langen Laufzeiten, denn hier fällt der Barwert des Basispreises besonders ins Gewicht.

Drittens bei der Prüfung von Paritätsbeziehungen. Die Preise von Calls und Puts enthalten einen bestimmten Zinssatz, der sich mit der Parität ableiten lässt. Händler vergleichen ihn mit Marktzinsen wie dem Euribor oder den Sätzen, die der Euribor-Future einpreist.

Optionen auf Anleihen reagieren ebenfalls stark auf Zinsänderungen. Dort wirkt der Effekt jedoch vor allem über den Kurs des Basiswerts, also über das Delta, und nicht über das klassische Rho.

Grenzen und Risiken

Rho betrachtet eine Parallelverschiebung um einen Prozentpunkt und hält alles andere fest. In der Realität gehen Zinsänderungen oft mit Bewegungen von Aktien einher. Eine überraschende Zinserhöhung kann Aktien belasten, und der Verlust über das Delta eines Calls übersteigt den kleinen Gewinn über Rho dann bei Weitem. Die Kennzahl hat daher nur begrenzte Aussagekraft für die tatsächliche Reaktion nach einem EZB-Zinsentscheid oder einer Sitzung der US-Notenbank.

Erwartete Dividenden wirken dem Zinseffekt entgegen, denn sie verbilligen Calls und verteuern Puts. Bei langen Laufzeiten sind sie oft bedeutsamer als der Zins. Bei Optionen auf Futures fällt Rho zudem deutlich geringer aus, weil der Terminpreis den Zins bereits enthält. Außerdem liegen die Finanzierungskosten eines Anlegers häufig über dem Modellzins, sodass der rechnerische Wert für ihn nur bedingt gilt.

Fazit

Rho zeigt den Preis des Geldes in einer Option. Calls gewinnen bei steigenden Zinsen, Puts verlieren. Bei kurzen Laufzeiten bleibt der Effekt gering, bei mehrjährigen Optionen ist er dagegen spürbar und sollte in die Rechnung einfließen. Ein eigenständiger Handelsansatz entsteht daraus für Privatanleger jedoch selten.

Fragen und Antworten

Was bedeutet ein Rho von 0,20?

Die Option gewinnt rechnerisch 20 Cent, wenn der Zins um einen Prozentpunkt steigt.

Warum steigen Calls bei höheren Zinsen?

Weil ihr Inhaber den Basispreis erst später zahlt und das gesparte Kapital höher verzinst wird.

Muss man Rho bei kurzen Laufzeiten beachten?

Kaum. Bei wenigen Wochen Laufzeit überlagern Kurs, Zeit und Volatilität den Zinseffekt fast immer.

Welcher Zins fließt in die Rechnung ein?

Der risikolose Zins für die Laufzeit der Option, nicht unbedingt der Leitzins.

Quellen

Dieser Beitrag dient der Information und ist keine Anlageberatung. Stand: November 2026.

Das könnte Sie auch interessieren