US-Aktien: Marktbreite auf dem niedrigsten Stand seit der Dotcom-Blase

von user

Der S&P 500 steht am 2. Oktober 2026 bei 7.722 Punkten und damit über dem Jahresendziel, das Goldman Sachs im April ausgegeben hatte. Gleichzeitig liegt die typische große US-Aktie 16 Prozent unter ihrem Jahreshoch, 187 der 500 größten US-Werte stehen auf Jahressicht im Minus, und bei den Versorgern notiert genau eine von dreißig Aktien über ihrer 200-Tage-Linie. Diese beiden Beobachtungen widersprechen sich nicht – sie beschreiben dasselbe Phänomen aus zwei Richtungen. Es heißt Marktbreite, und sie ist nach Einschätzung von Goldman Sachs so schmal wie zuletzt zur Zeit der Dotcom-Blase.

Wir haben die Behauptung nachgerechnet. Grundlage sind die 500 größten an den US-Börsen primär notierten Aktien, Stand Börsenschluss 2. Oktober 2026. Für 492 davon lagen alle benötigten Werte vor.

Was Marktbreite bedeutet

Ein Index wie der S&P 500 wird nach Marktkapitalisierung gewichtet. Ein Unternehmen mit fünf Billionen US-Dollar Börsenwert bewegt den Index also tausendmal so stark wie eines mit fünf Milliarden. Der Indexstand sagt deshalb nichts darüber, wie viele Aktien tatsächlich gestiegen sind – er sagt nur, wie sich die Summe aller Börsenwerte verändert hat.

Marktbreite misst genau diese Lücke. Gängige Maße sind der Anteil der Aktien über ihrer 200-Tage-Linie, der Abstand der mittleren Aktie zu ihrem Jahreshoch, der Vergleich des gewichteten Index mit seiner gleichgewichteten Variante und die Zahl der Werte, die den Index überhaupt geschlagen haben. Alle vier zeigen derzeit in dieselbe Richtung.

Die Zahlen zum 2. Oktober 2026

MaßWert
Aktien über ihrer 200-Tage-Linie232 von 492 (47 %)
Aktien über ihrer 50-Tage-Linie151 von 492 (31 %)
Abstand der mittleren Aktie zum Jahreshoch−16,2 %
mehr als 10 % unter dem Jahreshoch381 von 492 (77 %)
mehr als 20 % unter dem Jahreshoch189 von 492 (38 %)
höchstens 5 % unter dem Jahreshoch41 von 492 (8 %)
Rendite der mittleren Aktie, 12 Monate+7,2 %
Rendite des S&P 500, 12 Monate+14,7 %
Aktien, die den Index über 12 Monate geschlagen haben202 von 492 (41 %)
Aktien mit negativer 12-Monats-Rendite187 von 492 (38 %)
Aktien mit negativer Rendite seit Jahresanfang200 von 492 (41 %)
Anteil der zehn größten am gesamten Börsenwert39,5 %

Der Abstand der mittleren Aktie zum Jahreshoch ist die aussagekräftigste Zahl in dieser Tabelle, weil sie keine Vorannahme braucht. Sie beträgt 16,2 Prozent – praktisch derselbe Wert, den Goldman Sachs im Frühjahr genannt hatte. In den fünf Monaten dazwischen ist der Index weiter gestiegen, die Lage unter der Oberfläche ist unverändert.

38 Prozent der 500 größten US-Aktien liegen mehr als 20 Prozent unter ihrem Jahreshoch. Dieser Abstand gilt gewöhnlich als Schwelle zum Bärenmarkt. Nach dieser Definition befindet sich mehr als ein Drittel der größten amerikanischen Unternehmen in einem Bärenmarkt, während der Index in der Nähe seines Allzeithochs notiert.

Der Index steigt, der Durchschnitt fällt

Am deutlichsten wird die Lücke im Vergleich dreier Indizes: dem nach Marktkapitalisierung gewichteten S&P 500, derselben Auswahl gleichgewichtet, und dem Russell 2000 für die kleineren Werte. Im folgenden Chart lässt sich oben zwischen den drei Indizes umschalten, die Skala zeigt die prozentuale Veränderung.

Index3 Monateseit Jahresanfang12 Monate
Nasdaq 100+3,5 %+20,7 %+23,6 %
S&P 500 (Marktkapitalisierung)+3,0 %+12,3 %+14,7 %
S&P 500 gleichgewichtet−2,2 %+9,1 %+10,3 %
S&P MidCap 400−4,3 %+10,5 %+12,1 %
Russell 2000−6,3 %+13,7 %+15,7 %

Die dritte Spalte von links ist die entscheidende. Über die vergangenen drei Monate hat der gewichtete S&P 500 drei Prozent gewonnen, seine gleichgewichtete Variante 2,2 Prozent verloren und der Russell 2000 6,3 Prozent. Der Unterschied zwischen Index und Durchschnittsaktie beträgt in einem einzigen Quartal gut fünf Prozentpunkte, der zu den kleineren Werten über neun.

Wer den Index trägt

Der gemeinsame Börsenwert der 492 untersuchten Unternehmen ist in zwölf Monaten um rund 9,6 Billionen US-Dollar gestiegen. Rechnet man für jedes Unternehmen aus, welchen Anteil es an diesem Zuwachs hatte, ergibt sich folgendes Bild.

GruppeAnteil am Zuwachs
die drei stärksten Werte35,1 %
die fünf stärksten Werte53,5 %
die zehn stärksten Werte70,1 %
die zwanzig stärksten Werte89,0 %

Zwanzig Unternehmen stehen für neun Zehntel des gesamten Wertzuwachses der 492 größten. Die Liste der größten Beiträge ist dabei stärker auf Halbleiter zugeschnitten, als die üblichen Schlagworte vermuten lassen.

UnternehmenZuwachs BörsenwertKurs 12 Monate
Alphabet+1,16 Bio. USD+39 %
Apple+1,13 Bio. USD+30 %
Nvidia+1,07 Bio. USD+23 %
Micron Technology+1,01 Bio. USD+481 %
AMD+0,76 Bio. USD+276 %
Intel+0,44 Bio. USD+234 %
Amazon+0,33 Bio. USD+14 %
Eli Lilly+0,31 Bio. USD+40 %

Vier der sechs größten Beiträge kommen aus der Halbleiterbranche – und die stärksten Kursgewinne lieferten nicht Nvidia mit 23 Prozent, sondern die Nachzügler: Micron fast versechsfacht, AMD plus 276 Prozent, Intel plus 234 Prozent. Nvidia trägt viel zum Index bei, weil es groß ist, nicht weil es stark gestiegen ist. Das erklärt, warum zuletzt auch kleinere Werte mit Speicher- oder Rechenzentrumsbezug stark gestiegen sind – Penguin Solutions etwa um 11,6 Prozent an einem einzigen Tag.

Bemerkenswert ist die Gegenprobe innerhalb der größten Werte. Microsoft liegt auf Jahressicht praktisch unverändert, Meta plus ein Prozent, Broadcom plus zwei Prozent, Tesla minus 21 Prozent. Die Verengung endet also nicht bei den zehn größten Unternehmen – sie setzt sich innerhalb dieser Gruppe fort.

Sektoren: wo die Breite fehlt

Der Anteil der Aktien über ihrer 200-Tage-Linie, aufgeteilt nach Sektoren mit mindestens zehn Vertretern:

Markt gesamt 47 %
Energie-Rohstoffe (ExxonMobil, Chevron, ConocoPhillips)87 %
Gesundheitstechnologie (Eli Lilly, Johnson & Johnson, AbbVie)70 %
Handel und Distribution (McKesson, W.W. Grainger, Cencora)70 %
Elektronische Technologie (Nvidia, Apple, Broadcom)68 %
Technologiedienstleistungen (Alphabet, Microsoft, Meta)67 %
Hersteller und Produktion (Lam Research, Applied Materials, Caterpillar)65 %
Unternehmensdienstleistungen (Shopify, S&P Global, Cintas)50 %
Rohstoffe ohne Energie (Southern Copper, Newmont, Freeport-McMoRan)50 %
Transport (Union Pacific, Uber, CSX)47 %
Industriedienstleistungen (Quanta Services, Williams, Waste Management)47 %
Verbrauchsgüter (Coca-Cola, Procter & Gamble, Philip Morris)30 %
Konsumdienstleistungen (Disney, McDonald’s, Booking Holdings)27 %
Einzelhandel (Amazon, Walmart, Costco)25 %
Verarbeitende Industrie (Linde, Sherwin-Williams, Ecolab)17 %
Versorger (NextEra Energy, Southern Company, Constellation Energy)3 %
Anteil der Aktien je Sektor, die über ihrer 200-Tage-Linie notieren. In Klammern die drei nach Börsenwert größten Unternehmen des jeweiligen Sektors, verlinkt auf das Portrait, soweit vorhanden. S&P 500, Stand 2. Oktober 2026. Eigene Berechnung, Grafik: fne.de
Sektorüber 200-Tage-LinieAnteil
Energie-Rohstoffe13 von 1587 %
Gesundheitstechnologie30 von 4370 %
Handel und Distribution7 von 1070 %
Elektronische Technologie42 von 6268 %
Technologiedienstleistungen36 von 5467 %
Hersteller und Produktion20 von 3165 %
Unternehmensdienstleistungen5 von 1050 %
Rohstoffe ohne Energie7 von 1450 %
Transport7 von 1547 %
Industriedienstleistungen9 von 1947 %
Finanzwesen27 von 8731 %
Verbrauchsgüter6 von 2030 %
Konsumdienstleistungen6 von 2227 %
Einzelhandel6 von 2425 %
Verarbeitende Industrie2 von 1217 %
Versorger1 von 303 %

Zwei Zeilen fallen heraus. Beim Finanzwesen, dem mit 87 Werten größten Sektor dieser Auswahl, notieren nur 31 Prozent über ihrer 200-Tage-Linie. Und bei den Versorgern, zu denen der Datenanbieter auch Gasnetz- und Pipelinebetreiber zählt, ist es eine einzige von dreißig Aktien. Der Sektor, der bis vor kurzem als Profiteur des Strombedarfs von Rechenzentren galt, ist technisch der schwächste im Feld.

Was der Dotcom-Vergleich hergibt – und was nicht

Goldman Sachs formulierte es Ende April so: Die Marktbreite, also der Anteil der an der Rally beteiligten Aktien, sei auf einen der schmalsten Werte seit der Dotcom-Zeit gefallen. Die Bank verwies dabei auf die Gewinnschätzungen – die Aufwärtsrevisionen kämen fast nur noch von einer kleinen Gruppe großer Technologiekonzerne. Dieselbe Bank sah den S&P 500 zum Jahresende bei 7.600 Punkten. Dieses Ziel ist inzwischen überschritten.

Der Vergleich mit dem Jahr 2000 trägt bei der Struktur des Marktes und bricht bei den Unternehmen. Strukturell ähnlich ist, dass ein einzelnes Thema die Erwartungen trägt, dass die Gewichte an der Spitze außergewöhnlich hoch sind und dass die Masse der Aktien längst nicht mehr mitläuft. Anders ist, dass die heutigen Spitzenwerte zu den profitabelsten Unternehmen der Welt gehören. Cisco war im März 2000 kurzzeitig das wertvollste Unternehmen der Welt und verdiente Geld – ein großer Teil der damaligen Gewinner tat das nicht.

Daraus folgt beides: Die Analogie ist kein Beweis für einen bevorstehenden Einbruch, und die Profitabilität der Spitzenwerte ist kein Gegenbeweis. Was die Zahlen belegen, ist eine Abhängigkeit. Wenn zwanzig Unternehmen neun Zehntel des Wertzuwachses stellen, hängt der Indexstand an diesen zwanzig.

Was 2000 bis 2002 geschah

Nach dem Hoch vom 24. März 2000 verlor der S&P 500 bis zum Tief im Oktober 2002 knapp die Hälfte seines Wertes. Bemerkenswert war dabei die Auflösung der Verengung: Die gleichgewichtete Variante des Index hielt sich in den Kalenderjahren 2000, 2001 und 2002 jeweils besser als die nach Marktkapitalisierung gewichtete. Die Aufholbewegung der Durchschnittsaktie fand also statt – nur nicht so, wie Anleger sie sich gewünscht hätten. Nicht die breite Masse stieg zur Spitze auf, sondern die Spitze fiel zur Masse herab.

Das ist die eigentliche Lehre aus einer schmalen Marktbreite: Sie lässt sich auf zwei Wege schließen, und historisch war der unangenehmere der häufigere. Ein Zeitpunkt lässt sich daraus nicht ableiten. Schmale Breite kann über Jahre bestehen, wie 1998 und 1999 gezeigt haben.

Was sich daraus lesen lässt

Für die Praxis sind drei Punkte relevant, ohne dass daraus eine Empfehlung folgt.

  • Ein ETF auf den S&P 500 ist derzeit kein breit gestreutes Produkt. Knapp 40 Prozent des Gewichts liegen bei zehn Unternehmen, und ein großer Teil davon in einer einzigen Lieferkette. Wer zusätzlich einen Technologie- oder KI-Fonds hält, kauft dieselben Werte doppelt.
  • Die Index-Rendite ist nicht die Rendite eines Depots. Von den 492 untersuchten Werten haben 290 den Index über zwölf Monate nicht geschlagen – fast drei von fünf. Ein Depot aus einzelnen Aktien lag in diesem Umfeld mit höherer Wahrscheinlichkeit unter dem Index als darüber.
  • Breite lässt sich beobachten. Der Abstand der mittleren Aktie zum Jahreshoch und der Vergleich zwischen gewichtetem und gleichgewichtetem Index sind in wenigen Minuten nachzurechnen. Dreht dieses Verhältnis, ist das ein Hinweis – in welche Richtung auch immer.

Weitere Daten zur Lage der einzelnen Branchen stehen auf unserer Seite zu den Sektoren, die Kurse der größten Werte unter S&P 500 Kurse und Nasdaq 100 Kurse. Wie Kursrückgänge dieser Größenordnung historisch verlaufen sind, haben wir im Beitrag zum Börsencrash zusammengefasst.

Quellen

  • Goldman Sachs, „US Stocks Are Forecast to Rise 6% in 2026“, 29. April 2026 (Aussage zur Marktbreite und Kursziel 7.600 Punkte)
  • Eigene Berechnung auf Basis der 500 größten an US-Börsen primär notierten Aktien, Kurs- und Bilanzdaten von TradingView, Stand Börsenschluss 2. Oktober 2026. Ausgewertet wurden 492 Werte, für die alle benötigten Felder vorlagen.
  • Indexrenditen: TradingView, Stand 2. Oktober 2026. Gleichgewichteter S&P 500 über den Invesco S&P 500 Equal Weight ETF, Russell 2000 über den iShares Russell 2000 ETF.
  • Der Anteil am Zuwachs des Börsenwerts wurde aus aktuellem Börsenwert und 12-Monats-Kursrendite zurückgerechnet. Aktienrückkäufe und Kapitalerhöhungen sind darin nicht berücksichtigt; die Werte sind Näherungen.

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